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Journal Freitag, 24. Oktober 2014 – Mantel gestohlen

Samstag, 25. Oktober 2014

Lassen Sie uns über die Kugelform der Erde sprechen. Vielleicht sind Sie Astrophysikerin und können detailliert auseinandersetzen, dass unsere gesamte Existenz davon abhängt, dass es diesen Planeten ohne Kugelform im Universum überhaupt nicht gäbe und uns schon gleich gar nicht. Vielleicht sind sie Grafikerin und sich zumindest dessen bewusst, dass das Wissen um diese Kugeligkeit verhältnismäßig neu ist, haben sich aber nie damit auseinander gesetzt.

Lassen Sie sich von einer Sekretärin sagen: Für das moderne Businesskaspertum in einer globalisierten Unternehmenswelt ist die Kugelform der Erde ein Fluch! Spätestens wenn Sie, wie ich gestern mal wieder, einen Termin zwischen Teilnehmern vereinbaren sollen, die in Deutschland, Japan und an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika sitzen. Irgendwer schläft immer!

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Der Biergarten unterm Büro macht langsam dicht.

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Abends die Kisten mit den Winterklamotten aus dem Keller geholt. Und verifiziert, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf spukte: Meinen Wintermantel in Schutzhülle, den ich im Frühling an ein Regal im winzigen Kellerabteil gehängt hatte – war der bei meinen seltenen Besuchen der vergangenen Monate im Keller überhaupt noch dort gehangen? Nein, war er nicht.

Dieses Kellerabteil hatte ich in unseren 15 Jahren hier im Haus nie verschlossen: Es gelangen nur Hausbewohner ins Untergeschoß, da der Zugang mit zwei Türen versperrt ist. Selbst den Aufzug bringt man nur mit dem Hausschlüssel zu einer Fahrt bis in den Keller. Und doch, so stellte ich gestern bestürzt fest, hat mir jemand meinen Mantel gestohlen.

Abgesehen davon, dass ich mir mal wieder naiv denke: Wer macht den sowas? Abgesehen vom Schmerz, dass sich diese höchste Ausgabe, die ich je für ein Kleidungsstück getätigt habe, nun doch nicht amortisiert (ich hatte den Mantel mindestens zehn Jahre tragen wollen, und seine Qualität hätte das sicher ermöglicht). Abgesehen von all dem habe ich nun keinen warmen Mantel für den Winter.

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Was kosten handgefertigte Dinge, deren Herstellung nicht in Billinglohnländer verschoben wurde? Ich werde immer wieder sturzwütend, wenn Menschen solche realen Preise reflexartig mit Abzockertum erklären (und sich selbst ohne Nachdenken nicht wundern, dass die Villen am Stadtrand keineswegs Schuhmacherinnen, Täschnern, Goldschmiedinnen, Korbflechtern, Töpfern oder Schneiderinnen gehören).

Deshalb freut mich sehr, dass Ella sich die Mühe gemacht hat, die Herstellung ihrer Quilts detailliert zu schildern: Was erfordert welche Arbeitsschritte, wie lange dauern sie etwa?
“‘Und was kostet sowas?’ – Ein Einblick in die Preisgestaltung meiner Quilts.”

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Zwar haben viele den Eindruck, Facebook oder Twitter würden ihre Hinweise auf gefährlichen Inhalt ignorieren. Doch tatsächlich beschäftigen alle Online-Plattformen Hunderte von Menschen, sich genau darum zu kümmern. Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, wie so ein Job aussieht und was er mit diesen Menschen macht?
“The Laborers Who Keep Dick Pics and Beheadings Out of Your Facebook Feed”.

So companies like Facebook and Twitter rely on an army of workers employed to soak up the worst of humanity in order to protect the rest of us. And there are legions of them—a vast, invisible pool of human labor. Hemanshu Nigam, the former chief security officer of MySpace who now runs online safety consultancy SSP Blue, estimates that the number of content moderators scrubbing the world’s social media sites, mobile apps, and cloud storage services runs to “well over 100,000”—that is, about twice the total head count of Google and nearly 14 times that of Facebook.

Journal Sonntag, 19. Oktober 2014 – Sonniges Isartal

Montag, 20. Oktober 2014

Die Morgenbrötchen gelangen auch beim zweiten Mal nicht so recht: Der Teig war wieder kaum aufgegangen, und die Semmeln wurden zu dunkel. Nächstes Mal deutlich längere Stockgare? Das eigentlich Aufregende war die erste Nutzung des Dampfeinstoßes im neuen Ofen. Die Programmierung war ein wenig kompliziert – ich bin halt Computerbildschirme gewohnt, auf denen ich jederzeit einen Überblick über meine Eingaben habe. Doch das Bedampfen funktionierte.

Dafür klappte mein Plan, diesen angekündigten letzten Spätsommertag nochmal für eine Wanderung zu nutzen. Ich fuhr nach Icking, um über das Isarhochufer nach Wolfratshausen zu spazieren, untenrum im Isartal und übers Ickinger Wehr zurück. Ich hatte Glück: Trotz Lokführerstreik kam ich reibungslos nach Icking.

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Bussarde hörte ich und sah sie bis zu dritt auf Thermik fliegen. Nicht gefasst war ich allerdings auf Lamas.

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In Wolfratshausen machte ich ein Päuschen bei Cappuccino und Apfelschorle, um mich herum Paare und Familien beim Kirchweihessen.

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Das Ickinger Wehr.

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Der Heimweg war dann eher länglich: Fast eine Stunde wartete ich am Ickinger S-Bahnhof, bis eine unbestreikte Bahn mich zurück nach München brachte. Ich hatte die halbe Wochenendezeitung als Lektüre dabei: So eine Zeitung ist ja anders als ein Buch eine flexibel lange Lektüre, Ziehharmonika-artig – im Alltag durchblättert, Überschriften gecheckt, selektiv gelesen, werden mit steigender Not immer mehr der Artikel gelesen; irgendwann locken auch Biowetter und Impressum zum Lesen.

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Abends Fleischpflanzerl (spontaner Einfall: mit Feta gefüllt). Ich wollte, dass alle gleichzeitig fertig wurden und benutzte zwei Pfannen. Die zweite Pfanne stellte sich als untauglich heraus, sie produzierte Fleischpflanzerlgröstl. Dazu aus dem Ofen Butternutkürbisscheiben.

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Ein Dominik-Graf-Polizeiruf: Nach der positiven Überraschung vom Vorabend nun eine Enttäuschung, die reichlichen Anspielungen an Guttenberg rissen das nicht raus. Das gute Drehbuch stammte von Sathyan Ramesh, das gestrige von Günter Schütter. Werde ich mir merken, beide Namen.

Journal Samstag, 18. Oktober 2014 – nochmal Spätsommer

Sonntag, 19. Oktober 2014

Selbst das wenige Außenlicht, das es nur sehr indirekt mit Nordfenster und zu zwei Dritteln herabgelassenem Rollladen in mein Schlafzimmer schaffte, war beim Aufwachen um sieben unverwechselbar: Es kündigte einen strahlenden Sonnentag an. Nach einem Morgenkaffee radelte ich zur Luitpoldbrücke, um von dort meinen Isarlauf nach Unterföhring und zurück zu starten. Ein traumhafter Lauf in der Sonne – von der Leinthalerbrücke aus sah ich nach Süden deutlich den Wendelstein -, körperlich unbelastet.

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In lustiger Kleidung Einkaufen gegangen, vorbei an vielen, vielen Menschen in Straßencafés.

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Nachmittags merkte ich, dass ich nach dem Freitagabend über französischem Essen mit einer Freundin nicht ganz genug geschlafen hatte und legte mich zu einer Siesta hin – in den letzten Jahren habe ich sehr selten dieses Bedürfnis, freue mich umso mehr, ihm nachgeben zu können.

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Zeitunglesen im sonnigen Wohnzimmer. Die neue SZ am Wochenende macht einen sehr guten Eindruck. Ausführliche Wochenendzeitungen habe ich ja Anfang der 90er während meines Auslandsjahrs in Großbritannien kennengelernt und schätzte es dort sehr – mit weniger als drei Wochenendblättern kam ich sonntags nie vom Morgenschwimmen zurück ins Student House. Doch seither haben sich meine Lesegewohnheiten sehr verändert; mal sehen, wie sich das auf das Lesen dieses neuen Formats auswirkt.

Allerdings wünschte ich, ich hätte das Streiflicht nicht angeschaut: Mit launigen Stereotypen über Internetnutzer, die kein wirkliches Leben haben, wurde die Hetzjagd gegen Anita Sarkeesian lächerlich gemacht, die ja nur der jüngste Auswuchs von Terror gegen Feministinnen ist:

Viel zu befürchten hat Frau Sarkeesian aber nicht. Wer ihr etwas antun wollte, müsste die virtuelle Welt verlassen. Doch wer so tief darin lebt, hat längst vergessen, wo eigentlich der Ausgang war.

Ernsthaft? Ja, die Süddeutsche ist stolz auf ihre interne Meinungspluralität. Aber da ich weiß, wie viele Menschen in der Redaktion inzwischen das Internet kennen, es klug nutzen, darin leben, wundert mich schon sehr, dass es immer noch keine Filter gibt, die das Rausplärren solch geballter Ignoranz verhindern. Das Streiflicht, bezeichnenderweise nicht namentlich gekennzeichnet, steht wie keine andere Rubrik für die Zeitung. Dieser vorgestrige Blödsinn macht das ganze Blatt lächerlich.

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Den späten Nachmittag in der Küche verbracht:

Apfelschlangerl nach Katharina Seiser gebacken. Gelernt: Pink Lady ist kein guter Kuchenapfel (war mir vor Jahren mal empfohlen worden, hatte ich deshalb ausprobiert, wird aber leider gummig hart), anderthalb Kilo Äpfel sind zu viel Füllung, die Rolle platzte im Ofen auf.

Neuen Joghurt angesetzt, derzeit esse ich pro Woche mindestens ein Kilo.

Morgenbrötchen nach Lutz Geißler angesetzt.

Zum Nachtmahl Kartoffel-Kohlrabi-Eintopf gekocht. In jüngster Zeit entdecke ich die klassische Einbrenn als Geschmacksgeber für Gemüsegerichte und -suppen. Sie scheint mir der zeitgenössischen Alltagsküche völlig abhanden gekommen zu sein, nachdem sie in der Generation meiner Mutter an fast alles kam. Vielleicht hat Letzteres zu Ersterem geführt?

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Abends im Fernsehen in den Dominik-Graf-Krimi “Reiche Leichen” reingeschnuppert – und angenehm überrascht hängen geblieben: Überdurchschnittlich gutes Drehbuch, vor allem sehr schöne Dialoge, unpeinliche bis gute Schauspielkunst, Andreas Giebel strahlt genau die grundmenschliche Wärme aus, die es für seine Rolle brauchte. Aus der Schönheit des Starnberger Sees genau richtig viel gemacht, ohne Kitschgrenzen zu reißen.

Journal Dienstag, 14. Oktober 2014 – der Hemingwaykellner und Geld von der VG Wort

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Das Biergartenorakel vor dem Bürofenster besagte vormittags, dass sehr schönes Wetter werden würde. Über die Monate hatte ich bemerkt, dass das Eindecken oder Nicht-Eindecken dieses Außenbereichs des italienischen Lokals ein recht sicherer Indikator für das Wetter im weiteren Verlauf des Tages war. Nur einmal hatte ich erlebt, dass das Personal nachmittags hektisch die großen Schirme aufspannen musste, um die Gäste vor einem überraschenden Regenguss zu schützen.

Doch gestern sah ich, wie ein weißhaariger Kellner karierte Decken über alle Tische legte (nur ein Teil der Tische wird eingedeckt bedeutet Regengefahr oder kühle Temperaturen), Aschenbecher darauf verteilte. Er trug zum mediterranen Kellner-Standard des weißen Hemds und der schwarzen Hose eine dunkle Schürze als Schmutzschutz und eine Steppweste, arbeitete ernst und ohne Hast, die Bewegungen etwas steif, die Füße etwas eckig gesetzt, für einen Blick über die Schulter musste er den Oberkörper mitdrehen. Ich hätte gerne eine Hemingwaykurzgeschichte über ihn geschrieben.

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Das Wetter war dann auch glorios, mittags riss ich mich für einen kleinen Spaziergang los, aß ein Spinatbörek in der Sonne.

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Nach der Arbeit war ich zu einem Vortrag verabredet:
“Behind the Mask: WWI, Plastic Surgery, and the Modern Beauty Revolution”
Lubins These: Aus der Hässlichkeit kriegsversehrter Gesichter entstand ein neuer Schönheitskult. Der Kulturwissenschaftler beschrieb die Entstehung der ästhetischen Chirurgie aus der Notwendigkeit, den entstellten Veteranen des ersten Weltkriegs einen Weg in den Alltag zu verschaffen mit interessanten Details. Doch der Sprung zur Behauptung, daraus sei in den USA direkt das Bedürfnis von Frauen entstanden, die neuen Techniken zur Beseitigung von Schönheitsmakeln einzusetzen, war nicht hergeleitet und unbelegt. Spannender fand ich da schon seine Ausführung über die veränderte Haltung der Gesellschaft zur Maske in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

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Anfang 2013 raffte ich mich dann doch mal auf, dieses Blog bei der VG Wort zu melden. Zusammen mit dem Mitbewohner kämpfte ich mich durch den sehr eigenwilligen Prozess, mit dem man dort Beiträge einträgt. Ich holte mir die Liste von Zählpixeln, von denen man zur Erfassung jeweils einen hinter einen ausreichend langen Blogpost stellt – was ich meist eh vergaß und erst nach Tagen nachholte. Und von allein kommt sicher niemand darauf, dass es der Menüpunkt “Zählmarken recherchieren” ist, mit dem man den Text dann auf der Website der VG Wort anmeldet, “Webbereich anlegen”, wo die URL des Posts hinterlegt wird.

Doch ich wollte das zumindest ein Jahr durchspielen, um zu sehen, wie viel Geld dabei herauskommt. Als ich mir dafür Anfang des Jahres bei der VG Wort erst nochmal die Liste aller zur Auszahlung in Frage kommender Beiträge holen musste, diese dann ein weiteres Mal in ein Formular eintragen, war ich kurz davor hinzuschmeißen.

Gestern war Zahltag: Das Lesen der Blogtexte, die ich 2013 bei der VG Wort gemeldet habe, ergab eine Ausschüttung von 644 Euro. Die muss ich zwar noch versteuern, aber das ist schon echtes Geld. Erst schwankte ich, ob es genug ist, den bürokratischen Aufwand zu rechtfertigen. Doch wenn ich das Zählpixelverwalten, Onlineeintragen, Anmelden, Buchführen als stupiden Nebenjob ansehe, für den ich übers Jahr zusammengezählt einen Tag arbeite, passt das.

Journal Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 2014 – Herdüberforderung

Montag, 13. Oktober 2014

Die Folgen der Migräne spürte ich am Samstag noch deutlich. Mein Vater war so nett, uns mit dem Auto nach Petershausen zu fahren und ersparte uns so zumindest die Ersatzbuszockelei über die Dörfer (immer noch Baustelle, immer noch Schienenersatzverkehr). Am Bahnhof warteten wir auf die nächste Verbindung nach München, die die App der Münchner Verkehrsbetriebe mir anzeigte. Zum Glück wies uns nach 20 Minuten Warten ein Bahnangestellter darauf hin, dass diese nicht fahren würde, sonst würde ich immer noch warten.

Daheim kurz etwas gegessen, dann gleich wieder ins Bett.

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Zwei Stunden tiefer Schlaf beseitigten die Migränenachwirkungen, ich war abends fit genug zum Kochen: Griechischer Auberginenauflauf.
Nach einer halben Stunde Braterei hatte ich gerade die letzte Pfanne voll Auberginenscheiben auf dem niegelnagelneuen Herd (daneben köchelte leise die Tomatensauce), als die Anzeige eine Fehlermeldung blinkte: F2. Nachblättern in der Gebrauchsanweisung ergab:

Auf mehreren Kochstellen wurde über längere Zeit,(sic) mit hoher Leistung gekocht. Zum Schutz der Elektronik wurde die Kochstelle abgeschaltet.

Das kann ja heiter werden, wenn der neue Siemens-Herd bereits damit überfordert ist – keine der beiden benutzten Platten war auf voller Leistung gelaufen. Sollte ich mal auf Zeit kochen (weil ich Gäste habe oder Verschiedenes gleichzeitig fertigwerden soll), kann ich es gar nicht brauchen, wenn der Herd sich zwischendurch ein Viertelstündchen erholen muss.

Der resultierende Auberginenauflauf war dennoch köstlich.

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Sonntag nach unruhiger Nacht (um zwei hatte sich ein Grüppchen junger Menschen den Hinterhof unter meinem Schlafzimmerfenster für eine fröhliche Unterhaltung ausgesucht) Morgenkaffee zu knallblauem Himmel und Sonnenschein.

Ich schrieb fürs Techniktagebuch auf, wie mein Elektrikervater mal unserer Band mit preisgünstigen Kabeln aushalf.

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Raus in die Sonne zu einem Isarlauf. Die Strecke Wittelsbacherbrücke – Großhesselohe und zurück war wundervoll, wenn auch an diesem warmen Sonntagvormittag so stark frequentiert, dass ich einige Abschnitte Hundeslalom lief.

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Daheim eine vierfache Menge Cranberrycookies gebacken: In adrette Tütchen verpackt mit einem Schild “Gruß aus der neuen Küche” sollen sie die Nachbarn für den Lärm des Umbaus entschädigen.

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Die nachmittäglichen Sonnenstrahlen im Rosengarten über Buch und Wochenendzeitung genossen. Auch hier war ich nicht die einzige mit dieser Idee.

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Abends bekamen die Rondini aus dem Ernteanteil nochmal eine Chance, diese Kanonenkugeln an Kürbiszüchtung, die sich vor allem durch nicht essbare Schale und völlige Abwesenheit von Eigengeschmack auszeichnen.

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Jawoll, so kann man sie lassen, mit gut gewürztem Hackfleisch samt Feta gefüllt (Koch: Mitbewohner). Die Male davor hatten wir sie gemäß Spielanleitung eingestochen und in Wasser gekocht, dann ausgelöffelt – wenn Kürbisse eh schon nach nicht viel schmecken, ist das der kürbissigste von allen.

Dessert: Lassen Sie uns über Speiseeis sprechen. Ich bevorzuge eigentlich andere Süßigkeiten, aber der Mitbewohner hat im Biosupermarkt Roggenkamp Organics aufgetan (keine Deep Links möglich, Ihr Flash-Honks!): Das Mangosorbet ist das beste Mangoeis, das ich je gegessen habe. Und das Karamell-Eis ist was völlig Neues und schmeckt fabelhaft: Eher krümeliges Sahneeis, gerade nicht cremig, mit fließendem Karamell dazwischen.

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Dazu der völlig abgefahrene Tatort “Im Schmerz geboren”, scheinbar punktgenau für das halbseiden gebildete Publikum meiner Twittertimeline gemacht (mich eingeschlossen): Ich war begeistert. Als ich in den Ankündigungen von zahlreichen Anspielungen quer durch die Filmgeschichte und klassischer Musik gelesen hatte, fürchtete ich große Peinlichkeit. Doch das Drehbuch von Michael Proehl nimmt die Shakespearewelt samt Chorus und Blankvers, legt immer wieder ikonische Filmfolien vor allem aus der Westerngeschichte darüber und thematisiert das Ganze mit Leichtigkeit und nebenher. Ein Krimi war das nicht, schon gar nicht in irgendeiner Weise realistisch – sondern großes Theater. Inklusive Ocean’s Eleven in Wiesbaden.
Vielleicht mögen Sie ihn in der Mediathek nachholen?

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Dann hat man also einen Nobelpreis gewonnen – großartig, super, lebensverändernd! Letzteres allerdings auch in Situationen, auf die man vorher nie gekommen wäre.
“What It’s Like to Carry Your Nobel Prize through Airport Security”.

Journal Freitag, 10. Oktober 2014 – Landhausgeburtstag

Samstag, 11. Oktober 2014

Als ich Bahnverbindungen zu Mutters Geburtstagfeier recherchierte, stieß ich bereits auf Hindernisse: Baustelle auf der Strecke, Schienenersatzverkehr. Ich meldete mich also schon anderthalb Stunden vor vertragsgemäßem Arbeitsende ab, um lediglich eine halbe Stunde zu spät zum Fest in der Antonuisschwaige zu kommen.

Da die Busse von Petershausen nach Ingolstadt völlig überlastet waren, dauerte die Reise von München an den Rand von Ingolstadt (S-Bahn, Bus, Taxi) dann aber fast drei Stunden: Als ich mit dem Mitbewohner eintraf, saß die Festgemeinde bereits über der Hauptspeise. Ich wollte niemanden beim Essen stören und mich unauffällig setzen, doch mein Vater mahnte mich zu einer Begrüßung der alten Freunde des Hauses (wie sieht da wohl das offizielle gute Benehmen aus?). Also machte ich eine Runde und knutschte und umarmte mich durch einen großen Teil der Gesellschaft.

Zu Essen gab es ein Spanferkel vom Grill mit traditionellen Beilagen, das köstlich war.

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Wie bei solchen Feiern im Freundeskreis meiner Eltern üblich, gab es Einlagen: Die Bruderfamilie samt dreier Kinder musizierte aufs Niedlichste einzeln (Geige, Gitarre, Klavier und Gesang) und zusammen (“Mama mia” umgedichtet), die Clique (falls Sie sich gefragt hatten, wo dieses Wort geblieben ist: hier) führte eine bedichtete Hutmodenschau auf. Zwei Freundinnn aus dem Kreis der spanisch Eingeheirateten schilderten mit einem Gedichtl aufgehängt an der Rotkäppchengeschichte, wie wenig das Großmutterbild des Märchens auf die Großmutter von heute passt, schon gar nicht auf meine Mutter.

Ich unterhielt mich mal hier mal dort und war wieder ehrlich begeistert, dass nicht nur eine und nicht nur einer aus dieser Alterklasse mit über 70 besser als jemals in ihrem Leben aussieht. Dass alle ohne materielle Sorgen leben und fast keiner mit ernsten Gesundheitsproblemen kämpft, hilft natürlich.

Dank der Tipps von Twitterinnen war selbst ich dem Motto “Landhaus” angemessen gekleidet (eine Freundin des Hauses, Marianne, erzählte mir, dass sie sich das Dirndl ihrer Tochter ausgeliehen hatte – es ist also keineswegs so, dass Landhauserei bei den anderen zur Standardausstattung gehörte).

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In der Nacht erwischte mich leider die Migräne, erst um 10 Uhr stand ich aufrecht genug, um den herbstlichen Ausblick aus dem Elternhaus zu genießen.

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Daniela Strigl, die beste und beliebteste Jurorin des Bachmannpreises, ist von ihrem Posten zurückgetreten, aus nachvollziehbaren Gründen.

Auf der Frankfurter Buchmesse (ob ich in diesem Leben nochmal auf eine Buchmesse komme?) wurde dagegen protestiert.
Unter anderem mit Sonetten.
“Gerechtigkeit für Daniela Strigl!”

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Gedanken zu wissenschaftlichen Konferenzen von einer, die eine Menge davon gesehen hat (na kommSe, Sie hatten Mary Beard doch auch schon hier vermisst).
“Laugh-in”.

Journal Donnerstag, 9. Oktober 2014 – der Wasserverkäufer

Freitag, 10. Oktober 2014

Um drei Uhr morgens von Hubschrauberlärm aufgewacht: Da würde doch nicht um diese Zeit einer auf dem Not-Not-Not-Landeplatz inmitten der Innenstadtkliniken landen müssen? Ich stand auf und sah hinaus: Nein, keine Absperrungen und Feuerwehrwagen hatten eine Landung vorbereitet. Doch ich hörte den Hubschrauber noch sehr lange sehr tief fliegen.

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Nochmal bei offenem Fenster crosstrainergestrampelt. Ein halbes Dutzend balgender Amseln beobachtet, ein quietschoranges Eichhörnchen gesehen.

In wundervoller Morgensonne in die Arbeit gelaufen.

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Eine Anregung von @midori aufgenommen: Sie hatte über eine App getwittert, die sie stündlich daran erinnert, eine Pause zu machen. Und diese nutzt sie, um mit dem Aufzug fünf Stockwerke hinunter zu fahren (nicht zu Fuß wegen Knie), um dann zu Fuß nach oben zu gehen. Zweites Obergeschoß bis drittes Untergeschoß ergibt auch in dem Gebäude, in dem ich arbeite, fünf Stockwerke, dafür sind meine Knie schon lange problemfrei und kann runterrennen. Viermal schaffte ich es über den Tag verteilt, aufzuspringen und das tatsächlich zu tun.

Am frühen Nachmittag riss ich mich zudem für einen kleinen Mittagspausenspaziergang los – und war völlig überrascht, in ernsthaft sommerliche Temperaturen zu geraten.

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Akquiseanruf von einem Wasserbottich-fürs-Büro-Verkäufer – allein die Vorstellung, in dieser 60-qm-Agentur auch noch Platz für einen Wasserturm finden zu müssen, erheiterte mich (selbst Serverschränkchen und Drucker finden nur im kleinen Besprechungszimmer Platz).

Nachdem er sein Sprücherl aufgesagt hatte, inklusive die Firma sei auch Mitglied im Verband deutscher Mineralbrunnen, erkundigte er sich nach meinem Interesse.

“Nein, ich habe kein Interesse. Das Münchner Leitungswasser ist ganz hervorragend und versorgt uns bestens.”

Wasserverkäufer: “Aber das kommt doch alles durch die Kläranlage!”
Vor Verblüffung über dieses Ausmaß an manipulativem Blödsinn musste ich herzhaft lachen.
Ich: “Nein, das ist Quellwasser – das müssten Sie doch wissen!”
WK: “Ich kann doch nicht alle Wasserquellen Deutschlands kennen.”
Ich: “Ach, schickt Sie der Verband der deutscher Mineralbrunnen nicht auf Fortbildungen?”

WK: “Dafür ist unser Wasser besonders gesund und aufbereitet!”
Ich: “Ah, LEBENDIGES Wasser!”
WK: “Was?”
Ich: “Da gibt’s doch so Kristallstengel, die man in die Wasserkrüge steckt, und dann wird das Wasser lebendig.”
Jetzt lachte der Anrufer herzlich.

Wir schieden als Freunde und wünschten einander einen schönen Tag.

(Dazwischen hatte ich ihn noch gefragt, ob er nicht eine Wasserverkostung deutscher Leitungswässer anbieten möchte, es gebe doch so Wassersommeliers. Aber außer mit “ja, da schmeckt man bestimmt Unterschiede” sprang er nicht darauf an. Dabei würde mich das wirklich mal interessieren.)

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Die heimlichen… nicht so heimlichen Weltherrscher:
“Grayson Perry: The rise and fall of Default Man
How did the straight, white, middle-class Default Man take control of our society – and how can he be dethroned?”

Today, in politically correct 21st-century Britain, you might think things would have changed but somehow the Great White Male has thrived and continues to colonise the high-status, high-earning, high-power roles (93 per cent of executive directors in the UK are white men; 77 per cent of parliament is male). The Great White Male’s combination of good education, manners, charm, confidence and sexual attractiveness (or “money”, as I like to call it) means he has a strong grip on the keys to power. Of course, the main reason he has those qualities in the first place is what he is, not what he has achieved. John Scalzi, in his blog Whatever, thought that being a straight white male was like playing the computer game called Life with the difficulty setting on “Easy”. If you are a Default Man you look like power.
(…)
In the course of making my documentary series about identity, Who Are You?, for Channel 4, the identity I found hardest to talk about, the most elusive, was Default Man’s. Somehow, his world-view, his take on society, now so overlaps with the dominant narrative that it is like a Death Star hiding behind the moon. We cannot unpick his thoughts and feelings from the “proper, right-thinking” attitudes of our society.
(…)
When we talk of identity, we often think of groups such as black Muslim lesbians in wheelchairs. This is because identity only seems to become an issue when it is challenged or under threat. Our classic Default Man is rarely under existential threat; consequently, his identity remains unexamined. It ambles along blithely, never having to stand up for its rights or to defend its homeland.
(…)
When I was at art college in the late Seventies/early Eighties, one of the slogans the feminists used was: “Objectivity is Male Subjectivity.” This brilliantly encapsulates how male power nestles in our very language, exerting influence at the most fundamental level. Men, especially Default Men, have put forward their biased, highly emotional views as somehow “rational”, more considered, more “calm down, dear”. Women and “exotic” minorities are framed as “passionate” or “emotional” as if they, the Default Men, had this unique ability to somehow look round the side of that most interior lens, the lens that is always distorted by our feelings. Default Man somehow had a dispassionate, empirical, objective vision of the world as a birthright, and everyone else was at the mercy of turbulent, uncontrolled feelings. That, of course, explained why the “others” often held views that were at such odds with their supposedly cool, analytic vision of the world.
(…)
One tactic that men use to disguise their subjectively restricted clothing choices is the justification of spurious function. As if they need a watch that splits lap times and works 300 feet underwater, or a Himalayan mountaineer’s jacket for a walk in the park. The rufty-tufty army/hunter camouflage pattern is now to boys as pink is to girls. Curiously, I think the real function of the sober business suit is not to look smart but as camouflage. A person in a grey suit is invisible, in the way burglars often wear hi-vis jackets to pass as unremarkable “workmen”. The business suit is the uniform of those who do the looking, the appraising. It rebuffs comment by its sheer ubiquity. Many office workers loathe dress-down Fridays because they can no longer hide behind a suit. They might have to expose something of their messy selves through their “casual” clothes.
(…)
The outcry against positive discrimination is the wail of someone who is having their privilege taken away. For talented black, female and working-class people to take their just place in the limited seats of power, some of those Default Men are going to have to give up their seats.

Perhaps Default Man needs to step down from some of his most celebrated roles. I’d happily watch a gay black James Bond and an all-female Top Gear, QI or Have I Got News for You.
(…)
Earlier this year, at the Being A Man festival at the Southbank Centre in London, I gave a talk on masculinity called: “Men, Sit Down for your Rights!”.

Das stützt ganz wunderbar Antje Schrupps zentrales Hinterfragen dieser Standards: Es geht nicht darum, Frauen in diesem Männersystem nach vorne zu bringen, sondern zu untersuchen, ob es Alternativen zu diesem System gibt, die automatisch Frauen enthalten.