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Journal Samstag, 6. Februar 2016 – Krokantenerwachen

Sonntag, 7. Februar 2016

Meine Wetter-App hatte Sonnenschein vorhergesagt, also freute ich mich auf einen Isarlauf. Ich nahm die U-Bahn bis zum Odeonsplatz und lief durch den Hofgarten los. Trotz Sonne ware es recht frisch, ich brauchte Mütze und Handschuhe.

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Der Monopteros wird immer noch renoviert.
Auf einer Grünfläche beim Chinesischen Turm sah ich meine ersten Winterlinge.

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Großer Schrecken auf dem Rückweg: Der Damm des Mittleren Isarkanals war gründlich abgeholzt. Auf die Schnelle konnte ich keine Information dazu finden.

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Die Krokanten haben bereits losgelegt.

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Nach Dusche und Frühstück traf ich mich im Café Aroma mit einer viel zu selten gesehenen Freundin und verbrachte den Nachmittag unter anderem mit dem Versuch, das Flüchtlingsschlamassel und die Zukunft der Immigration nach Deutschland zu lösen. Leider muss ich Ihnen gestehen, dass wir scheiterten: Wir konnten immer nur neue Bereiche auflisten, für die wir Ideen brauchen.

Noch ein paar Lebensmitteleinkäufe, Heimweg im Abendrot.

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Zuhause empfing mich der Duft von Orangenmarmelade: Herr Kaltmamsell hatte eine Lieferung Bitterorangen aus Mallorca verarbeitet.

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Thomas Schmid denkt nach über die Grundhaltung, in der derzeit diskutiert wird:
„Neuer deutscher Hass“.

Das Gefühl, regelmäßig übervorteilt und nicht gehört zu werden, ist hier weit verbreitet. Und wenn vom Volk die Rede ist, meint so mancher, eine Demokratie sei nichts wert, wenn Volkes Wille nicht unmittelbar regiere, wenn Politiker sich nicht zu Vollzugsgehilfen des ewig zu kurz gekommenen Volkes machen – wobei jeder Einzelne dieser Rabiaten erst dann zufriedengestellt wäre, wenn sich sein ganz persönlicher Wille eins zu eins erfüllt.

Diese Befürchtung hege auch ich.

Journal Freitag, 5. Februar 2016 – WMDEDGT, Helene

Samstag, 6. Februar 2016

Es war der 5. des Monats, der Tag für die Antwort auf Frau Brüllens Frage: „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

Gestern stand ich um 5.45 Uhr auf, um vor der Arbeit Zeit für ein wenig Sport zu haben und trotzdem zu Fuß in die Arbeit gehen zu können. Nach einer großen Tasse Milchkaffee nebst Bloggen (den Großteil des Posts hatte ich allerdings schon am Vorabend geschrieben) bereitete ich das Wohnzimmer für eine Runde Bauchtraining vor: Stühle zur Seite schieben, zwei Handtücher übereinander auf den Boden vor den Fernseher legen, Fernseher schon mal anschalten, damit er genug Zeit hat, das WLAN zu finden.

Ich putzte und seidelte meine Zähne, zog Sportkleidung an und wärmte mich mit Low-Impact-Aerobic zu Madonnas „Hung up“ vom Rechner auf (weil es das richtige Tempo hat und die gut fünf Minuten lang ist, die ich gerne zum Aufwärmen habe). Ich startete Chrome Cast und übertrug dieses Bauchtraining auf den Fernseher. Ich freute mich wieder an der entspannten und fröhlichen Atmosphäre zwischen den beiden Vorturnern, dass es schon mal vorkommt, dass einer eine Übung nicht durchhält. Ergebnis: 1. Mal am Tag nassgeschwitzt.

Nach Duschen und Anziehen ging ich zu Fuß in die Arbeit. Es regnete ziemlich, ich brauchte meinen Schirm. Nach 35 Minuten zügigem Marsch war ich das 2. Mal am Tag nassgeschwitzt (inklusive dunklen Flecken auf meinem Seidenoberteil).

Die Arbeit des Tages bestand vor allem in Korrekturlesen und Gegenlesen von Texten, Durchsprache der Ergebnisse. Dazu trank ich zwei riesige Tassen Tee.

Ich hatte keine Brotzeit mitgenommen, weil ich zum Mittagessen mit einer Kollegin verabredet war – dachte ich. Tatsächlich stand der Termin aber bei Freitag, dem 12. Februar im Kalender. Als ich mittags Hunger bekam, ging ich also schnell in die Kantine und aß fragwürdigen „vegetarischen Maultaschenauflauf“: halbierte Fabrikmaultaschen mit einer Art Quarkfüllung in Mehlpompfsoße. Sättigte.

Nach weiterem Korrekturlesen machte ich mich an eine beschwerliche Aufgabe: Das Facility Management des Hauses hatte mitgeteilt, dass das Kellerlager der Abteilung nächste Woche einer Brandschutzprüfung unterzogen würde. Für dieses Lager sind seit der Umstrukturierung der Hauptabteilung vage eine Sekretärinkollegin und ich zuständig. Den Zustand, der auf mehrere Bombeneinschläge in jüngster Vergangenheit hinweist, haben nicht wir verursacht, doch er ist vorerst die Arbeitsbasis. Regalinhalte lassen eine Vergangenheit bis ca. 2012 erkennen, in der jemand für Archivierung und Ordnung sorgte. Alles danach wurde einfach irgendwohin geschoben oder auf dem Boden abgestellt. Ich hatte ein Aufräumen dieses Lagers als Projekt für ruhige Zeiten im Hinterkopf gehabt, doch jetzt war keine Zeit mehr für Aufschieben. Etwa zwei Stunden lang mistete und sortierte ich die Kartons, für die ich mich verantwortlich fühlte, weil sie mit den Inhalten meiner Teilabteilung zu tun hatten (3. Mal am Tag nassgeschwitzt).

Schon um 16:15 Uhr stempelte ich aus, da ich zu meiner Verabredung im Park Café pünktlich sein wollte. Der Tag war inzwischen trocken und sogar ein wenig sonnig geworden, ich genoss die 45 Minuten Fußmarsch (aber zum 4. Mal am Tag nassgeschwitzt).

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Das sind Helene (rechts) und ich wahrscheinlich Anfang 1992 in Swansea in der Wohnung, in der Helene mit drei Freundinnen wohnte, die alle viere auch meine Freundinnen wurden. Wir hatten uns nach dem abendlichen Ausgehen wohl auf dem Heimweg chicken and chips mitgebracht.

Helene hatte vor unserem Kennenlernen einige Monate in München gewohnt und gearbeitet. Auch die anderen drei waren direkt davor im Ausland gewesen, davon profitierte ich: Nicht nur konnten sie sich in meine Lage und in meine Unsicherheiten hineinversetzen, sie wiesen mich auch gezielt auf Britisches hin. Helene zum Beispiel kochte mir Typisches, gab mir im Fernsehen kulturell Prägendes zu sehen, korrigierte meine sprachlichen Fehler und nahm mich sogar über Weihnachten nach Nordengland zu ihrer Familie mit, damit ich mal ein richtiges englisches Weihnachten erleben konnte.

Nach unserer gemeinsamen Zeit in Wales hatten wir uns nur noch zweimal gesehen, doch durch Facebook war der Kontakt neu zustande gekommen. Weil sie mal wieder in Österreich Urlaub machte, hatte sich Helene gemeldet. Jetzt verbrachten wir nach über 20 Jahren wieder ein paar Stunden miteinander, und ich genoss es sehr. Ich erkannte sie in von außen und innen wieder.

Eine Folge dieses Gesprächs: Ich werde ein paar deutsche Hausrezepte verbloggen, die ich nie als bemerkenswert eingeschätzt hatte – das macht man halt so nebenbei. Doch Helene fragte mich, wie man bitte diesen großartigen Gurkensalat, den Kartoffelsalat und Krautsalat mache, der ihr in Österreich und Bayern immer so gut schmecke. In England gebe es nichts Vergleichbares. Aber gerne!

Spätabends brachte ich sie noch zu ihrem Zug zurück, umarmte sie mehrfach herzlich, vereinbarte ein baldiges Wiedersehen. Durch die kalte Nacht spazierte ich nach Hause. Dort fühlte ich mich knochenmüde, überbrachte gerade noch Herrn Kaltmamsell Helenes Grüße (die beiden hatten sich bei unserem letzten Treffen kennengelernt) und ging ohne Umwege nur nach Abschminken und Zähneputzen ins Bett.

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(Sie werden doch wohl zugeben müssen, dass ich mich seit meinem Studienjahr in Swansea praktisch nicht verändert habe.) (Das auf meinem Kopf ist ein tea cosy.) (Wunderschönes Wort, haben mir auch meine englischen Freundinnen beigebracht.)

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Hotel Mama schreibt über eine Situation, die wohl jeder Elternteil auf sich zukommen fürchtet:
„einen durchziehen“.

Schlüsselsatz, glaube ich: „ich bin die mutter, nicht der kumpel.“

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Ah, im englischsprachigen Raum versteht man mich halt. Zum Beispiel das saublöde, peinliche Gefühl, wenn man um Hilfe bitten muss. Hier ein paar wirklich hilfreiche Tipps:
„Self-Deprecating Intros for When You Call 911“.

via @the_maki

Journal Dienstag, 2. Februar 2016 – Betreutes Googlen

Mittwoch, 3. Februar 2016

Ein wenig früher aufgestanden, um vor der Arbeit noch eine halbe Stunde Kraftttraining vorm Fernseher unterzubringen. Mit Fitnessblender macht das weiterhin Spaß.

Nach einem ruhigen Anfang in der Arbeit setzte sich ein Phänomen vom Montag fort: Leicht bizarre Anrufe aus der Bevölkerung.

Was natürlich nicht stimmt, das ist lediglich ein kleiner, aber durchaus amüsanter Teil meiner Arbeit.

Unter anderem riefen Menschen bei meinem Arbeitgeber an und wollten wissen, wo man Fördermittel für Innovationen herbekommt oder wo sie orthopädische Hilfen für Fußprobleme kaufen können. Was ich dazu im Web finde, gebe ich gerne weiter, auch wenn es nichts mit meinem Arbeitgeber zu tun hat. Was manchmal auch nicht hilft: Dem Herrn, der „für jemanden, der eine Arbeit schreiben muss“ anrief, musste ich bescheiden, dass mein Arbeitgeber nicht in der angefragten Richtung tätig ist. Doch das Internet, sagte ich ihm, biete eine Menge Treffer für seine Suche – und ich begann, ihm Beispiele dafür vorzulesen. Sein Kommentar: „Ja, ne, dazu gibt’s einfach NICHTS!“
Achja, dann war da noch der Anrufer, der eine Anregung hatte: Er sei doch sicher nicht der einzige Interessierte, der gerne wissen wolle, wie sich bestimmte vermeldete Projekte weiterentwickeln. Ob mein Arbeitgeber nicht eine App zur Verfügung stellen könne, die ihm regelmäßig Updates zu Projekten schicke? (Google Alerts erklärt.)

Ein gestriges Highlight: Ich konnte erstmals meine frischen Indesign-Fertigkeiten anwenden.

Als ich abends heim kam, war Herr Kaltmamsell erst am Start der Essenszubereitung (Shakshuka!). Zum Aperitif säbelte ich weiter am schwindenden Jamón.

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Nachgedanken zu Transgender (wg. The Danish Girl) und daran angehängt zu Toleranz vs. Akzeptanz. Ich erinnere mich an Gesprächsfetzen, die ich während des vergangenen Brighton-Urlaubs am Nebentisch eines Restaurants mitbekam (es war recht leer im Restaurant, es gab gerade eine Pause im Gespräch mit meinem Begleiter). Das Restaurant lag im Stadtteil St. James, traditionell das Schwulen- und Lesbenviertel. Und eine der beiden Damen an diesem Nebentisch erklärte mit einem erleichterten Seufzer ihrer Begleitung, in dieser Gegend seien die Menschen ja „so much more accepting“.

Es macht eben einen Unterschied, ob ich – womöglich trotz einiger Resentiments – etwas aus übergeordneten Gründen dulde. Oder ob ich es annehme, in Ordnung finde.
Meine persönlichen Beispiele: Religionen gegenüber bin ich tolerant, obwohl ich eine Menge dagegen habe. Doch für mich sind übergeordnet die Menschenrechte, die die Freiheit der Religionsausübung festschreiben. Solange Religionen also den Rest der Menschenrechte nicht verletzen, toleriere ich ihre Ausübung. Werde sogar zänkisch, wenn jemand diese Freiheit beschneiden möchte.
Anders verhält es sich bei Fragen von Gender oder Liebesbeziehungen: Ich akzeptiere und begrüße ihr breites Spektrum und versuche in meinem kleinen Rahmen, die Gesellschaft so zu verändern, dass alle sich darin akzeptiert fühlen. (Selbstverständlich auch hier in den Grenzen der Menschenrechte.)

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Julia Bähr war auf der Weihnachtsmesse. Und hat bleibende Schäden davongetragen.
„Du wirst es lieben“.

Nach einer halben Stunde bin ich bereits reizüberflutet wie eine Dreijährige und habe völlig die Orientierung verloren: Ich finde aus der Halle 8 nicht mehr heraus. Das macht gar nichts, dann komme ich eben noch mal an den mit weißen Pailletten beklebten Elchen vorbei, die waren eh hinreißend. Als ich gerade eine fedrige Christbaumkugel anhimmele, ruft der Fotograf an: Er käme dann gleich vorbei. „Du wirst es lieben!“, juchze ich, als hätte man mir zwei Liter Glühwein intravenös verabreicht.

Journal Sonntag, 31. Januar 2016 – The Danish Girl und Zweinutzungsgockel

Montag, 1. Februar 2016

Das Wetter machte auf richtig greislich: Schneeregen, Regen. Ich blieb zum Sport daheim: Eine Runde Bauchgymnastik bei Fitnessblender, ein Stündchen Crosstrainer.

Vormittagsvorstellung The Danish Girl im Citykino (ich kann mich kaum mehr erinnern, wann ich zuletzt in einer Abendvorstellung war). Das ist eines der drei Münchner Kinos mit handgemalten Plakaten. Draußen freute ich mich vor auf Hail, Caesar!:

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Die Wände des City 2 waren mit besonders schönen Plakaten vergangener Filme geschmückt.

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The Danish Girl gefiel mir sehr gut. Ich fand ihn eindringlich gemacht, gleichzeitig war ich von seiner Schönheit, seiner visuellen Opulenz fasziniert (Gretas Kleider ab Paris will ich ALLE) – die sich möglicherweise ein wenig zu sehr in den Vordergrund schob. Schon bei den ersten Bildern und den ersten Takten Musik war ich überzeugt, dass der Filmscore dafür nur von Alexandre Desplat stammen konnte: Volltreffer.
Alicia Vikander spielt umwerfend: Dieser zarte Mädchentyp ist völlig überzeugend eine souveräne, autarke und feministische Frau. Eddie Redmayne war schon eher nach Typ gecastet, machte seine Sache hervorragend. Zu meckern habe ich höchstens am Drehbuch, das vielleicht ein bisschen zu viel wollte.

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Gefrühstückt, Granola gemacht, Internet gelesen, gebügelt, Hähnchen zubereitet.

Der junge Metzger beim Herrmannsfdorfer am Viktualienmarkt hatte mich eindringlich darauf hingewiesen, dass das nicht das übliche Hähnchen sei, dass es bis zu vier Stunden fürs Garen brauchen könne. Aber das Fleisch sei unglaublich geschmacksintensiv. Ich möge es auch besser in einem Topf schmoren statt im Ofen zu braten, sonst könnte es trocken werden. Alles klar, sagte ich: Kann ich, mach ich.

Er erzählte dann, wie sie diese Rasse in Glonn mit viel Versuch und Irrtum gezüchtet hatten. Dass die italienische Einkreuzung gar nicht funktioniert habe, weil die Rasse so aggressiv gewesen sei. Mit der französischen Rasse seien sie dann zum Ziel gelangt.

Also zerteilte ich das Tier und briet es mit ein paar kleinen Zwiebeln (Ernteanteil) und Knoblauch in Olivenöl an, löschte mit Weißwein ab, gab ein wenig Rosmarin und ein wenig kochendes Wasser dazu. Dann Deckel drauf und bei 160 Grad in den Ofen. Nach anderthalb Stunden gab ich Kartoffeln (Ernteanteil) dazu, garte weitere anderthalb Stunden.

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Schmeckte wirklich sehr gut, aber eine Stunde weniger hätt’s auch getan.
Das eigentliche Problem: Der Preis. 38 Euro für einen 2-Kilo-Gockel werde ich so schnell nicht mehr zahlen. Zwar weiß ich, dass anständige Viehwirtschaft einen hohen Kilopreis nach sich zieht und bin bereit, 16 Euro (Stand des Konradhofs auf dem Klenzemarkt) bis 24 Euro (gewohnter Herrmannsdorferpreis) für einen großen Bratgockel zu zahlen. Aber das Zweinutzungskonzept kann mit dieser Preisstruktur nicht funktionieren.

Bis Mitternacht wach geblieben, um Eintrittkarten als Geburtstagsgeschenk zu reservieren.

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Arthurs Tochter macht sich Gedanken über das Verschieben von Freude:
„Für gut…
…FÜR NICHTS“

Selbst habe ich das als junge Erwachsene gelernt: Dass Dinge (vor allem Nahrungsmittel), die ich „für besondere Gelegenheiten“ aufhob, am End‘ verdarben und weggeworfen wurden. Seither ist die besondere Gelegenheit die, zu der ich wirklich Lust darauf habe. Fertig.

Gleichzeitig kenne ich noch Familien (ich komme aus einer Gegend und einer Gesellschaftsschicht, in der der Wunsch nach selbst gebautem Eigenheim zur Grundausstattung gehörte), die im Keller ihres selbst gebauten Eigenheims wohnten, der mit Gebrauchsmöbeln und einer voll funktionsfähigen Küche ausgestattet war. In der eigentlichen Wohnung mit edler Küche hatten die fabrikneuen Möbel im Wohnzimmer Plastiküberzüge, die nur für hohe Gäste abgenommen wurden. Normale Gäste, also zum Beispiel Freunde, die zum Kartenspielen vorbei kamen, saßen gemütlich mit im Keller. Nun bin ich wirklich die allerletzte, die Ahnung vom Lebenschöpfen hat (Sie erinnern sich: Ich würde lieber nicht) – aber diese Art von Stellvertreterleben finde ich schon sehr gruslig.
Bei mir bleiben nach Ableben wahrscheinlich immer noch zu viele Bücher (ich möchte mich schon jetzt bei den Menschen entschuldigen, die das ausmisten und wegwerfen müssen), aber ganz sicher nichts, das auf besondere Gelegenheiten wartet.

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Mary Beard (schon wieder, ich weiß) wünscht sich ein Revival des Kommentars „Ich stimme nicht zu“ – und zwar statt „Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen“ oder „Ich bin enttäuscht von Ihnen“ (im deutschen Kommentar-Bingo würde ich ergänzen „Sie sollten sich schämen“). Denn „ich stimme nicht zu“, „ich bin anderer Meinung“ oder „das sehe ich anders“ ist eigentlich gemeint und wäre die konstruktive Einleitung des Gegenarguments. Aber dazu müssten die Diskussionsteilnehmer den Reflex bekämpfen, die Person statt das Argument anzugreifen.
„How to say ‚I disagree‘ in the 21st century“.

I’d like to observe just one thing. That it is possible to disagree over all kinds of things (tactics, short term aims etc) without being enemies. That’s life.

Journal Samstag, 30. Januar 2016 – Draußen an der Isar

Sonntag, 31. Januar 2016

Endlich mal wieder ein Lauf an der Isar, die Schmerzen in meinen Beinen und Hüften hatten mich die vergangenen Wochen davon abgehalten. Und dann war auch noch das Wetter schön!

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Am gegenüber liegenden Isarufer sehen Sie links die Bebauung des ehemaligen Rodenstock-Geländes.

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Auch auf der Isar wurde Sport getrieben.

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Für meine Einkaufsrunde trug ich zum ersten Mal meine neuen goldenen Schnürschuhe. In dem Moment, indem ich sie bestellte, war mir klar geworden, dass das der Beginn eines neuen Lebensabschnitts war: Goldene Schnürschuhe werden ja fast unausweichlich gefolgt von Leopardenmusterblusen. Und sehr künstlich gefärbten Haaren, wahlweise in frechem Dunkelrot oder selbst gesträhntem Blond. Dazu ein klebriger, pinker Lippenstift. Aber da mir die Schuhe wirklich gut gefallen, wird sich der Rest wohl nicht umgehen lassen. Den pfiffigen Kurzhaarschnitt habe ich ja schon.

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Einkauf im knallvollen Eataly: Drei der cuatro quesoni für die abendliche Pizza, ein wenig Babyspinat, aber das Fleisch gefiel mir nicht genug, und die Artischocken sahen mir nicht frisch genug aus.

Ich ging zum Herrmannsdorfer für Fleisch, die Bratgockel fielen mir ins Auge. Als ich einen erbat, wurde ich gefragt, ob ich einen Herrmannsdorfer bevorzuge oder den eines Lieferanten. Ich fragte nach dem Unterschied und erfuhr, dass das Herrmannsdorfer Exemplar ein Zweinutzungshuhn ist. Das Projekt kenne ich ja, also entschied ich mich sofort für dieses, um nicht nur die Eier aus Zweinutzungszucht probiert zu haben (gibt es im Biosupermarkt), sondern auch das Fleisch. Ich bekam ausführlich von der Zucht erzählt und wurde in die Zubereitung eingewiesen – Details dazu morgen, wenn das Viech gegart und gegessen ist.

Weitere Einkäufe im Alnatura (Milchprodukte, Brot, Zitronen) und im Drogeriemarkt (Taschentücher, Kloreiniger, Strumpfhose).

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Den Pizzateig zum Abendbrot machte ich wieder nach dem Rezept des Klassikers Die echte italienische Küche, drauf kamen große Mengen Käse (Fontina, Mozzarella, Gorgonzola, Parmesan) auf ein bisschen Tomatensoße (mit Wasser verdünntes Tomatenmark).

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Zu zweit aßen wird anderthalb davon.

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Zu Antisemitismus könnte man leider täglich etwas verlinken. Es muss schon viel passieren, dass mein Hirn bei der Lektüre „Ach du Scheiße“ formuliert. Wie es mir gestern ging, als ich las:
„Eine Verschwörungstheorie namens ‚Pinkwashing'“.

Auf einer großen Konferenz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Queeren in den USA werden jüdische Aktivisten aus Israel und Amerika mit Gewalt am Reden gehindert. Das Verdikt ihnen gegenüber lautet: Kollaboration mit einem »Apartheidstaat«, Rassismus, Kolonialismus – und »Pinkwashing«. Zu den Hintergründen eines absurden Theaters.

Der »Pinkwashing«-Vorwurf gehört zum Absurdesten, was der antiisraelische Aktivismus zu bieten hat, zumal mit ihm ein verschwörungstheoretischer Mechanismus bedient wird, der für den Antisemitismus charakteristisch ist: Gleich, was der jüdische Staat tut, es wird immer nur als Beleg für seine Schlechtigkeit gesehen. Räumt er Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Queeren nicht genügen Rechte ein, wird er der Homophobie geziehen. Gewährt er ihnen Rechte, dann tut er es lediglich, um die Muslime respektive die Palästinenser zu diskriminieren und sich selbst in ein besseres Licht zu rücken.

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Altphilologie-Professorin Mary Beard verlinkt in passendem Zusammenhang einen Aufsatz, den sie 2012 für The New York Review of Books geschrieben hat:
„Do the Classics Have a Future?“

Eine ausgezeichnete Bestandsaufnahme, die heute sicher genauso gilt. Nicht nur untersucht sie die Beweggründe für die Untergangsbeschwörungen zu Latein und Griechisch. Sie nimmt sich auch die üblichen Argumente für die Erhaltungswürdigkeit vor:

Latin certainly teaches you about language and how language works, and the fact that it is “dead” can be quite liberating: I’m forever grateful that you don’t have to learn how to ask for a pizza in it, or the directions to the cathedral. But honestly, if you want to learn French, you’d frankly be better off doing that, not starting with some other language first. There is really only one good reason for learning Latin, and that is that you want to read what is written in it.

Einer der Schlüsse, zu denen sie kommt: Nein, es muss nicht jeder Griechisch und Latein können – aber es sollten genug Leute übrig sein, die es können und die man fragen kann.

Journal Donnerstag/Freitag, 28./29. Januar 2016 – Faktenferne und Partylärm

Samstag, 30. Januar 2016

Am Donnerstag im Sonnenaufgang zu Fuß in die Arbeit. Die Theresienwiese konnte ich nicht ganz in Luftlinie kreuzen, weil mitten drin ein Stück Asphalt erneuert wird.

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Dieser minimale Umweg war allerdings sehr weit entfernt zu dem Weg, den meine Bewegungs-App mir unterstellte.

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In der Arbeit lernte ich durch Facebook-Kommentare und Anrufe, wie egal Menschen die einfachsten Fakten sind: Wer was wo gesagt hat zum Beispiel. Davor hatte ich vorausgesetzt, dass Menschen nur Aktionen angreifen, wenn sie sichergestellt haben, dass diese auch geschehen sind. Irrtum: Es wird nicht gelesen, nicht nachgedacht, sondern in einem Ausmaß rumgemeint, dass mir schwindlig ist.
Ich wundere mich über Entschlackungsgläubige? Das Ignorieren einfachster Alltagsfakten fängt schon weit vorher an. Unsereine mag scherzen: „Don’t confuse me with facts“. Doch eine große Anzahl Menschen ist anscheinend wirklich überzeugt, dass alles, was ihrem Bauchgefühl widerspricht, einfach gelogen ist.
Dass mich das erschüttern konnte, belegt, wie naiv ich immer noch bin.

Und doch fuchtle ich schon wieder mit den einfachsten Regeln sachlicher Argumentation herum: In der NZZ erklärt ein Kommentar von Karim Bschir
Die Regeln der Wissenschaft“.
Untertitel: „Wenn sich alternative Medizinpraktiker den Anschein von Wissenschaftlichkeit geben, indem sie ihr Vokabular jenem der Wissenschaft anverwandeln, ist Vorsicht geboten.“

Wer auch nur die geringste Ahnung von Wissenschaft hat, der weiss, dass diese keine absoluten Gewissheiten liefert.

(…)

Bevor wir anfangen, Evidenzen abzuwägen, gilt es zunächst einmal, zu klären, ob beide Seiten bereit sind, empirische Evidenz überhaupt als Argument zuzulassen.

via @RomanaGanzoni

Abends kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch und weil der Ernteanteil ein Stück Kürbis enthielt die Mac’n’Cheese aus Nicky Stichs Reisehunger. Während ich mich über die Einleitung zu dem Rezept so freute, dass ich sie verinstagramte

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(meine eigenen Rezepte müsste alle so anfangen), zweifelte Herr Kaltmamsell das eine oder andere Detail an dem Rezept an. Ich musste ihn zurechtweisen: „WENN DIE DAS SO HINGESCHRIEBEN HAT, WIRD SIE SICH WOHL WAS DABEI GEDACHT HABEN!“

Dazu passend: Margarete Stokowski lässt sich über die Detox-Welle aus. Ganz vernünftig:

Das Vermeiden von Stress ist die Grundhaltung. Das ist okay. Jede Gesellschaft hat ihre tröstenden Kulturtechniken. In Polen gibt es zum Beispiel Wodka.

Die ganze Kolumne:
„Oben und unten: Geil, Resignation!“

(Ich hab’s ja einfach: Mein Detox wird von den serienmäßig mit Körper gelieferten Nieren und Leber übernommen.)

Nach über einer Woche hatte ich mal wieder Lust auf Alkohol. In den Wochen davor hatte ich mir fast Sorgen gemacht, weil ich jeden Abend Lust auf ein Glas Wein gehabt hatte – irgendwie gehe ich davon aus, dass in jeder von uns eine Alkoholikerin lauert, die nur darauf wartet durchzubrechen. Doch da ich eben auch, eher selten, Phasen ohne jeden Hang zu Alkohol habe, stimmt das wohl nicht ganz.

Auf dem Heimweg hatte ich Zutaten für Mai Tai eingekauft, den gab’s abends reichlich.

§

Freitagmorgen um 4 klopfte die Migräne an. Das ging leider gar nicht, weil an diesem Freitag in der Arbeit eine ganztägige Konferenz stattfand, die ich organisiert hatte. Wenn ich zum Triptan gegriffen hätte (und ganz so schlimm, fand ich, war’s ja gar nicht), wäre ich in schwer abbrechbaren Tiefschlaf gefallen. Ich stand also wie geplant um 6 Uhr auf, setzte mechanisch den Kaffee auf, ertrug nicht mal seinen Geruch, war zu nichts zu gebrauchen, stierte schaukelnd vor mich hin. Zumindest musste ich mich nicht erbrechen.

Eine halbe Stunde ging ich nochmal ins Bett, schubste mich dann ins Büro. Ich stattete die Konferenztische mit Unterlagen aus (der Raum war bis zum Abend davor belegt gewesen, ich konnte das erst am Konferenzmorgen erledigen), legte Tischschilder und Namensschilder bereit – und stellte fest, dass ein Namensschild fehlte. Nun können die bei mir in der Arbeit CD-gerecht nur mit einer ganz bestimmte Maschine gefertigt werden, die nur zwei Menschen in der Hauptabteilung bedienen können – und die waren so früh noch nicht da.

Ich informierte eine Kollegin, die an der Konferenz teilnahm, über die organisatorischen Hintergründe des Tages (wann wo Mittagessen, wie der anschließende Espresso, woher Kaffeepause), wartete die Herstellung des fehlenden Namensschilds ab, brachte es in den Konferenzraum, schickte eine Krankmeldung ab und fuhr endlich nach Hause ins Bett.

Als ich wieder aufwachte, bekam ich sogar noch eine Stunde von dem wundervoll sonnigen Tag mit, sah eine große Gruppe silbern schillernder Gänse weit oben am Himmel ziehen.
Aber mehr als Nachlesen der Twitter-Timeline, einiger darin verlinkter Artikel und des Techniktagebuch-Redaktionschats war nicht drin. Jetzt ist aber mal wieder gut mit Migräne, drei Attacken in zwei Monaten sind störend weit über meinem Durchschnitt.

Abends feierten kürzlich zugezogene Mieter eine Party – schon gleich ab acht ungewöhnlich laut für dieses Haus. Aber so ist das halt mit fröhlichen Festen: Man hört sie.

Um neun klingelte es, ich verstand über das Haustelefon nicht, wer das war und ging hinunter zur Haustür: Da standen drei sehr große junge Männer in blauen Overalls, mit Funkknöpfen im Ohr und „Polizei“ auf die Brust gestickt. Tatsächlich, sie waren wegen der Party gerufen worden, oh je. Sie fragten freundlich, ob ich wisse, wo die sei? „Ja.“ – Ich deutete hinter sie ans schwarze Brett des Hauses, an dem die Mieter per Aushang die Party angekündigt hatten. Ob ich mich gestört fühlte? Aber nein, beteuerte ich, der Geräuschpegel sei nur für dieses sonst ruhige Haus ungewöhnlich.
Die Herren gingen hinauf.
Es tat mir leid für die Partygastgeber: Wer da auch immer die Polizei geholt hatte, hatte sicher nicht den Anstand gehabt, erst mal selbst zu klingeln und um Ruhe zu bitten.
Verbuchen wir das also unter München: Wo die Leute wegen einer hörbaren Party schon vor 21 Uhr die Polizei holen.

Leiser wurde es deshalb auch nicht (völlig in Ordnung), zumal offensichtlich auf den Balkonen geraucht wurde und der Schall der begleitenden laut-fröhlichen Gespräche sich im Hinterhof verstärkte. Aber dagegen gibt es ja Ohropax.

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Menschen fürs Putzen unserer Wohnung zu zahlen, bereitet mir immer noch ein leicht schlechtes Gewissen. Umso interessanter ist es zu erfahren, was vier solcher Reinigungskräfte über ihre Arbeitgeber und ihre Arbeit denken:
„Sie kennen unseren Schmutz. Kennen sie auch uns?“

Journal Dienstag/Mittwoch, 26./27. Januar 2016 – Erstes Amselflöten

Donnerstag, 28. Januar 2016

Die zweite Runde Indesignlernen begann am Dienstag erst um 9 Uhr und gleich bei mir ums Eck, damit hatte ich Zeit für eine knappe Stunde Frühsport vor dem Fernseher.

In der Schulung wieder viel gelernt, gleichzeitig das Gefühl, nicht mal zehn Prozent davon anschließend auch zu wissen.

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Technikmuseum vorm Schulungsraum.

Abends wurde ich endlich einen Großteil meiner Haare los; die drei Wochen davor hatte ich wegen gefühlter Überwucherung die Tage bis zum Friseurtermin gezählt. Jetzt habe ich wieder einen Haarschnitt, der in drei bis vier Wochen nach Judi Dench aussehen wird.

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In der Nacht zum Mittwoch einige Male Panikwachwerden wegen offener Aufgaben im Büro – nichts davon bei Tageslicht brenzlig, aber darum kümmert sich das Schlaf-Ich ja nicht. Morgens durch die offene Schlafzimmertür von Ferne aber deutlich die erste Amsel der Saison frühlingsflöten gehört.

Früh durch milde Luft in die Arbeit geradelt. Alles bequem abgearbeitet. Eigentlich hatte ich für abends Sportzeug dabei, doch am Nachmittag fühlte ich mich nicht nach Sport: ein wenig Kopfweh, Zittrigkeit.

Statt dessen ruhigen Abend daheim mit Salat und Gemüse aus Ernteanteil. Dem beiliegenden Briefchen entnommen, dass ein Anbauexperiment mit Schwarzwurzeln missglückt ist und es dieses Jahr im Kartoffelkombinat keinen geben wird – hurra! (Wir sind ihn schon immer losgeworden, meist an Arbeitskolleginnen und -kollegen, aber es war halt immer eine Mühe.)

§

Elf Volontärinnen am Badischen Landesmuseum Karlsruhe durften selbst eine Ausstellung gestalten und entschieden sich dafür, die Ausstellungsgeschichte hinter den Exponaten in den Mittelpunkt zu stellen:

Wie kommen Objekte eigentlich ins Museum? Durch welche Länder sind sie gereist, bevor sie in der Vitrine oder im Depot landen? Und welche Menschen waren an ihrer Odyssee beteiligt?

Das Ergebnis:
„‚OMG!‘ – Ein Ausstellungsprojekt in Karlsruhe“.

Klingt nach einer großartigen Idee, zumal die meisten Ausstellungsstücke aus dem Depot kamen.

via @ankegroener