Naomi Alderman, The Power

Freitag, 29. Dezember 2017 um 7:56

Was wäre, wenn die eine Hälfte der Menschheit qua Geburt deutlich mehr Macht hätte als die andere? Duh, werden Sie sagen, so ist es doch bereits. Doch wie so oft werden die bestehenden Verhältnisse plötzlich deutlicher, wenn man sie spekulativ umkehrt. Naomi Alderman macht das in ihrem bedrückend meisterlichen Roman The Power von 2016: In einer Zeit, die sehr wie unsere Gegenwart aussieht, entdecken junge Mädchen und erwachsene Frauen, dass sie elektrische Stromstöße aussenden können und machen das schnell zur Waffe. Die Geschichte führt vor, wie sich die Gesellschaft dadurch verändert, wie sich die bestehenden Machtverhältnisse in immer größeren Schritten umkehren – und zwar keineswegs zum Besseren.

—– ab hier Spoiler, die dem Leseerlebnis schaden könnten —-

Ist die Grundidee schon genial, ruht sich Alderman aber keineswegs darauf aus: Der Roman ist kunstfertig aufgebaut und verstärkt die Wirkung technisch ausgefeilt.

Eingeführt wird die Beschreibung der neuen weiblichen Fertigkeit in Kurzkapiteln: Immer ist es eine junge Frau, die von einem Mann bedrängt wird – ihre verzweifelte Abwehr formt sich zu dem Stromstoß. Erst nach und nach lernen die Mädchen und Frauen, ihre neue Waffe kontrolliert einzusetzen.

Es wird personal erzählt, kapitelweise aus der Sicht verschiedener Protagonistinnen und eines Protagonisten. Darunter:
– Margot, eine Politikerin in den USA (und Joycelyn, ihre Tochter)
– Allie, eine Religionsstifterin
– Roxy, eine englische Unterweltkönigin
– Tunde, ein Journalistikstudent aus Lagos, der zufällig ein erster Zeuge der neuen Macht wird und zum zentralen Berichterstatter der sich daraus ergebenden Veränderungen
(- Tatiana, die Präsidentin eines osteuropäischen Bananenstaats, ist eine weitere Protagonistin, aber nicht in eigenen Kapiteln)

Zudem gibt es eine Rahmenhandlung („Natürlich, eine alte Handschrift“): Ein Autor schreibt dieses Buch als historischen Roman. Darin liegt die beschriebene Vergangenheit ein paar tausend Jahre zurück, vieles ist Spekulation, zwischen den Kapiteln werden Bilder von Artefakten aus der Zeit vor einer Stunde Null gedruckt. Dieser Verweis auf die Stunde Null formt den Spannungsbogen, sie wird in den Kapitelüberschriften heruntergezählt, angefangen mit „Ten Years Before“.

Die Erzählung hat einen wunderbaren Rhythmus, alle Charaktere sind plausibel und vielschichtig gezeichnet, die Handlung bleibt stringent und dadurch zwingend. Denn die Geschichte geht ganz, ganz furchtbar aus: Es ist nie gesund für eine Gesellschaft, wenn eine Gruppe darin deutlichen Machtvorsprung hat, Frauen sind da kein Stück besser. Die Entwicklung endet in grausamster Unterdrückung, doch immer wenn ich geneigt war, eine Szene für übertrieben zu halten, wurde mir klar: Frauen tun Männern in diesem Roman nichts an, was ihnen in der Wirklichkeit nicht schon von Männern angetan wurde. (Ich erinnerte mich an Margaret Atwoods Hinweis zu The Handmaid’s Tale: Darin komme nichts vor, was nicht historisch irgendwann bereits geschehen sei.)

Besonders gekonnt ist allerdings die Vermittlung der kleinen und kleinsten Veränderungen im Umgang der Geschlechter miteinander durch die umgekehrten Vorzeichen. Das beginnt schon mit dem Briefwechsel zwischen fiktivem Autor und seiner Verlegerin/Lektorin vor und nach der eigentlichen Handlung: Der dankbare und unterwürfige Autor, die herablassende Verlegerin, die zudem anzweifelt, dass die Schilderung der Vorgängergesellschaft realistisch ist – Männer sollen das Sagen gehabt haben?1

Auch das Verhalten des einzigen männlichen Protagonisten wandelt sich: Der junge Journalist greift immer mehr zu Taktiken, auf die sich Frauen seit Jahrhunderten aus Machtlosigkeit verlegt haben: Lächeln, Charme, Schmeichelei. Er ist auch die einzige Figur im Buch, deren Physis sehr detailliert und als attraktiv beschrieben wird. Weitere Hintergrundveränderung: Die Dynamik zwischen dem Moderator und der Moderatorin im Frühstücksfernsehen, die hin und wieder auftauchen.

Die Geschichte eskaliert in immer schnellerem Tempo; die Gesellschaft, die die Rahmenhandlung als Gegenwart schildert, ist sicher keine Alternative für unsere heutige. Instant classic, große Leseempfehlung.

Empfehlenswerte Buchbesprechungen:
The New York Times: „A Novelist Asks, What if Women’s Bodies Became Deadly Weapons?“
– Herr Rau: „Naomi Alderman, The Power“.
– Bingereader: „The Power – Naomi Alderman“.
Vogue: „What If Women Were in Charge?“ (Achtung: Spolier!)
Guardian: „The Power by Naomi Alderman review – if girls ruled the world“.

  1. Siehe Entdeckung, dass das Skelett in dem reich ausgestatteten Grab eines Wikingerkriegers eine -kriegerin war. []
die Kaltmamsell

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