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Journal Dienstag, 28. Oktober 2014 – Pärchen auf Profilfotos

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Zum ersten Mal diese Saison wieder die Warnweste zum morgendlichen Radeln übergezogen.

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Kraftttraining bei einem bislang unbekannten Vertretungsvorturner, dessen Stunde mir gut gefiel: Er war sehr gut vorbereitet, gab präzise Anweisungen zum richtigen Zeitpunkt, hatte die Gruppe jederzeit im Blick (es gibt durchaus Vorturner und Vorturnerinnen, die 60 Minuten nur mit sich beschäftigt sind), korrigierte geschickt und fokussiert.

Zum ersten Mal erlebte ich, dass ein Vorturner oder eine Vorturnerin mich für die Haltungskorrektur bei einer Übung explizit fragte, ob er mich anfassen darf. Es genügte eine Sekunde Geste, Blick, “darf ich?” – vorbildlich.

Dass der Herr anfangs erst mal fünf Minuten mit der Musikanlage kämpfte – mei. Bei solch einem Kampf barmen mich besonders Aushilfskräfte: Ist die Anspannung vor einer völlig unbekannten Gruppe, die jemand anderen gewöhnt ist und erwartet hat, sicher ohnehin groß genug.

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Bislang fand ich es lediglich merkwürdig, wenn Menschen als Profilbild auf Social-Media-Plattformen Aufnahmen von sich mit Partner/Partnerin verwenden. Seit gestern habe ich auch sachliche Argumente dagegen: Ich sollte einem Ansprechpartner (oder einer Ansprechpartnerin) in Indonesien antworten und wollte herausfinden, wer das ist. Oder auch nur, was an dem zweiteiligen Namen Vor- und Nachname ist. Auf Facebook gab es einen exakt übereinstimmenden Eintrag – mit einem Heteropaar als Profilbild. Wem von beiden gehörten wohl der Account und der Name?
Ich entschloss mich zur international anerkannten Kapitulationsgeste und schrieb den Menschen mit beiden Namen an (“Hello Erstername Zweitername”).
Ebenfalls gestern lernte ich, dass es in Indonesien Menschen mit nur einem Namen gibt – ich hatte zur Verifizierung eine Kopie des Passes vorliegen.

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Abends mit dem Mitbewohner eine weitere Pizzeria ausprobiert: Wo viele Jahre ein kleines französisches Restaurant war, ist jetzt The Italian Shot. War mir beim Vorbeiradeln sympathisch, weil auf dem selbstgemacht aussehenden Schild lediglich “Pizza & Bar” steht, den genauen Namen des Lokals entnahmen wir erst dem Kassenzettel. Mir schmeckte die Pizza mit Schinken, Feigen, Walnüssen, Ziegenkäse, Ruccola gut (hieß “Sicilian Shepherd”), das Glas Primitivo sogar ausgezeichnet (wenn auch seine Temperatur auf die nahende Glühweinsaison hinwies).

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Die Einrichtung ist ein weiterer Schritt in Richtung Prenzlauerbergisierung des Glockenbachviertels, die ich versuche, so neutral wie möglich zu registrieren. So war unser Tischgespräch auch die Berliner Art des Prätentiösen im Vergleich zur Müncher Art: Der Münchner, so behaupte ich, ist offen und vordergründig prätentiös – wenn der angeben will, dann MERKT MAN DAS! Das Prenzlauerbergberlin ist hermetisch prätentiös, sein Angeben ist codiert und richtet sich nur an einen winzigen, als Peergroup anerkannten Kreis, der Metzgerkacheln an der Wand und abgeschlagene Milchkanne auf dem Tresen entziffern kann.
(Wie wir Sortierungen und Schubladisierungen lieben!)

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Haarsträubende Geschichte wird Kinofilm, Folge unzählbar:
Sehr erfolgreicher, kommerzieller Maler war gar keiner: Die Bilder hatte alle seine Frau angefertigt.
“The big-eyed children: the extraordinary story of an epic art fraud
In the 1960s, Walter Keane was feted for his sentimental portraits that sold by the million. But in fact, his wife Margaret was the artist, working in virtual slavery to maintain his success. She tells her story, now the subject of a Tim Burton biopic”

via @journelle

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Die Idee, dass man nicht in erster Linie Frauen beibringen sollte, wie sie sich vor Vergewaltigung schützen, sondern Männern beibringen, nicht zu vergewaltigen, sollte nicht revolutionär klingen.
Und doch ist es ungewöhnlich und berichtenswert, dass in Oxford alle Colleges “Sexual Consent Workshops” veranstalten:
“What I learned in a sexual consent class at Oxford”.

Broaching the subject with new Oxford students has provoked an almost universal choreography of dismissive jerks and sighs, rolling of eyes, and exasperated tutting.

“Isn’t sex ed for schoolchildren?” they ask me, rhetorically. And “surely if someone is monstrous enough to want to rape someone, they won’t also be reasonable enough to be talked out of it?”. And also, “how can you ‘teach’ someone not to rape?”

Their questions played on my mind: what chance did a bunch of well-meaning students have of turning the tide of sexual violence, armed with only pamphlets, whiteboard markers and clipboards?

Journal Wochenende 25./26. Oktober 2014 – Mitbewohners Gäste

Montag, 27. Oktober 2014

Der Samstagvormittag gehörte dem Zubereiten der Schokoholics Pralinentarte aus Nicole Stichs Sweets und einem ausführlichen Einkauf bei Verdi: Der Mitbewohner hatte sich für den Abend Gäste eingeladen, und die sollten Tintenfischsalat bekommen, mit Lammhack gefüllte Quitten (aus Ottolenghis Jerusalem) sowie die Schokoladentarte mit Papaya.

Wechsel der Jahreszeitenkleidung heißt immer: Aufbügeln. Diesmal ergänzt von einem eh schon vorhandenen Bügelberg, zusammen eine mit Podcasts erträgliche Samstagnachmittagsbeschäftigung.

Nach Langem mal wieder Brotbacken geplant, die ersten Stufen der dreistufigen Sauerteigführung für einen Frankenlaib getätigt.

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Das Abendessen war köstlich. Der Tintenfisch hatte einen Tick zu viel Biss (ist mir allerdings so lieber als total labbrig), das Untermischen von Kartoffelwürfeln war ein einmaliger Versuch (macht das Gericht pomfig), das Quittengericht war aromatisch und scharf, die Tarte genau so schokoladig wie erhofft.

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Zum ersten Mal erlebt, dass sich jemand in kleiner geselliger Runde fast konsequent in den Blick auf sein Smartphone zurückzog.

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Sonntägliches Aufstehen in Dämmerung, vom Balkon aus gleich mal zwei Kaninchen gesehen.

Der Mitbewohner hatte nach der Sommerpause den Meisenknödel aufgehängt, der Balkon belebte sich innerhalb kürzester Zeit – inklusive Amseln auf dem Balkonsims, die sich wohl daran erinnerten, dass wo Meisenknödel, da auch Rosinen für sie (den ganzen Sommer über hatte ich sie nicht auf dem Balkon gesehen). Diese Erinnerung gleich mal durch Rosinenausstreuen aufgefrischt.

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Brotteig weitergeführt, zum Milchkaffee über Annes Wizoreks Buch geschrieben.

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Der Mitbewohner übernahm das Formen und Verladen des Teiglings ins Gärkörbchen für die Stückgare sowie das rechtzeitige Vorheizen des Ofens, damit ich Laufen gehen konnte. Nach einem ziemlich regnerischen Samstag schien die Sonne, ich genoss das Draußensein (Wasserstand der Isar überraschend hoch), war aber durch meine leichte Erkältung ein wenig am Schnaufen gehindert.

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Das Brot wurde ganz hervorragend im neuen Ofen.

Nachmittags das goldene Herbstlicht genossen und Zeitung gelesen.

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Zum Nachtmahl Ossobucco aus der Lameng, weil keine Karotten im Haus waren, dafür aber eine kleine Sellerieknolle und Tomatensaucenreste weg mussten.

Journal Freitag, 24. Oktober 2014 – Mantel gestohlen

Samstag, 25. Oktober 2014

Lassen Sie uns über die Kugelform der Erde sprechen. Vielleicht sind Sie Astrophysikerin und können detailliert auseinandersetzen, dass unsere gesamte Existenz davon abhängt, dass es diesen Planeten ohne Kugelform im Universum überhaupt nicht gäbe und uns schon gleich gar nicht. Vielleicht sind sie Grafikerin und sich zumindest dessen bewusst, dass das Wissen um diese Kugeligkeit verhältnismäßig neu ist, haben sich aber nie damit auseinander gesetzt.

Lassen Sie sich von einer Sekretärin sagen: Für das moderne Businesskaspertum in einer globalisierten Unternehmenswelt ist die Kugelform der Erde ein Fluch! Spätestens wenn Sie, wie ich gestern mal wieder, einen Termin zwischen Teilnehmern vereinbaren sollen, die in Deutschland, Japan und an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika sitzen. Irgendwer schläft immer!

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Der Biergarten unterm Büro macht langsam dicht.

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Abends die Kisten mit den Winterklamotten aus dem Keller geholt. Und verifiziert, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf spukte: Meinen Wintermantel in Schutzhülle, den ich im Frühling an ein Regal im winzigen Kellerabteil gehängt hatte – war der bei meinen seltenen Besuchen der vergangenen Monate im Keller überhaupt noch dort gehangen? Nein, war er nicht.

Dieses Kellerabteil hatte ich in unseren 15 Jahren hier im Haus nie verschlossen: Es gelangen nur Hausbewohner ins Untergeschoß, da der Zugang mit zwei Türen versperrt ist. Selbst den Aufzug bringt man nur mit dem Hausschlüssel zu einer Fahrt bis in den Keller. Und doch, so stellte ich gestern bestürzt fest, hat mir jemand meinen Mantel gestohlen.

Abgesehen davon, dass ich mir mal wieder naiv denke: Wer macht den sowas? Abgesehen vom Schmerz, dass sich diese höchste Ausgabe, die ich je für ein Kleidungsstück getätigt habe, nun doch nicht amortisiert (ich hatte den Mantel mindestens zehn Jahre tragen wollen, und seine Qualität hätte das sicher ermöglicht). Abgesehen von all dem habe ich nun keinen warmen Mantel für den Winter.

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Was kosten handgefertigte Dinge, deren Herstellung nicht in Billinglohnländer verschoben wurde? Ich werde immer wieder sturzwütend, wenn Menschen solche realen Preise reflexartig mit Abzockertum erklären (und sich selbst ohne Nachdenken nicht wundern, dass die Villen am Stadtrand keineswegs Schuhmacherinnen, Täschnern, Goldschmiedinnen, Korbflechtern, Töpfern oder Schneiderinnen gehören).

Deshalb freut mich sehr, dass Ella sich die Mühe gemacht hat, die Herstellung ihrer Quilts detailliert zu schildern: Was erfordert welche Arbeitsschritte, wie lange dauern sie etwa?
“‘Und was kostet sowas?’ – Ein Einblick in die Preisgestaltung meiner Quilts.”

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Zwar haben viele den Eindruck, Facebook oder Twitter würden ihre Hinweise auf gefährlichen Inhalt ignorieren. Doch tatsächlich beschäftigen alle Online-Plattformen Hunderte von Menschen, sich genau darum zu kümmern. Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, wie so ein Job aussieht und was er mit diesen Menschen macht?
“The Laborers Who Keep Dick Pics and Beheadings Out of Your Facebook Feed”.

So companies like Facebook and Twitter rely on an army of workers employed to soak up the worst of humanity in order to protect the rest of us. And there are legions of them—a vast, invisible pool of human labor. Hemanshu Nigam, the former chief security officer of MySpace who now runs online safety consultancy SSP Blue, estimates that the number of content moderators scrubbing the world’s social media sites, mobile apps, and cloud storage services runs to “well over 100,000”—that is, about twice the total head count of Google and nearly 14 times that of Facebook.

Journal Sonntag, 19. Oktober 2014 – Sonniges Isartal

Montag, 20. Oktober 2014

Die Morgenbrötchen gelangen auch beim zweiten Mal nicht so recht: Der Teig war wieder kaum aufgegangen, und die Semmeln wurden zu dunkel. Nächstes Mal deutlich längere Stockgare? Das eigentlich Aufregende war die erste Nutzung des Dampfeinstoßes im neuen Ofen. Die Programmierung war ein wenig kompliziert – ich bin halt Computerbildschirme gewohnt, auf denen ich jederzeit einen Überblick über meine Eingaben habe. Doch das Bedampfen funktionierte.

Dafür klappte mein Plan, diesen angekündigten letzten Spätsommertag nochmal für eine Wanderung zu nutzen. Ich fuhr nach Icking, um über das Isarhochufer nach Wolfratshausen zu spazieren, untenrum im Isartal und übers Ickinger Wehr zurück. Ich hatte Glück: Trotz Lokführerstreik kam ich reibungslos nach Icking.

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Bussarde hörte ich und sah sie bis zu dritt auf Thermik fliegen. Nicht gefasst war ich allerdings auf Lamas.

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In Wolfratshausen machte ich ein Päuschen bei Cappuccino und Apfelschorle, um mich herum Paare und Familien beim Kirchweihessen.

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Das Ickinger Wehr.

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Der Heimweg war dann eher länglich: Fast eine Stunde wartete ich am Ickinger S-Bahnhof, bis eine unbestreikte Bahn mich zurück nach München brachte. Ich hatte die halbe Wochenendezeitung als Lektüre dabei: So eine Zeitung ist ja anders als ein Buch eine flexibel lange Lektüre, Ziehharmonika-artig – im Alltag durchblättert, Überschriften gecheckt, selektiv gelesen, werden mit steigender Not immer mehr der Artikel gelesen; irgendwann locken auch Biowetter und Impressum zum Lesen.

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Abends Fleischpflanzerl (spontaner Einfall: mit Feta gefüllt). Ich wollte, dass alle gleichzeitig fertig wurden und benutzte zwei Pfannen. Die zweite Pfanne stellte sich als untauglich heraus, sie produzierte Fleischpflanzerlgröstl. Dazu aus dem Ofen Butternutkürbisscheiben.

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Ein Dominik-Graf-Polizeiruf: Nach der positiven Überraschung vom Vorabend nun eine Enttäuschung, die reichlichen Anspielungen an Guttenberg rissen das nicht raus. Das gute Drehbuch stammte von Sathyan Ramesh, das gestrige von Günter Schütter. Werde ich mir merken, beide Namen.

Journal Samstag, 18. Oktober 2014 – nochmal Spätsommer

Sonntag, 19. Oktober 2014

Selbst das wenige Außenlicht, das es nur sehr indirekt mit Nordfenster und zu zwei Dritteln herabgelassenem Rollladen in mein Schlafzimmer schaffte, war beim Aufwachen um sieben unverwechselbar: Es kündigte einen strahlenden Sonnentag an. Nach einem Morgenkaffee radelte ich zur Luitpoldbrücke, um von dort meinen Isarlauf nach Unterföhring und zurück zu starten. Ein traumhafter Lauf in der Sonne – von der Leinthalerbrücke aus sah ich nach Süden deutlich den Wendelstein -, körperlich unbelastet.

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In lustiger Kleidung Einkaufen gegangen, vorbei an vielen, vielen Menschen in Straßencafés.

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Nachmittags merkte ich, dass ich nach dem Freitagabend über französischem Essen mit einer Freundin nicht ganz genug geschlafen hatte und legte mich zu einer Siesta hin – in den letzten Jahren habe ich sehr selten dieses Bedürfnis, freue mich umso mehr, ihm nachgeben zu können.

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Zeitunglesen im sonnigen Wohnzimmer. Die neue SZ am Wochenende macht einen sehr guten Eindruck. Ausführliche Wochenendzeitungen habe ich ja Anfang der 90er während meines Auslandsjahrs in Großbritannien kennengelernt und schätzte es dort sehr – mit weniger als drei Wochenendblättern kam ich sonntags nie vom Morgenschwimmen zurück ins Student House. Doch seither haben sich meine Lesegewohnheiten sehr verändert; mal sehen, wie sich das auf das Lesen dieses neuen Formats auswirkt.

Allerdings wünschte ich, ich hätte das Streiflicht nicht angeschaut: Mit launigen Stereotypen über Internetnutzer, die kein wirkliches Leben haben, wurde die Hetzjagd gegen Anita Sarkeesian lächerlich gemacht, die ja nur der jüngste Auswuchs von Terror gegen Feministinnen ist:

Viel zu befürchten hat Frau Sarkeesian aber nicht. Wer ihr etwas antun wollte, müsste die virtuelle Welt verlassen. Doch wer so tief darin lebt, hat längst vergessen, wo eigentlich der Ausgang war.

Ernsthaft? Ja, die Süddeutsche ist stolz auf ihre interne Meinungspluralität. Aber da ich weiß, wie viele Menschen in der Redaktion inzwischen das Internet kennen, es klug nutzen, darin leben, wundert mich schon sehr, dass es immer noch keine Filter gibt, die das Rausplärren solch geballter Ignoranz verhindern. Das Streiflicht, bezeichnenderweise nicht namentlich gekennzeichnet, steht wie keine andere Rubrik für die Zeitung. Dieser vorgestrige Blödsinn macht das ganze Blatt lächerlich.

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Den späten Nachmittag in der Küche verbracht:

Apfelschlangerl nach Katharina Seiser gebacken. Gelernt: Pink Lady ist kein guter Kuchenapfel (war mir vor Jahren mal empfohlen worden, hatte ich deshalb ausprobiert, wird aber leider gummig hart), anderthalb Kilo Äpfel sind zu viel Füllung, die Rolle platzte im Ofen auf.

Neuen Joghurt angesetzt, derzeit esse ich pro Woche mindestens ein Kilo.

Morgenbrötchen nach Lutz Geißler angesetzt.

Zum Nachtmahl Kartoffel-Kohlrabi-Eintopf gekocht. In jüngster Zeit entdecke ich die klassische Einbrenn als Geschmacksgeber für Gemüsegerichte und -suppen. Sie scheint mir der zeitgenössischen Alltagsküche völlig abhanden gekommen zu sein, nachdem sie in der Generation meiner Mutter an fast alles kam. Vielleicht hat Letzteres zu Ersterem geführt?

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Abends im Fernsehen in den Dominik-Graf-Krimi “Reiche Leichen” reingeschnuppert – und angenehm überrascht hängen geblieben: Überdurchschnittlich gutes Drehbuch, vor allem sehr schöne Dialoge, unpeinliche bis gute Schauspielkunst, Andreas Giebel strahlt genau die grundmenschliche Wärme aus, die es für seine Rolle brauchte. Aus der Schönheit des Starnberger Sees genau richtig viel gemacht, ohne Kitschgrenzen zu reißen.

Journal Dienstag, 14. Oktober 2014 – der Hemingwaykellner und Geld von der VG Wort

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Das Biergartenorakel vor dem Bürofenster besagte vormittags, dass sehr schönes Wetter werden würde. Über die Monate hatte ich bemerkt, dass das Eindecken oder Nicht-Eindecken dieses Außenbereichs des italienischen Lokals ein recht sicherer Indikator für das Wetter im weiteren Verlauf des Tages war. Nur einmal hatte ich erlebt, dass das Personal nachmittags hektisch die großen Schirme aufspannen musste, um die Gäste vor einem überraschenden Regenguss zu schützen.

Doch gestern sah ich, wie ein weißhaariger Kellner karierte Decken über alle Tische legte (nur ein Teil der Tische wird eingedeckt bedeutet Regengefahr oder kühle Temperaturen), Aschenbecher darauf verteilte. Er trug zum mediterranen Kellner-Standard des weißen Hemds und der schwarzen Hose eine dunkle Schürze als Schmutzschutz und eine Steppweste, arbeitete ernst und ohne Hast, die Bewegungen etwas steif, die Füße etwas eckig gesetzt, für einen Blick über die Schulter musste er den Oberkörper mitdrehen. Ich hätte gerne eine Hemingwaykurzgeschichte über ihn geschrieben.

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Das Wetter war dann auch glorios, mittags riss ich mich für einen kleinen Spaziergang los, aß ein Spinatbörek in der Sonne.

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Nach der Arbeit war ich zu einem Vortrag verabredet:
“Behind the Mask: WWI, Plastic Surgery, and the Modern Beauty Revolution”
Lubins These: Aus der Hässlichkeit kriegsversehrter Gesichter entstand ein neuer Schönheitskult. Der Kulturwissenschaftler beschrieb die Entstehung der ästhetischen Chirurgie aus der Notwendigkeit, den entstellten Veteranen des ersten Weltkriegs einen Weg in den Alltag zu verschaffen mit interessanten Details. Doch der Sprung zur Behauptung, daraus sei in den USA direkt das Bedürfnis von Frauen entstanden, die neuen Techniken zur Beseitigung von Schönheitsmakeln einzusetzen, war nicht hergeleitet und unbelegt. Spannender fand ich da schon seine Ausführung über die veränderte Haltung der Gesellschaft zur Maske in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

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Anfang 2013 raffte ich mich dann doch mal auf, dieses Blog bei der VG Wort zu melden. Zusammen mit dem Mitbewohner kämpfte ich mich durch den sehr eigenwilligen Prozess, mit dem man dort Beiträge einträgt. Ich holte mir die Liste von Zählpixeln, von denen man zur Erfassung jeweils einen hinter einen ausreichend langen Blogpost stellt – was ich meist eh vergaß und erst nach Tagen nachholte. Und von allein kommt sicher niemand darauf, dass es der Menüpunkt “Zählmarken recherchieren” ist, mit dem man den Text dann auf der Website der VG Wort anmeldet, “Webbereich anlegen”, wo die URL des Posts hinterlegt wird.

Doch ich wollte das zumindest ein Jahr durchspielen, um zu sehen, wie viel Geld dabei herauskommt. Als ich mir dafür Anfang des Jahres bei der VG Wort erst nochmal die Liste aller zur Auszahlung in Frage kommender Beiträge holen musste, diese dann ein weiteres Mal in ein Formular eintragen, war ich kurz davor hinzuschmeißen.

Gestern war Zahltag: Das Lesen der Blogtexte, die ich 2013 bei der VG Wort gemeldet habe, ergab eine Ausschüttung von 644 Euro. Die muss ich zwar noch versteuern, aber das ist schon echtes Geld. Erst schwankte ich, ob es genug ist, den bürokratischen Aufwand zu rechtfertigen. Doch wenn ich das Zählpixelverwalten, Onlineeintragen, Anmelden, Buchführen als stupiden Nebenjob ansehe, für den ich übers Jahr zusammengezählt einen Tag arbeite, passt das.

Journal Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 2014 – Herdüberforderung

Montag, 13. Oktober 2014

Die Folgen der Migräne spürte ich am Samstag noch deutlich. Mein Vater war so nett, uns mit dem Auto nach Petershausen zu fahren und ersparte uns so zumindest die Ersatzbuszockelei über die Dörfer (immer noch Baustelle, immer noch Schienenersatzverkehr). Am Bahnhof warteten wir auf die nächste Verbindung nach München, die die App der Münchner Verkehrsbetriebe mir anzeigte. Zum Glück wies uns nach 20 Minuten Warten ein Bahnangestellter darauf hin, dass diese nicht fahren würde, sonst würde ich immer noch warten.

Daheim kurz etwas gegessen, dann gleich wieder ins Bett.

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Zwei Stunden tiefer Schlaf beseitigten die Migränenachwirkungen, ich war abends fit genug zum Kochen: Griechischer Auberginenauflauf.
Nach einer halben Stunde Braterei hatte ich gerade die letzte Pfanne voll Auberginenscheiben auf dem niegelnagelneuen Herd (daneben köchelte leise die Tomatensauce), als die Anzeige eine Fehlermeldung blinkte: F2. Nachblättern in der Gebrauchsanweisung ergab:

Auf mehreren Kochstellen wurde über längere Zeit,(sic) mit hoher Leistung gekocht. Zum Schutz der Elektronik wurde die Kochstelle abgeschaltet.

Das kann ja heiter werden, wenn der neue Siemens-Herd bereits damit überfordert ist – keine der beiden benutzten Platten war auf voller Leistung gelaufen. Sollte ich mal auf Zeit kochen (weil ich Gäste habe oder Verschiedenes gleichzeitig fertigwerden soll), kann ich es gar nicht brauchen, wenn der Herd sich zwischendurch ein Viertelstündchen erholen muss.

Der resultierende Auberginenauflauf war dennoch köstlich.

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Sonntag nach unruhiger Nacht (um zwei hatte sich ein Grüppchen junger Menschen den Hinterhof unter meinem Schlafzimmerfenster für eine fröhliche Unterhaltung ausgesucht) Morgenkaffee zu knallblauem Himmel und Sonnenschein.

Ich schrieb fürs Techniktagebuch auf, wie mein Elektrikervater mal unserer Band mit preisgünstigen Kabeln aushalf.

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Raus in die Sonne zu einem Isarlauf. Die Strecke Wittelsbacherbrücke – Großhesselohe und zurück war wundervoll, wenn auch an diesem warmen Sonntagvormittag so stark frequentiert, dass ich einige Abschnitte Hundeslalom lief.

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Daheim eine vierfache Menge Cranberrycookies gebacken: In adrette Tütchen verpackt mit einem Schild “Gruß aus der neuen Küche” sollen sie die Nachbarn für den Lärm des Umbaus entschädigen.

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Die nachmittäglichen Sonnenstrahlen im Rosengarten über Buch und Wochenendzeitung genossen. Auch hier war ich nicht die einzige mit dieser Idee.

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Abends bekamen die Rondini aus dem Ernteanteil nochmal eine Chance, diese Kanonenkugeln an Kürbiszüchtung, die sich vor allem durch nicht essbare Schale und völlige Abwesenheit von Eigengeschmack auszeichnen.

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Jawoll, so kann man sie lassen, mit gut gewürztem Hackfleisch samt Feta gefüllt (Koch: Mitbewohner). Die Male davor hatten wir sie gemäß Spielanleitung eingestochen und in Wasser gekocht, dann ausgelöffelt – wenn Kürbisse eh schon nach nicht viel schmecken, ist das der kürbissigste von allen.

Dessert: Lassen Sie uns über Speiseeis sprechen. Ich bevorzuge eigentlich andere Süßigkeiten, aber der Mitbewohner hat im Biosupermarkt Roggenkamp Organics aufgetan (keine Deep Links möglich, Ihr Flash-Honks!): Das Mangosorbet ist das beste Mangoeis, das ich je gegessen habe. Und das Karamell-Eis ist was völlig Neues und schmeckt fabelhaft: Eher krümeliges Sahneeis, gerade nicht cremig, mit fließendem Karamell dazwischen.

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Dazu der völlig abgefahrene Tatort “Im Schmerz geboren”, scheinbar punktgenau für das halbseiden gebildete Publikum meiner Twittertimeline gemacht (mich eingeschlossen): Ich war begeistert. Als ich in den Ankündigungen von zahlreichen Anspielungen quer durch die Filmgeschichte und klassischer Musik gelesen hatte, fürchtete ich große Peinlichkeit. Doch das Drehbuch von Michael Proehl nimmt die Shakespearewelt samt Chorus und Blankvers, legt immer wieder ikonische Filmfolien vor allem aus der Westerngeschichte darüber und thematisiert das Ganze mit Leichtigkeit und nebenher. Ein Krimi war das nicht, schon gar nicht in irgendeiner Weise realistisch – sondern großes Theater. Inklusive Ocean’s Eleven in Wiesbaden.
Vielleicht mögen Sie ihn in der Mediathek nachholen?

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Dann hat man also einen Nobelpreis gewonnen – großartig, super, lebensverändernd! Letzteres allerdings auch in Situationen, auf die man vorher nie gekommen wäre.
“What It’s Like to Carry Your Nobel Prize through Airport Security”.