Archiv für Dezember 2017

Jahresrückblick 2017

Sonntag, 31. Dezember 2017

Die am häufigsten geherzten Fotos auf instagram:

Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen. Meine Kleidung aller Gattungen ist sich da einig. Noch kneift sie nur; wenn sie mich rausschmeißt, muss ich mir was überlegen.

Haare länger oder kürzer?
Gleich lang.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Weniger kurzsichtig: Auf die Nähe sehe ich ohne Brille besser.

Mehr bewegt oder weniger?
Etwas weniger als im Vorjahr laut Moves-App, gefühlt deutlich weniger durch eingeklemmten Nackennerv im Sommer und Erkältungen Ende des Jahres.

Mehr Kohle oder weniger.
Mehr durch altersgemäße Gehaltserhöhung (TVöD) und höhere VG Wort-Ausschüttung.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Etwa gleich viel. Ich bin in der ungeheuer privilegierten Situation, mir über alltägliche Ausgaben keine Gedanken machen zu müssen, bei Lebensmitteln sogar zu meiner persönlichen Oberklasse greifen zu können.

Der hirnrissigste Plan?
Die Vorweihnachtspanik in der Arbeit durch gute Planung vermeiden zu können.

Die gefährlichste Unternehmung?
Die Wanderung an der galicischen Küste war wahrscheinlich objektiv gefährlich.

Die teuerste Anschaffung?
Die höchste Einzelausgabe war keine Anschaffung (Besitz), sondern der Wanderurlaub in Galicien. Wenn’s unbedingt ein Ding sein muss: Eine Halskette.

Das leckerste Essen?
Dieses Jahr sticht nichts überragend heraus: Ich erinnere mich sehr gerne an die Carbonara des Herrn Kaltmamsell, seine Sellerielasagne, an meinen Radicchio mit Gorgonzola, an die schwarzen Spaghetti mit Jakobsmuscheln bei Marietta, an die Callos in der Madrider Bar.

Das beeindruckenste Buch?
Ursula K. Le Guin, The Left Hand of Darkness

Das enttäuschendste Buch?
Margaret Atwood, The Heart Goes Last

Der ergreifendste Film?
Arrival – aber die Auswahl war nicht sehr groß, ich war dieses Jahr kaum im Kino.

Die beste Musik?
Immer noch höre ich sehr wenig Musik. Für mich entdeckt habe ich 2017 Lana del Rey (allerdings erst mal Born to die).

Das beste Theater?
Kein Theaterbesuch.
Andere Leute sehen sich als Finanziers ihres Fitnessstudios, ich finanziere mit meinem Abo die Kammerspiele mit.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Arbeit.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Nicht-Arbeit.

Vorherrschendes Gefühl 2017?
Geht noch.

2017 zum ersten Mal getan?
Bei einer Bundestagswahl wahlgeholfen.

2017 nach langer Zeit wieder getan?
Kleidung gekauft, die ich nicht unbedingt brauchte.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Der eingeklemmte Nackennerv, Arbeitsding, das Erstarken rassistischer und nationalistischer Strömungen.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Mehr Frauen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Klappe halten.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Da sein, immer und immer wieder. Mir Zuwendung und Hingabe spenden, wenn ich es selbst überhaupt nicht kann.

2017 war mit 1 Wort…?
Ok.

Vorsätze für 20178?
Mehr Kino.
Endlich mal wieder ein Konzert.
Über den eigenen Schatten springen, um Menschen zu helfen.

Journal Samstag, 30. Dezember 2017 – Verregnete Heimeligkeit

Sonntag, 31. Dezember 2017

Ein weiterer sehr friedlicher und sehr ruhiger Weihnachtsferientag, den ich so richtig genoss. Das Drinbleiben fiel einfach, denn es regnete praktisch pausenlos.

Der Infekt hatte sich so weit beruhigt, dass ich nach Bloggen und Morgenkaffee eine Runde Gymnastik mit Fitnessblender machte – erst mal nur Sport, der mich nicht zu sehr außer Puste bringt.

Einmal alle Muskelgruppen durchbewegt – das tat SO gut!

Herr Kaltmamsell und ich teilten die Lebensmitteleinkäufe auf, ich besorgte alles für gute deutsche Pasta asciutta (Pastaschutta halt) für Sonntag (und weiß schon jetzt, dass es dann ja doch Spaghetti bolognese wird).

Daheim startete ich die Zubereitung von Bagels und von Kartoffelsalat. Zwischen den Arbeitsschritten schrieb ich den Bogpost zu meinen Büchern 2017 fertig, las Internet (Feedreader bei unter 400) und wusch eine Maschine Wäsche, bis es Abendbrot gab.

Ich hatte mich entschieden, den Kartoffelsalat statt mit Gurke mit reichlich Endivienstreifen zu mischen, was mir ganz ausgezeichnet schmeckte – Herr Kaltmamsell war nicht überzeugt. Er hatte das Sauerkraut aus Ernteanteil weich gekocht und die Chipolatas aus dem „Kauf ’ne Kuh“-Paket gebraten.

Abendvergnügen waren die letzen beiden Folgen Monaco Franze.

§

Auf Twitter war @formschub so nett, Tipps mit Kabarettsendungen für den Silvesterabend zu posten. An einem blieb ich gleich mal hängen und war begeistert.
„Hazel Brugger: Hazel Brugger passiert“.

Die Dame kannte ich vorher nur aus Interviews, in denen sie mir schon mal ausgesprochen sympathisch war. Jetzt weiß ich: Sie macht richtig gute, klassische Stand-up Comedy.

Bücher 2017

Samstag, 30. Dezember 2017

* markiert meine Empfehlungen
() In Klammern gesetzt habe ich aktives Abraten.
Unmarkiert sind Bücher, die mir genug zum freiwilligen Auslesen gefielen.

1 – Salman Rushdie, Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights

2 – Richard Rauch, Katharina Seiser, Die Jahreszeiten Kochschule Winter

3 – Rudyard Kipling, Stalky & Co.*
Ein Kurzgeschichtenzyklus (einzeln erstveröffentlicht Ende der 1890er) aus einem englischen Bubeninternat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird ohne Rücksicht auf Verluste im Schuljargon und in dieser Schulwelt, erklärt wird nichts. Die ersten beiden Geschichten verstand ich praktisch überhaupt nicht, es hätte gradsogut Lyrik sein können. Wie zu Zeiten, als mein Englisch noch nicht so flüssig war, las ich einfach mal mit Schwung weiter, bis ich in den Fluss kam. Nach und nach erschlossen sich Handlung und Sprache fast ganz. Mit dem durchs Lesen erworbenen Wissen las ich dann nochmal den Anfang.

Die Geschichten der drei Freunde Stalky, M’Turk und Beetle gefielen mir ganz ausgezeichnet: die Lausbuben mit ihrer alterstypischen Mischung aus Schlitzohrigkeit, Coolness, verquastem Ehrgefühl und echter Wissbegier, die exotische Schulwelt vor historischen Hintergrund. Schnell wurde mir klar, dass diese Schule viel mehr Vorbild für Rowlings Hogwarts ist als alle Internate, die Enid Blyton schilderte: Bewohnt von einer spezielle Bevölkerungsgruppe (Kinder von Militärs in den Kolonien), ein hermetischer Kosmos, die Aufteilung in Häuser und deren Konkurrenz untereinander, die Prefects, alte Gebäude mit geheimen Gängen, ein weiser und pragmatischer Head, die Sonderwelt des Hauspersonals, die Rolle von Sport.

Ich empfehle die Lektüre. Es gibt Übersetzungen ins Deutsche, doch da es in Deutschland nicht entfernt ein historisches Pendant zu der erzählten Welt gibt, klingen sie arg angestrengt.

4 – Penelope Fitzgerald, The Bookshop

5 – Hillary Mantel, Beyond Black*
Hier ausführlich besprochen.

6 – Granta 138, Journeys

7 – Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes*
Anhand einer Sammlung antiker japanischer Handschmeichler, Netsuke, erzählt der Autor hundert Jahre seiner Familiengeschichte, die der jüdischen Familie Ephrussi. Mir gefiel besonders, wie er seine Motivation der zweijährigen Recherche und des Aufschreibens begründet: Wie damals im dritten Reich das Hausmädchen Anne in Wien diese Sammlung rettete, indem sie Stück für Stück in ihrer Schürzentasche schmuggelte, ist eine Standard-Familienanekdote. Als Edmund de Waal sie mal wieder erzählt, schämt er sich seiner Oberflächlichkeit: Die Geschichte ist zu ernst, zu groß und wichtig, als dass sie zur unreflektierten Anekdote verkommen dürfte. Und so beginnt er zu recherchieren, zunächst anhand der Schriftstücke, die sein Vater hervor kramt. Er reist nach Odessa, nach Paris, nach Wien, nach Japan, schildert die Pracht des Lebens einer Familie, die mit den Rothschilds auf Augenhöhe verkehrte, die als Kunstmäzene Werke von Renoir und Monet besaßen, heute Weltkultur. In Wien (dorthin kommt die Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk) befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands und Einflusses, bevor die Nazis Hab und Gut und Leben rauben.

De Waal schildert all das sehr persönlich, eng verbunden mit seinem Erleben der Recherche, dennoch immer mit der Distanz des Forschers. Die Erzählung ist reich an historischen und beschreibenden Details (das mag die erste Hälfte ein wenig langatmig machen), mit dem roten Faden von Antisemitismus zu jeder Zeit und von Kunstsinn. Der eigene unreflektierte Kolonialismus und Standesdünkel der Familie wird dabei ebenso nüchtern geschildert wie der Lichteinfall im Schlafzimmer des Charles Ephrussi, der Einfluss des Japonisme auf den Jugendstil, das Verhalten österreichischer Behörden nach dem Krieg beim Thema Restitution. Ich habe eine Menge gelernt, bekam so manches Fragment meiner Viertelbildung in größere Zusammenhänge gestellt (z.B. die Dreyfus-Affäre oder Japan nach dem 2. Weltkrieg).

8 – Friedrich Dürrenmatt, Der Verdacht

9 – Fotoarbeitsgemeinschaft der VHS Ingolstadt (Hrsg.), Die Schutter

10 – Ursula Poznanski, Erebos

11 – Philip K. Dick, Do androids dream of electric sheep?*
Bekannt ist ja die sehr freie Verfilmung als Blade Runner, doch der Roman ist ein ganz eigenes Kunstwerk, das eigentlich nur durch die Grundstimmung und das Set-up mit dem Film verbunden ist.

Auf einer postapokalyptischen, verwüsteten Erde sind fast alle Tiere ausgestorben, der Besitz der verbleibenden ist das ultimative Statussymbol. Als Ersatz gibt es künstliche Tiere, auch die sehr teuer. Die Vereinten Nationen propagieren die Auswanderung der Menschen auf andere Planeten; ein Lockmittel ist, dass sie dort durch die Unterstützung von Androiden völlig sorgenfrei leben können. Auf der Erde haben Androiden allerdings nichts verloren, Hauptfigur Deckert’s Job ist es, diejenigen Androiden auszuschalten, die trotzdem auftauchen.
Mir gefielen die ruhige Erzählung, die dichte Handlung, die noir-Elemente und viele Science-fiction-Details wie die mood organ, also eine Stimmungsorgel, auf der man einstellen kann, wie man sich fühlen möchte.

12 – Willy Vlautin, Lean on Pete

13 – Margaret Atwood, The handmaid’s tale*
Hier ausführlich besprochen.

14 – Ursula K. Le Guin, The Left Hand of Darkness*
Das Buch, das mich in diesem Lesejahr am meisten beeindruckt hat – und ausgerechnet darüber habe ich noch nicht geschrieben. Das möchte ich auf keinen Fall hastig nachholen; für ein Blogprojekt werde ich es eh noch ausführlich besprechen, dann auch hier verlinken.

15 – (Christian Kracht, Faserland)
Nach 70 Seiten hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass diese Platzierung von Markennamen im pubertärer Partyleben eines Wohlstandsverwahrlosten irgendwie literarisch gebrochen werden könnte oder ich gar eine Geschichte bekomme. Kracht ist etwa in meinem Alter – dennoch hätten unsere 90er nicht verschiedener sein können, selbst wo ich den Erzähler nicht mit dem Autor gleich setze.

16 – (Eduardo Mendoza, Peter Schwaar (Übers.), Katzenkrieg)
Einerseits seitenweise ermüdende Darlegungen der politischen Lage in Madrid kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs (verbrämt als Unterhaltung zwischen den Beteiligten oder gleich als Reden in politischen Versammlung), andererseits eine Handlung, deren Melodramatik mit Gefühlen nur in Extremen den englischen Romancen des 18. Jahrhunderts Konkurrenz macht.

17 – Philip K. Dick, Time Out of Joint

18 – Granta 139, The best of young American novelists 3*
Spektakulär, welches Stil- und Themenspektrum die Geschichten umfassen, und alle ganz ausgezeichnet. Das ging von einer phantastischen Geschichte, die mit Typografie spielte, über dunkelgrauen Selbstbetrug (von einer Autorin, deren erster Roman „was called the ‚feeld-bad book of the year‘ by the Chicago Tribune˝) oder manieriertes Englisch wie aus dem 19. Jahrhundert (passte zur zentralen Hochstapler-Figur) bis zum Gedankenstrom über den Tod des Ex-Freunds, den die Erzählerin auf Myspace erfährt. Manche gefielen mir besser als andere, manche strengten mehr an als andere, doch alle waren sie sehr, sehr gut ausgedacht und geschrieben. Zumindest in der englischsprachigen Welt mache ich mir überhaupt keine Sorgen um die Zukunft der erzählenden Literatur.

19 – Angela Carter, The Magic Toyshop*
Ich hatte etwas ganz Anderes erwartet – wahrscheinlich mehr klassisches zeitgenössisches Märchen. Doch schon der erste Teil der Geschichte, in der das junge Mädchen Melanie nachts im Hochzeitskleid ihrer Mutter im Garten tanzt, das Kleid beim Zurückklettern in ihr Zimmer an Hecken zerreißt, ist von unheilvoller und böser Erotik. Als Waise kommt Melanie kurz darauf mit ihren beiden kleinen Geschwistern bei seltsamen Verwandten in London unter: Ein tyrannischer Onkel, eine schweigende Tante und deren beiden erwachsene Brüder. Alles bleibt düster, die sexuelle Komponente vieler Grenzüberschreitungen trägt zur unheilvollen Stimmung bei.

20 – Thomas Pynchon, The crying of lot 49

21 – (MargaretAtwood, The Heart Goes Last)
Planlose Handlung, platte und uninteressante Charaktere, unbeholfene Sprache, dilettantische Brüche in der Erzählstimme.

22 – A.L. Kennedy, Paradise*
Hier ausführlich besprochen.

23 – Terry Pratchett, Thud!

24 – Granta 140, State of Mind

25 – Oliver Sacks, On the move

26 – (Thomas Lehr, 42)
Hier unten ausführlich verrissen.

27 – Per Petterson, Ina Kronenberger (Übers.), Nicht mit mir

28 – Karen Russell, Vampires in the Lemon Grove

29 – Naomi Alderman, The Power*
Hier ausführlich besprochen.

30 – Jaqueline Susann, Valley of the dolls
Hatte ich davor mehrfach auf Deutsch gelesen, immer als meinen Lieblingsschund bezeichnet. Jetzt nach vielen Jahren mal auf Englisch, kann man immer noch gut machen.

(Jürgen Roth, Thomas Roth, Kritik der Vögel – abgebrochen nach 50 Seiten. Die Grundidee finde ich charmant, doch sie reicht nicht, mein Interesse ein paar hundert Seiten zu halten.)

31 – Stephen King, It*
Ausgezeichnet konstruierter und vielschichtig erzählter Roman. Es geht um sehr viel mehr als Grusel: Außenseiter, Kindheit, Gruppendynamik, freier Wille. Mir war auf den 1100 Seiten nie langweilig geworden; zwar hätte man die eine oder andere Detailausschmückung streichen können, doch vielleicht hätte das Gesamtwerk darunter gelitten. Leider gibt es typischerweise nur eine weibliche Figur, Beverly, die in der Kindergruppe der sieben „Losers“ halt „the girl“ ist.

32 – Kazuo Ishiguro, The Remains of the Day*
Bei diesem zweiten Lesen war ich noch mehr angetan von Ishiguros Meisterwerk als beim ersten Lesen vor über 20 Jahren: Paradebeispiel für unreliable narrator, der Ich-Erzähler ist ein ohnehin reichhaltiger Vordergrund, der dahinter ganz Anderes verrät.

33 – Mary Beard, Women & Power. A manifesto*
Die Altphilologie-Professorin zeichnet in zwei Vorträgen nach, wie Frauen seit Beginn unserer Kultur zum Schweigen gebracht wurden und wie sich das auf die heutige Zeit auswirkt.

34 – Lion Feuchtwanger, Die häßliche Herzogin

35 – Marc-Uwe Kling, Qualityland

36 – Granta 141, Canada

37 – Per Olov Enquist , Wolfgang Butt (Übers.), Der Besuch des Leibarztes

38 – Robert Menasse, Die Hauptstadt*

Journal Freitag, 29. Dezember 2017 – Bayerisches Nationalmuseum wiederbesucht

Samstag, 30. Dezember 2017

Gesundheitszustand: Atemwege weiter infiziert, aber nur zeitweise sehr schmerzhaft, Neuzugang ist ein entzündetes Auge.
Wetter: Sonnig und klirrend kalt.

Gestern dann der für die Weihnachstsferien geplante Besuch des Bayerischen Nationalmuseums. Ich war ja im September vergangenen Jahres schon mal dort gewesen, Herr Kaltmamsell aber noch nie. Wie schon bei meinem ersten Besuch waren die meisten Räume leer, die Besucheranzahl lag etwa in Höhe des Aufsichtspersonals.

Herr Kaltmamsell war besonders an den alten Spielzeugen im Obergeschoß interessiert, doch hier wird gerade umgebaut. Zumindest die Jugendstil-Sammlung nebenan habe ich jetzt gesehen.

Lang hielten wir uns in den Räumen zur Gothik auf, den Saal zu Tilman Riemenschneider kannte ich noch nicht. Jahreszeitlich war die Krippenausstellung im Untergeschoß geöffnet. Ihren Reichtum und ihre Ausführlichkeit hatte ich komplett unterschätzt: Eingemauert hinter Glas lag Krippenlandschaft um Krippenlandschaft in verschiedenen Stilen des Alpenraums und Italiens. Auch zum Begründer der Sammlung, Max Schmederer (praktisch ein Nachbar: Er ist auf dem Alten Südfriedhof bestattet), gab es viele Informationen; zahlreiche Bauten, in denen die Krippenfiguren präsentiert wurden, hatte er selbst gebaut. Auch hier interessante Hinweise auf Lagerung und Erhaltung der Exponate.

Für eine ausführliche Befassung mit den barocken Exponaten und mit der Handwerkskunst im Untergeschoß wird es einen weiteren Besuch brauchen. Geschafft habe ich diesmal allerdings einen Besuch im Museumsshop: Empfehlung, hier werden viele Dinge angeboten, die über ein Standardsortiment hinaus gehen, unter anderem versilbertes Geschirr, Schmuck und Büsten.

Das Personal war wieder ganz bezaubernd, bot auf suchende Blicke Hilfe an, erklärte, ein Herr führte uns auf unsere Frage nach der Zunftstube der Augsburger Weber persönlich quer durchs Gebäude dorthin.

Anschließend holte ich in der Maxvorstadt bestellte Bücher ab, schloss den Nachmittag mit Tee und Lesen ab. Abends stolperte ich wie schon am Vorabend bei Bayern Alpha in den Monaco Franze (derzeit auch in der BR-Mediathek), freute mich über Wiederbegegnungen vor allem mit alten Münchner Ansichten, den Schauspielerinnen und Schauspielern.

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Anna Wintour interviewt in einem Video Meryl Streep: Sehr lustig – und allein diese beiden Frauen einander gegenüber sitzen zu sehen, bereitet mir Gänsehaut.
„Meryl Streep Talks to Anna Wintour About Her New Movie, Harvey Weinstein, and Her Most Challenging Role (No, Not That One)“.

Journal Donnerstag, 28. Dezember 2017 – Der Tod des bloggenden schottischen Fischers

Freitag, 29. Dezember 2017

Nach besser durchschlafener Nacht (Erkältungslikör!), aber immer noch bei Weitem nicht gesund die Sportpause verlängert. Draußen schneite es nass, eigentlich den ganzen Tag. Statt mit der Sportverhinderung zu hadern, genoss ich den faulen Tag sehr – ich wunderte mich geradezu über mich.

Vormittäglicher Ausflug zu Eataly: Wir brauchten Parmesan und Guanciale, im Einkaufskorb landeten zudem Orangen, Granatapfel, Käse, Panettone, Brot.

Zwei Geschichten fürs Techniktagebuch aufgeschrieben:
„Die Tante nimmt nachträglich am Unterricht teil“.
„Verbannung aus dem Telefonbuch (welches Telefonbuch?)“.

Über den Tag sandelte ich so vor mich hin, blies sogar den Plan ab, im Lenbachhaus die Gabriele Münter-Ausstellung zu besuchen: Das Draußen, durch das ich hätte müssen, war zu unwirtlich. Und ich hatte ja Robert Menasses Die Hauptstadt auszulesen. Das tat ich dann auch, gefolgt von Panettone- und Stollenbrotzeit zu ungezielt gemischten Filmchen auf Youtube (Melissa McCarthy, die über ihre jüngste Tochter erzählt, ist immer eine Suche wert).
Und mein Feedreader ist nach Langem wieder im dreistelligen Bereich.

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Ein Todesfall in meiner Blogwelt des „Everybody has a voice“: Der schottische Fischer Ali Macleod ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich habe sein Blog Applecrosslife kursorisch im Feedreader gelesen, seine detaillierten Beschreibungen des Fischens, der Arbeit im Pub, von Konzertbesuchen, über die Lokalpolitik eines schottischen Küstennests, von dem ich sonst keine Ahnung hatte. Einblick in eine Welt, von der ich ohne dieses Blog nichts geahnt hätte. Immer atemberaubend waren seine Fotos. Doch ich bekam erst gestern mit, dass Ali im November nicht von einer Fahrt zurückgekommen war und dass am 10. Dezember eine Leiche geborgen wurde, die wenig später als seine identifiziert wurde. Das tut mir wirklich sehr leid, er wird in meiner Blogwelt fehlen.

Hier sein Portrait als E-Bike-Werbung (life/mysterious ways etc.).

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Kein inspiration porn, sondern eine kleine Erinnerung daran, Menschen nicht über ihr auffallendstes Merkmal zu definieren.
„Enchanting the internet with funk and a fiddle“.

via @raulde

Naomi Alderman, The Power

Freitag, 29. Dezember 2017

Was wäre, wenn die eine Hälfte der Menschheit qua Geburt deutlich mehr Macht hätte als die andere? Duh, werden Sie sagen, so ist es doch bereits. Doch wie so oft werden die bestehenden Verhältnisse plötzlich deutlicher, wenn man sie spekulativ umkehrt. Naomi Alderman macht das in ihrem bedrückend meisterlichen Roman The Power von 2016: In einer Zeit, die sehr wie unsere Gegenwart aussieht, entdecken junge Mädchen und erwachsene Frauen, dass sie elektrische Stromstöße aussenden können und machen das schnell zur Waffe. Die Geschichte führt vor, wie sich die Gesellschaft dadurch verändert, wie sich die bestehenden Machtverhältnisse in immer größeren Schritten umkehren – und zwar keineswegs zum Besseren.

—– ab hier Spoiler, die dem Leseerlebnis schaden könnten —-

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Journal Mittwoch, 27. Dezember 2017 – Die Entdeckung der Nasendusche

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Jajaja, Sie raten mir ja schon seit Jahren dazu. Aber mein Bruder hat mir zu Weihnachten auch eine geschenkt: Eine Nasendusche, und zwar gegen Chlorschnupfen. Weil die Nebenhöhlenschmerzen und das Grünrotzen einfach nicht aufhören wollten, habe ich sie dann gestern endlich auch angewendet. Und sie hatten recht: Ist angenehm und erleichtert. (Wunder vollbrachte sie allerdings nicht, und am meisten quält mich nachts ja der Rachen.)

Sport ließ ich weiterhin ganz bleiben und war traurig darüber. Zumindest erledigte ich das Fortbringen von gesammelten Münzen (unsere Urlaubskasse) zur Bank sowie das Besorgen eines neuen Wasserfilterbehälters – der bestehende ist seit über zehn Jahren im Einsatz und mittlerweile unputzbar gammlig.

Nachmittags war ich zu einem Spaziergang über den Südfriedhof und an der Isar verabredet. Weil ich mir das entsprechende Denkmal nochmal ansehen wollte, hörte ich mal wieder „1705“ (Mordweihnacht von Sendling) von Gerhard Polt ganz an.

Ich hatte völlig vergessen, wie viel Zitierbares (und von mir regelmäßig Zitiertes) in dieser klassischen Nummer steckt, angefangen von „diese Kerndlfresser“ über „wir brauchen keine Opposition, denn wir sind schon Demokraten“ bis „In diesem Land wird kein Mensch gezwungen, eine Minderheit zu sein. Ein jeder hat das Recht in diesem Land, sich öffentlich zur Mehrheit zu bekennen“. Dringende Hörempfehlung, gerade heutzutage. („Immer mehr von diesen Minderheiten kommen da herein und behaupten frech, sie wären mir!“)

Die Wege an der Isar Richtung Thalkirchen waren unter grauem Himmel recht matschig; das kann mangels Niederschlag nur tauender Bodenfrost gewesen sein. Wir kehrten in den Kiosk 1917 an der Thalkirchner Brücke ein, den ich bislang nur vom Vorbeijoggen kannte, und wärmten uns mit heißen Getränken.

Zurück daheim las ich Internet – und freute mich überrascht, dass aus einer überliegenden Wohnung Harfenmusik erklang. Das Klavier, das ein wenig begleitete, kenne und genieße ich seit Jahren (und weiß immer noch nicht, welche Nachbarin oder welcher Nachbar da spielt), aber Harfe war neu. Für meinen Geschmack hörte sie viel zu bald auf. Wie war das: Mit einem Besenstiel an die Decke hämmern, damit weitergespielt wird?

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell, der sich freute, endlich wieder selbst kochen zu können, chinesische Krabben mit schwarzen Bohnen.