Filme

Hollywood-Nachklapp

Dienstag, 4. März 2014

Ein bisschen lasse ich die Oscarnacht noch ausklingen, zum Beispiel mit der Berichterstattung bei Kleinerdrei und ein paar animierten Gifs der Show.

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Die Kritiker sind sich einig, dass das nach Langem mal wieder eine erfreuliche Veranstaltung war und dass der Verdienst durchaus auf das Konto von Präsentatorin Ellen DeGeneres geht.

The opening monologue was packed with witty—and in some cases, snarky—jokes. There was the jab at a blue-haired Liza Minnelli, claiming she was a man in drag masquerading as the Oscar winning legend. She chided the nominated actors for attending “a total of six years of college,” and threw a polite jab at Jennifer Lawrence for her tumble on the red carpet earlier in the evening, saying, “If you win tonight, I think we should bring you the Oscar.” She even mocked Jared Leto for how pretty he is. “I’m not gonna say who looks the most beautiful—but it’s clear, it’s Jared Leto,” quipped DeGeneres. “He’s the prettiest. Boy, is he pretty.” And the innoxious DeGeneres even made a dick joke! “You showed us something in that film that I have not seen in a very long time,” she told Jonah Hill, about his public masturbation scene in The Wolf of Wall Street. The monologue closer was a doozy, as well: “Possibility number one: 12 Years A Slave wins Best Picture. Possibility number two: you’re all racists.”

Nachtrag: Ja, das war übrigens tatsächlich ein ganz normaler, ahnungsloser Pizzabote.

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Benedict Cumberbatch hatte so offensichtlich seine Gaudi an dem Abend, dass Vanity Fair ihm eine eigene Strecke widmet: “11 Ways Benedict Cumberbatch Enjoyed The Oscars More Than Anyone Else“.

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Und dann sah ich mir gestern Abend endlich die Gesprächsrunde auf Hollywood Reporter an, die ich seit Wochen in meinen Bookmarks hatte: An einem Tisch sitzen Oprah Winfrey, Amy Adams, Emma Thompson, Julia Roberts, Octavia Spencer, Lupita Nyong’o und unterhalten sich. In der knappen Stunde erfuhr ich, warum Oprah lieber keine bösen Menschen spielt, dass Amy Adams sich für American Hustle so sehr in die fehlende Selbstachtung ihrer Figur hineinversetzte, dass sie sich lange nicht davon erholte, welche Rollen Emma Thompson konsequent ablehnt, welche Überraschung Julia Roberts erlebte, als sie endlich Merryl Streep bei der Arbeit erleben konnte (in August: Osage County), und dass Octavia Spencer und Lupita Nyong’o lange in Filmproduktionen arbeiteten (Julia Roberts sofort: “Ah, on the set there is always this one beautiful girl with the walkie-talkie.”), bevor sie selbst vor die Kamera traten – für Lupita war das bei 12 Years a Slave sogar das erste Mal.

Ein sehr lustiges und bewegendes Gespräch: “Roundtable: Oprah Winfrey and 5 Top Actresses on Crying for Spielberg and ‘Muff Shots'”.

Oscarnacht 2014

Montag, 3. März 2014

Der Mitbewohner hat morgen Urlaub, deswegen gucke ich heute nach langem mal wieder nicht allein. Er hat am Vorabend Guacamole gemacht, Nachos stehen bereit, außerdem Salznüsschen und Schokolade, eine Kanne Tee wird uns hydrieren.

Auch dieses Jahr recherchierte ich eine Viertelstunde lang, um welche Uhrzeit genau die Show beginnt, damit ich umrechnen konnte, wie spät das hier ist, um den Wecker entsprechend zu stellen. Ergebnis: 5.30 pm PST geht die eigentliche Zeremonie los, das ist 2.30 Uhr Münchner Zeit, Wecker also auf 2 Uhr. (Damit ich 2015 bei mir selbst nachsehen kann.)

ELLEEEEEEEEN! Captain Philips und Philomena sind im Publikum, interessant! Und Ellen macht böse Witze, gut. Unter anderem über die mangelnde Schulbildung der Hollywoodmenschen (14.000 Filme seien dieses Jahr hier versammelt. Und 6 Jahre College.)

Anne Hathaway habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Das Kleid werde ich schneller vergessen. Erster Oscar für Jared Leto – oh ja, der war wirklich gut. Sehr gefasster Auftritt, dankt seiner Mutter, die ihn und seinen Bruder schon als Teenager bekommen hat (uh, not preventing teenager pregnancy this is). “For the 36 million people who lost the battle against AIDS.”

Ich mag den Tonfall sehr, den Ellen anschlägt. Jim Carrey präsentiert Animation (woher muss ich Bruce Dern kennen?).

Kerry Washington (mit großem Babybauch) präsentiert die ersten von vier Best-Song-Nominierungen: “Happy” – das leider für mich immer ein bisschen wie Supermarktmusik klingt.
(Hihihi, Ellen hat das Selfie auf der Bühne tatsächlich gepostet.)

Samuel L. Jackson – sieht aus, als wäre er im Smoking geboren. Costume Desing, dieses Jahr spannend: The Great Gratsby (einzige Nominierung neben Production Design? dann muss er ja wohl einen von beiden bekommen). Dankesrede – wir lernen australischen Akzent! Süß.
Make-up and hairstyling: Dallas Buyers Club (wir sind bei zwei).

Harrison Ford kommt mit Indiana Jones-Musik auf die Bühne – so eine Musikmarke muss man erst mal haben.

Channing Taylor (kenne ich nicht, ich bin alt). In der Werbepause serviert der Mitbewohner Guacamole.

Kim Novak gibt’s noch! Und sie ist entweder ein Brandopfer. Oder ein Chirurgenopfer. Ich mache mich weder über das eine noch über das andere lustig, ehrlich. Best short animated film. Das japanischisch aussehende gefällt mir kriegt aber wer anders – Mr. Hublot. Französischer Akzent, muss mindestens einmal am Abend sein. Und wie sein Notizzettel zittert, awww.
Best animated feature film: Frozen. (Dutzende weinender Minions am Bildschirm daheim.) Dieses Trio ist schon sehr viel gefasster bei der Dankesrede.

Sally Field! Ist mir am gewärtigsten als Mutter (eh) in Emergency Room. Sehr eigenartige Zusammenstellung: “Everyday heroes” in der Filmgeschichte. Hmmm.

Emma Watson und (kenne ich nicht, peinlich): Visual effects geht an Gravity. Aber ja!

Zac Efron (und Ellen spielt seinen Sit-in), nächster Song, diesmal aus Her (erst gestern zum ersten Mal den Trailer gesehen, bin ich schon sehr gespannt drauf).

Best live action short film: Helium, was Skandinavisches? Auf der Bühne auf jeden Fall schon mal dänischer Akzent.

Best documentary short: The Lady in Number 6: Music saved my life. Und jedes Jahr bedauere ich, dass ich die alle nie sehen werde. Natürlich gewidmet der Dame, um die’s im Film geht, und die vor einer Woche starb.

Ellen nimmt die Standardklage auf, dass alle im Publikum bei Oscarverleihung furchtbar hungrig sind und gibt vor, Pizza zu bestellen.

Bradley Cooper präsentiert Documentary Feature: 20 Feet from Stardom. Dankesrede gesungennnnbrüllt – dem Publikum gefällt’s, es steht.

Kevin Spacey berichtet von den Governor Awards (Steve Martin, Angela Lansbury!), scherzt sich erst mal in House of Cards-Pose ein.

Ian McEwan Ewan McGregor (ich kriege die immer durcheinander) verkündet den Gewinner Auslandsoscar: The Great Beauty (Italien). Italienischer Akzent muss auch immer sein, er bringt Diego Maradona unter.

Ellen hat sich umgezogen – weißer Smoking, sehr schön.
Brade Pitte kündigt U2 an (das könnte man doch für die Münchner Verkehrsbetriebe nutzen, nein?).

Ellen macht Selfies am Meter, jetzt mit zehn Superstars, und will damit die meisten Retweets überhaupt jemals erzielen. Moment, hm nicht live auf Twitter.

Charlize Theron und Thor (sorry, in many ways) präsentieren Sound Effects: Gravity.
Da ist Ellens Gruppenfoto!

Sound Effects: Auch Gravity, sehr schön, könnte ein Vorführbeispiel für genau diese Kategorie sein.

Christoph Waltz stellt die Nomierten weibliche Nebenrolle vor: Es gewinnt Lupita Nyong’o. Awww, erste Tränen auf der Bühne – sie erwähnt die Yale School of Drama, oho.

Jetzt wird tatsächlich Pizza gebracht – und das ist wohl ein echter Pizzabote (Ellen: “I lied. We weren’t going backstage.”). Uh, und jetzt hat keiner Bargeld dabei. Ellen meint, Harvey Weinstein soll übernehmen.

Die Präsidentin der Academy – Schnarchtime. Stopp! Sie kündigt ein neues Filmmuseum an, das 2017 öffnen soll.

Amy Adams und Bill Murray – ein Traumpaar! Cinematography geht auch an Gravity. Müsste mit drei Oscars vorn liegen. Die Auszeichnung zeigt mir, dass ich von Kameraarbeit nichts verstehe, denn bei einem überwiegend am Computer hergestellten Film hätte ich Kamera nicht für so wichtig gehalten.

Schnitt: Auch Gravity! Dem Film hatte ich gar nicht so große Chancen eingeräumt, weil sein Start schon so lange her ist. Irrtum, mal wieder.

Whoopi! Sieht ins Publikum: “Looks like Sunset Boulevard.” Und sie zeigt ihre Ringelstrümpfe unterm Abendkleid! Oh, die drei Kinder von Judy Garland sind da. Aber die Bluse unterm Abendkleid von Frau Goldberg ist keine gute Idee.

*KRAHAISCH* Ellen im lachsfarbenen Riesenfeenkleid.

Jennifer Garner und Benedict Cumberbatch präsentieren Production Design: The Great Gatsby – no, hat alles gekriegt, was er kriegen konnte. Und beide sehr nachvollziehbar.

Chris Evans. Boah, so viele Männer mit Haaren im Gesicht dieses Jahr. Zusammenschnitt von Helden im Film – 95% Männer. Pf.

Glenn Close als Queen Victoria (trauriges Kleid) kündigt den Nachrufzusammenschnitt an.

Bette Middler! Weiterhin wunderschön. Es tut mir so leid, dass sie diese bescheuerten 80er-Kommödien spielen musste.

Ellen nochmal umgezogen, das überrascht mich tatsächlich.

Goldie Hawn – love her. Und sie scheint endlich zu altern, war ja schon fast unheimlich.

John Travolta, immer noch im Closet, kündigt einen weiteren Song an.

Jessica Biel (ich muss mir immer vorsagen, NICHT Bielmann, NICHT Eiskunstlauf) und Jamie Foxx präsentieren Best Score (die Musik von Philomena fiel mir sogar negativ auf, war mir viel zu TV-Trallala, und sonst liebe ich Desplat): Gravity, liegt nun uneinholbar vorne. Steven Price muss ich erst mal nachschlagen. Song: “Let it go” aus Frozen. Gereimte Dankesrede, Respekt.

Robert De Niro und Penelope Cruz für Best Adapted Screenplay: 12 Years a Slave. Gewinner geht auf die Vorstellung ein – sehr sympathisch und souverän.
Original Screenplay: Her. Nun, habe ich nicht gesehen, kann deshalb nicht beurteilen, ob es NOCH besser ist als American Hustle.

Sidney Poitier – ich heul gleich. Präsentiert mit Angelina Jolie Best Director. Alfonso Cuarón für Gravity. Er witzelt zum Dank (mit dieser Reaktion auf Emotionalität identifiziere ich mich am meisten), vor allem über die lange Dauer des Projekts: “The film took so long that we went through two different administrations.”

Daniel Day-Lewis (hach) präsentiert Female Leading Role: Cate Blanchett – der erste Oscar, auf den ich wirklich meinen Arsch verwettet hätte. Blanchett erzählt, dass Judi Dench gerade in Indien dreht und deshalb nicht dabei ist – danke, ich hatte mich schon gesorgt.

Jennifer Lawrence präsentiert Male Leading Role: Matthew McConaughey – auch keine Überraschung, und sehr verdient. Oy, he’s getting religious on us. Aber es ist sein ganzer Auftritt bei dieser Gelegenheit, der mich wieder daran erinnert, warum ich ihn vor Dallas Buyers Club nicht ausstehen konnte.

Will Smith darf den besten Film verkünden: 12 Years a Slave. Einer von denen, die ich nicht gesehen habe, Mist. Steve McQueen liest vom Zettel, kann ich gut verstehen. Ist völlig auseinander, schafft es aber noch zu einem politischen Statement, sehr gut.

Das war’s: Durchschnittliche Show, Ellen hat’s vor allem durch die Pizza-Einlage rausgerissen.

Ich schalte jetzt um auf Morgenmodus und mache mir meinem Milchkaffee. Da mir die eine andere Präsenzkollegin mit ihrem Urlaubsantrag zuvorgekommen ist, wird das für mich ein ganz normaler Arbeitstag. Aber als Ausnahme geht das schon mit dreieinhalb Stunden Schlaf.

Dallas Buyers Club – nichts außer McConaughey

Sonntag, 2. März 2014

Ich habe den Film gerne angesehen, und Matthew McConaughey (dessen Namen ich immer irgendwo rauskopieren muss) hat mich sehr beeindruckt und sah so ungewohnt aus, dass ich ihn nicht mal wie sonst nicht ausstehen konnte.

Doch je länger ich danach über den Film nachdachte, desto mehr ärgerte ich mich über das Drehbuch: Alle Figuren sind cool und lässig, haben einen kessen Spruch auf der Lippe, fast jeder Dialog läuft auf eine Pointe hinaus. Keine der Figuren hat eine ernsthafte Charakterzeichnung, die einzige Figur, die sowas wie eine Entwicklung durchmachen darf, ist die Hauptfigur Ron. Und auch da sehen wir keine Entwicklung, sondern nur Zwischenresultate. Niemand denkt über irgendwas nach, alle haben sofort Lösungen parat. Am stärksten stieß mir das in der Japan-Sequenz auf, als Ron das Interferon, wegen dem er angereist ist, nicht kaufen darf. Man sagt ihm, das dürften nur einheimische Ärzte. Schnitt: Ron sitzt einem japanisch aussehenden Mann gegenüber, der englisch spricht, wohl ein Arzt ist und das für ihn erledigt. So sehr ich Erzählökonomie schätze – hier hätte mich dann doch sehr interessiert, wie er an den kam.

Es soll ein Gesellschaftsbild der Anfänge von Aids gezeigt werden, doch wir sehen nur an Ron, welche Konsequenz ein Bekanntwerden einer HIV-Infektion hat: Seine Arbeitskollegen und Freund wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben (was aber mehr daran liegt, dass sie ihn automatisch für schwul halten), er verliert seine Wohnung, seinen Arbeitsplatz. Von allen anderen Infizierten wird nichts dergleichen erzählt. Ebenfalls ausgespart wird, dass die Aidskranken dieser ersten Generation scharenweise aufs Elendigste starben. Es wird lediglich mehrfach gesagt, dass Todkranke nichts zu verlieren haben und deswegen bereit sind, auch hochriskante Medikation zu versuchen. Rons eigene Homophobie wird vorgeführt, doch das zusätzliche Leid, das schwule Kranke durch schwulenfeindliche Ausgrenzung erlebten, spielt keine Rolle. Wobei gerade das ein ernsthafte Beachtung des Problems lange verzögerte: “Ach, ist halt diese Schwulenseuche.” All das kritisiere ich nicht als Realitätsferne, sondern als dramaturgischen Mangel.

Dann die stereotype Verschwörungsgeschichte von den bösen Pharmakonzernen und Wissenschaftlern, die vorgeblich auf überprüfbaren Prozessen beharren, in Wirklichkeit aber verhindern wollen, dass wirklich wirksame Medikamente verwendet werden. Ist mir einfach einmal zu oft erzählt worden.

Und das alles, um Ron gut aussehen zu lassen, um eine (zugegebenermaßen spezielle) Heldengeschichte zu schaffen.

Was bleibt: McConaugheys schauspielerische Leistung. Aber die rettet den Gesamtfilm nicht.

Journal Sonntag, 16. Februar 2014 –
American Hustle

Montag, 17. Februar 2014

Mit ordentlichem Muskelkater vom gestrigen Krafttraining aufgestanden (wenn er schneller als nach 24 Stunden kommt, sorge ich mich ja gerne, dass ich was falsch gemacht habe), und zum Klang des Regens, der meine Laufpläne durchkreuzte.

Bunte Strumpfhose zur Aufmunterung.

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Statt Isarlauf Kino: American Hustle.

Ich habe schon lange kein so gutes Drehbuch gesehen: Auch wenn sich der Film um bekannte Topoi drehte (Con Men, korrupte Politiker, überfeifrige Ermittler), blieben die Details der Handlung und vor allem die Charaktere ganz weit weg von Klischees. Das Resultat waren unerwartete Verhaltensweisen, Dialoge, Entwicklungen. Die Schauspieler und Schauspielerinnen konnten auf dieser Basis zu Höchstform auflaufen: Allen voran gab Amy Adams eine überaus kluge Gaunerin, die bei allem Selbsterhaltungstrieb nie zynisch wirkte (ebenso wenig wie der herzerweichende Christian Bale), Jennifer Lawrence war sehr überzeugend die reichlich unterbelichtete und dadurch verantwortungslose Figur, die sich für besonders schlau hält. Ich mochte auch sehr die Erzählstruktur, vor allem den Anfang, der uns Zuschauerinnen völlig im Unklaren lässt, was da eigentlich passiert und wie die Personen zueinander stehen. Danach werden erklärende Off-Stimmen der beiden Hauptfiguren vorbildlich zum Vorantreiben der Handlung eingesetzt.
Etwas irritierte mich die konsequente 70er-Ausstattung und -Kleidung, die vermutlich nicht mal in den 70ern so 70er-haft war – wieder gut gemacht allerdings durch geschickte Umgehung von Perfektion (unvorteilhaft zerlegene Haare, verschmierter Lippenstift).

American Hustle ist für zehn Oscars nominiert. Ich wünsche ihm den für beste Hauptdarstellerin, bestes Originaldrehbuch, beste Regie, bestes production design (der Link führt zur Pinterest-Seite, die Hintergründe zu diesem Design erklärt).

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Zeitungen weggelesen, gebügelt, zum Nachtmahl Kathas Unsichtbaren Salat gemacht.

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Gelesen:

Sehr erhellend erklärt Norbert Mappes-Niediek in der Frankfurter Rundschau Armutszuwanderung und die Ökonomie dieser Armut (die einfach und aus guten Gründen anderen Regeln folgt als unsere Ökonomie des Wohlstands): “Warum wir Roma nicht verstehen”.

Wer in einem südosteuropäischen Elendsviertel lebt und dort vielleicht schon groß geworden ist, verhält sich am besten so, wie Slumbewohner das auf der ganzen Welt aus guten Gründen tun: Er setzt sich seine Existenz wie aus einem Flickenteppich zusammen. Man verrichtet Gelegenheitsjobs, sammelt Eisen oder Flaschen, treibt ein wenig Handel, beantragt Transferleistungen, wenn es so etwas gibt. Reicht das nicht aus, kommen vielleicht auch Betteln, Prostitution und kleine Diebereien hinzu.

Das Grundgesetz des Überlebens im Slum lautet: Nie alles auf eine Karte setzen! Ein Arbeitsplatz, eine Lohnersatzleistung – das sind flüchtige Versprechen. Man nimmt sie mit, wenn man kann. Aber es wäre viel zu gefährlich, wegen eines Arbeitsplatzes oder wegen Hartz IV den Wohnort zu wechseln. Der Job oder die Leistung sind schnell weg, und dann steht man wieder vor dem Nichts. Alle hier haben die Erfahrung schon gemacht: Nie das Netzwerk aufgeben, nie sich vereinzeln lassen! Wenn es ernst wird, helfen mir kein Staat und kein Arbeitgeber, nur die Familie tut es und vielleicht die engsten Freunde.

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Wenn Sie auch nur halb so leicht zu erheitern sind wie ich: Etwas Spaß zum Montag.

Journal Mittwoch, 4. September 2013 -
Filmdreh, Filmguck

Donnerstag, 5. September 2013

Schon am Abend zuvor hatte ich mich darauf gefreut, morgens vor der Arbeit zum Isarlaufen zu gehen. Und es war wundervoll! Mild und immer sonniger, immer noch voller Sommerferiengerüche. Überrascht hat mich lediglich, wie viele andere Läufer gestern unterwegs waren; vor zwei Wochen genoss ich bei ähnlicher Witterung Einsamkeit.

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Besonderheit: Zwischen Wittelsbacher Brücke und Braunauer Eisenbahnbrücke arbeitete ein vielköpfiges Filmteam an und in der Isar.

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Mittags bei Marietta gab es scharfe Calamari mit Artischocken auf Ruccola, mein Gegenüber hatte Pappadelle mit Pfifferlingen und Speck.

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Abends kam Garp und wie er die Welt sah auf Arte. Nein, ich hatte nicht vergessen, wie großartig der Film ist (ich wunderte mich eher, wie genau ich ihn kannte – mehr als zwei, drei Mal habe ich ihn doch nicht in den vergangenen 20 Jahren gesehen?). Aber ich wurde traurig, weil es unvorstellbar ist, dass er heute gemacht würde. Eine Transsexuelle, über die sich überhaupt nicht lustig gemacht wird! Die selbst die guten Pointen hat! Klar, Irvings Romanvorlage ist bereits großartig, aber es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, einen darauf basierenden Film zu versemmeln. Tatsächlich darf der groteske rote Faden, den der frühe Irving so meisterhaft spann, auch den Film tragen. Und sehr wahrscheinlich habe ich von Roberta mein Faible für Kaftans als Hauskleidung.
(Bei kurzer Recherche endlich herausgefunden, warum ich den Film erst Jahre nach seinem Entstehen im Kino sah, übrigens in der klapprigen Filmbühne in Augsburg: Garp kam erst 1987 in Deutschland heraus, fünf Jahre nach seinem Erscheinen in USA.)

Journal Sonntag, 25. August 2013 – Familienverbandelungen

Montag, 26. August 2013

Ich erwachte zu Regenrauschen und Kälte, plante also kurzerhand den Morgensport in eine Kino-Matinee um und sah mir Mr. Morgan’s Last Love an.

Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass das möglicherweise keine gute Idee gewesen war: Nicht weil der Film einen schlechten Eindruck machte, sondern weil er mich zu sehr mitnehmen würde. So sehr, dass ich über die Qualität des Films nichts sagen kann. Haltlosigkeit im Leben, die existenziell tiefe Beziehung zu einem Menschen, Väter und das komplizierte Verhältnis zu ihren erwachsenen Kindern – diese Themen gehen mir derzeit zu nahe. Und dann spielt Michael Caine diese Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben wurde, auch noch mit all seinem Können.

Um ein Haar wäre ich dankbar gewesen um die Musik Hans Zimmers: Der Ekel vor dem völligen Klischee der Muster, vor dem Kitsch der g’schiss’nen Zimmer-Klarinette, holte mich immer wieder aus der Berührtheit. In vielen Szenen setzt allein die Schubladenmusik die Stimmung. Zum Beispiel sind anfangs Morgans kurze Gänge durch die Pariser Innenstadt hoffnungslos traurig; doch Zimmer kleistert munteres Klavier darüber und zwingt uns auf, es handle sich um munteres Schlendern. Nur eines halte ich ihm zugute: Obwohl der Film in Paris spielt, erklingt kein Akkordeon.

Was mir bei der Gelegenheit dieses Films auffiel: Wenn es von einer Person heißt “lights up a room”, handelt sich immer um Frauen. Bechdeltest übrigens nicht bestanden, Frauen haben in diesem Film fast ausschließlich Rollen im Leben eines Mannes. Nur Mr. Morgans Tochter scheint ein wirklich eigenständiges Leben zu haben, und gerade sie wird ausgesprochen unsympathisch gezeichnet.

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Also halt dann Geburtstagskaffee mit Eltern. Ich nutzte die Gelegenheit, meiner Butterkuchen-liebenden Mutter den Luxemburger Schuedi vorzuführen; er schmeckt frisch am besten, so frisch, wie ich ihn beim Mitbringen nie servieren könnte.

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(Keine Angst, Kaffeetafeln sehen bei mir nicht immer so aus. Genau gesagt, gibt’s bei mir sonst gar keine Kaffeetafeln.)

Meine Eltern wurden für ihr Insistieren mit 60 Minuten Stillstand im Autobahnstau gestraft, ich natürlich mit ebensolangem Warten, während der Schuedi unfrisch und der Kaffee kalt wurde. Mein Verständnis für die Freude am Geburtstagfeiern wollte dabei nicht so recht wachsen.

Aber ich freute mich dann, meinen Vater vom kürzlichen Spanienurlaub in seiner Heimat erzählen zu hören. Er hatte mit meiner Mutter viele Verwandte auf dem Land besucht (meine aus Nordkastilien stammende Großmutter hatte über zehn Geschwister), mit dem einen Vetter und seiner Familie in der Garage gefeiert (meine Muttern lernte, welch Fauxpas es ist, einen Landwirt nach der Anzahl seiner Kühe zu fragen), sich von der anderen Kusine meines Vater zu einer Paella einladen lassen. Nur bei Kusine Lupe (Abkürzung für den Vornamen Guadalupe) wurde nicht mal das Angebot eines Getränks angenommen: Sie hatte umgekehrt bei einem Besuch nichts annehmen wollen, also instruierte mein Vater meine Mutter vor dem Betreten ihres Hauses, dass sie alles abzulehnen habe. Mein Vater ist da manchmal ein wenig … äh … korsisch. Aber er erzählte die Begebenheit schmunzelnd.

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Wäschewaschen, -trocknen, -räumen. Das dünne Sommerbett verräumt, jetzt brauche ich eine wärmere Decke zum Schlafen.

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Internet-Beifang:

Bridget Christie hat den renommiertesten Comedy-Preis der UK gewonnen, und ich wünschte, in Deutschland läsen sich Komikerinnen-Rezensionen wie diese hier.

Der Fotograf Kai Fagerström hat den Verfall eines finnisches Landhauses begleitet. Das Resultat: Niedliche Tierfotos.

Iron Man 3

Samstag, 4. Mai 2013

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Ein bestandener Bechdeltest, hurra! Es war der Mitbewohner, der mich von rechts im Kino anstupste: Eben hatten sich in Iron Man 3 Pepper und Maya im Auto auf der Flucht darüber unterhalten, was genau Maya als gelernte Biologin macht, was dieses Extremis eigentlich ist und anrichtet. Waren also
1. at least two women,
2. who talk to each other,
3. about something besides a man.
Falls es Ihnen bislang noch nicht aufgefallen ist: Diese scheinbar minimalen Anforderungen erfüllt fast keine Hollywoodproduktion.

Ansonsten ist der Film dicht erzählt, vermittelt viele Informationen indirekt oder mit Pointe, Robert Downey Jr. hat offensichtlich einen Heidenspaß, Tony Stark ist weiterhin eine wunderbare Mischung aus wirklichem Genie und komischer Selbstüberschätzung, über die er sich wiederum lustig macht.
Ben Kingsley war nie besser (ernsthaft) – warum, kann ich leider nicht erklären ohne zu spoilern. Doch allein seine Szenen (mit Fußball im Fernsehen!) verschaffen dem Film einen Sonderplatz in der Filmgeschichte.
Ein Kind kommt auch drin vor; die Interaktionen zwischen ihm und Tony Stark grätschen angenehm aus der Erwartbarkeit aus.

Wenn Sie also Vergnügen aus Konfetti-buntem Popcornkino aus Hollywood ziehen können, empfehle ich Ihnen den Film als besonders schönes Exemplar der Gattung.