Fotos

Journal Mittwoch, 29. Juni 2016 – Chinesische Keule

Donnerstag, 30. Juni 2016

Als ich vor fast einem Jahr zum ersten Mal über die hochsommerliche Theresienwiese in die Arbeit ging, entzückten mich die tatsächlichen Wiesenbereiche mit Kornblumen von sprichwörtlicher Bläue (Nachtrag: Die allerdings, wie Preißndirndl beobachtete, gar keine Kornblumen sind, sondern Wegwarten.). „Die muss ich unbedingt mal fotografieren“, nahm ich mir vor. Doch am nächsten Tag war die Theresienwiese schon für den Aufbau des Oktoberfests gesperrt. Als sich gestern mein Entzücken wiederholte, fotografierte ich sofort.

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Davor eine Herzerfrischung zum Tagesstart: Im Klinikviertel kam mir eine greise, kleine Dame entgegen, die kartoffelig verformten Füße in Stützstrümpfen und orthopädischen Sandalen – doch im federnden Schweinsgalopp, offensichtlich pressierte es ihr.

Wie meist an einem Tag mit Frühsport (ein halbes Stündchen recht schweißtreibendes Krafttraining) bekam ich erst spät Appetit. Umso besser, dass gestern keine ermüdend lange Schlange an der Kantine anstand und ich zu köstlichem Zitronenhähnchen mit Honigaubergine (etwas zu süß) und Kartoffelgratin (!) kam.

Nachdem ich am Montag erschreckend dumpf im Hirn gewesen war, produzierte selbiges Hirn gestern beruflich Ideen in einer Vielfalt und Geschwindigkeit, die man nur von „Purzeln“ sprechen kann. Dann konzipiere ich halt doch nochmal ein selbst erfundenes Projekt, und die Auszubildende bekommt einen großen, runden Auftrag.

Der Abend war sonnig und warm.

Der Ernteanteil unseres Kartoffelkombinats überraschte uns mit einem Gemüse namens „Chinesische Keule“ – hier ein Foto des rohen Gemüses.

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Herr Kaltmamsell briet es mit Zwiebel und Honig, goss dann Kokosmilch an. Schmeckte gut, der Honig dämpfte die Bitterstoffe gut.

Ich zog mich früh zum Lesen zurück.

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Der Schweizer Tagesanzeiger sieht sich an:
„Sabotage
Die USA, Grossbritannien, die Schweiz sind Handelsnationen. Und haben eine lange Tradition des Pragmatismus. Doch nun fallen überall selbstmörderische Entscheide. Warum?“

Constantin Seibt bezeichnet die EU unter anderem als „superpragmatische Wurstelmaschine“ – hihihi! Und: ja.

Kapitalismus ist eine so fruchtbare wie zerstörerische Wirtschaftsform: Das, was gut für das Gesamte ist, ist nicht gut für alle. Zwar beleben offene Grenzen für Personen und Waren die Wirtschaft, darin sind sich alle Ökonomen einig. Aber einzelne Branchen werden abgeschnitten wie ein toter Ast: Es kommt nicht mehr darauf an, wie gut und hart man in einer Textilfabrik arbeitet, wenn die Produktion nach Asien geht. Wer gewinnt, wer verliert ist oft eher die Frage des Glücks, am richtigen Platz zu sein, als eine der guten Arbeit. Das schafft Verbitterung.
(…)
Nur lügen die rechtsnationalen Angreifer. Und sie tun es immer in demselben Punkt: Sie nennen nie den Preis. Nicht den, den geschlossene Grenzen für jede Art von Handel haben. Nicht den Preis, den der Bruch internationaler Verträge für die Rechtssicherheit hat. Das Erste, was der Ukip-Führer Nigel Farage nach seinem Sieg nach der Brexit-Abstimmung sagte, war, dass das eigene Versprechen unrealistisch sei, die Zahlungen an die EU nun in das nationale Gesundheitswesen zu pumpen. Und das Erste, was Boris Johnson sagte, war, dass man weiter Reisefreiheit und vollen Zugang zum EU-Binnenmarkt wolle. Einfach nur, ohne zu zahlen.

§

Ein Bild und seine Geschichte.

Hier nochmal der direkte Link zu Herrn Andriukaitis‘ Blogpost:
„Thoughts from #WeAreSeat123“.

Ich finde auch den Lebenslauf dieses litauischen EU-Komissars sehr interessant.

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Hatte aus der Ferne schon Anke Gröners Recherchen zum Thema Frankfurter Küche mitverfolgt, freundlicherweise hat sie das Ergebnis gebloggt:
„Referatsnotizen zur Frankfurter Küche (1926)“.

Hochspannend. Und die Müllschublade in der Arbeitsfläche ist ja wohl sensationell. Hätte ich von der schon vor zwei Jahren gewusst, hätte ich sie in der neuen Küche gewollt.

Mir fielen vor allem die Unterschiede zur englischen Geschichte auf: In England war lange Zeit die Industrialisierung mit ihrem Massenzuzug in die Städte der stärkste Einfluss. Da im 19. Jahrhundert die ganze Familie in den Fabriken arbeitete, hatte niemand Zeit zu kochen. In der Folge gab es in den düsteren Wohnblöcken gar keine Küchen, sondern nur einen Ofen, um Teewasser zu erhitzen. Warmes Essen wurde auf dem Heimweg bei Straßenhändlern gekauft, die Industrialisierung schuf take away. Bürgerliche Haushalte hatten allerdings sehr wohl Küchen, waren aber die Minderheit. (Aus dem Gedächtnis erklärt.)

Journal Dienstag, 28. Juni 2016 – Draußenpizza

Mittwoch, 29. Juni 2016

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Durch angenehmste Sommermorgendüfte zu Fuß in die Arbeit. Der Tag wurde noch schön und sonnig.

Der zweite Bürotag in Folge, durch den bis zu zehn Mal die Stunde von Draußen ein Warnton schallte, den ich sehr mit dem Alarum assoziierte, wie ich es aus dem Studium von Hörspielinszenierungen von Shakespearestücken kenne. Ich nehme Gleisarbeiten an der Bahnstrecke vorm hinterm Bürogebäude an. Auf die Dauer ganz schön nervig.

Abends war ich mit Herrn Kaltmamsell zum Pizzaessen verabredet, wir probierten die Pizzeria Tarullos aus. Essen in Ordnung, vor allem aber sitzt man schön draußen, in Fußweite von uns daheim.

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Zu meiner Freude und Erleichterung lese ich erste Brexit-Analysen, die frei von Haareraufen und Häme mögliche positive Konsequenzen beschreiben:
„Brexit is great news for the rest of the EU“.

Had remain won the referendum, the EU would have become hostage to British sabotage. Future British prime ministers would veto any fundamental change involving the transfer of sovereignty, arguing, correctly, that their people had voted only for the current set-up of the EU. Britain would continue to demand ever more opt-outs and concessions – playing to the fantasy that membership is a British favour to the rest of Europe. The British press and Europhobe politicians would go on portraying the EU in the most lurid, mendacious and derisory terms, making us look terrible in the eyes of Americans and English-speaking Asians, Africans and Russians.

The problem with Britain was not that it was critical of the EU. The problem was bad faith and delusional thinking. As the referendum debate has shown, the country has not come to terms with its own global irrelevance – hence its refusal to pool sovereignty. It continues to believe that as a sovereign nation it can get everything it had as an EU member, and more. When Europe’s democrats talk about “EU reform” they mean putting arrangements in place to make Europe’s pooling of sovereignty democratic. Britons mean the rollback of that very pooling of sovereignty. For this reason, Britain’s membership would have hit a wall sooner or later.

Lasst uns die EU reformieren – ohne UK als ständigen Bremsklotz ist das wohl wahrscheinlicher als mit.

Journal Montag, 27. Juni 2016 – Stepstundensuche

Dienstag, 28. Juni 2016

Trockener, kühler Morgen. Ich wachte sehr früh auf, nutzte die Zeit für eine spontane Runde Kraftttraining – tat gut.

Sehr geschäftiger Arbeitstag: Urlaube, Krankheitsfälle und Dienstreisen leiteten zahlreiche Telefonnummern auf meinen Apparat.

Trotzdem ging ich früh: Ich wollte eine Stepstunde im Giesinger Studio meiner Sportstudiogruppe ausprobieren; vielleicht könnte die ja die abgeschaffte am Donnerstagabend ersetzen. Hätte sie möglicherweise können, nur dass sie gestern zum letzten Mal stattfand: Auch diese Stepstunde wird durch Nicht-Step ersetzt. Warm-up und Cool down waren sehr ungewöhnlich mit vielen verdrehten Bewegungen (die ich aus Sorge um meine LWS nur in halbem Tempo mitmachte), die Choreografie gefiel mir, auch die Musik (haben Sie im Ohr, was im bayerischen Sommer türkisch klingend aus den offenen Fenstern von 5er-BMWs wummert? genau das als Aerobicmusik). Etwas brüskierte mich, dass der Vorturner es als „überambitioniert“ bezeichnete, dass ich während ausführlicher Erklärungen nicht stehen blieb, sondern mich mit den einfachsten Schritten (Tap up, Tap down) weiterbewegte – ich wollte nicht riskieren, dass mein hoher Puls zu schnell fiel und mir schlecht wurde. War ich also für seine Stunde nicht trainiert genug? Wirklich schlimm war nur, dass eine Mitturnerin gegen Ende immer wieder durchdringende Pfiffe ausstieß (aus Enthusiasmus, wie sich herausstellte), die mich bis zur Übelkeit erschreckten. Aber ich breche ja auch fast in Tränen aus, wenn neben mir ein Krankenwagen sein Martinshorn einschaltet.

Na, vielleicht wäre das so oder so nie eine Lieblingsstunde geworden.
Ich muss weitersuchen, wie ich zumindest einmal unter der Woche nach Feierabend sporteln kann. Mittlerweile ärgere ich mich, dass ich meinen Studiovertrag Anfang des Jahres nicht gekündigt habe, er läuft jetzt automatisch weiter bis März 2018.

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Und dann ist Manfred Deix gestorben. Seine Cartoons haben meine Jugend geprägt, „Deix-Kepf“1 war eine allseits verstandene Bezeichnung für eine bestimmte Bevölkerungsschicht. Damals war er der Verbildlicher der süddeutschen Bigotterie, die wir so verachteten.
Zum Glück für meine persönliche Charakterbildung allerdings macht man mich wenig später mit dem weit gnädiger und mit Worten zeichnenden Hanns Dieter Hüsch bekannt.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Wassermelone mit Minze und Feta.

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Spässle.

  1. Deix-Köpfe []

Journal Sonntag, 26. Juni 2016 – Wir kaufen eine Gärtnerei und was das mit der EU zu tun hat

Montag, 27. Juni 2016

Das wird heute länglich. Gestern fand nämlich die Generalversammlung unseres Kartoffelkombinats statt und öffnete mir die Augen für ein paar grundlegende Irrtümer meinerseits.

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Auf dieser Karte ist die Verteilung der Kartoffelkombinathaushalte über München sichtbar. Auffallend: In Gegenden wie Neuperlach und Hasenbergl sieht man keine.

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Es war eine lange und fruchtbare Generalversammlung, an deren Ende wir den Vorstand und den Aufsichtsrat beauftragten, die Verhandlungen über den Kauf der Baumschule Würstle in Oberschweinbach in ausführlich und transparent dargelegter Weise voranzutreiben: Wir kaufen eine Gärtnerei, yay!

Davor war das Genossenschaftsjahr 2015 in Lagebericht des Vorstands und Bericht des Aufsichtsrats über die Bilanz dargelegt worden, Entlastung problemlos. Doch Vorstand Daniel Überall hatte auch über die Gemeinwohl-Ökonomie gesprochen, die sich das Kartoffelkombinat 2015 zertifizieren hat lassen.

Daniel erklärte erst mal grundsätzlich, dass eine Gemeinwohl-Ökonomie sich am Wohl aller orientiert, nicht am Profit.

Und da wurde mir das Hauptmanko der EU klar: Die Orientierung am Wohl aller erscheint mir langfristig die einzig vernünftige Ökonomie – sonst haben bald die Reichen immer mehr auf Kosten der Armen, die immer weniger haben. Und irgendwann derart nicht mehr davon leben können, dass sie bei den Reichen auf der Matte stehen. Oh, Moment…

Schaun wir uns doch mal die Ziele der EU laut Verfassung an:

Grundlegendes Ziel der Union ist es künftig, den Frieden, ihre Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern.

Diese allgemeinen Ziele werden ergänzt durch eine Reihe besonderer Ziele:

  • einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ohne Binnengrenzen;
  • einen Binnenmarkt mit freiem und unverfälschtem Wettbewerb;
  • die nachhaltige Entwicklung Europas auf der Grundlage eines ausgewogenen Wirtschaftswachstums und von Preisstabilität, eine in hohem Maße wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt, sowie ein hohes Maß an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualität;
  • die Förderung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts;
  • die Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung und von Diskriminierungen, die Förderung von sozialer Gerechtigkeit und von sozialem Schutz, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Solidarität zwischen den Generationen und den Schutz der Rechte des Kindes;
  • die Förderung des wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalts und die Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten.

Darüber hinaus wahrt die Union den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas.

Tja: „Binnenmarkt mit freiem und unverfälschtem Wettbewerb“ fördert tatsächlich per Definition die Großen und scheißt auf die kleinen Imker oder auf vom Metzger durchgeführte Hausschlachtungen.

Ich möchte also bitte gerne hiermit eine zukünftige EU, die das Gemeinwohl stärker gewichtet als den freien Wettbewerb. Dazu schlage ich vor, dass sich als Erstes die deutsche SPD das ins Wahlprogramm schreibt. (Damit würde sie sich ihre endlich guten Beziehungen zur deutschen Großindustrie zerstören? Lassen wir es doch drauf ankommen und schaun, wie schlimm das nach einem Wahlsieg wirklich ist.)

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Mein Schmerz über die Brexit-Abstimmung der UKler hat sich gelegt. Es fanden keine Jubelfeiern statt, die gesamte Nation ist geschockt (BLOODY IDIOTS!). Schon bricht wieder meine grundsätzliche Anglophilie durch und die Leute tun mir leid (nicht die verursachenden Politiker!): Die EU drängt auf Konsequenzen, sie braucht jetzt dringend formelle Klarheit.

Hier eine böse, aber präzise Analyse der Propaganda-Mechanismen oberster Brexit-Befürworter:
„There are liars and then there’s Boris Johnson and Michael Gove“.

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1988 war Spanien gerade mal zwei Jahre Mitglied der EU und ich 20-jährige Zeitungsvolontärin. Einen (scheißkalten) Frühlingsurlaub im nordkastilischen Heimatort meiner spanischen Großmutter nutzte ich dazu, meinen Jugendfreund und Landwirt Luis darüber zu interviewen, welche Auswirkungen die EU-Mitgliedschaft denn so auf ihn hat.

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(Bild unbschnitten, weil jedes Detail dieser Szene im Esszimmer meiner Großmutter Information enthält – zumindest für mich.)

Ich erfuhr viel über Kooperativen und die Auswirkungen der Landflucht, die im spanischen Bürgerkrieg eingesetzt hatte und in deren Folge es in diesem Ort nur noch zwei bewirtschaftete Höfe gab. Und was die EU betrifft: Luis erzählt mir unter anderem, dass die Bestimmungen zu Schädlingsbekämpfungsmitteln für ihn völlig irrelevant seien – seine Felder lägen in dieser kargen Gegend so weit verstreut, dass sich Schädlinge eh nie ausbreiten könnten. Benachteiligt fühlte er sich aber durch die EU-standardisierten Weizenpreise: In dieser trockenen Gegend enthalte das Korn viel weniger Feuchtigkeit, seine Felder könnten gar nicht die hohe Ausbeute eines deutschen Weizenfelds ergeben. (Es wurde eine Reportage für die Wochenendausgabe daraus.)

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Dazu dann auch dieser Artikel über die gestrigen Wahlen in Spanien – der erste, dessen Analyse ich wirklich nachvollziehen kann:
„Keine AfD weit und breit“.

Zwar führt auch Autor Jakob Strobel y Serra (Szenenapplaus für diesen wunderbar europäischen Namen) den fehlenden Nationalismus der Spanier erst mal auf die schlechten Erfahrungen mit der Franco-Diktatur zurück. Das ist die Erklärung, die ich in deutschen Medien bislang immer las – und mich fragte, warum die schlechten Erfahrungen mit nationalistischen Diktaturen in Deutschland und Russland keine ähnliche Immunität bewirkt haben. Doch Strobel y Serra führt endlich auch die Erklärung an, die mir als Erste einfällt:

Eine mindestens ebenso große Schutzwirkung hat ausgerechnet eines der bedrohlichsten, von Franco einst mit allem Furor bekämpften Phänomene der politischen Gegenwart Spaniens: die Zentrifugalkräfte des latenten Autonomismus und Separatismus vor allem in Katalonien und dem Baskenland.

Sie machen aus Spanien kein Land des Nationalismus, sondern der Regionalismen, auch wenn die Radikalsten unter Kataloniens Sezessionisten von einem „katalanischen Nationalismus“ schwadronieren. Spanien den Spaniern, Spanien zuerst: Solche Sätze fallen selten, weil sich jeder Spanier immer auch und mindestens ebenso stark als Katalane, Baske, Kastilier, Galicier, Andalusier oder Valencianer versteht. Und wie besingt man in einem derart vielstimmigen Chor das Vaterland? Am besten gar nicht, weil dabei nur Kakophonie herauskäme. Deswegen hat die spanische Nationalhymne als eine der wenigen weltweit keinen Text.

Was die Gelassenheit und Toleranz der Spanier angeht, die der Artikel zurecht lobt: Deren Kehrseite ist eine haarsträubende Passivität, die unter anderem bewirkte, dass die Franco-Diktatur erst durch den natürlichen Tod des betagten Diktators endete.
(Und dass die spanische Nationalhymne keinen offiziellen Text hat, führe ich ja eher darauf zurück, dass man sich – ¡me cago en la hostia! – auf keinen einigen kann.)

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Beim Radeln zur Generalversammlung am Leonrodplatz ordentlich nass geworden. Danach nur noch Düsternis, aber kein Regen mehr. Kalt.

Journal Samstag, 25. Juni 2016 – Schyrenbad und Sommerende

Sonntag, 26. Juni 2016

Es war ein weiterer halber Sommertag angekündigt, und so radelte ich nach dem Brotbacken (Rausholen aus dem Ofen übernahm Herr Kaltmamsell) ins Schyrenbad zum ersten Draußenschwumm des Jahres.

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Die Bahnen waren überraschend voll, es ließ sich aber arrangieren. Ich schwamm mit Kraft und Spaß, hörte nach 3.000 Metern nur aus Vernunft auf. Am schlechtesten in den Flow der beiden Sportschwimmbahnen zu integrieren sind die Schwimmerinnen und Schwimmer, die nur mal kurz ein, zwei Bahnen ziehen wollen. Wenn Sie zu denen gehören: Könnten Sie das beim nächsten Mal vielleicht außerhalb der abgetrennten Bahnen tun? Wäre sehr nett, danke.

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Ich frühstückte Laugenzopf und Tomaten, sonnte mich ein wenig. Im Schatten hörte ich dann Musik, las in Donna Tartts The Secret History – und stellte dabei fest, dass sich meine Sehkraft verändert. Auf die Nähe eines Buchs sehe ich inzwischen ohne Brille schärfer, alles weiter Entfernte mit Brille, inklusive Computerbildschirm. (In einer Blase über meinem Kopf taucht bedrohlich „GLEITSICHTBRILLE“ auf.)

Als ich gegen 16 Uhr aufbrach, war der Himmel knallblau mit ein paar Cirruswolken. Doch bereits beim Heimkommen nach ein wenig Einkauf hatte er sich zu Gewitterschwärze verdunkelt.
Der Sommer endete gegen 17 Uhr mit Gewitter und Temperatursturz.

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Weil ich große Lust darauf hatte, buk ich meinen Marmorkuchen.
Zum Nachtmahl viel comfort.

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Erdbeer-Minz-Daiquiris, die aussehen wie Tomatensuppe.

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Herr Kaltmamsell servierte Shakshuka, ergänzt durch Mangold aus Ernteanteil (passte sehr gut), mit Naanbrot aus der Pfanne.

Der BR zeigte Das Spukschloss im Spessart, wir ließen uns von den Spezialeffekten, den vorgesungenen titles und der hanebüchenen Handlung beeindrucken. Gesamturteil von Herrn Kaltmamsell, der ein Faible für diese Art von Filmen und aus dieser Zeit hat: „Originell, aber misslungen. Verdient Respekt.“ (Er ergänzt: „Wenn wenigstens die Lieder besser gewesen wären!“)

Journal Freitag, 24. Juni 2016 – UK mag nicht mehr EU sein

Samstag, 25. Juni 2016

Zweiter Morgenkaffee auf dem Balkon, dort dann die Nachricht vom positiven Ausgang des Referendums in UK gelesen: Eine knappe, aber klare Mehrheit will kein Teil der EU mehr sein.

Bis nachmittags las ich Details und Kommentare, war fassungslos und niedergeschlagen. Ich identifiziere mich sehr mit der EU und mit Europa und glaube nicht, dass das hauptsächlich mit meiner eigenen Herkunft zu tun hat – als Tochter spanisch-polnischer Eltern, die in Oberbayern aufgewachsen ist, und eine nach Italien ausgewanderte, polnisch-stämmige Tante hat, bezeichne ich mich ja gerne als wandelnde EU inklusive Osterweiterung. Und ich habe in Wales studiert. Den EU-Beitritt Spaniens und Polens verfolgte ich wahrscheinlich intensiver als der Durchschnitt, kenne wahrscheinlich ein paar mehr Details dieses Prozesses. Doch vielleicht macht mich meine Herkunft in erster Linie zu einer naiveren Europäerin, die sich schwer vorstellen kann, wie sich jemand nach der Isolation nationalstaatlicher Kleinkrämerei sehnt.

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Die beste zusammenfassende Analyse, die ich gestern las, hat Laurie Penny für den New Statesman geschrieben:
„I want my country back“.

This morning, I woke up in a country I do not recognise. David Cameron’s big gamble – the future of Britain against his personal political ambitions – has backfired so badly that we’ve blasted clean out of the EU. By the time I’d put the kettle on, the stock markets were in free fall, Scotland was debating a new independence referendum, Sinn Fein was making secession noises, and the prime minister had resigned.

There’s not enough tea in the entire nation to help us Keep Calm and Carry On today.

Laurie Penny kann den Ausgang durchaus erklären, weit menschenfreundlicher als mein impulsives „Bloody idiots!“. Zum Beispiel:

There are huge areas of post-industrial decline and neglect where people are more furious than Cameron and his ilk could possibly understand, areas where any kind of antiestablishment rabble-rousing sounds like a clarion call. In depressed mountain villages and knackered seaside towns and burned-out former factory heartlands across the country, ordinary people were promised that for once, their vote would matter, that they could give the powers that be a poke in the eye. Westminster may have underestimated how very much it is hated by those to whom mainstream politics have not spoken in generations.

Nein, Panikmache ist auch jetzt nicht angebracht. Wahrscheinlich werden die viel Leid gewöhnten EU-Politikerinnen und -Beamten auch das irgendwie so hinbiegen, dass niemand es zu heftig ausbaden muss. Weil genau das ihr Job ist.

§

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Abend mit Herrn Kaltmamsell. Da das tatsächlich der dritte Sommertag in Folge war, gab es – angesichts der Tagespolitik mipfleiß – Pimm’s.

Und da gestern fußballfrei war, konnten wir endlich die Schnitzelgartensaison eröffnen (absolvieren?).

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Es mundete ganz ausgezeichnet. Im Unterhaltungsprogramm unter anderem eine Frau am Nebentisch mit höllischem Schluckauf.

Journal Donnerstag, 23. Juni 2016 – Gleißend

Freitag, 24. Juni 2016

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Endlich Morgenkaffee auf dem Balkon.

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Durch den Sommermorgen in die Arbeit, es war schon früh heiß.
Geschäftiger Bürotag.

Übrigens:
Stell dich gut mit der Sekretärin und sie weist darauf hin, dass du gerade Blödsinn von ihr verlangst.
Sei ein Arschloch und sie macht’s einfach.
(Aber das hatten Sie sich vermutlich selbst gedacht. Ist ja nur die kleine Schwester der Fehlerkultur: Bedank dich für den Hinweis auf einen Fehler und du hast eine Verbündete, die mitdenkt. Reagiere zickig auf solch einen Hinweis und sie lässt dich beim nächsten Mal gegen die Wand fahren.)

Auf dem Heimweg in den Schmuckladen geschaut, an dessen Fenster ich mir seit vielen Monaten immer wieder die Nase plattpresse: Silberfisch. Sieben Handwerkerinnen und Handwerker verkaufen hier immer wieder überraschende Arbeiten, diesmal traute ich mich, nach dem Preis von ein paar Stücken zu fragen. Und lernte einen sehr freundlichen Goldschmied kennen, der sich auf das Fassen von Steinen spezialisiert hat. Ich habe ja noch eine ganze Reihe ungefasster Steine in der Schublade, die ich zu ebay-Anfangszeiten günstig ersteigert hatte; vielleicht fällt ihm etwas dazu ein – was an dieses Prachtstück herankommt, das ich mir vor 13 Jahren habe machen lassen.

Abends Verabredung mit früherem Arbeitskollegen im Lokal neben Lieblingssüpermarket Verdi, angenehmstes Plaudern bei Mezze und großen Mengen Saftschorle.

Nachts erste bange Blicke Richtung UK-Volksabstimmung, doch es gab noch keine Ergebnisse.