Filme

Journal Freitag, 3. Februar 2017 – Eskalapatie

Samstag, 4. März 2017

Wer Eskalapatie1 nicht kennt, kennt wahrscheinlich auch weder Othelloweit2 noch Esamusawasa3. Hat also nie Volkslieder und/oder Chor gesungen.4
Egal.5

Gestern konnte Herr Kaltmamsell endlich den Punkt „Mühlenführung“ von seiner Erinnerungsliste löschen, den ich ihn vor Jahren darauf zu setzen gebeten hatte. (Es hat sich in diesem Hause eingebürgert, dass er sich aufschreibt, was ich ihm mit „Erinnere mich doch, dass ich…“ zurufe. Vor Jahren war das „… dass ich an einem freien Tag die freitägliche Führung durch die Hofbräuhaus Kunstmühle mitmachen will.“)

Er kam sogar mit.
Wir waren eine 15-köpfige Gruppe inklusive vier Kindern, auf die besonders eingegangen wurde.

Am längsten verweilten wir im Walzboden, in dem die acht alten Walzmaschinen aus dem Jahr 1921 (ich hätte sie „Mühlen“ genannt) mit je vier Metallwalzen für die insgesamt 16 Mühlgänge standen. Wie zu Krabats Zeiten muss der Müller sie selbst reparieren können.
Im Hintergrund sieht man den Mehl-Paternoster für den Abtransport zum Sieben.

Verarbeitet wird hier nur Weizen.

Kontrollanzeigen alt und hochmodern – letztere hinter der Steinmühle für Spezialschrot:

Mitarbeiterin Heidi – ja, sie ist für die Mäuse zuständig.

Zum nächsten Mahlgang führen Rohre in andere Stockwerke.

Die Mehltüten werden mit einer Handmaschine zugenäht (und ich öffne sie immer erst mal an der falschen Seite, von der aus ich sie nicht mit einem Zug aufribbeln kann).

Besonders stolz ist die Mühle auf ihr Farina Tipo OO: Nach eigenen Aussagen backen 70 Münchner Pizzerien mit der Mischung aus drei Weichweizensorten. Auch sonst ist Müller Blum wohl dahinter, die letzten Münchner Kleinbäcker als Kunden zu halten oder zu gewinnen. Der Weizen wird eigenen Angaben zufolge von Landwirten aus dem Umland geliefert.

Aufregend: Die Rutsche, auf der die Mehlsäcke zur Verladung transportiert werden.

Freude zum Abschluss: Lutz Geißlers Brotbackbücher in der Auslage des Mühlenladens.

Die Roggenmehle im Mühlenladen sind zwar zugekauft (außer dem in der Steinmühle gemahlenen Roggenvollkornmehl, das so grob ist, dass ich es als Roggenschrot einsetze), aber wenigstens kriege ich hier fast alle Typen, die ich zum Brotbacken brauche.

Fall es noch nicht implizit klar geworden ist: Große Empfehlung dieser Mühlenführung – so mitten in einer Großstadt und mit dieser Geschichte ist der Betrieb wirklich etwas ganz Besonderes. Auch als Tipp für Münchenurlauber: Wenn Sie mal Freitagnachmittag in München sind, schaun Sie sich das an.

Als der freundliche Führer erklärte, dass es auf dem Walzboden bei laufenden Maschinen viel zu laut wäre, um ihn zu verstehen, fiel mir ein, dass ich vor 30 Jahren als Volontärin einen Radiobeitrag über die damals letzte Mühle in Ingolstadt gemacht habe, über die Schaumühle. Vielleicht mögen Sie sich die zwei Minuten ja anhören – tut mir leid, lauter habe ich’s nicht (und seien Sie gnädig mit den vielen Anfängerfehlern).

§

Schon davor war der gestrige ein sehr schöner Tag gewesen: Ich war morgens zum Schwimmen ins Olympiabad geradelt, hatte mich anschließend mit Herrn Kaltmamsell zum Mittagessen bei Marietta getroffen.

§

Sehr schöne Geschichte als Dokufilm auf Facebook:
„How one woman is fighting food waste in Denmark.“

Es sollte mehr Kochbücher zur Verwendung von Resten oder nicht mehr frischen Zutaten geben. Wer kochen kann, wirft sicher viel weniger weg als Leute, die auf Vorproduziertes angewiesen sind. Doch auch diesen Umgang mit Lebensmitteln kann man doch lernen.

§

Füttert die Wildvögel! Vor allem wenn ihr ländlich wohnt!
„‚Die kleinen Vögel verhungern'“.

§

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ist Arrival mein Filmfavorit des vergangenen Jahres.

Hier ein ausführlicher und ganz großartiger Überblick über den wissenschaftlichen Hintergrund des Films, inklusive zahlreichen Interviews. (Achtung Spoiler!)
„The Science of ARRIVAL“.

via @alexmazkeit

  1. Die ersten drei Wörter des Volkslieds „Es klappert die Mühle“. []
  2. Anfang von „Oh Täler weit, oh Höhen. []
  3. Nicht ganz Volkslied: Aus Das weiße Rössl das Lied „Es muss was Wunderbares sein…“ []
  4. Falls Sie sich schon immer gefragt haben, woher die Leute kommen, die „zum Bleistift“ lustig finden. []
  5. Ich bin sicher, ohne Auerhaus hätte ich das nicht geschrieben. []

Oscarnacht 2017

Montag, 27. Februar 2017

Zur Selbsterinnerung: Die eigentliche Show beginnt um 5.30 pm PST, das ist 2.30 Uhr Münchner Zeit, Wecker also auf 2 Uhr.

Moin!

Und gleich mal die Strafe fürs frühe Zuschalten: Ich muss erst deutsche Moderatorinnen und Moderatoren ertragen. Nostalgie für Zeiten, als wir uns bei dem einen Menschen im Freundeskreis trafen, der die Oscarverleihung per Satellitenfernsehen direkt aus USA reinbekam, weil es keine Übertragung im deutschen Fernsehen gab.

Oh, Dakota Johnson goes Ferrero Rocher. Sehr 30er, das Kleid – aber das haben wir doch schon in der US-Politik.

Emma Stone und Nicole Kidman glitzern auf dem roten Teppich Richtung nude, akzeptabel, Emma sogar mit Fransen, nett.

Justin Timberlake kommt für die Eingangsnummer von hinten durchs Publikum, grovende Superstars in Nahaufnahme – Partystimmung! Ungewöhnliche Bilder zum Einstieg. Shirley Maclaine, wie großartig!

Bühnenbild very Great Gatsby. Meryl Streep in großartigem Petrol.

„I got a sitting ovation!“, Jimmy Kimmel mit sympatischem Auftritt. Witze über „uniting this country“ mit Seitenhieb auf Mel Gibson „there is only one Braveheart, and he’s not going to unite us either“. Dank an Donald Trump: „Remember when the Oscars seemed racist?“

Scherze mit Anspielungen auf Moonlight und Elle – mageres Gelächter: „You didn’t see them, did you?“ (Keiner der nominierten Filme war ein Kassenschlager.)

Meryl Streeps 20. Oscarnominierung bekommt stehende Ovationen (und ihr petrolfarbenes Glitzerkleid ist großartig).

Kimmel verspricht: „One of you will give a speech the president will tweet about!“

Alicia Vikander in brathendlfarbener Haut, ahem? Actor in a supporting role (Dev Patel ist NEBENdarsteller?): Mahershala Ali – stehende Ovationen. Er dankt teachers and professors, das ist ungewöhnlich. Erste Tränen auf der Bühne – und er erzählt, dass er vor vier Tagen eine Tochter bekommen hat.

Slipeinlagenwerbung bei den Oscars, wundervoll! (Letztes Jahr war’s Dallmayr glaube ich, Luxus ist so offensichtlich passend, pah.)

Kate Mckinnon! Der Make up-Oscar geht an Suicide Squad.
Warum haben wir den nochmal nicht gesehen, Herr Kaltmamsell?
„Weil er DC ist? Und richtig schlechte Kritiken bekommen hat?“
Italienischer Akzent auf der Bühne, muss sein. „This is for the immigrants.“
Und genau: Diesmal gucke ich zu zweit! Auch ein Lehrer hat morgen frei (Faschingsferien).

Costume Design geht an Fantastic Beasts – es ist Coleen Atwoods dritter, wow! Sehr gefasste Dankesrede.
(Bissken enttäuscht von Mckinnon, durfte sie nicht mehr?)

Ich serviere Marmorkuchen – sogar mit Schokoüberzug! (Will heißen, wir haben uns das Anschneiden lange genug verkniffen.)

Drei Hidden Figures-Darstellerin auf der Bühne, um die Nominierung für Best Documentary zu präsentieren. *KRAHAISCH* – Katherine Johnson wird rausgerollt, in bezauberndem Blau! Oscar für O.J.: Made in America – gewidmet „victims of police violence“.

Dwayne Johnson sieht gut aus in dunkelblauem Samt. Er präsentiert Best Song aus Moana. Ist ja eine Kategorie, die ich für extrem überholt halte. Statt dessen den Technikoscar in die Hauptshow holen?
Allerdings sehe ich die Funktion der Auflockerung ein, die Choreografie mit blauen Fahnen im Hintergrund ist schon auch nett.

Uff, Dallmayr-Werbung UND Rolex, jetzt sieht’s nach Luxus aus.

President of the Academy Cheryl Boone Isaacs – die war ja schon letztes Jahr interessant: Beschwört die steigende Diversity der Academy: „Art has no borders.“

Jimmy Kimmel lässt Bonbons an Schirmchen aufs Publikum regnen: „Movies need candy.“

Sofia Boutella und Chris Evans präsentieren Sound Editing, der bekanntlich damit eingeleitet werden muss, dass das ganz ganz wichtig ist: Arrival – gebt dem Film alles, was ihr habt. Wird mit französischem Akzent entgegen genommen, haben wird das also auch.
Jetzt Sound Mixing (viel Bumm, Krach unter den Nominierungen): Hacksaw Ridge, wieder einer, den La la Land nicht gekriegt hat (bleiben zwölf mögliche). Große Mütterbedankung.

Erinnerungswürdige Roben habe ich bislang noch nicht auf der Bühne gesehen, weder im Guten noch im Schlechten.

In der Werbepause Trailer für Nocturnal Animals – sieht gut aus. Und mit Amy Adams.

Vince Vaughn erzählt vom Governor’s Award: Jacky Chan als einziger ganz unbescheiden. Publikum steht schon wieder – trying to work off those candy calories?

Mark Rylance präsentiert Actress in a supporting role („opposing role“?): Viola Davis, jawoll! Ich verstehe die Zuordnung „supporting“ auch hier nicht, aber whatever worked. Weitere stehende Ovationen. Sehr bewegte und leidenschaftliche Rede für all diejenigen, die ihr Potenzial nicht umsetzen konnten, deren Geschichten erzählt werden sollten. Tränen beim Dank.

Kimmel kündigt an: Sie haben einen Touristenbus ins Dolby-Theater umgeleitet und behauptet, sie würden hier eine Ausstellung sehen.

Charlize Theron erzählt von ihrer Inspiration durch Shirley Maclaine – und da sind sie schon beide auf der Bühne! Best Foreign Language Film: The Salesman, keine Überraschung hier. Iranischer Regisseur ist nicht gekommen aus Protest gegen den Muslim Ban, seine Dankesrede wird vorgelesen: Appell, das Leid auf der Welt zu zeigen.

Dev Patel führt den nächsten Song ein: Sting. Joah, Heisereien zu Gitarre.

Hailee Steinfeld und jemand mit García im langen Namen präsentieren Best animated short film (einen habe ich sogar gesehen!): Piper, ein niedliches Vögelchen. Kalendersprüche zum Dank, Facebook schreibt mit.
Es geht weiter mit dem Presenter-Paar, es wird politisch: Gegen jede „wall“. Best animated feature film: Zootopia, wenigstens ein Kassenschlager unter den ausgezeichneten.

Das Kleid von Dakota Johnson ist wirklich schlimm. Sie präsentiert Production Design: La La Land, es geht los. Die Preisträgerin trägt das wahrscheinlich bequemste Kleid des Abends (schwarzer Kaftan mit Knopfleiste vorne).

Touristenbusgruppe kommt in den Zuschauerraum, Kimmel stellt sie den Stars in der ersten Reihe vor. Händegeschüttel, Gequietsche, Kimmel hat ein bisschen Schwierigkeiten, sie wieder rauszukriegen. (Große Filmfans werden sie ja nicht erwischt haben, wenn sie während der Oscarverleihung nicht Fernseh schauen, sondern eine Bustour machen.)

Felicity Jones und schon wieder jemand, den ich nicht kenne. Visual Effects geht an Jungle Book – soll ja ganz erfolgreich gewesen sein, war aber derart schnell aus meinem Sichtfeld verschwunden, dass ich auch den verpasst habe. Der erste Preisträger im doppelreihigen Anzug, hmja. Seth Rogen schwärmt von Back to the future als Inspiration, kann ich total nachvollziehen. Kommt auf die Bühne mit Michael J. Fox, yay! Film editing: Hacksaw Ridge. Interessiert mich weiter nicht.

Mehr Bonbons von der Decke.

Salma Hayek sieht weiterhin großartig aus, selbst wenn das Oberteil an ein Negligee gehört. Documentary short subject: The White Helmets (schon zweite Nominierung). Diesmal darf auch die Dame auf der Bühne danken. Dank appelliert, an den Krieg in Syrien zu denken.
Live action short film: Sing. Dankesrede widmet den Preis Kindern.

Kimmel twittert Trump an, weil der noch nicht auf die Oscars reagiert hat – sein Telefonbildschirm auf die Leinwand projiziert.

John Cho und Leslie Mann stellen sich blöd, dass sie den Scientific Award zwar verliehen, aber nicht kapiert haben – tut den Wissenschaften keinen Gefallen. Aber lustig, „science so specific that none of you were invited“.

Javier Bardem schwärmt von Bridges of Madison Counry, kommt mit Meryl Streep auf die Bühne, sie zu seinen Komplimenten „Thank you, I felt underappreciated.“ Cinematography: La La Land, ochja, war schön gefilmt.
Kann es sein, dass die Bärte zumindest kürzer werden?

Oscar edition of mean tweets! Nette Idee.

Emma Stone und Ryan Gosling präsentieren die beiden nominierten Songs aus La La Land (die wirklich schön sind).

Orchester wird gezeigt und vorgestellt, wieder halb unter der Bühne.
Samuel L. Jackson präsentiert Original Score: La La Land, ja, wahrscheinlich die Filmmusik des Jahres, die man am längsten hören wird.

Scarlett Johansson – oh Gott, was hat sie an?! Rosa Frischhaltefolie? Best original song: „City of stars“, echter Ear Catcher. Zum dritten Mal wird „teachers“ gedankt, nett.

Jennifer Aniston kündigt die Verstorbenen an – immer mein Highlight.

Kimmel verarscht die Inspiration-Sache, indem er einen Matt-Damon-FLop zeigt, mit sensationell schlechten Dialogen.

Ben Affleck und Matt Damn präsentieren Screen play (Orchester versucht Damon von der Bühne zu spielen – dirigiert von Kimmel): Manchester by the Sea – das freut mich sehr, super Drehbuch von Kenneth Lonergan.

Amy Adams (in gravity defying Ausschnitt) präsentiert Adapted screenplay: Moonlight. Schön, dass die Oscar-Bühne diesmal nicht rein weiß ist.

Kimmel lässt jetzt „cookies and doughnuts“ von der Decke regnen. Dann ruft er nach Kaffee.

Halle Berry lenkt durch was Riesiges auf dem Kopf von ihrem Kleid ab. Dabei ist das Kleid echt ok. Director: La La Land – das ist ja wohl symbolisch und nicht ernsthaft. Die Verlierer halten sich auch nicht besonders gut. Vielleicht ist der Film ja Lyrik? Die verstehe ich auch nicht.

Brie Larson präsentiert Actor in a leading role: Casey Affleck, halleluja. Wenn sie den Oscar in diesem Line-up Gosling gegeben hätte, wäre es lächerlich gewesen. Er erwähnt seinen Bruder Ben sehr nicht beim Danken (der ihn in Interviews lächerlich machte, als der Film Manchester by the Sea Furore zu machen begann).

Leonardo Dicaprio präsentiert Actress in a leading role: Emma Stone – sie war das Brillianteste an La La Land, insofern ok. Sie würdigt erst mal die anderen Nominierten. Gibt zu, dass das nur durch die Kombination von „luck and opportunity“ möglich war, sie strahlt wirkliche Bescheidenheit aus.

Warren Beatty und Fay Dunaway präsentieren besten Film. Erstmal Plädoyer für „freedom and diversity“. Die Nominierungen wurden dieses Mal nicht über die Show verteilt, sondern werden erst jetzt gezeigt.
La La Land, pft.

Während der Dankesrede stellt sich heraus: War ein Irrtum, Oscar geht an Moonlight; der Zettel wird gezeigt.
Warren Beatty erklärt die Verwechslung: Offensichtlich hatte er den Zettel für Best Actress bekommen, „Emma Stone, La La Land„, deshalb habe er so lange mit dem Vorlesen gebraucht.
Durcheinander auf der Bühne, es ist sehr voll, Produzentin versucht irgendwie eine Dankesrede zu halten.

Ok, Moonlight muss ich noch sehen, will ich auch wirklich. Dieses Jahr hatte ich wirklich viele der nominierten Filme gesehen, den noch nicht.

Aufräumen, noch ein bisschen schlafen, bevor der Putzmann spätestens um 10 Uhr kommt.
Vertipper und Fehler besser ich noch aus.

Bis auf das Durcheiander am Ende (Kimmel: „I knew I would screw up.“) durchschnittliche Show, aber eine weitere.

Journal Samstag, 25. Februar 2017 – Manchester by the Sea

Sonntag, 26. Februar 2017

Ein sonniger, kalter Tag. Ich war mit Kopfweh aufgewacht und sah meine Laufpläne bereits durchkreuzt, doch über den Vormittag ging es mir besser. Ich spazierte in Laufkleidung an die Isar, um dort zu entscheiden, ob ich lieber weiter spazierte oder doch losjoggte.

Am Westermühlbach sah ich endlich reichlich Winterlinge, jetzt glaube ich, dass Frühling werden könnte.

Meine Taktik funktionierte: An der Wittelbacherbrücke fühlte ich mich fit genug für einen Dauerlauf.

§

Nachmittags in die Museumslichtspiele geradelt, um Manchester by the Sea zu sehen, eine weitere Oscar-Nominierung. Wieder ein anstrengender Film, doch einer, der klein, harmlos und leise daher kommt, sich ganz auf der Hintergrundebene entfaltet. Und dort sind entsetzliche Erlebnisse und große Schmerzen. Mir gefiel der Realismus der Charakterzeichnungen und des zwischenmenschlichen Umgangs. Es geht um normale Leute, im Mittelpunkt der völlig gebrochene Lee. Und die sprechen halt nicht über ihre inneren Vorgänge und ihr Gefühle, auch wenn sie einander zugewandt sind, einander sehen. Als sein Bruder stirbt, soll Lee die Vormundschaft seines 16-jährigen Neffen übernehmen. In unmarkierten, daher oft angenehm verwirrenden Rückblenden wird erzählt, warum Lee aus dem Ostküstenort Manchester by the Sea fortgezogen ist, warum das Testament seines Bruders ihn überfordert. Und Casey Affleck spielt ihn ohne Schauspiel, mit nahezu unbewegtem Gesicht.

Auch den 16-jährige Patrick erkannte ich (ideal besetzt mit Lucas Hedges), der eben nicht niedlich ist, sondern zwischen kindlicher Egozentrik und Autarkiebestreben schwankt. Mich rührte, wie Lee einerseits hilflos ist im Umgang mit diesem Verhalten, dem Neffen aber dennoch beharrlich und ungelenk voll Liebe beisteht – ich fühlte mich an meinen Vater erinnert.

Und das Filmende liefert weder Erlösung noch menschlichen Wandel. Sondern halt das Finden einer Lösung, mit der sich irgendwie leben lässt.

(Matthew Broderick taucht auch kurz auf – creepy Spießertypen scheinen ihm Spaß zu machen.)

Die Rezension von Tobias Kniebe in der SZ gefällt mir sehr gut:
„In eine Seele schauen, in der nichts mehr ist“.

§

Schmunzeln am Sonntagmorgen:
„10+ Animals That Look Like They’re About To Drop The Hottest Albums Of The Year“.

via Felix M

Journal Montag, 20. Februar 2017 – Sendlinger-Tor-Platz wird so richtig Baustelle

Dienstag, 21. Februar 2017

Die abendliche Besorgungsrunde führte mich über den Sendlinger-Tor-Platz – eigentlich. Denn jetzt geht es wirklich los mit dem großen Umbau des U-Bahnhofs samt Tramanschlüssen: Es waren bereits einige Zugänge zum Untergeschoß gesperrt, gewohnte Ausweichrouten über den Platz durch Baugerät und Bauzäune blockiert. Die nächsten Jahre wird sich hoffentlich die jahrelange Übung mit (immer noch bestehenden) Baustellen am und unter dem Hauptbahnhof auszahlen: Für jede Querung werde ich wieder neu einen Weg suchen müssen. Leid tun mir allerdings die vielen Pendlerinnen und Pendler, die täglich am Sendlinger Tor umsteigen und denen mit dem Umbau alles neu und besser versprochen wird. Da müss mer halt durch, gell.
Der eigentliche Bau der Münchner U-Bahn Ende der 1960er, Anfang 70er war sicher schlimmer.

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Weiter bei Frau Julie (deren Blog ich arg vermisse) zur Berlinale hinterher gelesen: Auch dann ein Lesegenuss, wenn man schon weiß, wie sie ausgegangen ist.
„Berlinale 2017 – Männer! Heute ist ein guter Tag zum Sterben“.

Das hier sieht sowas von komplett meschugge aus, dass ich es sehen möchte – als hätte Almodóvar einen vierten Teil der Cornetto-Trilogie gemacht.

Journal Samstag, 18. Februar 2017 – Ringelstrumpfhosen, Fences

Sonntag, 19. Februar 2017

Eigentlich. Eigentlich hatte ich eine Runde Schwimmen vor – ich war die ganze Arbeitswoche nicht zum Sport gekommen, da war ja wohl klar, dass ich das Wochenende dazu nutzen musste. Ins Kino wollte ich auch, Endspurt vor der Oscarverleihung. Doch als ich beim Zähneputzen Mantel-zur-Reinigung, Schwimmen, Einkaufen, Frühstücken, Kino minutengenau durchplante, fühlte ich mich gestresst.

Zack, umgeplant, Schwimmen abgeblasen. Statt dessen ausführliche Körperpflege, lustige Kleidung – in Solidarität mit Frau… äh… Mutti, die sich reichlich unpassende Kommentare zu ihrer Vorliebe für kurze Röcke in Kombination mit gemusterten Strümpfen anhören muss.

Gemütliche Einkaufsrunde mit Zwischenstopps für Pokémonfang. Frühstück: Frisch gesäbelter Jamón, dann eine Orange, eine Mandarine, zwei riesige Datteln kleingeschnitten, mit Joghurt und frischer Minze zu genau der köstlichen Speise verrührt, die ich mir in dieser Kombination vorgestellt hatte. Dazu eine große Tasse Darjeeling.

§

Ich spazierte ins Cinema und sah mit wenigen anderen Fences, eine weitere Oscar-Nominierung. Ich wusste, dass das ein verfilmtes Theaterstück ist, das sehr lange auf Verfilmung gewartet hatte: Autor August Wilson hatte auf einem African-American Regisseur bestanden – und da find‘ erst mal einen in Hollywood. Es wurde dann Denzel Washington, der auch die stark dominierende Hauptrolle Troy spielt.

Fences ist also ein Kammerspiel um diesen Troy, einen Mann Mitte 50 mit schlimmer Vergangenheit, der versucht, ein guter kleinbürgerlicher Ehemann und Vater zu sein, seine Träume dabei nicht im Weg stehen zu lassen. Und der aufs Menschlichste sowohl als Partner als auch als Vater scheitert. Es hatte schon etwas von Death of a Salesman, wenn auch in kleinerer, bitterer Form.

Auch wusste ich vorher, dass das ein stark textlastiges Theaterstück ist, und manchmal sehnte ich mich tatsächlich nach ein paar Momenten einfach nur mit Bildern statt Dialogen, die oft Troys Monologe sind. Doch so ist es eben ein ungeheuer dichter Film geworden, der Informationen, Handlung, das Innere der Charaktere sehr theaterartig nur durch Text und Schauspielkunst vermittelt. Herausragend ist Viola Davis in der einzigen weiblichen Rolle (mal wieder: Vhere are ze vomen?).

Auf dem Heimweg ging mir durch den Kopf, wie sehr das Stück in einer Zeit (1950er) und in einer Gesellschaftsschicht verwurzelt ist, nämlich der schwarzer kleiner Leute: Die ganz konkrete Sprache, die Alltagsnormalitäten einer Familie, die Chancen oder eben ihr Fehlen für Schwarze.
Ein konventionell umgesetztes Theaterstück, in manchen Kameraeinstellungen schoss mir durch den Kopf, wie die Anweisung dafür wahrscheinlich gelautet hatte. Aber dieses Theaterstück ist halt schon ein sehr gutes.

Spaziergang nach Hause in ein wenig Sonne und überraschend fröstligen Temperaturen.

§

Daheim nach Langem mal wieder die Zehennägel lackiert – daran merke ich, dass wir einen deutlich kälteren Winter haben als vor einem Jahr. Für Unterlack, zweimal Farbe und Überlack muss ich nämlich mindestens eine Stunde nackte Füße haben – und dafür bekam ich in den vergangenen Monaten die Wohnung nicht warm genug.

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Sehr spannend: Eine blinde Köchin, MasterChef-Gewinnerin Christine Ha, zeigt mit der GoPro, wie sie kocht.

via swissmiss

Journal Sonntag, 5. Februar 2017 – WMDEDGT

Montag, 6. Februar 2017

Am 5. des Monats will Frau Brüllen wissen: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? (WMDEDGT) Und weil heute keine Arbeit drin ist, darf ich das erzählen.

Um sechs nach unruhiger Nacht aufgewacht. Ungewöhnlicherweise war es Herr Kaltmamsell gewesen, der mitten in der Nacht nicht mehr hatte einschlafen können. Er war in sein Bett umgezogen, um mich mit seinem Wachsein nicht zu stören, doch in den Morgenstunden hielten auch mich Sorgenkreisel von richtigem Schlaf ab.

Milchkaffee für uns beide gemacht, währenddessen mein Bett abgezogen und damit und ein paar anderen weißen Schmutzwäschestücken die Waschmaschine gefüllt.

Gebloggt, dabei Kaffee getrunken und zwei Gläser Wasser. Vor dem Fenster drei Eichhörnchen um die Kastanien turnen sehen, Twitter hinterhergelesen. Gequietscht und gelacht über Melissa Mccarthy als Sean Spicer in Saturday Night Live.

(Eine bessere Version gibt es bei der New York Times, aber halt nicht für Deutsche.)

Waschmaschine ausgeräumt, ein Drittel des Inhalts in den Trockner geschoben, ein Drittel auf dem Wäscheständer aufgehängt, für das letzte Drittel Herrn Kaltmamsell mit Trockner-Instruktionen versorgt.

Sportrucksack gepackt, Teile der Sportkleidung bereits angezogen (Sportunterwäsche, -socken, -oberteil), mich Fahrrad-fertig gemacht; es war mild genug für Wollhandschuhe, die Ski-Fäustlinge brauche ich hoffentlich dieses Saison nicht mehr. Zum Sport an den Ostbahnhof geradelt. Eine grüne Ampelwelle brachte mich aus der Puste, weil ich vor dem Gebsattelstraßenberg keine Pause hatte.

Für die halbe Stunde Krafttraining in Kleingruppe hatte die Vorturnerin Zirkeltraining aufgebaut. Und sie hatte sich ein wenig auf das Durchschnittsalter der sechs Beteiligten eingestellt, die Woche zuvor war immer wieder eine mit „das kann ich nicht mehr“ ausgestiegen (Knie, Kreuz). Ich mache mir immer wieder Gedanken, ob die Sportausbildung heutzutage etwas mehr den demografischen Wandel einkalkulieren sollte. Oder auch nur die Vielfalt an Körperformen – das frage ich mich bei so mancher Dehnübung, die mit viel Oberweite oder viel Bauch physikalisch unmöglich ist. Eine ideale Vorturnerin hätte dafür Alternativen im Angebot. Das Zirkeltraining machte viel Spaß – ich bilde mir ein, dass ich es auch zu Schulsportzeiten mochte, weil es etwas von Spiel hatte.

Eine Stunde Step-Aerobic. Wieder war der Saal ziemlich leer. Der Trainer, der im Herbst aufgehört hat, war sehr beliebt gewesen. Er hatte nicht nur souverän interessante und spaßige Choreografien aus dem Ärmel geschüttelt, sondern vor allem Spaß an der Bewegung und Humor ausgestrahlt (dass seine Figur mich an die von John Belushi in Blues Brothers erinnerte, hatte mich ohnehin zum Fan auf den ersten Blick gemacht). Seine Nachfolgerin ist durchaus gut, aber halt offensichtlich niemand, auf den man sich so freut, dass man am Sonntagvormittag einen widerstrebenden Arsch hoch kriegt.

Zügiges Duschen, Cremen, Haaretrocknen, Anziehen, Heimradeln: Ich hatte mich fürs Mittagessen verantwortlich erklärt (Herr Kaltmamsell hatte ein heftiges Korrekturwochenende). Ausnahmsweise gab es schon mittags warmes Essen, damit wir am späten Nachmittag ins Kino gehen konnten statt zu kochen. Ich verarbeitete alle verbliebenen Rüben aus dem Ernteanteil (Steckrüben, Pastinaken, Rote Bete, Kartoffeln) zu Ofengemüse, serviert mit Kräuterquark. Bis zum Servieren überbrückte ich den Hunger mit Jamón-Schnipseln und den Brokkoliresten vom Vorabend. Die Bettwäsche war mittlerweile trocken, ich überzog mein Bett damit.

Vögelchen auf dem Balkon beobachtet: Amseln, Kohl- und Blaumeisen. Als Herr Kaltmamsell rief: „Taubenalarm!“, versuchte ich ihn mit einem Hinweis auf das schillernde Gefieder für das Tier einzunehmen: „Eine Moiré-Taube!“ Er: „Ja, wie eine Öllache.“

Während Herr Kaltmamsell die Wohnung mit dem Duft kochender Orangenmarmelade erfüllte, meldete ich weitere Blogposts an VG Wort. Noch ein Stündchen Wochenendzeitung gelesen, bevor wir die U-Bahn ins Kino nahmen (die Wochen vor der Oscarverleihung sind immer meine Kinowochen). Wir sahen Hidden Figures: Ein konventionell erzähltes Biopic, aber die Geschichte ist so interessant, dass mehr filmerischer Vordergrund wahrscheinlich gestört hätte. Und es war so viel Mathematik drin, von der ich keinen Piepston verstand, dass ich die Sachseite ernst nehmen konnte. Schauspielerinnen und Schauspieler durch die Bank gut, über die Ungereimtheiten in der Darstellung von Rassismus und Segregation konnte ich hinwegsehen: Ein Abteilungsleiter kann im Handstreich die Klo-Segregation auf einem ganzen Firmengelände aufheben, ohne dass er Wind von vorn bekommt? Und in welcher konstanten existenziellen Bedrohung von Weißen, vor allem der Polizei, Farbige damals lebten, wurde nur in der Eingangszene kurz angerissen. Spannender Film, Empfehlung.

Daheim gab es als Abendbrot aufgetaute Bagels mit Frischkäse, Lachs und Ernteanteil-Kresse, danach reichlich Süßigkeiten. Dazu lief im Fernsehen Ein süßer Fratz – Audrey Hepburn ist einfach zum Niederknien. Und ich entwickelte mit Glücksei-Unterstützung eine Generation Pokémon.

Vor Zähneputzen und Zahnseideln machte ich die Wohnung Putzmann-fertig: Herumliegendes Papier einsortieren (zum Teil), Sets und Servietten vom Esstisch verräumen, Töpfe und Bleche abspülen.

Im Bett verplöppelte ich mir die Ohren dann doch mit Wachs: Mindestens zwei Krähen diskutierten draußen sehr laut.

Journal Samstag, 28. Januar 2017 – Arrival

Sonntag, 29. Januar 2017

Lange ausgeschlafen, den Tag mit einem sonnigen Morgen und Bloggen begonnen. Erst am späten Vormittag nahm ich eine U-Bahn raus nach Thalkirchen zu einem Isarlauf.

Gerade als ich dieses Bild am Zaun der Burg Schwaneck aufgenommen hatte, segelte über mir ein großer Greifvogel auf einen Baumwipfel, nach wenigen Sekunden flog er weiter. Daheim identifizierte ich ihn anhand seines auffälligen Flügelmusters: Das war wohl ein Bussard.

Auf dem Hinterbühler See wurde eisstockgeschossen.

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Daheim festgestellt, dass es in unserer Küche noch dunkler geworden war: Zwei der drei LED-Lämpchen über der Spüle funktionieren schon seit einiger Zeit nicht (die Leiste soll eh ausgewechselt werden), das eine Lämpchen von dreien über der gegenüberliegenden Arbeitsfläche, dass Herr Kaltmamsell vergangene Woche ersetzt hatte, ging auch mit neuem Birnchen nicht, und jetzt blieb auch das Deckenlicht dunkel. Dummerweise auch nach Tausch der beiden Birnen, da ist also etwas Grundlegenderes kaputt. Ich werde am Sonntag Rat bei meinem Elektrikerpapa einholen müssen.

§

Nachmittags sah ich mir im Cinema Arrival an – mich hatte interessiert, dass bei dieser Alien-Begegnung eine Linguistin die ausschlaggebende Wissenschaftlerin war (und von der geschätzten Amy Adams gespielt wurde).

Mir gefiel der Film sehr gut. Dafür, dass wir es mal wieder mit riesigen Raumschiffen zu tun hatten, war er klein und ruhig gefilmt, die Personen unidealisisert aufgenommen (Amy Adams musste sehr wahrscheinlich nicht die sonst üblichen ein bis zwei Kleidergrößen fürs Filmen abnehmen und trug jederzeit glaubhafte Kleidung und Frisur). Lediglich die Aufnahmen vom und im Raumschiff sowie der Alienschrift waren außerweltlich atemberaubend.

Doch der Star ist die Geschichte: Erst im letzten Viertel des Films wird klar, worin die eigentliche Andersheit der außerirdischen Welt besteht, was sie mitgebracht haben. Und die Perspektive auf alles, was wir davor gesehen haben, verschiebt sich. Ausgezeichnet gemacht – und mal ein für Sprachforschende ansprechendes Science Fiction Set-up.

Hier eine Untersuchung der Darstellung von Linguistik im Film, vor allem des Büros der Hauptdarstellerin, hier macht sich Sprachwissenschaftler David Adger Gedanken über „How alien can language be?“.
Vorsicht: Im englischen Sprachraum gilt Sprachwissenschaft nicht als science, es wird zwischen science (Naturwissenschaften) und humanities (Geisteswissenschaften) unterschieden – selbst wenn letztere wissenschaftliche Methoden verwenden und Mathematik streng genommen nicht zu ersteren gehören dürfte. Aus diesem für Deutschsprachler fremden Gegensatz basiert so manche Diskussion im Film und in den englischen Besprechungen des Films.

§

Weder Herr Kaltmamsell noch ich hatten Lust auf abendliches Kochen, der angepeilte Italiener ums Ecke war geschlossen, also gingen wir mittelfein Pizzaessen.

§

Mit einer berührenden Multimedia-Reportage erzählt Katrin Steinberger von der 90jährigen Auschwitz-Überlebenden Éva Fahidi – die ihre Geschichte tanzt:
„Éva tanzt“.