Fotos

Journal Sonntag, 20. August 2017 – Spanienurlaub 1, Anreise

Montag, 21. August 2017

Ein bisschen fühlte sich tatsächlich schon die S-Bahn-Fahrt wie Urlaub an, mit vielen, aber nicht zu vielen anderen Rollkofferzieherinnen und -ziehern.
Auf dem Weg zum Stachus die Sonnenstraße entlang hatten wir noch viele Partygänger auf der Feierbanane und viele Obdachlose gesehen, die vorm Kaufhof schliefen – was man so mitbekommt, wenn man mal zu ganz ungewohnten Zeiten aus dem Haus geht.

Wir stiegen in ein Flugzeug nach Santiago de Compostela, denn der Plan für diese knapp drei Wochen Spanien lautet:
– eine Woche Wandern an der Costa de la muerte
– ein paar Tage galicischer Strand
– eine Woche Madrid

Die Aussichten während des Flugs (immer Fensterplatz) waren herrlich und erinnerten mich daran, wie groß und vielfältig die iberische Halbinsel ist.

Ausruf der Passagierin vor mir, als sie beim Anflug auf Santiago die Landschaft auf dem untersten Foto sah: „Aber das sieht ja gar nicht aus wie Spanien!“ Nun, herzlich willkommen zum nördlichen Drittel dieses Lands.

Ein Shuttle des Reiseveranstalters fuhr uns in einer guten Stunde vom Flughafen nach Norden an die Küste, wo unsere Wanderung morgen beginnt. In den Orten, durch die wir kamen, sah ich Graffiti für die Unabhängigkeit Galiciens, auf Galicisch. Der Rest Europas (mit einer winzigen Ausnahme) sucht seit Jahrzehnten nach einer möglichst breiten Basis für Austausch und Kommunikation, die spanischen autonomen Regionen (weitaus unabhängiger als die Länder im deutschen Föderalismus) möchten bitte gerne das Kleinfürstentum nachholen, das ihnen nach der Reconquista im 16. Jahrhundert versagt blieb, weil gleich ein Nationalstaat gegründet wurde.
Aber auch einen mutmaßlichen Bussard sah ich und viel exotische Vegetation.

Wir bezogen unser schlichtes Zimmer, bis dahin hatte alles geklappt. Nur dass sich jetzt herausstellte, dass dieses Hostal kein Abendessen anbietet – wir haben allerdings sieben Übernachtungen mit Abendessen gebucht und gezahlt (ich hatte mir nicht vorstellen können, dass wir nach den teilweise ganz schön happigen Tagesetappen noch Lust haben würden, ein Lokal für den Abend zu suchen). Dass das angegebene Internet-Passwort nicht funktionierte, war für die eine Übernachtung verschmerzbar, dank EU-Roaming scheue ich mich nicht, per Telefon online zu gehen.

Da es erst früher Nachmittag und ein strahlender Sommertag war, gingen wir Richtung Strand (Zironen-, Apfel-, Birnen-, Pfirsichbäume mit Früchten) und sahen uns um.

Von diesen Hórreos, die in meiner Erinnerung vom letzten Aufenthalt eng mit Galicien verbunden sind, werden Sie wahrscheinlich noch viele Fotos hier sehen: Es gibt sie in allen möglichen Varianten und Stilen.

Vielleicht werde ich auf dieser Spanienreise Schriftarten sammeln, die für mich typisch spanisch sind. Diese könnte man allerdings auch in Italien finden (sofort setzt die Musik der Don Camillo und Peppone-Verfilmungen ein).

Sogar verfallende Fischerboote haben sie den Fotografierwütigen an den Strandweg gestellt.

Ausführliche Siesta (Herr Kaltmamsell hatte sich zu Mittag süße Teile in einer Bäckerei gekauft, ich hatte aus dem Wanderproviant gesalzene Erdnüsse zu Mittag gegessen) und Buchlesen. Zu meiner Überraschung schlief mein Reisebegleiter mehrere Stunden, ich musste ihn um neun wecken, weil wir ja noch Abendessen wollten. Das bekamen wir in einem schraddligen Lokal an der Straße: Muscheln und Calamari mit Salat, dazu tatsächlich guten Albariño.

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Am Samstag versank ich mal wieder in einem Text von Herta Müller: die SZ hatte ihre Rede zur Eröffnung der Ruhrtriennale abgedruckt. Zu meiner großen Freude steht er kostenfrei lesbar online:
„Ein Ausweg nach innen“.

Ich weiß nicht, ob ich einsam war, weil ich das Wort nicht kannte. In der Dorfsprache gab es nur das Wort allein. Und im Dialekt heißt das alleinig. Es hat eine Silbe mehr, nimmt sich ein bisschen mehr Zeit und klingt trauriger als allein. Weil ich das Wort einsam nicht kannte, kannte das Wort mich auch nicht. Ich wurde nicht zu dem, was das Wort bedeutet. Es schaute mir nicht in den Kopf, wollte gar nicht wissen, was ich tu und wie ich dabei bin. Manchmal macht es die Dinge einfacher, wenn man im Kopf nicht weiß, wie man gerade ist.

Journal Freitag, 18. August 2017 – Abschied vom Münchner Hochsommer

Samstag, 19. August 2017

Schon beim Morgenkaffee auf dem Balkon war es warm, auf dem Fußweg in die Arbeit bereits heiß. Doch da für Samstag ein Temperatursturz angekündigt war und ich dann erst wieder Mitte September nach München komme, war das ziemlich verlässlich mein Abschied vom Münchner Sommer.

Ich genoss also bewusst ein letztes Mal die Farben und Gerüche.

Die Miniermotte sorgt auch dieses Jahr für vorgezogenen Herbst der Kastanien.

Es wurde nochmal richtig heiß. Mittags verfutterte ich weitere Teile des Ernteanteils, es gab Tomaten und Gurken mit einem Stück Manouri. Ich machte früh Feierabend und spazierte möglichst wenig schweißtreibend nach Hause (zwei Einzel-Raids gewonnen).

Pfirsichbowle begleitete den Abend, zum Nachtmahl verzehrten wir aus dem Ernteanteil Mangold mit Frühlingszwiebeln auf der Pfanne, Kartoffeln aus dem Ofen, dazu ein wunderbares Stück Entrecôte (alles von Herrn Kaltmamsell zubereitet). Zum Nachtisch ging ich unter verdüstertem Himmel ums Eck in die Whole-in-the-wall-Eisdiele und holte zwei kleine Eisbecher. Beim Sandalenanziehen riss meine fadenscheinig gewordene Lieblingsbluse. Ich hatte sie ohnehin wegen ihrer Gebrechlichkeit nur noch selten getragen, der Abschied war also fast in Ordnung.

Am späten Abend brachen Gewitterstürme aus, die auch ein paar Hand voll Hagel mitbrachten – ich hoffe, dass genug Münchnerinnen und Münchner mit Isarpartyplänen rechtzeitig die Warnung der Münchner Feuerwehr vor stark steigendem Pegelstand (Ablass Sylvensteinstausee) mitbekommen haben.

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Ich weiß, dass Sie alle meterweit über einem Interesse an Königshäusern stehen – großartig. Doch ich lese sehr gerne das Mode(?)blog Go fug yourself, unter anderem, weil praktisch nie Paparazzifotos verwendet werden und die Körper selbst der Abgebildeten kein Thema sind. Die Autorinnen haben’s sehr mit Royals – unter Modegesichtspunkten, und so bin ich zu meiner Überraschung besser über Königshäuser informiert als je zuvor in meinem Leben. Den Fuglys ist sehr klar, dass sie in Wirklichkeit absolut nichts von diesen Menschen wissen – und so erfinden sie ihnen einfach einen Charakter. Eine ihrer besten erfundenen Figuren ist Princess Anne, zweitältestes Kind der britischen Königin. Da die Dame meist mit skeptischem Blick auf Fotos auftaucht, haben sie beschlossen, dass sie in Wirklichkeit Geheimagentin ist und texten ihr zu jedem Foto die entsprechenden Gedanken (hier ein paar wunderbare Beispiele).

Zu ihrem Geburtstag haben die Fugly-Ladies eine schöne Rückschau auf Outfits aus dem Leben von Princess Anne zusammengestellt:
„Celebrating The Many Doubtful Looks of Princess Anne, Upon Her Birthday“.

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Der Economist sieht sich Deutschland vor der Wahl an – und entdeckt die größten wirtschaftlichen Unterschiede nicht etwa zwischen Osten und Westen, sondern zwischen Norden und Süden:
„Germany’s new divide“.

via @MarcusJHBrown

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Warum auch immer er mir gerade heute einfiel, noch bevor ich das unten eingebettete Filmchen sah: Ein Mitturner aus Augsburger Aerobic-Zeiten. In meiner ersten Sportstudio-Zeit vor 20 Jahren besuchte ich ausschließlich Turnstunden. Auch damals hatten sie absurde Namen, doch drin waren in erster Line Aerobic und Step-Aerobic mit Choreographie, außerdem Gymnastik zum Kraftaufbau. Auch damals waren diese Stunden fast ausschließlich von Frauen besucht, sie galten als unmännlich. Umso mehr fiel der eine Mann auf, der regelmäßig teilnahm, akzeptierter Teil unserer Stammturngruppe war, die mindestens viermal die Woche mitturnte: Klassischer geölter Guglhupf (in diesem Sportstudio wurde auch Gewichtheben trainiert, wir hörten es beim Hopsen regelmäßig über uns Rumsen), zudem zweite Generation Zuwanderer aus traditioneller Machokultur. Ursprünglich war er eigener Auskunft nach von seinem Gewichthebe-Trainer in die Stunden geschickt worden, um Kondition und Flexibilität zu steigern. Doch dann habe ihm das Gehopse so viel Spaß gemacht (und er habe gemerkt, wie anstrengend es war) und habe so spürbar Kondition und Flexibilität erhöht, dass er aus eigenem Antrieb wiedergekommen sei. Also hopste er und bog sich regelmäßig in seinem Ringerleibchen mit uns Damen – ganz offensichtlich ohne dass er seine Männlichkeit dadurch gefährdet sah.


Journal Dienstag, 15. August 2017 – Hirschgarten in Wandershorts

Mittwoch, 16. August 2017

Feiertag Mariä Himmelfahrt.
Ab sofort mache ich zwar Sportpause, um für den Wanderurlaub zu regenerieren und dem gereizten Nerv Heilzeit zu gönnen. Ein wenig sanftes Krafttraining wollte ich gestern aber doch machen, deshalb spaziert ich an den Ostbahnhof zu „BodyArt (m.Schwungphase)“. Ja, so habe ich auch geschaut.

Und da man ja auf einem Wanderurlaub auf keinen Fall ein Ausstattungsstück zum ersten Mal tragen sollte, testete ich die neuen Wandershorts.

Traumhaftes Sommermorgenlicht.

Die Sportstunde stellte sich als eine Art Speed-Yoga mit Wiederholungen heraus, ohne viel Erklärungen, und war ganz schön schweißtreibend. Allerdings für meine Halswirbelsäule gar nicht gut, unter anderem weil der Kopf viel überstreckt wurde. Auf dem Heimweg zahlte ich mit atemberaubenden Armschmerzen.

Nachmittags legte ich mich zu einer langen Siesta hin – dann war der Nackennerv zum Glück wieder wie vor der Turneinheit.

Ausführliches Bügeln, allerdings nicht bis zum Boden des Wäschebergs, bis ich mich mit Herrn Kaltmamsell per S-Bahn zum Biergarten Hirschgarten aufmachte – da war ich dieses Jahr noch gar nicht gewesen.

Wieder einen Tisch direkt am Gehege gefunden, Rehaugen und -schnauzen bewundert, die sich uns bettelnd entgegenreckten. Gefüttert wurden sie aber von Gästen ein paar Meter weiter, direkt unter dem Schild, auf dem ausführlich und innig darum gebeten wird, genau das nicht zu tun.

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Christiane Frohmann hat einen Vortrag online gestellt, den sie im Mai auf den Solothurner Literaturtagen gehalten hatte:
„Wer verstehen will, muss mitspielen
Die Literatur erzeugt ganz selbstverständlich virtuelle Realitäten, doch kaum eine Branche tut sich so schwer mit „diesem Internet“. Eine Kritik der digitalen Performanz – und eine Aufforderung zum Mitspielen.“

Sehr interessant, gerade weil auch ich schon wieder beobachten muss, wie Menschen ohne eigenen Bezug zu Social Media in ihrem beruflichen Umfeld Unheil anrichten, weil sie glauben, durch das Lesen von drei Statistiken und einem Fachbuch die Social-Media-Geschicke lenken zu können.

Mithilfe von Kleists Marionettentheater-Aufsatz möchte ich Entwicklungen beschreiben, die ich in den letzten Jahren im Internet beobachtet habe. Ich greife dabei nicht auf den Teil mit den Marionetten zurück, sondern allein auf die Dornauszieher-Szene, wo es darum geht, dass jemand unbewusst sehr graziös ist, diese Grazie aber, sobald sie ihm bewusst wird, verlieren kann. Etwas Ähnliches ist auch mit vielen Flow-Menschen im Internet geschehen.

Das Netz wirkt immer da und dann graziös, wenn sich alle miteinander der Performanz überlassen, neue Formen von Erfahrung, Ästhetik und Nähe zulassen, dies kann unbewusst oder reflektiert geschehen. Das Netz erscheint plump und wird faktisch böse, wo es hermeneutisch rückgekoppelt wird – im ersten Falle unbewusst, im zweiten manipulativ.

Menschen, die sich im digitalen Flow durch günstige Umstände wie ein Fisch im Wasser bewegen können, sind dem unbewusst graziösen Dornauszieher bei Kleist vergleichbar. Dieser ist durch seine Naivität anziehend, er weiß nicht, was er tut, und er sieht dabei gut aus. Dieser Zustand ist nach innen und außen angenehm, der Dornauszieher ruht unzerrissen in sich selbst und löst bei Betrachtenden Wohlgefallen aus. Im Internet waren viele Menschen in den späten Nuller- und frühen Zehnerjahren in dieser Phase, als in den sozialen Netzwerken die Grenzen verwischten zwischen Stars und Normalsterblichen, professionell und einfach so Schreibenden, Privatmenschen und öffentlichen Personen, biologisch Älteren und Jüngeren. Menschen poetisierten damals vor aller Augen virtuell, glaubten an Post Privacy und an gerechtere Gesellschaftsstrukturen, die sich antihierarchisch herausbildeten. Ein paar Jahre lang fühlte sich das Internet an wie Woodstock oder die Love Parade

Doch klugerweise plädiert Frohmann durchaus dafür, sich offen mit dem beständigen Wandel des Web auseinander zu setzen.

Wer (…) klagt, wie es in Deutschland so mancher im 20. Jahrhundert groß gewordene Indiemusiker tut, die Jugend habe keine „richtigen“ Bands oder Überzeugungen mehr, sagt performativ in der Mehrheitswirklichkeit von heute: Ich bin ein alter Sack, denn ich habe den Anschluss verloren. Weil er aber ein prominenter alter Sack ist, der für die Coolness von früher steht, werden sich im Netz immer genügend Menschen finden, die seine Tiraden teilen und liken, immer wieder, was diese zunehmend plausibler klingen lässt.

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Dass Sexismus in der Spitzengastronomie großen Einfluss hat, ist nicht neu. Kürzlich wurde das offensichtlich, als das Magazin Rolling Pin eine Liste mit den „50 besten Köchen Deutschlands“ veröffentlichte – 48 davon weiß und männlich.

Ein Interview zum Phänomen in Edition F:
„Mary Scherpe: ‚Manche glauben wirklich, dass es so wenige Köchinnen gibt, weil die Pfannen zu schwer sind’“.

Journal Montag, 14. August 2017 – Urlaubstag mit Wandervorbereitung

Dienstag, 15. August 2017

Freier Brückentag oder wie es bei mir in der Arbeit heißt: „Betriebskalender.“ (Andererseits…)

Plan war ein Urlaubstag mit Herrn Kaltmamsell: Aushäusig frühstücken, noch ein wenig Wanderausstattung kaufen, rumsandeln, Wanderurlaub vorbereiten. Dafür wurde uns ein herrlicher Sommertag präsentiert.

Zum Frühstücken spazierten wir ins Maria, von dessen nah-östlich beeinflussten Frühstücken ich gelesen hatte.

Das orientalisch gewürzte Rührei mit Schafskäse, der Humus, das Tabuleh, die Oliven und der Aprikosenfrischkäse schmeckten ganz hervorragend.

Zu Fuß mischten wir uns dann unter die vielen, vielen Münchenbesucher und gingen zur Münchner Freiheit: Gärtnerplatz, Viktualienmarkt, über die Maximilianstraße zum Hofgarten, durch den Englischen Garten bis zur Höhe Nikolaiplatz.

Ich habe jetzt eine kurze Wanderhose. In beige. (Meine Entschuldigung: Sommerware war schon weg, das war das einzige verbliebene Modell  in dem einen Geschäft, in das ich ging. Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich wegen einer kurzen Wanderhose in mehr als einen Laden gehe, der auf Wanderkleidung spezialisiert ist?)

Für den Kauf einer Trinkflasche zum Umhängen nahmen wir die U-Bahn zum Isartor. Mein Ziel war ja so eine Flasche wie aus dem Western gewesen: Eine hohle Scheibe aus Alu, vorn und hinten Filz – Sie wissen doch, was ich meine! Gibt’s aber nicht. Zumindest fanden wir eine leichte Flasche zum Umhängen; ich möchte nicht für jeden Schluck den Rucksack abnehmen oder meinen Begleiter um Anreichen bitten müssen, gleichzeitig will ich die Hände frei haben.

Ausruhen mit einer Rhabarberschorle (als Schorle mag ich den Geschmack) auf dem Kulturstrand beim Deutschen Museum. Nach Hause spazierten wir wieder.

Auf dem Balkon arbeitete ich endlich die Unterlagen des Wanderurlauborganisators durch. Ja, die Tagestouren zwischen 19 und 29 Kilometern Länge an der Costa de la Muerte lassen sich machen, die Informationen sind sehr ausführlich. (Um den letztjährigen Wanderurlaub durch die Cotswolds hatte sich ja Herr Kaltmamsell gekümmert, An- und Abreise sowie jede Etappe sorgsamst vorbereitet – ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich dieses Jahr so liederlich bin.) Wanderstöcke werden in den Unterlagen nachdrücklich empfohlen, es kann wohl steil werden. Aber damit habe ich keine Übung, und die hole ich mir nicht auf einer einwöchigen Fernwanderung.

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Zadie Smiths Roman Swing Time, mittlerweile nominiert für den Booker Prize, ist jetzt auch in deutscher Übersetzung (von Tanja Handels) herausgekommen. In diesem Post ganz unten habe ich ihn empfohlen.

Für die FAZ hat sich Anne Ameri-Siemens mit der Autorin unterhalten:
„‚Wir waren blind und naiv'“.

Journal Sonntag, 13. August 2017 – Ausflug in die Sommerfrische

Montag, 14. August 2017

Gestern kehrte der Sommer zurück – das passte ausgezeichnet, weil ein Ausflug mit meiner Leserunde in die Sommerfrische an den Chiemsee geplant war.

Zunächst aber verbloggte ich ausführlich den Vortag, dann machte ich mich lauffertig. Vor zehn war der Englische Garten noch ganz wunderbar leer, ich freute mich an den riesigen Polizeipferden, die gerade Streife schritten.

Die Isar stand hoch, überschwemmte aber nicht.

Als ich anderthalb Stunden später wieder durch den englischen Garten und den Hofgarten kam, waren beide dicht bevölkert. Ich musste Slalom laufen, und der gesamte Quadratkilometer Fläche unterm Monopteros war von Musik bewummert – beim Haus der Kunst abgelöst von Akkordeonspielern und Fahrradrikscha-Musikanlagen. Ich verstehe den Eindruck, dass München zu voll wird.

Zum Frühstück aß ich restliche Nudeln mit Lachs vom Vortag, dann machte ich mich mit Herrn Kaltmamsell zum Bahnhof auf. Mit zwei Mitlesenden fuhren wir an den Chiemsee (ein wenig Gehackel mit Reisenden, die auch in vollen Zügen allein mit einem Koffer einen Vierersitz belegen, und die ich mit „Kann ich Ihnen helfen, den Koffer ins Gepäckfach zu heben?“ zur Freigabe brachte – zum Teil). Dort Kaffeeundkuchen bei weiteren Mitlesenden, kurzes Gespräch über Margaret Atwoods The Heart Goes Last: Wir waren uns einig, dass der Roman richtig schlecht war – planlose Handlung, platte und uninteressante Charaktere, unbeholfene Sprache, dilettantische Brüche in der Erzählstimme. Eine Mitleserin äußerte den Verdacht, dass Atwood den Roman in einem Schreibkurs von acht Kursteilnehmenden nacheinander hatte schreiben lassen und jeder für seinen und ihren Teil immer nur die letzte Seite des Vorschreibenden gesehen hatte.

Viel schöner war der anschließende Ausflug auf die Ratzinger Höhe (wir hatten zwei Autos zur Verfügung, so ging das).

In der Abenddämmerung Heimfahrt im völlig überfüllten Zug aus Salzburg.
In Münchens Mitte herrschte milde Sommernacht.

Journal Samstag, 12. August 2017 – #12von12 Sugoeinkochen 2017

Sonntag, 13. August 2017

Ein freier Tag, ich kann mal wieder an #12von12 teilnehmen.

Das Hereinholen der Wochenendzeitung brachte mich gleich mal zum Augenrollen: „Ob beim Staatsbesuch oder bei den Affen im Zoo: Oft verraten Gesten, worum es wirklich geht.“ Das seriöseste Thema in der Kommunikationswissenschaft gleich nach Phrenologie und Horoskopen.

Nach über einer Woche Schmerz-bedingter Sportpause fing ich wieder vorsichtig an: Heimischer Crosstrainer mit Musik auf den Ohren – das Smartphone mangels Halterung am Körper in einer Tasche. Im Sport-BH hält das Telefon als Musikträger zwar, wird aber an mir Superschwitzerin zu feucht.

Ausblick bei 80 Minuten Strampeln. Die Kastanien sind bereits durch die Miniermotten verherbstelt.

Fahrradfahren traue ich mich hingegen noch nicht, das Hochgucken überm Lenker belastet den Wirbel mit beengtem Nerv zu sehr. Zum diesjährigen Sugo-Einkochen mit dem Kartoffelkombinat nahmen Herr Kaltmamsell und ich die U-Bahn (wegen Umbaus sind die Bilder im Bahnhof schon von der Wand genommen). Unser Ziel war eine Kantinenküche in Obersendling.

Mit diesem wundervollen, frisch geernteten Gemüse aus unserer eigenen Gärtnerei ging es los.

Ein Trupp Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler schnippelte das Gemüse, das zum Teil (Auberginen, Zucchini) gleich vorgeröstet wurde.

Selbst war ich nach zwei Jahren Schnippeleinsatz diesmal in der Küche beim Kochen und Abfüllen eingeteilt. Gestern stand das Basissugo auf dem Plan, am Sonntag sollten aus dem auch gestern schon geschnippelten und vorgeröstetem Gemüse auch Varianten werden.

Die Tomaten wurden erst mal im Riesenkessel eingekocht, dann gewürzt. Umfüllen in Töpfe auf dem Herd, nochmal aufkochen, abfüllen. Von vorne.

Mir fiel auf, wie sehr wir alle als Kinder der Industrialisierung (na gut: als Ururururenkelinnen) auf Effizienz und Optimieren von Arbeitsabläufen geeicht sind. Jede und jeder hat das Bedürfnis, die Zeit und die Ressourcen zu nutzen, möglichst viel aus Mensch und Material herauszuholen. Ich nehme an, dass es vor… sagen wir 400 Jahren in einer Werkstatt noch anders zuging, dass mit anderen Zielen und Idealen gearbeitet wurde.

Fertig abgefüllter Sugo. Gläser und Deckel hatten vorher eine Station in der Spülmaschine nebenan durchlaufen, wir füllten möglichst heiß ab (ich zog mir zu meiner Überraschung am linken Daumen eine Brandblase von den heißen Gläsern zu, auf die ich eine Zeit lang Deckel schraubte – trotz Handschuhen).

Um 18 Uhr löste uns die Nachtschicht ab.

Wir kamen sehr hungrig nach Hause, deshalb plante Herr Kaltmamsell um und verschob die eigentlich vorgesehenen Bratkartoffeln, kochte die schneller servierbaren Nudeln mit Chinakohl (aus Ernteanteil) und Räucherlachs.

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Wer die gestrige Einkochaktion in Bewegung sehen will: Vorstand Daniel hat mit Chefkoch Felix ein Filmchen davon gedreht (spot the Kaltmamsell!).

Bild: Herr Kaltmamsell

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Wie wenig über Polen als Einwanderer nach Deutschland gesprochen wird (nach Türken die zweitgrößte Gruppe), merkt man erst jetzt, wo es doch jemand tut. Emilia Smechowski hat Wir Strebermigranten veröffentlicht und damit bei vielen eingewanderten Polinnen und Polen etwas ausgelöst.

Alexandra Tobor, die vor fünf Jahren etwas Ähnliches, bloß ganz Anderes mit ihrem Roman Sitzen vier Polen im Auto gemacht hat, denkt darüber nach, was die Unsichtbarkeit von Polen als Einwanderer in Deutschland auslöst:
„Made in Poland“.

(Auch mir ist aufgefallen, dass die spanische Seite meiner Herkunft in meiner Umgebung immer sehr viele Assoziationen auslöst, die polnische allerdings fast immer unkommentiert bleibt.)

Journal Freitag, 11. August 2017 – Trübe und ereignisarm (Überschriften? Kann ich.)

Samstag, 12. August 2017

Ein düsterer, regnerischer Tag, außerdem empfindlich kühl: Unter meinem Kleid trug ich Strumpfhosen.

Nochmal dichte Arbeit, ich hatte einen Termin einzuhalten. Dennoch pünktlicher Feierabend.

Ich freue mich jedesmal wieder über die individuellen Motive mit Max Maulwurf – der bei der Deutschen Bahn einen eigenen Web-Bereich hat. (Jetzt weiß ich endlich, wer den zeichnet: Erfunden von Illustrator Prof. Wolf Erlbruch aus Wuppertal, heute gezeichnet von Fritz Reuter aus Stuttgart.)

Auf meinem Heimweg ging ich beim Hertie am Bahnhof vorbei (wie so viele Münchnerinnen habe ich aufgehört, die Besitzer- und Markenwechsel dieses Kaufhauses mitzumachen, „Hertie am Bahnhof“ ist eindeutig), um in der Kurzwarenabteilung endlich ein Ersatzteil für meinen kaputten BH zu besorgen (der Änderungsschneider hatte mir seinerzeit beschieden, dass er das Kleidungsstück reparieren könne, wenn ich die Öse mitbringe). In einem Anfall von Effizienz ging ich anschließend an der Änderungsschneiderei vorbei, doch sie macht gerade Sommerferien.

Große Erleichterung über die anstehenden vier freien Tage (wg. Brückentag vor Mariä EinschulungHimmelfahrt).

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell köstliches Rindfleisch mit ebenso köstlichem Linsen-Auberginen-Gemüse. Früh ins Bett.

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Die Neurobiologin Natalie Matosin über „Getting science from Einstein to your Granny“. Wie inzwischen die meisten TEDx Talks eher aufs Allerschlichteste runtergekocht, dennoch mit schönen Schlüssestellen, z.B.

The difference between „I believe“ and „I seem to understand“.

via @maxplanckpress

Ich bin weniger optimistisch als Matosin, dass die Gesellschaft sich für die Hintergründe wissenschaftlicher Erkenntnisse interessiert oder auch nur für den grundsätzlichen Prozess, der diesem Erkenntnisgewinn zugrunde liegt: Es ist nämlich anstrengend, sich damit auseinander zu setzen, und der Mensch strengt sich nicht gerne an. Das heißt allerdings nicht, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich nicht bemühen sollten, ihre Arbeit zu erklären – denen, die sich interessieren.

Ich stimme Matosin zudem zu, dass wir als Gesellschaft die Möglichkeit und Pflicht haben, durch die Wahl unserer Regierungen Einfluss zu nehmen.
Hier ist ihr Blog, von dem sie spricht.