Fotos

Die kranke Krähe

Montag, 28. Juli 2014

Aufmerksam wurde ich auf sie vor gut drei Wochen: In einer der beiden riesigen Kastanien vor unserem Balkon sah ich aus dem Augenwinkel eine Krähe von Ast zu Ast hochhüpfen, ohne richtig zu fliegen, schwankend auf den dünnen Ästlein, die sie kaum trugen. Bei genauerem Blick stellte sie sich als eine reichlich zerrupfte Krähe heraus: Von ihren Schwanzfedern waren nur zwei seltsam verdrehte übrig, ihr Gefieder sah fleckig und löchrig aus. Ich nahm an, dass sie aus einem Krähenkampf als Verliererin hervorgegangen war, oder einen Autounfall gehabt hatte, vielleicht sogar mit einem der hier ansässigen Sperber aneinandergeraten war. Fast flugunfähig und ohne Schwarm gab ich ihr kaum Überlebenschancen, schließlich laufen hier Katzen und Ratten herum. Die zerrupfte Krähe rührte mich, doch ich hielt mir vor Augen, dass der Kreislauf da draußen nun mal so funktioniert.

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Doch seither sehe ich sie immer wieder, mal auf der Wiese vorm Haus, immer wieder in der Kastanie auf einem ganz bestimmten Ast sitzend, mit dem Rückteil zu unserem Balkon. Immer schweigt sie, immer ist sie allein. Am Wochenende habe ich begonnen, ihr Erdnüsse in Schale auf die Mauer zu legen, die das Grundstück mit der Kastanie umgibt. Vielleicht erkennt sie mich von meinen Balkonaufenthalten wieder. Beim ersten Mal sah ich beim Hinlegen immer wieder zu ihr hin, und sobald ich weg war, kam sie angehüpft und holt sich die ersten. Die zweite Hand voll Erdnüsse am nächsten Tag bewegte sie nicht.

Gestern Nachmittag hörte ich die Rufe einer Krähengruppe und beobachtete, wie drei auf der Wiese unter der Kastanie herumhüpften. Die zerrupfte Krähe versuchte, zu ihnen zu fliegen, doch dazu hat sie zu wenige Federn. Sie landete unsanft auf der Wiese. Als die drei davonflogen, sah sie ihnen nach.

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Wochenendreport

Dienstag, 22. Juli 2014

Es war ein Hochsommerwochenende. Nachdem der Sommer 2014 ziemlich durchmischt ist, erwähne ich das lieber.

Am Freitagabend war das Draußen so heiß, dass der Mitbewohner und ich den ersten Pimm’s der Saison lieber im Inneren der gut temperierten Altbauwohnung tranken.

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In diesem Arangement sieht man nicht mal, wie blass die Minze ist: Dieses Jahr nahm ich mal wieder das Angebot meiner Mutter an, übern Sommer den Zweitbalkon mit von ihr gezogenen Kräutern vollzustellen; vielleicht schleuderten die Kastanien davor inzwischen keinen Mehltau mehr. Tun sie wohl tatsächlich nicht, statt dessen haben wir jetzt beeindruckend quirlige Blattlauskolonien. Der Rat meiner Mutter: Täglich mit Spülmittellösung abbrausen. Allerdings seien die Kräuter dann nicht mehr zum Verzehr geeignet. Ich habe mich dagegen entschieden, denn greislich und unverzehrbar sind schon meine anderen Pflanzen. Lieber brause ich jedes einzelne Kräuterblättchen vor Verwendung gründlich ab. Doch nächstes Jahr, schätze ich, werde ich die Minze für den Pimm’s wieder im Süpermarket um die Ecke holen – in dicken, saftig-grünen und lausfreien Büscheln.

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(Ja, das ist eine kurze Hose.)

Am Samstag ging ich nach ein paar Einkäufen bei stechender Hitze zum Schwimmen ins Schyrenbad. Schon vormittags waren die Becken so voll, dass auch auf den abgeteilten Bahnen kein sorgloses Schwimmen möglich war. Zur Entspannung legte ich mich anschließend noch ein wenig Sonnenbaden, bis es mir zu heiß wurde und ich rein ins Kühle floh.

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Dort las ich die Zeitungen der vergangenen Woche auf, zu denen ich wegen vieler Mittags- und Abendtermine nicht gekommen war.

Abends bereitete der Mitbewohner das möglicherweise köstlichste indische Gericht seiner an indischen Gerichten reichen Kochhistorie: ein geniales Chicken Tikka Masala, das bereits während der stundenlangen Zubereitung die Wohnung mit sensationellen Düften füllte. Ich lernte zum Beispiel schwarzen Koriander kennen.

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Der diesjährige Kocherball fand am Sonntag statt – diesmal ohne mich, weil ich zur Feier der Goldenen Hochzeit meiner Schwiegereltern eingeladen war. Dort wurde mal wieder eine Verlobung bekannt gegeben. Jetzt mal ernsthaft: Welche Funktion hat Verlobung heutzutage? Weiß das jemand? Oder ist das einfach, wie die meisten Rituale rund um Hochzeiten, beliebte Folklore?

Am Abend die lange bevorfreudete Übertragung von Monty Python live (überwiegend) – zu meiner Überraschung praktisch ohne Streaming-Ausfälle. Wenn Sie hinterhergucken möchten: Bei arte geht das.

Nach meinem Eindruck hatte Terry Gilliam von allen die größte Gaudi (wie ist es wohl, Herrn Gilliam als Opa zu haben?). Das ist übrigens auch der, der die Animationen macht. (Und der mit 12 Monkeys Brad Pitt zur besten Rolle seines Lebens verholfen hat.) Haben Sie in der Show Eddie Izzard als Bruce erkannt?

Und wie zu Abba hat vermutlich jeder Mensch meiner Generation zu Monthy Python ein sehr persönliches Verhältnis (hier das von René Walter). Ich erinnere mich an einen ersten Kontakt über meinen Banknachbar in der 10. Klasse, Florian, der mir vom Film Der Sinn des Lebens erzählte. Der sei total sinnlos und überhaupt nicht lustig. Damit hatte Florian einen Kernpunkt des Monty Python-typischen Humors beschrieben: Das Fehlen von klassischen Pointen. Gesehen habe ich als ersten Film Das Leben des Brian, doch erst Jahre später erfuhr ich, wer dahinter steckte und dass die Truppe sich Monty Python nannte. Ein Kommilitone fütterte mich systematisch mit dem Flying Circus, und selbstverständlich rief ich, als dieser mich auf einer Party knutschend ertappte: “I didn’t expect the Spanish inquisition!” Eine Zeit lang traf ich mich mit Freunden am Gründonnerstag zur Kreuzigungsparty, auf der wir uns Das Leben des Brian anschauten – immer die deutsche Synchronfassung, die ich bis heute lustiger finde als das Original.

Aber ich verstehe sehr gut, dass man mit den Nummern von Monty Python überhaupt nichts anfangen kann.

13.12.2013 – Der Schraubendreher für den Kunstzahn

Samstag, 12. Juli 2014

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Zur Technik, die mich immer wieder begeistert, gehört Medizintechnik. Im Techniktagebuch habe ich über mein Zahnimplantat geschrieben.

Alle meine Brillen

Mittwoch, 9. Juli 2014

Eigentlich eine schöne Idee, die Bitte im Kommentar von Sanne: Ich zeige Ihnen alle meine Brillen, im Gesicht und einzeln – zur Beurteilung der Bügelkrümmung.

Das ist die Brille, die ich in den vergangenen sieben Jahren fast ausschließlich getragen habe (superbequem, als würde ich gar keine Brille tragen):

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Diese hier sollte sie ersetzen, doch auch nach zahlreichen Ausbiegungen der Bügel drücken sie nach einem halben Tag.

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Dann habe ich da noch die alte Brille meines Vaters (Menrad!), in die ich mir Gläser für meine Sehrstärke einbauen ließ – bei denen drücken mich die Bügelenden bis zum Kopfschmerz bereits nach einer bis zwei Stunden:

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Hier dann noch ein Billigmodell, das ich mir vor über 20 Jahren bei einem Billiganbieter kaufte – mit schmerzfreien Bügeln.

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Ich habe eine neue Brille

Dienstag, 8. Juli 2014

Die Brille, die ich fast ausschließlich trage, hat sieben Jahre auf den Bügeln. Vor zweieinhalb Jahren kaufte ich mir zwar schon mal in Schwabing Ersatz, doch dieses wunderschöne (und scheißteure) Exemplar drückt mich auch nach gezählten zehn Korrekturen durch den Optiker (oder die Optikerin, je nach dem, wen ich gerade antraf) immer noch hinterm Ohr und verursacht Kopfschmerzen – obwohl die Bügel mittlerweile so locker gebogen sind, dass die Brille ständig rutscht. Die alte Brille wiederum ist so runtergeschraddelt (Metallteile haben teilweise die Beschichtung verloren, Gläser sind zerkratzt), dass ich wirklich eine neue brauchte.

Ich ging zum friendly neighbourhood-Brillengeschäft ums Eck und ließ mir zeigen, was gerade der neueste heiße Scheiß ist. Da mir praktisch alle Brillen in irgendeiner Weise stehen (ist ja kein Verdienst), probierte ich vor allem diejenigen, die ganz weit weg von allem waren, was ich bislang auf der Nase hatte.

Bei den Gläsern sagte ich wie immer, dass sich seit der überraschenden Erkrankung an Kurzsichtigkeit vor 28 Jahren nichts geändert habe. Die Optikerin begann mir zu erklären, was sich schon sehr bald unweigerlich durchs Altern verändern würde, da dachte ich mir: Ach, warum eigentlich nicht mal einen Sehtest. Während diesem erklärte mir der Optiker, wie Auge und Hirn zusammenarbeiten, wie das Gehirn kontinuierlich Fehlsichtigkeit ausgleicht, bis es bei zu groß gewordener Anstrengung einfach damit aufhört. Das erkläre, so sagte er, warum so viele Menschen Altersweitsicht als schlagartig einsetzend empfänden – dabei sei sie langsam gekommen und lediglich lange ausgeglichen worden.

Eine Gleitsichtbrille stehe bei mir weiterhin nicht an, meinte der Optiker nach dem Sehtest (lediglich die Hornhautverkrümmung hatte sich geändert). Um ihre Notwendigkeit möglichst lange hinauszuzögern, empfahl er mir allerdings Wellnessgläser. Doch, genau so nannte er sie: “Wellnessgläser”. Als er erklärte, diese Gläser seien im unteren Bereich ein wenig stärker, um zum Beispiel das Lesen auf dem Smartphone zu erleichtern, schlug ich “Digitalgläser” als alternativen Namen vor (Onlinegläser? Untengläser?). Doch auch diese Brancheninfo schreibt von “Wohlfühlfaktor”. Wenn ich das richtig verstanden habe, haben meine Gläser also anders als Gleitsichtgläser nichts mit Altersweitsicht zu tun, sondern verbessern lediglich gezielt das Sehen im unteren Nahbereich – ansonsten hat die Brille meine bisherige Kurzsichtstärke (optimiert für die jetzige Hornhautkrümmung).

Und so sieht das aus:

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Drei Stunden nach Abholung war ich auch schon wieder zurück im Brillenladen: Die Bügel drückten mich hinterm Ohr. Es wird sich doch nicht die Geschichte der vorherigen neuen Brille wiederholen!

Bachmannpreis 2014, der Rest

Montag, 7. Juli 2014

Ein völlig undifferenziertes “Wow!” war meine Reaktion auf den Umstand, dass der Bachmannpreis 2014 an Tex Rubinowitzsch ging. WOW! Thema und Textsorte ein krasser Unterschied zu den Preisträgern der Jahre davor. Ich freue mich sehr für ihn. Einige Stimmen sprachen davon, dass die Gratulation Christian Ankowitschs an Tex zum Bachmannpreis (die beiden haben zusammen das Forum Höfliche Paparazzi gegründet) vor laufenden Kameras dieses Forum einen Schritt näher zur Weltherrschaft gebracht habe. Und auf Twitter hieß es, Tex müsse jetzt zur Vervollkommnung seines Lebenswerks nur noch den European Song Contest gewinnen (für den er mindestens so leidenschaftlich schlachtenbummelt wie für den Bachmannpreis).1

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Den Federwelt Preis der Automatischen Literaturkritik (für den die angestrebten 5000 Euro tatsächlich zusammenkamen!) gewann Michael Fehr – der sich erst am Vortag hatte erklären lassen, was das überhaupt war. Hier mit den Initiatorinnen Angela Leinen (links) und Kathrin Passig (rechts). Die restlichen Preisträger und Preisträgerinnen finden Sie hier.

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Wolfgang Tischer hat eine Videozusammenfassung für sein Literaturcafé gemacht (ich sitze 20 Meter rechts davon unter einer Kastanie – nicht im Bild), darin auch die Abstimmung über das beste Jurymitglied und ein Interview mit Gewinnerin Daniela Strigl. (Interessante Information: “Wir reden ja nicht über die Texte außer öffentlich.” Das war mir neu.)

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Am Samstag hatte die zentrale Veranstaltung dieser ganze Klagenfurtgeschichte stattgefunden: Das Bachmannschwimmen. Vom Strandbad Maria Loretto aus schwammen Menschen in zwei Kategorien (Forelle und Stein, letztere nur mit Schwimmtier) hinaus zu einer kurzfristig zur Kehre erklärten Boje und wieder zurück. Angela Leinen hat fotografiert, den harten Wettkampf sowie die Sieger festgehalten (erkennen Sie die zahlreichen Literaten und Literatinnen im Wettkampffeld?) In dieser flickr-Gruppe finden Sie auch weitere Impressionen aus Klagenfurt.

Andere wiederum behaupten, die zentrale Veranstaltung Anfang Juli in Klagenfurt sei das brutale Musikquiz am abendlichen Lendhafen.

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Das Team mit den meisten mobilen Internetzugängen und den besten Recherchekünsten gewann.

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Von wegen Impressionen:

Bürgermeisterempfang am Schloss Maria Loretto

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Und ein bisschen Klagenfurt

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  1. Und ich kenne jetzt ZWEI Menschen persönlich, die den Bachmannpreis gewonnen haben! Claim to fame! []

Bachmannpreis 2014, Tag 3

Samstag, 5. Juli 2014

Heute muss ich schnell bloggen, um rechtzeitig um 16 Uhr zum Bachmannschwimmen am Wörthersee zu sein. Es hilft, dass heute wegen Ausfalls Karen Köhlers nur drei statt vier Texte gelesen und diskutiert wurden.

Das Mitschreiben war sehr anstrengend: Deutlich mehr Menschen als an den vergangenen beiden Morgen wollten ins ORF-Studio, erheblich mehr Sitze waren offiziell (also mit Aufklebern) reserviert. Ich hatte genug Erfahrung, mich umgehend auf eine Treppenstufe zu setzen, doch kurz vor Beginn der Sendung presste sich eine Frau zum Sitzen zwischen mich und die Stuhlreihe. Das war mir deutlich zu viel Körperkontakt mit einer Fremden, doch weil mir diese Überforderung peinlich war, floh ich und stellte mich an die Wand. Im Stehen ist Mitschreiben anstrengend. Und jetzt hadere ich damit, dass meine Aufzeichnungen entsprechend schwer lesbar sind. So sehen meine Protokolle übrigens aus:

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Christian Ankowitsch eröffnete mit einem Zitat aus einen Sonett von Robert Gernhardt und schlug stilvorbildlich die Brücke zwischen den derzeitigen beiden Großereignissen: Fußball und Bachmannpreis.

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Katharina Gericke las ihren Text „Down Down Down To the Queen of Chinatown“ vor. Ich mochte die Geschichte von Greta und Herrn Malou, mündlich geschrieben, gleichzeitig homerisch formelhaft, sehr lustig. Erstmals lachte das Publikum richtig. Irritiert war ich ein wenig von der theatralischen Vortragsweise – in diesem Jahr muss man da wohl durch.

Daniela Strigl hatte den Vortrag im Gegensatz zu mir genossen. Sie gestand, dass sie beim Erstlesen befürchtet hatte, „schon wieder eine Geschichte über eine einsame Frau“ vor sich zu haben, die der Text dann gar nicht war. Sie sprach vom Bezaubernden und Bewegenden, von dem „menschenfreundlichen Blick auf Menschen – und Hunde“. Strigl wies auf den Blankvers hin, mit dem durch Berlin gegangen werde. Ähnlich positiv äußerte sich Winkels. Er fragte nach dem Inhalt und seine Erheblichkeit. Da man Liebe nicht sprechen, nicht erzählen könne, sei diese Aufgabe auf die Oper verschoben worden. Um über Liebe zu sprechen, „muss ich permanent Allegorien entwerfen.“ Die Jurykollegen und -kolleginnen halfen ihm, den Titel der Erzählung als ein Lied von Amanda Lear zu identifizieren.

„Nicht große Oper, sondern klitzekleine Operette“ sah Meike Feßmann in dem Text. Doch sie mochte das Schräge, in dem sie die Herkunft der Autorin Moabit sah. Auch sie fand den Blankvers schön gemacht. Hildegard Keller äußerte eine „mittlere Lage des Vergnügens“. Sie habe sich bezaubern lassen. Könne es sich um eine „spätmoderne Ballade“ handeln, „zusammengehalten durch Refrain“? Ihr fiel auf, dass derselbe Satz in Wiederholungen ganz verschiedene Facetten herausarbeite.

Juri Steiner fühlte sich auf eine „phantasievolle Reise“ mitgenommen: „Man spürt, dass die gespielte Bühne des Lebens viel reicher ist als Aida.“ Auch Arno Dusini fand die Verschachtelung mit Oper „leitmotivisch schön gebaut“, bemerkte aber, der Text behaupte sehr große Bedeutung. Er rufe sogar Dantes Divina Commedia auf, das funktioniere aber nicht. Die Jambisierung nannte er „überzogen“: „Der Rhythmus ist etwas, was den Gegenstand klein macht.“ Strigl widersprach: Die jambische Konstruktion müsse man nicht verstehen, sondern spüren. Die Spannweite zwischen Popmusik, Aida und Göttlicher Kommödie mache die Kunst des Textes.

„Romantische Ironie“ war eine Haltung, die Burkhard Spinnen als Basis des Texts sah. Opern möge er gar nicht, es peinige ihn, dass er darin alles, was mit den Figuren geschehe, so wichtig nehmen müsse. In Gerickes Text sei die Unsagbarkeit der Liebe sehr kunstfertig dargestellt. Keller warnte die Jury davor, einzelne Wörter zu identifizieren auf ihre „Vorexistenzen“. Hier habe man es mit einem Spiel mit Versatzstücken zu tun. Auch Steinen verwies auf die Assoziationen, die durch den Rückgriff auf verschiedene Ebenen ausgelöst würden. Doch Dusini blieb dabei: Man könne nicht so tun, als könnte man das Gedächtnis an die Literatur wegschneiden. (Diese Debatte hörte sich für mich ungeheuer 80er an.)

Irgendwann stoppte Feßmann: Man habe durch die Diskussion „den Text in zu hohe Höhen geschraubt“, das werde ihm nicht gerecht.

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Auf Tex Rubinowitsch war ich sehr gespannt, unter anderem weil er der einzige Kandidat war, von dem ich bereits vorher etwas gelesen hatte (und weil ich ihn persönlich kenne). Er las „Wir waren niemals hier“, hastig und geschludert, macht beim Umblättern mitten im Satz Pausen. Seine Erinnerung eines Mannes an seine erste richtige Freundin vor 30 Jahre brachte das Publikum dann endlich mal schallend zum Lachen – auch wenn Tex sich vorher in Interviews beschwert hatte, dass ihm als komischem Autor niemand eine ernste Geschichte zutraue. Mich erinnerte die spezifische absurde Komik der Erzählung an den frühen John Irving.

Winkels wies darauf hin, wie in diesem Text Liebe an Abwesenheit gekoppelt sei: „Alles, was nicht gegenwärtig ist, ist stärker.“ Die Sprache sei nicht in klassischem Sinn literarisch, doch er mochte die „metonymische Verschmelzung von einer Szene zur nächsten“. Dusini lobte den erfrischenden Effekt des Textes: „Liebe ohne literarische Schwere verhandelt in sehr souveräner Art und Weise.“

„Er macht sich permanent zum Affen, sie gibt ihm Aufgaben“ fasste Feßmann zusammen, beschrieb den Protagonisten als „kritischen, skeptischen, zweifelnden Mann“. Das Verhältnis zur neurotischen Freundin sei der eigentliche Ursprung der Komik. Keller sprach von einem „Lakoniker mit Sexappeal – „das muss man erst mal zustande bringen“. Sie erinnerte der 2. Teil der Geschichte an Wolf Haas mit seiner Verdoppelung und Selbstbefragung. Der Text sei ein „Kommentar zur Erzählbarkeit einer Beziehung, die keine ist“. Doch in seiner „Pointenjagd“, als „Anekdotenkette“ sei er manchmal nachlässig erzählt.

Steiner amüsierte sich darüber, wie er als Leser der Spatzenpassage auf den Leim gegangen sei. Auch er beobachtete eine antiheldenhafte Existenz, wollte aber wissen, was wohl in den 30 Jahren seit dem Ereignis passiert sein könnte. Außerdem identifizierte er eines der vielen literarischen Zitate im Text. Strigl prompt: Der Autor könne sich glücklich schätzen, ein so gebildetes Publikum zu haben. Ihrer Ansicht nach macht die Beiläufigkeit den Charme aus, wehrte sich, nicht alles, was nach postmoderner Tradition klinge, sei Wolf Haas. Sie mochte den „ganz eigenen Ton“: „Es geht darum, Leben zu imitieren.“

Für Spinnen war es eine besondere Liebesgeschichte, weil es die erste richtige Freundin war (was er eigenartigerweise mit erstem Sex gleichsetzte). Schließlich sitze das 30 Jahre später immer noch. Er sah in dem Text „eine sehr nach vorne an die Rampe tretende Oberfläche“, doch dahinter etwas, das unbedingt gesagt werden musste. In Richtung Tex schimpfte er, er habe „scheußlich gelesen“ – was Strigl allerdings sofort in „kongenial“ unbenannte.

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Undankbarerweise abschließend las Georg Petz, der sein Autorenvideo für eine Ausbreitung seiner präskriptiven Poetik nutzte. Das ist natürlich gefährlich, weil man ihn an seinem Anspruch messen könnte. Seine Geschichte hieß „Millefleurs“: In einem jungen Paar stellt sie, Französin, ihrem Freund in der Normandie ihren alten Freund vor. Viel Kriegsvergangenheit, Rivalität zwischen den Männern, haufenweise Natur mit Metaphern und Bildern. Mich interessierte weder Handlung noch Figuren besonders.

Feßmann hielt zunächst ihren Respekt fest vor der Aufgabe, die sich der Autor stelle: Die Rivalität zweier junger Männer, Kriegsgeschichte, Männlichkeitsfragen in einen Text zu packen. Doch: „Ich finde, dass er das überhaupt nicht bewältigt.“ Es gebe viele Stellen „wo ihm die Metaphern auskommen, die Bilder aus dem Ruder laufen“. Ständig sei des Guten zu viel. Ähnlich äußerten sich in der Folge alle Jurymitglieder. Winkels fand es „geradezu noch nett“, was Feßmann gesagt habe, in jeder Sekunde gebe es erwartbare Bilder, der ganze Text habe „einen völlig überladenen Ton“. Dadurch habe der Leser keine Freiheit, er habe sich eingeschnürt gefühlt. Steiner zog die Parallele zu den Millefleurs spätgotischer Tapisserien: Das zentrale Motiv verschwinde in diesem Text hinter den dekorativen Elementen.

Keller, die den Text mitgebracht hatte, mochte ihn, weil er sich für Gefühle interessiere, der Erzähler ein lyrischer Mensch sei, er habe Sinn für Landschaft, Bewegung in der Weltgeschichte. Sie hob die Parallele zum D-Day heraus, dem Decision Day, lobte die verschiedenen Ebenen und die Art und Weise, wie Spannung erzeugt werde. Der Text leide hier darunter, dass es sich halt um die dritte Liebesgeschichte des Morgens handle. (Feßmann betonte später, der Text sei beim Lesen daheim nicht besser gewesen.)

Doch auch Spinnen sprach von den zu vielen Roben, die der Text trage. Er wies darauf hin, wie sich in dieser Begegnung mit dem Jugendfreund der Verlobten die Grenzen der Europäisierung gezeigt hätten. Doch er verbiss sich dann in die Schwimmszene: Der Duktus habe es ihm unmöglich gemacht festzustellen, wie der Kampf überhaupt ausgesehen habe. Kurz ging es dann zwischen Spinnen, Winkels und Feßmann über die gefühlte Bedrohung der Menschheit durch die Berührung zweier Männer.

Strigl kam darauf zurück, dass selbst der Protagonist die Sache langweilig finde. Der historische Untergrund sei zu präsent, es handle sich um Kunsthandwerk. Ähnlich fand auch Dusini schon die Anlage des Texts schwierig: Krieg, Männer, die um eine Frau kämpfen, Körper und Macht. „Dort, wo es nicht zusammengeht, springt eine Poetisierung ein.“

Als ich nach dem Schlusswort das Studio verließ, hörte ich einen anderen Zuschauer seine Nachbarin fragen: „Haben Sie darin eine Liebesgeschichte gesehen?“ Nein, tatsächlich nicht.