Journal Mittwoch/Donnerstag, 29./30. November 2017 – Zehn Jahre auf Twitter

Freitag, 1. Dezember 2017 um 7:11

Donnerstag Panikarbeit, dennoch das Pensum für zwei weggeschafft. Der Anlass ist einer mit vielen Unwägbarkeiten, deshalb Erleichterung erst in einer Woche.

Auf dem Heimweg lange nachgedacht, was ich denn zu Abend essen will – Herr Kaltmamsell war aushäusig, ich musste mir also selbst etwas überlegen („Versorgungsehe“ bedeutet eigentlich etwas anderes, oder?). Zum Glück fiel mir ein, dass ich ungeheuer gerne Rahmspinat hätte. Den kaufte ich gefroren, verlängerte ihn daheim mit Gemüsebrühe zur Suppe und ließ zwei Eier darin stocken – wunderbar.

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Am Freitag war mein Weg in die Arbeit zehn Minuten von Schneeflocken umwirbelt, über den Tag schneite es immer wieder. Ich arbeitete ruhiger. Dreimal erreichten mich auf meinem Smartphone Anrufe – auf so viel komme ich sonst nicht mal im halben Jahr. Zwei davon waren beruflich wegen des Anlasses oben: Da ich kein Arbeitshandy habe (und sehr froh bin, dass ich mich in eine Position gearbeitet habe, in der ich keines brauche), hatte ich für dringendste Notfälle – z.B. Spedition mit Messematerial verirrt sich auf dem Weg zum Anlass – meine private Telefonnummern angegeben; sie scheint sich zu verbreiten. So war das sicher nicht gedacht, ich werde nach dem Anlass oben ein paar Anrufernummer sperren müssen.

Noch nebensächlicher: Mein Hirn nudelt inzwischen alle Musikstücke des Langhanteltrainings (immer ein Quartal lang dieselben) als Ohrwürmer durch, zum Glück immer eins nach dem anderem für ein paar Stunden. Ich baue darauf, dass die jeweiligen Muskeln dabei nachlegen. (Gestern Vormittag war’s allerdings die Musik des Warm-ups.)

Hinter dem gestrigen Tag lauert der für mich gefährlichste Monat: Dezember. Schon in den letzte Novembertagen blitzten die Erinnerungen, die mich jeden Dezember wieder überfallen und wehrlos hinunterziehen – auch weiterhin nichts wirklich Schlimmes, bei mir war doch nie etwas wirklich Schlimmes, und doch fluten sie mich mit Gefühlen bis fast zur Bewusstlosigkeit.

Weil Herr Kaltmamsell gestern verhindert war, holte den Ernteanteil vom Verteilerpunkt ich ab – und machte dafür früh Feierabend (im Grunde lediglich pünktlich – ich glaube, da reißt gerade was ein). Es schneite immer dichter, der Grünkohl im Ernteanteil wurde angemessen winterlich.

Einen Teil Zuckerhut (gegenüber Grünkohl in der Kiste) schnippelte ich mir zu einem Salat fürs Abendbrot. Als Dressing: Frisch gepresster Saft einer rosa Grapefruit, ein Schuss Himbeersirup, grober und Dijon-Senf, Olivenöl (Salz, Pfeffer), dazu wunderbare israelische Menjou-Datteln, fein gehackt. Eine sehr köstliche Kombination, merken.

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Twitter benachrichtigte mich zu meinem Anmeldejubiläum; das hatte ich bei anderen mitbekommen und selbst bereits nachgerechnet. In der Nacht auf Donnerstag stimmte dann auch das Datum: Ich twittere seit zehn Jahren.

Durchaus ein denkwürdiges Jubiläum, zehn Jahre Web-Geschichte. Ich hörte zum ersten Mal von Twitter auf der Jurysitzung BoBs der Deutschen Welle; meiner Erinnerung nach war es das Jurymitglied für China, der dieses neue Ding erwähnte. Ich verstand es nicht sofort, und wie alle neuen Internetmoden ignorierte ich Twitter erst mal. Viel mehr beeindruckte mich das Handy eines anderen Jurymitglieds, das ein Navigationssystem hatte, mit dem er sich bei diesem seinem ersten Berlinbesuch orientierte.

Erst als Twitter immer noch und immer häufiger in Blogs erwähnt wurde (das war damals mein Hauptaufenthaltsort im Web), sah ich es mir mal an.

Mein erster Tweet war dann:

Dieses Spitzenniveau versuchte ich über die Jahre konsequent zu halten, auch wenn das mal Anstrengung kostete.

Schon bald war Twitter meine wichtigste Nachrichtenquelle. Und mein Ventil für alle möglichen Impulse, deshalb auch die meiste Zeit auf privat gestellt. Aber auch diese Plattform hatte wie alle interaktiven Teile des Webs als wichtigste Auswirkung: Menschen (zu einem davon fahre ich in einer Woche auf eine Geburtstagsfeier). Ich fand Freundinnen und Freunde, schloss mich Netz-Feministinnen an, Twitter wurde zum losen Verbindungsband vieler bereits über Blogs geschlossener Freundschaften.

In den ersten Monaten wechselte ich noch lustig die Favicons (es gab dafür immer neue Tools), sah oft den Failwhale, weil Twitter mal wieder überlastet war, gestaltete mit den anderen Nutzern nützliche Funktionen wie @-Replies und über RT Retweets. Über offene Schnittstellen gab es ständig neue Gimmicks wie das Einbinden von Fotos, und um mobil zu twittern, musste man eine SMS an eine bestimmte Telefonnummer schicken – zunächst gab es nur eine in USA, dann auch in Deutschland.

Ich war Teil der möglicherweise ersten Twitter-Lesung, auf der ich praktisch lernen durfte, wie man auf der Bühne so richtig abkackt, aber dann wusste ich das auch.

Auch weiterhin folge ich am liebsten Leuten, die sich besonders gut und prägnant ausdrücken können. Allerdings nehme ich an, dass diese Qualität noch rarer wird, da kürzlich die Beschränkung auf 140 Zeichen aufgehoben wurde. Heute braucht man Twitter zwar endlich nicht mehr ständig zu erklären, doch ist es meinem Gefühl nach schon lange eine Sache für alte Leute, etabliert, uncool und vergangen wie die ursprünglichen Blogs.

Was zum Glück geblieben ist: Die Verbindung zu den Menschen dort.

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Kathrin Passig schreibt im Merkur ausführlich über:
„Fünfzig Jahre Black Box“.

Sie denkt darin unter anderem gründlich über die Sorge nach, heutzutage verstehe ja kein Mensch mehr die Programme in den alles beherrschenden Computern, das sei gefährlich:

Dass ein Sachverhalt schon länger besteht, ohne dass bisher die Welt untergegangen ist, muss nicht heißen, dass er harmlos ist. Vielleicht geht die Welt ein bisschen später trotzdem unter, oder vielleicht sind wir bereits die gründlich indoktrinierten Produkte dieser Fehlentwicklung, unfähig, das Problem überhaupt noch zu erkennen. Aber jedenfalls greift es zu kurz, die Machine-Learning-Verfahren der letzten Jahre zu beschuldigen und eine Rückkehr zu der einfach und vollständig durchschaubaren Software zu fordern, wie wir sie noch vor fünf Jahren, na gut: vor zehn … oder wenigstens zwanzig … aber doch ganz sicher vor fünfzig Jahren hatten.

Denn, wenig überraschend: Schon damals wurde beklagt, keiner verstehe den Code mehr.

Die meisten dieser Phänomene sind nicht auf Software beschränkt, man kann sie auch an Gebäuden oder technischen Einrichtungen beobachten, die im Lauf der Jahrzehnte umgebaut und an neue Erfordernisse angepasst worden sind. Die Dokumentation ist selten auf demselben Stand oder auch nur am selben Ort wie ihr Gegenstand. Das James Gregory Telescope in St Andrews ist das größte Teleskop Schottlands, ich schreibe Teile dieses Beitrags in seiner Nähe. Die Betriebsfähigkeit des über fünfzig Jahre alten Geräts hängt im Wesentlichen von einem einzigen pensionierten Physiker ab, der sich in seiner Freizeit in die verschiedenen historischen Schichten der Teleskoptechnik eingearbeitet hat. Eine Dokumentation der verschiedenen Umbauten existiert – außer im Kopf von Roger Stapleton – nur fragmentarisch und an verstreuten Orten. Das ist keine Ausnahme, sondern der Normalzustand; vom unvollendeten Berliner Flughafen hört man, dass er diesen Zustand der Undokumentiertheit bereits vor seiner Eröffnung erreicht hat.

die Kaltmamsell

3 mal Beifall zu “Journal Mittwoch/Donnerstag, 29./30. November 2017 – Zehn Jahre auf Twitter”

  1. Tim meint:

    Respekt. Ich habe von Twitter im Sommer 2006 was davon mitbekommen, Stichwort WM Cola-WG…. Ein Profil im August 2006 angelegt, aber bis heute nicht verstanden.

  2. Hande meint:

    Zum thema black box empfehle ich zeynep tüfekçi’s letzter ted talk: https://youtu.be/iFTWM7HV2UI (überhaupt ein super account zum followen auf twitter)

  3. stattkatze meint:

    »etabliert, uncool und vergangen« – #thx #available_light

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