Kalendersprüche und Management Bullshit

Mittwoch, 8. November 2017 um 9:13

Kalendersprüchen gegenüber bin ich ebenso misstrauisch wie gegenüber Buzz Words: Meist sind sie lediglich eine verführerische Vereinfachung von etwas Komplexem, das man differenziert sehen sollte.
Eine Sonderform der Kalendersprüche sind Tipps fürs berufliche Fortkommen / für Erfolg / fürs Glücklichsein.

1. leaving your comfort zone
Mir ist immer noch nicht klar, was mit dem ständig geforderten Verlassen der comfort zone erreicht werden soll. Ich glaube, dass ich bislang von einem gewissen Trainingseffekt ausgegangen bin: Wenn man nur oft genug die eigene comfort zone verlassen hat, fällt es immer leichter. Dieser Effekt tritt bei mir ganz bestimmt nicht ein; im Gegenteil: Die Sehnsucht nach Rückkehr in Entspannung und Freiheit wird immer größer, das Rausgehen fällt von Mal zu Mal schwerer. Früher(TM) bin ich noch begeistert in jedes kalte Wasser gesprungen, das die Möglichkeit von Spannendem enthielt. Und erschrak immer erst ganz kurz vorher: Bin ich eigentlich bescheuert? Was tue ich mir hier an! Mittlerweile fällt mir sofort ein, was ich mir damit antäte, ich kenne zudem die sinkende Wahrscheinlichkeit, dass ich Spannendes geboten bekomme (oder habe einmal zu oft erlebt, dass ich derart beschäftigt war mit reinem Überleben, dass ich vom Spannenden nichts hatte). Kann es sein, dass dieses Rauszwingen aus der comfort zone in Wirklichkeit oft Selbsttraumatisierung ist? Was ist nochmal schlecht an der comfort zone? An einer Umgebung, in der ich frei und unbefangen bin, mich wohl fühle, mich entfalten kann?

2. thinking outside the box
Sehr wahrscheinlich handelt es sich hier lediglich um ein ungeschickt gewähltes Bild, aber es wird derart darauf herumgeritten1, dass ich es ernst nehme. Und dann halte ich viel mehr davon, sich erst mal über die Box zu unterhalten. Sind wir überhaupt alle in derselben? Wie sieht sie für dich aus? Was ist bei mir in der Mitte, was in den Ecken? Und bei dir? Haben wir in unseren Boxen vielleicht schon längst, was wir zur Lösung brauchen – sehen es aber nicht, weil wir ständig außerhalb suchen sollen?
(„Hmmmm – so what’s in the box you want to keep us from thinking about?“)

3. positive thinking
Zum Glück erkennen immer mehr Menschen, sogar im Management, wie schädlich das konsequente Unterdrücken negativer Gefühle sein kann. Und was berufliche Umgebung betrifft: Es gibt viele Techniken in Besprechungen, Workshops etc., grundsätzliche Apokalyptikerinnen und Miesmacher abzulenken (denen gerne pauschal verordnet wird, sie sollten doch bitte mal positiv denken). Zum Beispiel indem die Leitung den Prozess strukturiert: Jetzt überlegen wir uns erst mal, was alles durch diesen Vorschlag besser werden könnte. Dann sehen wir uns mögliche Hindernisse dafür an.

Die Empfehlung, von den Erfolgreichen und Glücklichen zu lernen, kommt mir vor wie einem Kranken zu empfehlen, von Gesunden zu lernen. Sie setzt eine Kausalität zwischen imitierbarem Handeln und Erfolg voraus, die bei genauerem Hinsehen gerne mal reine Korrelation oder oft sogar umgekehrte Kausalität ist: Weil sie erfolgreich war, konnte sie so handeln / weil sie ein glücklicher Mensch ist, fällt ihr dieses und jenes leicht.

4. Eine Sonderform des Management Bullshits sind Technik-Schlagwörter. Am meisten stößt mir hier in letzter Zeit der Ruf nach „Disruption“ auf.2 Zunächst wurde durchaus interessant analysiert, dass es immer wieder disruptive technische Entwicklungen gibt, die mit ihrer Durchschlagskraft ganze Branchen überflüssig machen. Doch jetzt wird das als Geschäftstipp gehandelt: Entwickelt doch mal was Disruptives, damit wir ganze Märkte ersetzen können. Das halte ich für vielfach bescheuert.

Sehr gut formuliert hat das Prof. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT, in einem Interview mit der deutschsprachigen HuffPost:3
„Über disruptive Entwicklungen: ‚Unser Ziel sollten Innovationen mit nachhaltigen Auswirkungen sein'“.

Es kann nicht im Sinne der Innovationspolitik sein, Disruptionen anzustreben, um quasi „über Nacht“ möglichst viele Scherben zu hinterlassen. Das Interesse der Innovationsforschung sollte darin liegen, es nicht erst soweit kommen zu lassen! Gute Innovationspolitik und ein effektives Innovationsmanagement kann Unternehmen dauerhaft und kontinuierlich zu Innovationen befähigen, so dass diese nicht von völlig unerwarteten Innovationen überrascht werden. Innovationsmanagement kann frühzeitig den Wandel mitgestalten und diese Entwicklungen antizipieren, um so zu verhindern, dass Technologien, Plattformen oder Dienste unbrauchbar werden.

  1. Hihi: Metaphernpolizei! []
  2. Während das Schlagwort „Digitalisierung“ bei mir Daueraufstoßen verursacht: Der allgemeine Sprachgebrauch ist hier so vage – alles mit Computer? alles mit Internet? alles Elektronische? -, dass ich empfehle, das Wort einfach durch „technischer Fortschritt“ zu ersetzen. []
  3. Ja, ich habe mich über diese Kombination Thema-Medium auch gewundert, zumal das eine ganze Interviewreihe ist, jedesmal lohnende Lektüre. []
die Kaltmamsell

9 mal Beifall zu “Kalendersprüche und Management Bullshit”

  1. creezy meint:

    . (period)

  2. Sanníe meint:

    Ich wurde mal im Personalgespräch aufgefordert, meine Komfortzone zu verlassen, weil man sich ja sonst nicht weiterentwickeln könne.

    Bis dahin hatte ich die Erfahrung gemacht, am besten zu lernen, wenn ich selbst etwas wissen will, und die nötige Zeit und Muße habe, mich damit zu beschäftigen.
    Dass das nur unter mir Unwohlsein verursachenden Umständen möglich sein soll, lässt mich vermuten, dass mit Entwicklung gar nicht Lernen für neues Wissen oder Können gemeint ist, sondern eine Veränderung der Persönlichkeit: Alle müssen jetzt risikofreudig und spontan kreativ sein.

    Ich möchte lieber nicht. Ich möchte lieber in einer Umgebung arbeiten, in der jede sie selbst sein kann.

  3. Hedwig meint:

    Herzlichen Dank für diese sehr klugen Beobachtungen, insbesondere zum Thema „Komfortzone“, aber auch insgesamt.

  4. Eva meint:

    Solche klugen Texte sind der Grund, warum ich Ihren Blog so liebe, Frau Kaltmamsell! Danke!

  5. Sammelmappe meint:

    Ich mag Kalendersprüche.

    Gerade weil sie so eingängig sind und daherkommen, als sei das universelle Wissen zum Stillstand gekommen.

    Sie sind wie wir Menschen: viel zu oft kommen sie mit übertriebenen Selbstbewusstsein daher, aber unter der Fassade, dreht sich dann alles ins Gegenteil.

  6. Anna meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

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  7. Maz meint:

    Jau. Bin vor paar Wochen auch dem Begriff Disruption begegnet.
    Die wollten mir voll Schiss machen.

  8. Elfe meint:

    Ich möchte mich Eva anschließen, also ehrlich!

  9. Bettina meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

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