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Journal Montag, 6. Juli 2015 – Neu hier

Dienstag, 7. Juli 2015

An meinem ersten Arbeitstag nahm ich die U-Bahn, weil ich noch nicht wusste, wie die Fahrradabstellmöglichkeit vor Ort aussehen würde. In der Eingangshalle völlig überraschende Begegnung mit einer Kollegin aus einem vorvorigen Arbeitsleben.

Chefin begrüßte mich, und ich stürzte in den Tornado eines ersten Arbeitstag: Neuer Ort, neue Geräte, neue Menschen, neue Namen, neues IT-System, neue Strukturen. Ich begann mich einzurichten (Zugangsmittel für Gebäude und IT-System anschieben), nahm an einer ersten Konferenz teil, ließ mich von einer Kollegin ausführlich einführen, vermasselte fast einen ersten Arbeitsauftrag.

Alle Menschen waren sehr freundlich; ich hoffe, dass sich das Gefühl des Volldeppentums sehr bald legt – meine Nützlichkeit hängt davon ab, dass ich Menschen, Struktur und Zuständigkeiten möglichst schnell lerne.

Heimweg in großer Hitze, daheim spontane Pfirsichbowle (Pfirsiche, die mir von einem Stand an der Sonnenstraße unwiderstehlich hinterher geduftet hatten, Prosecco).

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Hitze hielt sich nachts etwas weniger lang.

Journal Sonntag, 5. Juli 2015 – WMDEDGT

Montag, 6. Juli 2015

Frau Brüllen möchte wieder wissen: Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag?

In der Klagenfurter Ferienwohnung ausgeschlafen, Kaffee getrunken, um 10 Uhr in bereits deutlicher Hitze das Leihfahrrad zur Tourist Information am Klagenfurter Rathausplatz zurückgebracht. In jedem möglichen Schatten langsam zur Ferienwohnung zurückgegangen. Koffer gepackt.

Mit Koffer langsam zum ORF-Theater gerollert, in dessen Garten die bereits laufende Juryabstimmung für den Bachmannpreis angesehen. Ich freute mich sehr für Nora Gomringer. Mit Frau Modeste über den außerordentlich starken Jahrgang geplaudert (zu wenige Preise!) und über die immer sichtbareren Einflüsse von Migration auf die deutschsprachige Literatur – höchst spannend, wie sehr sie bereichern.

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Wasserflaschen gefüllt, langsam zum Klagenfurter Bahnhof gerollkoffert. Der IC der ÖBB war wundervoll gekühlt, ich genoss den Ausblick auf den sommerquietschbunten Wörthersee und las mich dann per Geschäftsbericht-PDF in den Hintergrund meines neuen Arbeitgebers ein.

In Salzburg stieg ich um. Der EC der DB war nicht ganz so gekühlt, aber immer noch sehr viel angenehmer als das heiße Draußen. Mich kurz anblaffen lassen von einer Passagierin, weil ich ihre kleine Einkaufstüte auf der zentralen Kofferablage so verschob, dass nicht nur ein kleiner Koffer Platz hatte, sondern auch mein großer.

Pünktliche Ankunft in München, durch Backofenhitze nach Hause spaziert – das Rollkoffern übernahm freundlicherweise der abholende Herr Kaltmamsell. Auf dem Weg bei der Bäckerei Sultan frisches Brot fürs Abendbrot gekauft: „Ramazan Pidesi (mit Ei)“ kannte ich noch nicht, ein langes Fladenbrot mit Ei bepinselt.

Herr Kaltmamsell hatte alles richtig gemacht, die Wohnung war wunderbar temperiert (allerdings wegen rundum herabgelassener Rollläden höhlenartig).

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Koffer ausgepackt, während der Herr zum Nachtmahl Shakshuka ohne Feta bereitete. Internet gelesen, den Griechen bei er Erzeugung von noch mehr Spannung in der EU zugesehen, indem sie in einer Volksabstimmung den EU-Reformplan ablehnten, Tatort laufen lassen, nach einer Weile dann doch einfach ausgeschaltet.

Das Draußen blieb heiß, auch um 22 Uhr war es wärmer als das Drinnen. Ich öffnete die Fenster deshalb erst nach dem Zu-Bett-Gehen bei einem nächtlichen Klogang.

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Konstantin beschreibt ein weitgehend verschwiegenes Problem im britischen Arbeitsleben:
„I Don’t Do Weekends“.

Bachmannpreis 2015 – der Rest

Sonntag, 5. Juli 2015

Donnerstagabend war die Bachmanngesellschaft wieder zum Bürgermeisterinnenempfang geladen, in die weiterhin schönste Partylocation Klagenfurts, nämlich zum Schloss Maria Loretto.

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Aus dem sonst üppigen Buffet war ein Nudelbuffet geworden, doch alle wurden satt. Eine österreichische Bloggerin der 1. Generation (wir waren schon auf dem Blogmich 2005 aufeinander getroffen) erklärte mir den Grund für den Sparzwang: Finanzkrise allgemein, Hypo-Alpe-Adria-Fiasko speziell.

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Kaltmamsell in Abendgarderobe mit Autorin und Klagenfurt-Mitbewohnerin Engl vor Kulisse.

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Den Gewinner des Bachmannpreises 2014 sah ich kaum ohne Mikrophon vor der Nase – Tex Rubinowitz ist aber auch ein dankbarer, wortgewandter Interviewter und liefert verlässlich Zitierbares.

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Heiß war es in Klagenfurt, eigentlich überall außer im ORF-Theater. Freitagabend bemerkte ich, dass die Hitze meine Fußknöchel überschwemmt hatte (nicht dass ich je zarte Fesseln hätte, aber zumindest sind sie deutlich abgesetzt).

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So erinnerten sie mich an die Beine meiner Großmutter. Als Saskia Henning von Lange in ihrer Geschichte beschrieben hatte, wie die Hauptfigur beim Anblick eigener Körperdetails und bei vielen Gesten die eigene Mutter sieht und spürt, dachte ich sofort: In meinem Fall ist das meine polnische Oma. Vor allem meine Daumen, jetzt auch die Hitzeknöchel. Das ist keine angenehme Assoziation.

Samstagmorgen wachte ich schon um sechs Uhr auf und hatte Lust auf einen Lauf – vielleicht täte er ja auch meinen geschwollenen Beinen gut. Es war überraschend bewölkt, der Lauf am Lendkanal entlang trotzdem sehr angenehm.

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(In Klagenfurt hat Selbstbezüglichkeit ihr Zuhause gefunden.)

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Das Bachmannschwimmen ließ ich dieses Jahr aus. Ich musste mich zeitlich zwischen diesem eigentlichen Anlass für die Reise so vieler Menschen nach Klagenfurt und dem Verbloggen des gestrigen Lesungstags entscheiden; ich räumte lieber bloggend auf. Erst danach radelte ich hinaus ins Strandbad Maria Loretto. Dort: Sofort Hochkultur.

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Am späten Abend der Bachmann Song Contest am Lendkanal, in dem Teilnehmer und Teilnehmerinnen Siegerehrgeiz und Googlefertigkeiten verglichen sowie Bilderrätsel lösten (letzteres unter dem Ausschluss meiner, das kann ich nicht). Hier eine Ansicht mit mir drauf.

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Die Quizmaster Tex Rubinowitz (links) und Maik Novotny.

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Lendhafen nach Quiz.

Nachtrag: Der Bachmannpreis 2015 geht an Nora Gommringer und ihr „Recherche“

Bachmannpreis 2015, Tag 3

Samstag, 4. Juli 2015

Wieder vier interessante Texte – so richtig grottig war in diesem Bachmannpreisjahr nichts. Heute dazu zum Teil turbulente Jurydiskussionen mit verschiedenen Meinungen. Auffallend an diesem Tag: Das Publikum spendete immer wieder einzelnen Juryaussagen Applaus.

Ich war besonders früh am ORF-Theater, da meiner Erinnerung nach der Samstag immer besonders gut besucht ist (außerdem war ich unangenehm früh aufgewacht, schon beim Laufen gewesen, und dann war’s eh schon wurscht). Es war dann auch voll im ORF-Theater, aber ich saß.

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Jürg Halter war die Tage davor mit seinen bunten Hemden recht sichtbar gewesen, ich fand ihn sympathisch und wollte seinen Text mögen – zumal ich mich sehr an seinem Vorstellungsfilmchen gefreut hatte. Doch „Erwachen im 21. Jahrhundert“, vorgeschlagen von Juri Steiner, war für mich eine sehr schlichte Geschichte eines Menschen, der unangenehm früh aufwacht, aus einem Alptraum, und dann denkmäandert, von Hölzchen auf Stöckchen kommt, und sich beim Denken beobachtet, vorgetragen im Tonfall einer Litanei. Leider ging das völlig an mir vorbei, trotz vieler schöner Sätze, die wie für Twitter optimiert schienen. (Angebot an die Apokalyptiker in deutschen Feuilletons: Twitter’sche Aphorismisierung der Literatur als Symptom für den Untergang von Kultur/Zivilisation/Abendland?)

Die Jury hatte den Text überwiegend anders aufgefasst. Hubert Winkels ächzte unter dem „ungewöhnlich heftigen, monumentalen Beginn“ dieses Lesetages, für ihn war der Text aus der „Position Gottes selber“ geschrieben, wie er es sonst nur von Nietzsches Also sprach Zarathustra kenne. Das versuche er mit existenziellen Situationen zu verknüpfen, was ihm aber misslinge in seinem Modus der Melancholie.

Klaus Kastberger wandte sich an Halters Einlader Juri Steiner: „Was ist mit dem Schweizer Mann los?“, gerade wenn er an Tim Krohn erinnere. Der Text stelle die ganz großen Fragen, doch mit überschaubarer Bescheidenheit in den Antwortmöglichkeiten. Beruhigt fühle er sich von dem Umständen, dass die Kontinentalplatten ihrer Wege gingen, und dass die Evolutionsgeschichte nicht nochmal erzählt werden müsse.

Stefan Gmünder bat um mehr Bodenhaftung: Es gehe weder um den Schweizer Mann noch um Gott; er habe eine Partitur gesehen, durch die sich Motive zögen: Wer bin ich? Wer ist der andere? Die Zeitangaben im Text schlügen wie ein Metronom, „ganz cool und locker“ seien Ereignisse eingebaut.

Sandra Kegel hatte ein Problem mit der Chronologie, die zu einem dichten und langweiligen Text geführt hätte. Interessant fand sie die Rochaden darin, diese seien aber nicht fortgeführt.

Heike Feßmann hatte einen Text gelesen, in dem jemand aufgewacht ist, am Schreibtisch sitzt und sich überlegt, wie er einen Text von Gewicht schreiben könne – der Text sei das Ergebnis. Diese Selbstbezüglichkeit gehe aber nicht ganz auf. Für sie war es „ein belangloser Text“.

Juri Steiner beschrieb den Text anders: Jemand wache aus einem Albtraum auf und stelle sich der Panik, erlebe dabei luzide Momente – wie wir alle es kennten. Das 21. Jahrhundert, in dem aufgewacht werde, sei die Digitalisierung, der Computer sei ein „Prothesengott“ und werfe alle Informationen aus, der Mensch habe nicht mehr das Monopol der Vernunft. Es gehe um Ohnmacht und Ängste – das könnten Computer nämlich noch nicht.

Winkels verwies auf Kant, auf religiöse Ersatzfunktion, angedeutete Romantikzuordnung. Steiner widersprach, das sei alles Philosophie, doch hier habe man es mit Literatur zu tun samt ihrer „performativen Gewalt“.

Hildegard Keller setzte an, indem sie Kastberger schmunzelnd fragte: „Was ist denn los mit dem österreichischen Mann?“ (Fand er anscheinend wieder nicht lustig.) Sie erinnerte an die „Gedichtfalle“, die Halter in seinem Porträtfilm behauptet hatte: „Ich tappe nicht in die Metaphysikfalle.“ Die Medienart gleiche am ehesten der von FALKNER in ihrer Komposition mit Wiederholungen. Doch sie habe vergeblich nach einer „individuellen Sprechweise“ gesucht. Ein allgemeiner Mensch spreche vor allem im Modus der Fragen.

Kastberger bezog sich auf Steiners Erklärung und fragte ihn, warum er das alles habe erklären müssen und der Text das nicht tue. Feßmann wies ihn zurecht, er wolle doch wohl Steiner nicht das Interpretieren verbieten.

Winkels sah keinerlei Selbstbezüglichkeit, Feßmann verwies auf die Zeitangaben, das ließ Winkels als Einziges gelten.

Gmünder bemerkte, Literatur habe schon immer die vornehme Aufgabe gehabt, Fragen zu stellen. Für ihn war die Computerszene ein Versuch, aus der Selbstbezüglichkeit herauszukommen.

Steiner kehrte zur apokalyptischen Interpretation zurück: Digitalisierung versklave seine Imagination; zur Ruhe komme man nur offline, indem man den Stecker ziehe, und er prophezeite ein ganz großes Steckerziehen in naher Zukunft. Dann sprach er auch noch von der „Versklavung durch Rationalität“. (Nicht nur an dieser Stelle hatte ich den Eindruck, Steiner wäre im späten 17. Jahrhundert besser aufgehoben als in unserem.)

Nachdem Kastberger meinte, er habe sich ja „in den Text hineinimaginieren“ wollen, doch das gehe nicht auf, meldete sich Halter selbst zu Wort und nahm einen vorherigen Vergleich mit Jean Ziegler auf: Er werde das mit Ziegler besprechen.

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Anna Baar war von Stefan Gmünder eingeladen und las „Die Farbe des Granatapfels“. Schon in ihrem Vorstellungsfilmchen sprach sie über Zweisprachigkeit, über ihr Leben zwischen Kroatien und Österreich. Darum ging es dann auch in ihrer Geschichte (und ich lernte an ihr, dass nicht nur Münchnerinnen in den Sommermonaten Sonnenbrillen im Haar tragen wie Schleiferl oder Spangerl). Ich hörte Kindheitserinnerungen an Oma und Omahaus in Kroatien, mit Hühnerschlachten, heißen Steinplatten, Erinnerungen ans Aufwachsen in diesem Haus, mit immer wieder kroatischen Einsprengseln. Ich mochte die Geschichte, hatte viele Bilder vor Augen, kam den Personen nahe. (Und meine spanische Yaya hat im Alter auch am Spülmittel gespart, alle Trinkgläser waren klebrig.)

Gmünder sprach von einem „Erinnerungstext“, im Zentrum die Großmutter, mit der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts als leiser Spur. Es gehe um „Sprachefinden, Wörterfinden“ als „Akt des Überlebens in einer feindlichen Welt“.

Für Sandra Kegel verwies der Titel auf den metaphorischen Gehalt der Geschichte; es gehe um Paradies, um Hölle, die Insel sei eine Toteninsel. Zwischen der Großmutter und dem Mädchen herrsche ein Stellungskrieg. Manchmal falle der Text ins Pathos, doch ein Problem habe sie mit der Psychologisierung: Zwar tue die Großmutter dem Mädchen schreckliche Dinge an, doch wegen der rigiden Moralvorstellungen des Kindes sympathisiere sie dennoch mit ihr.

Feßmann sah keine Kindheitserinnerung, sondern die einer Pubertierenden, die die „Poetik der Üppigkeit“ verteidige. Nicht nur sei da diese Insel der frustierten Frauen, durch das Mädchen gehe auch der nationale Konflikt zwischen dem österreichischen und kroatischen Teil der Familie. Zudem wolle das Mädchen schöne Wörter finden, denen sich die Großmutter verweigere. Und gleichzeitig würge das Mädchen an schönen Wörtern – das sei misslungen.

Genau das nannte Kastberger sehr gelungen, eine „unglaublich präzise Weise, das zu beschreiben“, auch mit ganz kleinen Mitteln. Er sah die „Aufrichtigkeit von Erinnerung“, nämlich die Erscheinung, dass eine Erinnerung schrecklich sein könne, es aber dennoch Freude bereiten könne, sie zu beschreiben.

Steiner ging auf die Komponente ein, dass auf „listige Weise“ eingeführt worden sei, „was mit Sprache passiert, wenn sie nicht da ist“. Die Ängste des Kindes würden im Vergleich mit den Kriegserlebnissen der Erwachsenen nicht ernst genommen, doch eigentlich seien „die kleinen tabuisierenden Momente“ das Schlimmste.

Winkels hob die Erzählsituation hervor: Am Anfang werde behauptet, dass alles vorbei sei, doch die Erinnerung richte sich auf in der Erzählerin entgegen dieser Absicht. Sein Problem sei, dass der Text zu schön sei, es sei „vielleicht zu viel des Sentimentalen in den Text geraten“. Für einen privaten Text sei ihm auch zu viel Nationalgeschichte enthalten – in einem Roman allerdings gehe das.

Keller verwies darauf, dass der Wettbewerb nunmal nur ein kleines Fenster vorsehe, ging dann auf den Umstand ein, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Preisträgerinnen mit weiblichen Figuren operiert hätten, die in Familiengeschichten hinabgestiegen seien, Sprachgrenzen überschritten und Tabus aufgelöst hätten. Hier habe sie eine archaische Großmutter gesehen, mit einer übernächsten Generation, die aus einer völlig anderen Welt komme.

Gmünder nannte den Vergleich mit anderen Preisträgerinnen naheliegend, doch seiner Meinung nach lag hier eine ganze andere erzählerische Bewältigung vor. Hier werde das Motiv des Wachsens eingesetzt, dass es nie vorbei sei.

Kastberger erklärte, dass man es bei österreichischer Literatur immer mit Ambivalentem zu tun habe. Hier: Sinnlichkeit/Anspruch auf Askese, zwei Sprachen, die Ambivalenz des Erinnerns. Der Text finde sehr gute Antworten, damit umzugehen.

Steiner erneuerte den running gag: „Was ist mit dem kroatischen Mann los?“ Das Totstellen nannte er ein interessantes Motiv, das darauf verweisen könnte, wo Kroatien heute sei. Kastberger erinnert das an die Geschichte von Fritsch am Donnerstag, er sah „eine ähnliche Bettlägrigkeit“.

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„Oh Schimmi!“ hieß die Geschichte, die Teresa Präauer auf Einladung von Hubert Winkels vortrug, und ich brauchte eine Weile, um mich einzugrooven – was unter anderem an der langen Unruhe nach der Pause lag, denn einige Handtuchbesetzerinnen auf Mittelplätzen kamen Minuten zu spät. So erschienen mir die wahnwitzigen Sprachspielereien und der Rhythmus der Geschichte zunächst gewollt und aufgesetzt, doch endlich im Fluss schwimmend wurden sie wirklich witzig und eine runde, völlig abgefahrene Geschichte um einen Burschen, der sich ein Gorillakostüm holt, um sich zum Affen zu machen.

Feßmann meinte dann auch, sie habe ein „Zauberkunststück auf offener Bühne“ gesehen (ist es inzwischen tatsächlich Standard geworden, dass man Zauberei als Aufzeichnung sieht?), „alle Oppositionspaare durcheinander gewirbelt“. Wenn die Handlung an Schwung verliere, springe immer die Sprache ein, dann wieder bremse der Text absichtsvoll ab. Sie fand es „ermunternd und witzig mit allen sprachlichen Mitteln“.

Den Trick, Metaphern wörtlich zu nehmen nannte Kegel die Basis des Textes, er spiele eine bezaubernde Idee wundervoll durch. Zitate aus Literatur und Kunst seien meisterlich eingearbeitet, der Text „kann einfach zeichnen“, Bilder, Figuren und typische Verdrehungen würden durchgearbeitet. Gleichzeitig sei es auch eine „typische Stalker- und Vergewaltigungsgeschichte“. Sie fand lediglich das Ende zu einfach, wünschte sich „mehr Raffinesse“.

Winkels verwies auf den großen Verwandler und Vergewaltiger Jupiter/Zeus, doch Gmünder identifizierte Muhammed Ali als Quelle des Zitats vom ermordeten Felsen; er nannte den Protagonisten einen „Typ im Handgemenge mit der Realität“, verwies auf die Anspielungen auf Münchhausen und Jethro Tull. Es werde eine große Fallhöhe aufgebaut, doch der Absturz werde vermieden.

Für Winkels hatte die Maskerade als Affe ihre Entsprechung in der Maskerade Sprache: Die Sprache erzeuge den Rap, gebe den Rhythmus der Geschichte und die Logik vor. Es handle sich um ein Gesamtkunstereignis („so ein Text schlecht vorgelesen hat ein Problem“) inklusive dem Vorstellungsfilm.

Steiner bemerkte, dass wir uns seit 8 Millionen Jahren bemühten, eben keine Affen mehr zu sein – und nun komme dieser Text mit „Brachialironie und Trash“. Dieses Befreiende habe etwas Hysterisches, es sei King Louie aus Jungle Book, nur umgekehrt.

Kastberger hätte den Peter-Fox-Bezug im Text lieber selbst gefunden, doch dann sei er schon gesagt worden. Er zitierte ein Peter-Fox-Interview zu „Stadtaffe“: Der sei eine Art von Image, kein Teenie mehr, aber nicht alt. Der Text mache ihn, Kastberger, jung.

Keller war sehr angetan von der Performance inklusive Film, beim Lesen dahei sei ihr die zweite Hälfte noch vorgekommen wie ein „Zu Gast bei Hallervorden“.

Abschließend schneller Austausch zwischen den Jurymitgliedern: Kastberger fragte Kegel, welchen Schluss sie bevorzugt hätte. Kegel: Keinen Gegensatz männlich-weiblich. Steiner beharrte: „Dieser Affe ist ein Affe.“ Kegel assoziierte die Nestroy-Kommödie Der Affe und der Bräutigam, Winkels verwies darauf, dass das letzte Wort in der Geschichte die Mama habe.

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Hildegard Keller hatte Dana Grigorcea und ihren Text „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ eingeladen. Sie las mit deutlichem rumänischem Akzent eine Geschichte in drei Teilen vor: Aus der Perspektive eines Kindes eine Episode aus der Ceauşescu-Zeit, Michael Jacksons Besuch in Bukarest drei Jahre nach Ceauşescus Ermordnung (das lasse ich so, ein allerschönster Freud’scher), Rückkehr einer rumänischen Auswanderin nach Bukarest. Ich fand die Geschichte großartig – was durchaus daran liegen mag, dass ich mich beruflich im vergangenen Jahr viel mit Rumänien befasst habe und die jüngere Geschichte des Landes hochinteressant finde. Doch auch so mochte ich Figurenführung und die breiten sprachlichen Mittel. Mir fiel sehr auf, wie anders dieses literarisch heitere Rumänien im Vergleich zu dem von Herta Müller ist.

Winkels äußerste sich glücklich darüber, dass der Tag und der Bewerb so ausklängen. Er fand den Text witzig und gut gelesen, eine Satire in drei Teilen. Der Twist sei, dass alle Teile „Medienverunglückungsgeschichten“ seien, die falsche Synchronisierung der Filme, das Jackson-Poker, der Versprecher von Jackson, das verfehlte Schlussfoto. „Über Verstellungen lernen wir in satirischer Position die Geschichte Rumäniens kennen.“

Kegel lobte das Eröffnungsbild mit Souffleur und Glaskasten mit „der Schönen“; sie habe sich an osteuropäische Märchenfilme erinnert gefühlt.

„Eine Burlesque aus Rumänien nach Ende der Sowjetunion“ nannte Feßmann den Text, eine Rondo-Konstruktion, auch hier tauche ein französischer Film auf, der auf eine globale Filmsprache deute.

Für Kastberger wies der Eingangssatz (Platz 3 in seinem Ranking) auf einen Roman von 800 Seiten hin. Der Text orchestriere sehr gut in verschiedenen Stimmlagen: „Er hängt sich nicht sehr raus mit Stilmitteln“, arbeite ein wenig mit Ostalgie.

Steiner berichtete, er habe sich am Vorabend auf YouTube das beschriebene 2-Stunden-Konzert von Michael Jackson angeschaut, wie die jungen Menschen verzückt im Regen gestanden seien. Er habe durch den Text einen ersten Zugang überhaupt zu Rumänien bekommen. Bemerkenswert nannte er, dass die Mutter sich nicht auflehne, nur über einen falsch übersetzten Satz innerhalb des französischen Films. Dann strauchelte Steiner in seinen Ausführungen: „Ich finde den Schluss nicht mehr, aber Sie wissen, was ich in etwa…“

Keller freute sich über die Zustimmung zur der Geschichte. Sie kündigte an, dass es weiter gehe, einen Roman geben werde. Aus Schweizer Perspektive sei der Text sehr spannend, denn in der Schweizer Literatur spielten Heimkehrer eine große Rolle. Sie sprach auch an, dass im Vorfeld des Bachmannpreises bereits die Auflösung der Nationalität in der Literatur diskutiert worden sei.

Kastberger äußerte, als am Donnerstag der Wettbewerb mit einem One Night Stand begonnen habe, habe er nicht zu hoffen gewagt, dass er mit Sex bei Ceauşescus enden würde.

Bachmannpreis 2015, Tag 2

Freitag, 3. Juli 2015

Heute war die Jury fast gesammelt fast immer meiner Meinung – wenn auch fast durchgehend auf höherem Niveau.

Das ORF-Theater war voller als am ersten Tag: Heute kamen auch Schülerinnen. So stand ich am Vormittag erst mal im Gang. Vor mir zwei junge Mädchen:
„Die dischkutiern ja dann auch noch, oder?“
„Is des lang?“
„Voll lang.“
Ich habe wieder den Eindruck, mit der heutigen Jugend ist alles in Ordnung. (Mit ähnlich ambitionsloser Offenheit und Neugier hätte ich vermutlich in dem Alter solch ein Angebot der Deutschlehrerin angenommen.)

Zu dem Ärgernis des Platzbesetzens in der Mittagspause (ich geriet am Ende der Lesungen mit einer solchen Besetzerin fast ins Streiten) kam ein weiteres Ärgernis: Moderator Christian Ankowitsch musste am Vormittag und am Ende recht böse mahnen, das Publikum möge doch das Ende der Übertragung abwarten, bis es sich unterhalte, zusammenräume und aufbreche: „Das ist hier keine Privatveranstaltung.“ Auch die Besetzerin neben mir hatte zu den Zuhörern gehört, die noch während seiner Abmoderation vor laufender Kamera angesetzt hatte, sich kruschtelnd an mir vorbei nach draußen zu verziehen.

§

Klischee ist ja eigentlich das Ausarbeiten und Proben der eigenen Oscardankesrede („I thank the Academy…“). Bei mir ist diese Oscarrede seit einigen Jahren das Ausdenken meines Vorstellungsfilmchens für die Teilnahme am Bachmannpreis. Ich hatte schon viele Konzeptideen, seit heute denke ich mir ein Filmchen ohne Text aus, in dem ich beim Gewichtheben gezeigt werde, meine schweißigen Muskeln in Nahaufnahme, dann beim Holzhacken, dann wie ich von schräg unten mein markiges Kinn gen irgendwas zu bezwingendes recke, dann meine breitschultrige Silhouette im Gegenlicht in heruntergekommener Industrieumgebung. Gerne mit regelmäßigem Gegenschnitt auf einen hübschen jungen Mann, der irgendwas expressiv Anhimmelndes an mir tut.

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Mag sein, dass ich mich von Peter Truschners Filmchen inspiriert fühle. Er las auf Einladung von Stefan Gmünder „RTL-Reptil“, überdynamisch und mit regelmäßigem Seitenblick zur Jury. Es passierte sehr wenig in der Geschichte, ich bekam ein Portrait eines Menschen, der mich nur mittelmäßig interessierte und der Pokerschulden hatte. Persönliches Lob: Echtes Pokern spielt eine Rolle, es wird sogar ein konkretes Blatt genannt. Doch dann wechselt auch noch auf der vorletzten Seite die Erzählperspektive mit plumpstem foreshadowing, bevor die Geschichte so richtig schlecht wird.

Meike Feßmann nannte den Text eine „Männerphantasie“, in der das letzte Fünkchen des Prinzips Hoffnung verlösche. Sie fand es „schwierig“, dass die Innensicht der zentralen Figur einen auktorialen Erzähler zur Seite gestellt bekommen habe, der uns sage, was wir denken sollen. Dass der Text ihn brauche, um überhaupt klar zu machen, was er wolle, nannte sie „unglücklich“. Ihr Urteil: „Literarisch nicht gelungen.“

Stefan Gmünder verteidigte die von ihm vorgeschlagene Geschichte: Er sah „den Untergrundstrang durch Rohheit überspannt“ und die Themen Allmacht / Ohnmacht „sehr gut durchgeführt“.

Klaus Kastberger vernichtete noch deutlicher als Feßmann. Er habe „gar nicht das Gefühl, dass da ein Autor war“: „Da liegt mitten vor uns ein riesengroßer Haufen Floskeln“, und er habe den Autor nicht mal damit kämpfen sehen. Seinem Eindruck zufolge habe er die Aufgabe, irgendwas damit zu machen, an die Leser abgegeben.

Hubert Winkels wiederum nannte den Text „sehr subtil gebaut“, neun Zehntel „Motivationsanalyse“ und verglich ihn in seinem Zulaufen auf die Tat mit griechischem Drama: Schlechtes Gefühl beim Gedanken an den Tod der Oma, am Ende mutmaßliche Ermordung ihrer Stellvertreterin. Das Problem war für ihn, dass der Text „die Erzählhaltung nicht in den Griff bekommt“, das ständig erklärt werde.

Den Protagonisten zwischen Allmacht und Ohnmacht sah auch Hildegard Keller. Doch genau da verortete sie auch die Erzählweise. Sie spüre eine starke Suche nach Expressivität, doch sie gelinge ihm nicht, dazu kämen richtige Fehler in Wortwahl und Metaphern. Keller diagnostizierte „eine Welterklärungspose, aus der der Autor nicht herauskommt“.

Keller hatte Horvath erwähnt, Kastberger nahm das auf: Während Horvath die Phrase überführe, könne der Autor schlicht nichts anderes.

Sandra Kegel entnahm dem Text, dass die Figur zwar den Kosmos durchschauen könne, aber ihn nicht durchbrechen. Sie fühle sich durch die ständigen Erklärungen an „Sozialarbeiter-Agitprop“ erinnert. Die Ausgangsthese des Textes, dass alles möglich ist, löse er nicht ein.

Juri Steiner hatte das Leben in der Tonne Realität werden sehen. Die Figur oszilliere, doch alles sei schon zu spät. Er sah den „schlafenden Terrorismus unserer Zeit“ dargestellt und fand den Text „interessant“. Er verteidigte auch seine sprachlichen Mittel: „Die Welt ist Phrase!“ Gmünder nahm das auf und behauptete: „Mit dieser Figur verlassen wir die literarische Komfortzone.“

Nun wich Kastberger zum ersten Mal auf die Metaebene aus: Steiner habe das „gigantische Talent“, Defizite eines Texts durch Interpretation auszugleichen (sollte er jemals einen Text haben, wolle er unbedingt, dass Steiner ihn bespreche). Der Text sei phrasenartig und tue nichts damit; er habe keine literarischen Mittel, damit umzugehen. Kegel erwähnte die ständige Verwendung von „man“, was Kastberger als „Jargon der Uneigentlichkeit“ bezeichnete.

Winkels verwies darauf, dass eigentlich jedes Jahr ein Text mit solchen Jargon zu den Bachmannpresivorschlägen gehöre.

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Den Text von FALKNER (auf der Autorenseite ist ihr Künstlername auch noch gebrüllt) bekam ich zunächst nicht mit, weil ein sehr unruhiges Kommen und Gehen zwischen den beiden Kandidaten herrschte, dadurch Sitze in der ersten Reihe frei wurden, und einer der ORF-Fernsehleute sie hastig besetzen musste – unter anderem mit mir (Glück gehabt, im richtigen Moment einen Blick aufgefangen). Aber bis ich mich zurechtgerückt hatte und den halben Hausstand der Vorsitzerin unterm Stuhl verstaut, war FALKNER schon mitten drin in ihrem von Klaus Kastberger vorgeschlagenen „Manifest 47“. Ich brauchte die eine oder andere Minute, bis ich begriff: Nicht realistisches Erzählen! Dann schufen die Bilder, Wiederholungen und Wortmusik schnell ein Bild mit viel Atmosphäre vor meinem inneren Auge, ich hörte eher Sprechgesang als einen Text, das aber sehr dicht und reich. Ein wenig rausgerissen wurde ich nur durch konkrete Zahlen: 70 Menschen auf dem Platz, in zwei Runden wird auf sie geschossen, dreimal wird jeder fünfte erschossen – ich begann zu rechnen, wie viele jetzt noch übrig sein könnten.

Feßmann griff als Erstes das Motive der Ordnung und des Sortierens als Vorlauf des Exekutierens auf. Die Logik des Textes sei die Fragmentierung, die gegen die Ordnung gehalten werde. Sie habe schon andere Texte von FALKNER gelesen, und alle enthielten diese Elemente. Dass er insgesamt ereignislos sei, sah sie als „Sinn der Übung“: „Die Ästhetik geht durchaus auf.“

Eine politische Parabel sah Kegel in dem Text, mit Scharfschützen, Staatsmacht, Brutalität, Selektion, doch die Demütigungssituationen seien alle bekannt: „Der Text kommt nicht darüber hinaus.“ Sie störte sich zudem an der manieristischen Verwendung der Satzzeichen.

Gmünder meinte, er habe den Text gerne gelesen, „die Herrschaft der Vielen über die wenigen“. Er sah das Frankensteinmotiv, Calvinos Baron auf dem Baum, fand aber, der Text baue Bedeutung auf, die er nicht einhalte.

Winkels ging erst auf die „Choreografie der Körperteile“ ein, dass wir bald schon nicht mehr über Gemetzel und Grauen erschreckten. Doch dann beleuchtete er den Titel: Ein Manifest sei doch eigentlich normativ. Dieses aber nicht, jedes Angebot, das der Text mache, ziehe er wieder zurück. Auf die Gattung ging dann Kastberger ein (auch wenn er nicht „germanistische Proseminaratmosphäre aufkommen lassen“ wolle). Ein Manifest lasse sicher keinen Raum für eine allegorische Lesart. FALKNER habe beschlossen, nur noch Manifeste zu schreiben; die Aussage dahinter: Nur noch als Manifest ist literarisches Schreiben möglich. „Zu einem Manifest greift man, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist“, „Sprache im Modus des Ausnahmezustands“, und den sah er im Kern Europas, wo Kastberger das „das sind keine Menschen“ bitterste, krude Realität nannte.

Jetzt habe aber er, Kastberger, die Lücken und Defizite des Textes ausgeglichen, konstatierte Keller (fand Kastberger anscheinend nicht lustig). Es seien so viele Köder ausgelegt: Eingelagerte Liebesgeschichte als klassische Perspektive für Unversehrbarkeit, „alles finster invertiert“ wie ein Garten von Hieronymus Bosch, doch ihrer Meinung nach könne der Text nur vorgelesen bestehen.

Steiner wollte noch etwas Gutes über den Text sagen: Er sei ein Manifest von wir und die anderen, es würden Gegensätze geschaffen, die es zu überwinden gelte. Freundschaft und Liebe seien selten in Manifesten, er sehe ein „Metamanifest, das sich in den Schwanz beißt“.

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Juri Steiner hatte Tim Krohn vorgeschlagen, der in seinem Einführungsfilm die Arbeit an seinem Haus auf einem Dorf als eigentlich wertvolle Arbeit im Gegensatz zur Kunst anpries. Seine Geschichte „Zum Paradies“ hörte ich sehr gerne und interessiert: Adam und Eva, wie sie sich im Alltag außerhalb des Paradieses zurecht finden.

Steiner erzählte, dass er bis zu diesem Text nicht gewusst habe, dass die Geschichte von Adam und Eve auch interessant sein könne: „In dieser Jagd passiert alles, was die Menschheit ausmacht.“ Und dass es Eva sei, die das erste Töten erledigen müsse, sei für ihn ein besonderer „Twist“.

Für Feßmann war es die Textform der Parabel um die Frage „Darf man töten?“. Sie fand die Abweichung, dass Adam Eva braucht, seltsam, bemerkte, „dass beide Irrsinns-Sophisten sind“, fand den Traumvergleich mit dem Trumpf Gott „eine aparte Idee“. Doch sprachlich sei „die Bibel doch interessanter als diese bräsige Nacherzählung“.

Keller erklärte den Hintergrund, dass Krohn auch in der Vergangenheit viele Mythen und Traditionen nacherzählt habe; jetzt sei die Bibel dran. Adam&Eva-Nachdichtungen gebe es seit Jahrhunderten, bis Daniel Defoe sie durch Robinsonaden in die Jetztzeit gebracht habe. Sie verwies darauf, dass die Frage des Tötens in der Bibel eigentlich durch die Kain&Abel-Geschichte behandelt werde, hier gehe es um Tiere. Doch der Text „schwankt vom Publikum her“: Manchmal erscheine er wie eine Welterklärungsgeschichte als Jugendbuch.

Kegel prägte das Wort des Tages: Sie sah den Text als „veganen Ursprungstext“, als „Veganesis“ (für einen kurzen Moment fehlte Daniela Strigl nicht mehr so schmerzlich) – Töten von Tieren sei wohl nicht so gut. Doch sie bemängelte, dass es Adam an Phantasie fehle; sie habe sich gewünscht, dass er sich die Welt nochmal neu erfinde.

„Mir hat diese Welt eigentlich ganz gut gefallen“, widersprach Kastberger. Aber er klagte, der Baum der Erkenntnis habe offensichtlich nicht viel gebracht, die Figuren hätten „das Reflexionsniveau einer Sechsjährigen“. Aber er sei bei Welterklärungsfolien auf Basis der Bibel ohnehin misstrauisch.

Winkels hingegen kritisiert, dass sich der Text nicht auf seine Vorläufer beziehe – das dürfe bei diesem Thema höchstens ein Kinderbuch. Er nehme eine Energie auf, die schon da sei, und mache damit nichts.

Gmünder meinte, eigentlich möge er das Rearrangieren von Elementen. Doch hier sehe er nur „Pappkameraden“, am lebendigsten sei noch das sterbende Reh. Er habe sich schwer getan mit dem Text.

Steiner hingegen indentifizierte sich ganz mit diesem Adam: Wäre er so aus dem Paradies geholt, ginge es ihm ähnlich. Außerdem liebe er den Text wegen seines „Märchenpotenzials“. Kastberger meinte, er an Adams Stelle hätte das viel mehr als Befreiungsakt gesehen.

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Monique Schwitter kam auf Einladung von Hildegard Keller und hatte einen wunderbaren Film zur Vorstellung dabei (Stop Motion!). Sie las „Esche“, eine realistische Familien- und Beziehungsgeschichte mit Alltag, Interaktionen, schönen Dialogen, erzählten und nicht erzählten Hintergründen, Bizarritäten, scheinbar heiter. Ich fühlte mich sehr an besten John Irving erinnert.

Ebenso angetan war die Jury. Kegel fand, in diesem „Dreieckstext“ liege alles im Erinnern und Vergessen, außerdem sei sie von dem Körperlichen darin fasziniert, auch von seinem Bewegen und Verharren.

Kastbeger lobte, sonst sei er bei Texten mit vielen Namen schnell überfordert, doch hier nicht: „Glänzend und gelungen“ sei der Rahmen, in dem sie auftauchten, nach dem „Wucherungsprinzip“. Er nannte die einzelnen Geschichten darin „sehr, sehr schräg, aber nicht zu schräg“ und mochte die Frechheit.

Winkels grübelte, warum wohl alle den Text sofort gemocht hätten. Es liege möglicherweise an der Geometrie, die er mit barocken Opern assoziiere, an den Punkten, wie die Menschen zusammenkommen. Es gebe keinen psychologischen Überschuss. Gmünder meinte, es seien die Leerstellen, die es ausmachten.

Keller äußerte ihre Freude über die Begeisterung. Sie habe die Autorin und den Text eingeladen, weil die Geschichte so beiläufig daher komme: Verschiedene Paare, Liebe in vielen Varianten, alles in doppelter Spiegelung von Sein und Schein, durch die Kinderperspektive mit Magie.

Kastberger nahm Winkels‘ Verweis auf Barock auf: Es handle sich ja um eine Allegorie, in einem Rahmen, um eine „Mikro-Allegorie“, um „Bonsai-Barock“.

Auch Steiner mochte den Text und seine Entropie der Liebe; gerade der, der angeblich mit der Liebe abschlossen habe, befasse sich am meisten mit ihr.

Feßmann gingen die Vergleiche mit dem Barock zu weit: Es tauchte zwar die „Sittenverwahrlosung der Senioren in Buxtehude“ auf, doch die Erzählerin wolle gerade Stabilisierung. Sie musste sich korrigieren lassen, sie habe eine falsche Vorstellung von Barock: Die Kunst sei damals sogar besonders formal und geordnet gewesen (Gärten!).

Steiner sprach noch das Element fehlender Empathie an, die die junge Generation verstöre. Doch Keller widersprach: Es gehe um Spielarten der Liebe, sie sehe keine Trostlosigkeit. Winkels unterstrich das durch die Beobachtung, der Geschichte fehle jede Moralisierung.

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Ronja von Rönne las auf Einladung von Hubert Winkels (und ohne Vorstellungsfilm) „Welt am Sonntag“. Ich erkannte in der Ich-Erzählung einer jungen Frau, die allein in einem Hotelbett aufwacht und dann durch die Stadt zieht sowie in der Vorlesestimme den Tonfall und Jargon einiger YouTube-Kanäle junger Frauen, ein alterstypisches Augenrollen und Sinnsuchen – ein ganz bestimmtes heutiges Stereotyp. Sie interessierte mich nicht sehr. Die Jury guckt wahrscheinlich keine YouTube-Kanäle (so wie sie vergangenes Jahr eine Mutti-Tirade nur als originell ansehen konnte, weil sie keine Mutti-Blogs liest).

Feßmann sprach von einem Text, in dem alles Pose sei, „demontative Pose“, Pose und Provokation. Sie erinnerte er an das „Dekadenzphänomen“ von 1999 mit Stuckrad-Barre und Kracht. „Durchaus amüsant“, aber auch „komplett ärgerlich“ und „gnadenlos banal“. Sie räumte allerdings die Möglichkeit ein, es könnte provozierend sein „welche Banalität mir da als was Besonderes verkauft werden soll“.

Winkels gab die Pose zu, meinte aber, der Text behandle das „Sich-nicht-zurecht-finden“ als Problem; er bearbeite das Loch, das der dekadente Nihilismus der anderen hinterlassen habe. Die Figur fülle es mit der „Suche nach dem authentischen Moment“. Die Stimmung sei „auf eine sehr zeitgemäße Weise intensiv“.

Keller fasste zusammen, eine Ich-Erzählerin flaniere durch schöne deutsche Städte, die sie bei dieser Gelegenheit beleidige: „Absolut konsequent konstruiert.“ Doch ausgerechnet, wo sie Kakao mit Sahne finde, kippe sie.

Kastberger machte ein erstens, zweitens, drittens auf: Erstens lese er gerade einige sehr frühe Salinger-Geschichten, und schon 1952/53 gebe es die Party-Jugendlichen und ihr Hadern mit der Sinnlosigkeit. Der Unterschied in der heutigen Geschichte seien Wohlstand und Konsum, die zu anderen Coolnessgesten führten. Zweitens sei das der beste erste Satz seines privaten Rankings. Und drittens habe der Text die Moral/Warnung: „Wenn man den Sinn des Lebens sucht, soll man bitte nicht nach Karlsruhe fahren.“

Steiner sprach von der Dekadenz dieser „Generation Produktiv“ (so heißt sie in der Geschichte), die die Dekadenz zum Produktionsmittel mache. Doch der Text beschreibe auch die „Haarrisse in der Pose“.

Winkels fragt, warum immer nur von der Dekandenz im Text gesprochen werde und nicht von der Depression. Schließlich stelle sich die Erzählerin einen Suizid im Hotelzimmer vor und sich als Attentäterin.

Gmünder erwähnte die Zuschreibungen älterer Leute an jüngere, die Sehnsucht der jüngeren nach Intensität in einer normierten Welt; sie könnten der Propaganda kaum entgehen. Kastberger fragte allerdings, wer hier wem welche Rolle aufzwinge. Jugend sei schon immer von Rollenangeboten oder -zwängen unter Druck gesetzt worden, habe schon immer Wege des Ausbruchs gesucht. Diese Protagonistin hingegen wolle sich ja sogar anpassen.

Kegel sagte auffallenderweise nichts zu dem Text.

Bachmannpreis 2015, Tag 1

Donnerstag, 2. Juli 2015

Lauter interessante Texte, dazu konstruktive Jurydiskussionen – das war ein starker Anfang des Bachmannpreises.

Schöner Rahmen: Die Moderatorin der Fernsehübertragung samt Drumrum außerhalb des Studios ist Zita Bereuter, die ich in den vergangenen Jahren als Teil der Internet-lastigen Bachmannpreisschlachtenbummler kennengelernt hatte. Sie nahm in ihrer Anmoderation gleich mal die Teile des Studiopublikums aufs Korn, die vor Beginn und in Pausen ihre Plätze mit Taschen oder Jacken belegen. Half nur so halb, in der Mittagspause sahen wieder viele Zuschauerinnen nicht ein, dass ein verlassener Platz ein freier Platz sein sollte. Eine war zumindest ehrlich.

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Gleichzeitig war der Andrang überschaubar: Fast alle, die ins Studio wollten, bekamen Stühle – ich habe auch schon erlebt, dass selbst die Stehplätze im Gang umkämpft waren. Das Studio war angenehm gekühlt, neben der Liveatmosphäre ein weiterer Grund, die Außenübertragungsplätze in der Sommerhitze zu meiden. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, was mir beim Warten auf den Sendebeginn fehlte: Der bisherige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen, der immer schon zehn Minuten vor allen anderen im Studio gesessen hatte.

Ich ließ mir wieder nur vorlesen, las nicht selbst mit (steckte die ausgeteilten Texte aber ein).

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Katerina Poladjan stellte sich in einem künstlerisch verzerrten Film vor. Der Text, den Sie auf Einladung von Jurymitglied Meike Feßmann vorlas, hieß „Es ist weit bis nach Marseille“. Von einer Szene ausgehend über Hintergrundgeschichten und Personen zu sprechen, ist eine oft verwendete Erzählkonstruktion. Doch hier ist es eine Sexszene, eine erste erotische Begegnung von zwei Menschen, von der ausgegangen wird, in der mit „dachte sie“, „dachte er“ die Vergangenheit, familiäre Verknüpfungen und emotionale Verwicklungen erzählt werden. Und auch wenn ich nicht fordere, dass jede Sexbeschreibung rauschhaft gedankenlose Sinnlichkeit sein muss: So viel Gedanken an alles wirken hier merkwürdig. Die Geschichte geht dann zwar auch weiter und endet in einem ordentlichen Cliffhanger, aber der missglückte Anfang überschattet sie.

Der neue Juryvorsitzende Hubert Winkels eröffnete die Diskussion mit genau dieser Kritik: Er sprach vom „Missbrauch eines One Night Stands“. An ihm hängten drei Perspektiven, ein Ausbruch aus Normalität, der Tod eines Ehemanns, der Sohn – diese Sexszene sei zu aufgeladen, der Haken, an dem die ganze Geschichte hänge, sein zu klein.

Hildegard E. Keller bemängelt, die Ebenen des Texts hingen nicht zusammen, er werfe nur Fragen auf: „Welche Figur steht eigentlich im Zentrum der Geschichte?“

Stefan Gmünder (ein neues Jurymitglied) beobachtete, dass die alte Geschichte vom Sexabenteuer, nach dem der Mann verschwindet, einen Dreh dadurch bekomme, dass hier die Frau verschwindet. Er verwies auf seine Schweizer Herkunft, und für einen Schweizer gehe es bei Bergliteratur immer um Wahnsinn und Tod.

Klaus Kastberger (ein weiteres neues Jurymitglied) bemerkt zunächst, er habe sich einen anderen Text zum Auftakt gewünscht, nämlich einen „grottenschlechten“ (das hatte er auch schon getwittert), dieser aber sei „in seiner Art ziemlich perfekt“. Er wünsche ihn sich allerdings „lieber kratzbürstiger“, das liege an seiner eigenen österreichischen Herkunft (womit die beiden Minderheitskomplexe A und CH abgedeckt waren, hoffentlich bleiben sie es im Rest der Diskussion).

Juri Steiner hatte Tod, Liebe Wahnsinn gelesen, und fand den „Kontrollverlust sehr gut beschrieben“. Er assoziierte mit dem Namen des einen Protagonisten, Jean Luc Gaspard, den Filmemacher Godard, beschrieb eine Sterbeszene und sah dessen Jump Cut-Technik in der Geschichte, mit der die Ratlosigkeit und Rastlosigkeit der Existenz vermittelt würden.

Weiteres Neumitglied Sandra Kegel sprach von einem „Kreuzungstext“ und fragte sich, ob aus dieser Begegnung wohl eine Lebensveränderung werde. Sie wies auf die äußerliche Bewegung der Handlung im Text als bedeutend hin: Es gehe vom Hotel hinunter, dann auf den Berg. Allerdings kritisierte sie, der Text sei sprachlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Meike Feßmann widersprach Winkels: Der One Night Stand sei nicht der Anlass der Erzählung. Sie nannte den Text „unglaublich stimmungsstark“ und verglich ihn mit dem Trompetenspiel von Miles Davis. Sie sprach von Blenden und Schalen des Bewusstseins, man müsse den Text mit Zeit und Geduld lesen, und sie lobte die Bilder, die für die erotische Begegnung gefunden worden seien.

Keller warf ein, für sie seien das alles lose Enden gewesen, die nirgendwohin führten, das innere Zentrum der Begegnungen fehle.

Die Jury unterhielt sich über Scham und Schuld der Begegnung zwischen Ann und Luc. Während Keller meinte, Ann wolle sich lediglich etwas beweisen, sah Kegel deren inneren Dialoge mit ihrem verstorbenen Mann als Zeichen, dass sie noch nicht bereit sei. Feßmann wiederum war überzeugt, Ann werde durch diese Begegnung zurückgeführt ins Leben – und lobte die sparsame Art der Informationsvermittlung allein durch erlebte Rede.

Winkels wiederum kritisierte das zu Viel, vor allem bei der Behandlung des Sohnes. Steiner merkt an, dass die Jury möglicherweise „zu orgiastisch“ denke und gar kein Sex stattgefunden habe. Wie Winkels schon vorher wies er darauf hin, dass viele Passagen im Konjunktiv geschrieben seien, auch Teile der erotischen.

Klaus Kastberger bot an, dass die Probleme mit der Geschichte in Wirklichkeit ein Gattungsproblem sein könnten: Einer Kurzgeschichte verzeihe man Fehlen von Informationen und offene Fragen, doch diese Geschichte lese sich wie ein „Trailer für einen Roman“, und von einem Roman erwarte man weit mehr Antworten – er sei eine Hybridform. Er erzählte, dass er für sich die Einstiegssätze aller 14 Bachmannpreistexte in ein Ranking gebracht habe; der hier sei auf Platz 10 gelandet.

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Die nächste Vorleserin war Nora Gomringer (vorgeschlagen von Sandra Kegel), und sie räumte so richtig ab: Aus verschiedenen Perspektiven, in verschiedenen Stimmen und Sprach- sowie Textformen schilderte sie in ihrem Text „Recherche“ die solche einer Schriftstellerin in einem Mehrparteienhaus, aus dessen Balkon sich einige Monate zuvor ein 13-Jähriger in den Tod gestürzt hatte. Sogar die Übertragung der Bachmannpreislesungen kam darin vor. Viel Gelächter, das allerdings mit Voranschreiten der Geschichte bedrückter wurde, am Ende lauter und langer Applaus.

Sandra Kegel nannte den Text „Beobachtung zweiter Ordnung“ und „rasant“, er habe allerdings auch „etwas Verstörendes“, eine „Stimmenpolyhonie“ mit dem Treppenhaus als Verstärker.

Winkels rühmt ebenfalls die Polyphonie, zudem die Ausflüge zu Alice in Wonderland und viele andere Elemente, die er „sprachbezogene Avantgarde“ nannte, die aber nicht Selbstzweck seien. Er habe „nicht eine einzige Sekunde eine Unangemessenheit empfunden“.

Von einer „fast wissenschaftlichen Versuchsanordnung“ sprach Steiner, dem Wohnhaus als Universum. Der Name der rechechierenden Nora Bossong erinnere ihn an das Bosonteilchen; er denke an CERN, die Kollision werde hier durch den Todesfall ausgelöst.

Für Gmünder hatte der Text einen völlig neuen Kosmos erschaffen, er nannte ihn „genial“ und auch einen Text über das Schreiben. Dem stimmte Kegel zu: Er sei ein „Text über den Unterschied zwischen Schrift und Stimme“. Keller setzt noch einen drauf: Das Spiel dieser Stimmen sei raffiniert und abgründig, es schließe sogar die Zuhörer und sie als Jury mit ein.

Steiner spann seinen Vergleich mit Forschung weiter: Wie in der Physik gehe es darum, die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt zu finden.

Kastberger drehte das Rad ein Stückchen weiter: Ob denn der Text überhaupt ohne diese Umgebung existieren könne, in der Jury und Publikum sich befänden? Ob die Autorin ihn nicht lediglich „aus der Cloud“ geholt habe? (Immer ein bisschen peinlich, wenn Geisteswissenschaftler in Metaphern konkrete zeitgenössische Schlagwörter verwenden, ohne irgendeine Ahnung von deren realem Hintergrund zu haben.) Sei es möglich, dass die Jury diesem Text auf den Leim gehe?

Feßmann ging nicht darauf ein, sondern verglich ihr stilles Lesen des Texts mit der Rezeption jetzt: Ersteres sei bei ihr als Montage angekommen, die ihre Mittel beherrschte, jetzt beim Hören sei sie völlig gefangen gewesen und habe erst die ganze Vielfalt der Stimmen erfasst. Winkels nutzte das zur Erinnerung daran, dass es unter der Jury immer wieder die Diskussion über den Anteil des Vortrags an der Beurteilung gebe. Er schlug den Bogen zurück zu Kastbergers Anmerkung: Das Raumschiffdasein gelte für alle Kunst, zudem werfe der Text im Grunde selbst diese Frage auf.

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Saskia Henning von Lange las, vorgeschlagen von Sandra Kegel, „Hierbleiben“ vor – von ihrer eigenen rechten Hand tänzerisch begleitet. Ein Ich fährt einen vollen Möbelwagen weg von einem Du und kreist ununterbrochen um ein ungeborenes Kind, ums Autofahren, ums Vergessenwollen des Du. Mich interessierten weder Personen noch Handlung, ich ertappte mich bei abschweifenden Gedanken – außerdem verliere ich Vertrauen in einen Text, wenn er am Anfang von den Scheinwerferlichtern der überholten Autos schreibt, es dann aber erst später heißt: „Es dämmert, der Abend kommt.“

Sandra Kegel meldete sich als erste zur Geschichte, nannte sie „Autotext“, und schließlich sei Deutschland eine Autonation. Ebenso deutsch sei das ständige gedankliche Kreisen um sich selbst. Sie sah einen Gegensatz zwischen der Bewegung im Raum und dem Stillstand im Fahrerhaus des Lkws.

Winkels assozierte „Autobahn“ von Kraftwerk; der Text kenne nur sich selbst, sei aber nicht mit sich einverstanden. Er diagnostizierte eine ständige Verneinung, eine Reihe von Negativsätzen. Die „Monadologie“ der Geschichte sei Weltlosigkeit als monotones Ereignis; sie tendiere „ein wenig zu Blutleere und Langweile“.

Feßmann nannte das zu spekulativ: Ein Mann fliehe vor der Nachricht, dass er ein Kind bekomme. (An dieser Stelle schreckte ich hoch: Ich hatte beim Zuhören eine Frau am Steuer des Möbelwagens gesehen.) Was er spreche, sei für die Frau gedacht.

Gmünder sah in dem Möbelwagen ein Schneckensymbol. Er versuche die Beziehung zu Tode zu denken. Kastberger freute sich sehr über den ersten Satz, hatte aber Schwierigkeiten mit der Konstruiertheit der Geschichte. Vielleicht sei das ja gerade die Qualität der Geschichte, doch er habe die Ereignisse aufgesetzt gefunden. Fad sei ihm nicht geworden, im Gegenteil habe er sich die Geschichte noch radikaler gewünscht, eben wie das Kraftwerk-Lied.

Keller bezeichnete den Text als „großen Exodus eines Schwangerschaftstextes“, die Hauptfigur wolle sich nicht fortsetzen. Sie ringe um Vergessen, doch das nütze sich ab. Bei Selbstlesen habe sie sich gedacht, die Autorin müsse „sehr gut lesen, um den Text zu retten“.

Winkels versuchte einen psychologischen Ansatz: Die Hauptfigur negiere die Frau so sehr, dass sie am Ende eine Präsenz habe. Den Unfall am Ende sah er als Einbruch des Realen. Doch um diese Wucht erleben zu können, müsse der Leser durch eine lange Monotonie.
Steiner identifiziert die Monotonie als Darstellung der Trance beim Autofahren, der Rhythmus des Autofahrens literarisch übertragen.

Kastberger fasste zusammen, wie viele Ansätze es in dieser Diskussion zu diesem Text schon gegeben habe: „Je mehr Interpretationsmöglichkeiten ein Text lässt, desto besser ist er.“ (Ich fing innerlich das Fuchteln an. Kurz: Nein.) Für ihn sei er ein „weiblicher Erklärungsversuch eines männlichen Tickens“. Steiner bemerkte, es könne sich bei den Figuren ja auch um zwei Frauen handeln. Woraufhin Kastberger allen Ernstes meinte, darauf wäre er ja nie gekommen, denn wie eine Frau von einer anderen Frau ein Kind… (amüsiertes Augenbrauentanzen) „Ich weiß nicht.“ Leider habe ich mich nicht getraut, in der Pause zu ihm zu gehen und es ihm zu erklären.

Winkels warf die Frage auf, „ist der Text langweilig oder ist der Gegenstand des Textes Langeweile“. Es herrschte Uneinigkeit, Winkels meinte, es handle sich wohl um eine Beschwörungsform, doch „ich bin in diesen Beschwörungsgroove nicht reingekommen“.

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Meike Feßmann hatte Sven Recker vorgeschlagen, er las „Brot, Brot, Brot“ vor. Drei personale Perspektiven, die erste in sehr mündlicher, vulgärer Sprache, so dass ich die Zwischenüberschrift „Börner“ beim ersten Erscheinen als „Burner“ (im Sinne von toller Witz, Klopper) verstand. Alter! Wir bekamen immer wieder abwechselnd diesen Börner, eine Julia und Drago erzählt, sehr schnell, sehr umgangssprachlich. Mich interessierten die Geschichten, am wenigsten davon noch die der wohlstandsverfaulten Julia.

Kegel sprach von drei Menschen, die versuchen, mit ihrem Leben zurecht zu kommen; sie bot an, die Geschichte als Staatsallegorie zu lesen. Bedeutsam war für sie, dass die Geschichte „durchzogen von Fremdtexten“ war. Doch sie kritisierte, dass die Personen zu stereotyp seien, zum Beispiel die Ärztin mit ihrem „Second Hand Leben“. Winkels hakte da ein: Das Problem sei, dass diese Figur mit genau dieser Bezeichnung beschrieben werde. „Ganz von außen, auktorial mal kurz bestimmt“ würden die Figuren beschrieben, das werde dann durch Innensicht gedoppelt: „Geht literarisch gar nicht.“

Für Feßmann war das ein „klaustrophobischer Text über unsere Ego-, Therapie- und Geschäftsideengesellschaft“. Die Figuren hätten verinnerlicht, welche Auswege ihnen die Gesellschaft anbiete. Der Autor schiebe sie im Wechsel an die Rampe, dann fielen sie wieder zurück.

Doch auch Gmünder waren die Figuren zu schablonenhaft, sie seien wie dem Klischeekaufhaus psychischer Probleme entnommen. Er habe „immer denselben Duktus“ gehört, ein „Nachblöken von Zwangspropaganda“. Ähnlich sprach Keller von Innenperspektiven von Kranken, „wie wir sie uns vorstellen“. Sie überlegte: „Ist ein trashiger Text heute noch möglich?“ Wenn schon Schablonen verwendet würden, dann nicht mit Innenperspektiven.

Völlig kalt gelassen von dem Text fühlte sich Kastberger: „Hier habe ich irgendwie das Gefühl, es ist alles reproduziert.“ Es entwickle sich nichts aus dem Arrangement. Die Aufzählung von Produkten und Marken erinnere ihn an 90er Popliteratur, „ich kann mich an nichts entzünden“. Feßmann erklärte genau das zur Provokation, doch Kegel meinte, wenn man schon Schablonen verwende, müsse man auch etwas damit machen.

Juri Steiner sorgte für einen Lacher, als er scheinbar entsetzt ausrief: „Wenn die alle in die Schweiz kommen!“ (Zwei der drei Figuren planen, einen Arbeitsplatz in der Schweiz anzunehmen.) Er sah Schablonen, „die in der ironischen Brechung immer noch irgendwie zucken“ und fand den Text gar nicht so schlecht.

Gmünder verwies darauf, dass die Geschichte sprachlich zu deutlich sei und keine eigene Stimme habe, was Feßmann wiederum damit erklärte, dass es doch ein lobenswertes Risiko sei, keine eigene Erzählstimme zu haben und alles den Figuren zu überlassen.

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Den Text von Valerie Fritsch (vorgeschlagen von Klaus Kastberger), „Das Bein“, nahm die Jury völlig anders auf als ich. Ich hörte eine sehr konventionell literarischliterarische Geschichte. Sie kam mir vor, als hätte sich jemand ein grobes Geschichtsgerüst ausgedacht und dann jedes Detail mit Beschreibungen und Vergleichen poetisiert, bis es nach Literatur aussah. Vordergründig hörten wir die Geschichte eines Mannes, der seinen alten Vater besucht, einen Tänzer, weil der bei einem Unfall ein Bein verloren hat. Drumrum hätte es eine Vielzahl von Geschichten gegeben, die mich interessiert hätten: Die Tänzervergangenheit des Vaters, das Aufwachsen in einer solchen Umgebung, was mit der Mutter dazu war. Doch ich erfuhr statt dessen viel über das Haus und den Garten und die Hunde, die Protese und den Beinstumpf, alles poetisch beschrieben.

Genau darauf aber fuhr die gesamte Jury total ab (und das Publikum, das begeistert applaudierte). Feßmann nannte den Text eine „ganz morbide Geschichte“, „wie der Entwurf zu einem Bild“, sie habe an Velazquez gedacht. Sie lobte die Einfühlsamkeit in den Schmerz des amputierten Mannes. Kegel nannte ihn einen „Lückentext“, der seine Kraft aus dieser Lücke beziehe. Die Geschichte sei aufgehängt an den Jahreszeiten von Hochsommer bis Winter, die Motive seien großartig von Baum über Nachbarn bis zu Instrumenten. Sie schlug den Bogen von Phantomschmerz zu Literatur: Erschaffen, was nicht da ist.

Keller hatte den Text als memento mori gelesen. Die Zeit ästhetisch zu dehnen, habe Tradition. Sie habe schöne Bilder gesehen, empathisch sei nur die Natur. Die Geschichte habe ihr sehr gut gefallen.

Auch Winkels sprach die Natur an, auch in den Hunden; Natur kenne keine Lücke. Er sprach von einer „im Kern völlig ödipalen Geschichte“, der Sohn denke sich in die Kastration des Vaters hinein. Das Ende sei die Suche nach der Ganzheit des Sohnes. (Von all dem konnte ich nichts nachvollziehen.) Was Winkels störte: Dass der Vater Tänzer war, dieser Gipfel der Körperbeherrschung; das war ihm zu dick aufgetragen.

Als nächster schwärmte Steiner: Das sei ein Tableau, ein Bild der großen Metaphysik, die Versehrtheit, die uns moderne Menschen begleite. Er habe dieses Leid gespürt. Kastberger lobte den „literarischsten Text, den wir bisher gehört haben“. Seine Bilderwelt schaffe sich selbst den Raum, den Literatur brauche; fast jeder dritte Satz enthalte ein Bild (ich so: Eben! Furchtbar!). So könne heutige Literatur in einem Sinne weitergeführt werden, die auch in zeitgenössische Germanistenvorstellungen passe (ich so: Eben! Furchtbar!).

Nun lobte Feßmann: Es sei „erstaunlich gut gelungen, die Gedankenspur zu fassen von einer evolutionären Entwicklung in Verbindung mit Technik“. Für Gmünder ist Ödipus sekundär; der Text spiele mit Symmetrien, gerade bei den Sonnenblumen sei das hervorragend gelungen.

Winkels versuchte ein wenig Kritik (Unruhe und Murren im Publikum): Es sei ein guter Text, aber das sei es dann auch, er sei „auf überschaubare Weise gut gelungen“. Während Kastberger lobte, dass der sprachliche Stil nicht auf vergangene Zeiten zurückgreife, meinte Winkels, ohne Verweis auf Technik könne er durchaus auch vor 50 Jahren stattgefunden haben. Kurz schwenkte die Diskussion noch von der Protese auf die Bedeutung des väterlichen Gesichts für die Unversehrheit, dann war der erste Lesungstag um.

Journal Mittwoch, 1. Juli 2015 – Bachmannpreisdämmerung

Donnerstag, 2. Juli 2015

Möglicherweise leben in Klagenfurt die freundlichsten Verkehrsteilnehmer, die ich je erlebt habe. Ich kenne Straßenverkehr ja fast ausschließlich als Ärgernis, weil jeder und jede daran beteiligte die offiziellen Regeln sowie andere Beteiligte als Belästigung ansieht und den Unmut darüber in tätlicher schlechter Laune auslebt. Hier in Klagenfurt weist vieles darauf hin, dass die Menschen füreiander mitdenken und ein echtes Interesse daran haben, dass jeder und jede möglichst gut auf und an den Straßen zurecht kommt.

Beispiel, seit Jahren immer wieder bestätigt:
Von Klagenfurts Innenstadt zum Wörthersee führt über einige Kilometer der Lendkanal, daran entlang ein Sträßchen, gesäumt von schönen alten Bäumen, das fast ausschließlich zu Fuß und Rad genutzt wird, dies aber rege. Dieses Sträßchen wird von größeren und autoverkehrsreichen Straßen gekreuzt, meist über Brücken, an einer Stelle aber in Form einer normalen Kreuzung. Das Sträßchen mahnt mit Stoppzeichen, den Autos die Vorfahrt zu gewähren. Ich nähere mich dieser Kreuzung also immer vorsichtig, durchaus darauf gefasst, dass ich eine Weile auf eine Lücke im Autoverkehr werde warten müssen. Doch was passiert statt dessen wieder und wieder? Die Autos halten an! Auch sie nähern sich gewöhnlich vorsichtig der Kreuzung, und sobald sie meiner (und meist noch einiger Radlerinnen und Fußgänger ansichtig werden), lassen sie uns mit freundlicher Geste kreuzen. Man scheint diese heikle Verkehrsstelle in Klagenfurt zu kennen und es als Stadtkultur anzusehen, Höflichkeit und Rücksicht statt das Recht des Stärkeren walten zu lassen. Ähnliches habe ich auch an anderen Stellen erlebt: Rücksichtnahme und Freundlichkeit. Im Straßenverkehr!

§

Diesen Lendkanal lief ich gestern am späten Morgen entlang, inklusive einem Stück Wald und Feld nach Osten, dann das Ganze zurück. Meine Trödelei über Kaffee und Internet büßte ich mit bereits recht hohen Temperaturen dieses Sommertages, dennoch war der Lauf ein Genuss.

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Auf den letzten Metern gegenüber der Ferienwohnung Semmeln geholt, Frühstück nach Duschen.

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Teile des Nachmittags verbrachte ich im Strandbad Maria Loretto mit Sonnen, Lesen und Schwimmen im wunderbaren Wasser des Sees.

Abends Spaziergang zum ORF-Theater, dort holte ich mir erstmals als offiziell akkreditierte Besucherin Unterlagen und die Bachmanntasche des Jahres ab.

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Die Eröffnungsveranstaltung inklusive Auslosung der Lesereihenfolge sah ich mir auf einem Bildschirm im Gang vor dem Studio an – er war so wenig genutzt, dass ich sogar auf einem der Stühle zu sitzen kam. Die diesjährige Abwesenheit meiner persönlichen Klagenfurt-Fee Angela Leinen und von Kathrin Passig werde ich hier nicht zum ersten Mal schmerzlich gespürt haben.

Doch ganz viele andere waren wieder da, schöne und herzliche Begegnungen im Garten vor dem ORF-Theater. Große Freude auch über Erstbesucherinnen, die ich schon lange aus dem Internet kenne. Die Veranstalter hatten Ernst gemacht mit ihren Sparankündigungen (die Erklärung im Mittelteil, warum an allen Ecken gespart werden müsse, habe ich allerdings verpasst – wahrscheinlich weil ich österreichische Medien nicht mitverfolge): Statt Buffet gab es Schmalzbrote.

In milder Sommernacht mit Lindeblütendüften saß ich für meine Verhältnisse lange.