Theater

Journal Mittwoch, 27. Mai 2015 – Jagdszenen aus Niederbayern

Donnerstag, 28. Mai 2015

Ein trockener, kalter Tag, spätnachmittags ein wenig Sonne. Das Biergartenorakel vorm Büro irritierte mich vormittags:

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Schrödingers Biergarten. Tatsächlich gab es mittags genau zwei tapfere Draußenesser im Anorak.

§

Abends Theater, ich sah an den Kammerspielen Martin Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern.

Regisseur Martin Kušej hat die Szenen des Stücks von 1965 rückwärts angeordnet, sie zu einer umgekehrten Crónica de una muerte anunciada gemacht. Es beginnt mit dem Ende der Hauptfigur Abram (Katja Bürkle in einer wunderbaren Mischung aus Trotz, Brutalität und Verletzlichkeit), wir Zuschauer erfahren es wie die Schlagzeile der Lokalzeitung. Und wie in der Berichterstattung über Hergang und Hintergründe in den Zeitungsausgaben der folgenden Tage enthüllen alle folgenden Szenen, wie es dazu kam, wer daran beteiligt war. Die Inszenierung endet mit der Ankunft von Abram bei seiner Mutter (Gundi Ellert zeigt eine der Duckmäuserinnen, wie ich sie im Unfeld meiner Oma viele gesehen habe), die ihm entgegenwirft, sie hätte ihn nach der Geburt besser erwürgt.

Dem Spiegel hat’s gar nicht gefallen, mir schon. Das aufgebrochene Zeitkontinuum abstrahiert die Gründe des Außenseitertums: Homosexualität, psychische Krankheit, nicht sanktionierte Partnertschaft. Es geht um die Dynamik alle Arten von Hass, verwurzelt in Borniertheit und Stereotypen – gegenüber allem, was anders ist. (Gleichzeitig sind Vorurteile gegenüber Schwulen sehr lebendig in bayerischen Köpfen – hören Sie gerne mal Unterhaltungen im Freundeskreis meiner Eltern zu.)

Mehr Bühnenbild als das von Anette Murschetz brauchte es nicht: Eine Scheunenwand, eine Mauer, ein Tisch, ein kahler Baum – das reichte. Auf die Musik hätte ich verzichten können.

Jagdszenen aus Niederbayern wurde 1969 verfilmt, und das Echo darauf ist ein weiterer Beweis, dass Hass zum einen keine originäre Nebenerscheinung von Internkommunikation ist, zum anderen wie Hater-Kommentare unbeabsichtigt die angegriffene Aussage belegen: Eine Ausgabe der Zeit von damals zitiert einen Brief an den Regisseur:

Er würde „am liebsten das ganze Kino mit dieser Schweinerei in die Luft fliegen lassen“.

Und schon 1969 behaupten diese Kritiker einen

„Gesinnungsterror“ der „Meinungsmonopolisten in Film, Presse, Rundfunk und Fernsehen“

Lügenpresse anyone?

§

Beim Heimkommen sah ich vorm Haus ein Eichhörnchen-großes Nicht-Eichhörchen mit langem Fellschwanz unter ein Auto huschen – vermutlich ein Wiesel, vielleicht ein Mauswiesel.

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Eines der Dinge, die ich gestern im Techniktagebuchchat gelernt habe:
Bus Factor

the number of key developers who would need to be incapacitated to make a project unable to proceed

Sollte jedes Projekt durchdacht haben.

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Distelfink, der in den Händen seines Halters badet.

Journal Samstag, 18. April 2015 – Theresienwiesnflohmarkt, Faust am Resi

Sonntag, 19. April 2015

Gemütlich um zehn ging ich mit Herrn Kaltmamsell auf den Theresienwiesnflohmarkt, erwartbar sonnig, wenn auch zapfig kalt (wie kalt es vorher gewesen sein musste, sah man an der Kleidung der Verkäuferinnen und Verkäufer – die meisten sahen aus wie Michelinmännchen, plus warmer Mütze). Mein vages Suchziel war eine sehr große Salatschüssel.

Gleich einer der ersten Stände beglückte mich:

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Das Angebot war riesig, der Andrang auch. Da es in den vorhergehenden Tagen geregnet hatte, musste man beim Gucken immer ein Auge auf den schlammigen Boden und riesige Pfützen haben. Besonders fasziniert bin ich ja jedes Mal von den angebotenen Gemälden.

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Die Geschichte zu dem Fund auf den letzten beiden Bildern gibt es im Techniktagebuch.

Danach sprach ich: „Du hast was gefunden, wir haben eine Geschichte zu erzählen, jetzt können wir heimgehen.“ Doch wegen des Andrangs war auch das nicht schneller möglich als im Schlendertempo, ich guckte weiter nach Geschirr – und verstieß möglicherweise böse gegen Flohmarktetikette. Ich sah nämlich an einem Stand zwei alte, weiße Schüsseln, gleiche Gestaltung in verschiedenen Größen. Als ich näher trat, fragte gerade eine Interessentin nach dem Preis der Schüsseln. Die Verkäuferin meinte, einzeln würde sie sie für 10 Euro das Stück verkaufen, habe allerdings gehofft, beide zusammen für 15 Euro loszuwerden. Die Interessentin zögerte, drehte die Schüsseln nachdenklich, meinte, eigentlich habe sie nur eine gesucht. Da meldete ich mich: „Oiso“, (nirgends bayere ich so sehr wie auf dem Theresienwiesnflohmarkt) „i nehmat oi zwoa für 15 Euro.“ Die Interessentin trat einen Schritt zurück, protestierte aber nicht. Und so bekam ich die Schüsseln. Es war der Blick der Dame, der mir klar machte, dass das nicht fair gewesen war. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen.

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Abends (na ja, wenn 18 Uhr schon als abends zählt) ging es zum Faust ins Residenztheater. (Hatten wir ja eigentlich schon vor zwei Wochen sehen wollen, musste wegen Streiks verschoben werden.)

Davor hatte ich Faust zuletzt in den 80ern in Ingolstadt in einer Inszenierung von Ernst Seiltgen gesehen, der in seiner 21 Jahre dauernden Intendanz nicht nur das Theater dort prägte, sondern auch berüchtigt dafür war, die technischen Möglichkeiten des damals recht neuen Theaters so weit wie möglich auszureizen. Diesbezüglich hätte Seiltgen selig gestern seine Gaudi gehabt, technischer Overkill Hilfsausdruck.

Eine aufrüttelnde Inszenierung – zumindest physisch: Zweimal wurde das Publikum durch einen lauten Knall inklusive Feuer vor Schreck schier aus den Sitzen gerissen. Und auch sonst krachte und knallte es (im Foyer hingen Warnzettel aus), dass einem Hören und Sehen verging. Honi soit qui mal y pense (wie es auch in Leuchtbuchstaben im reichhaltigen Bühnenbild hing) und unterstellt, es könnte damit von irgendwas abgelenkt werden. Zum Beispiel von interpretatorischer Leere. Anstrengend war allerdings auch, dass zwei Herrschaften im Publikum hinter mir ihren Unwillen regelmäßig flüsternd besprachen. (Oder gehörte das am End‘ auch zur Inszenierung – heutzutage weiß man ja nie.)

Ich sah im düsteren Rauch und Regen der Bühnenaufbauten viel Blade Runner (Nachtrag: Zum Beispiel ist Fausts Trigger-Song „One more kiss, dear“ aus Blade Runner), Fight Club und Berghain-Klischees, Mephisto und Gretchen als durchtrainierte Muskelkampfmaschinen hatten viel von Linda Hamilton in Terminator 2 – was ich mir für Mephisto noch halbwegs zurechterklären kann, für Gretchen nicht.

Das inszenierte Material enthielt unter anderem Brocken aus Faust 2 und wirbelte die Faust-Texte ordentlich durcheinander (zum Glück hatte ich einen Deutschlehrer dabei). Das Ergebnis war auf unangenehme Weise humorlos – außer man nimmt das Erschrecken des Publikums durch Lärm als Scherz. Die Verbindung zwischen Inszenierung und Inhalt erschien mir recht beliebig. Ich werde mir „was der Autor mir damit sagen wollte“ noch im Podcast der Dramaturgin Angela Obst erkären lassen.

Das kann man alles selbstverständlich auch völlig anders sehen, zum Beispiel wie Felix M.:
„It might get loud – ‚Faust‘ am Residenztheater“.

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Kurz vor halb zehn mit ordentlich Hunger heimgekommen, due Spaghetti aglio e olio gegessen (der chip stop der Italiener).

Vorm Einschlafen spuckte ich noch eine Zahnfüllung aus, die bereits dreimal erneuert werden musste (blöde Stelle).

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Andrea Diener war für die FAZ mit Berbern in der marokkanischen Sahara:
„Marokko
Irgendwann ist alles andere überflüssig“
.

Wie orientiert man sich in dieser Wüste? Eine Straße oder wenigstens Piste gibt es seit ein paar Kilometern nicht mehr. Nach der dritten Runde um ein Dünenfeld, das uns irgendwie bekannt vorkommt, wissen wir: gar nicht. Wenn der Berber auf dem Jeepdach steht, des besseren Handyempfangs wegen, dann stimmt etwas nicht. Und Gespräche, die auf „Inshallah“ enden, sind immer ein schlechtes Zeichen. Das kenne ich schon von meinem marokkanischen Autoschrauber daheim in Frankfurt.

Sehen Sie sich unbedingt auch das Filmchen dazu an, in dem Andrea Diener die praktischen Details der Wüstenwanderung erklärt, unter anderem, dass dazu „die Brauereigäule unter den Kamelen“ genutzt werden.

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Von Andrea Diener gibt es übrigens jetzt auch den Podcast Tsundoku, in dem sie über Bücher spricht (nur mal nebenher: Gibt es eigentlich eine Medienform, die Andrea Diener nicht kann?). Die Pilotfolge hat mir gut gefallen; zu meinem Vergnügen trug bei, dass Andrea Dieners trügerisch sanfte und liebliche Sprechweise hier ganz ungebrochen erklingt (anders zum Beispiel als in den oft launigen Gesprächen mit Holgi im WRINT-Podcast) – wer sie als Bloggerin kennengelernt hat, weiß, dass die Dame sehr weit von Sanftheit und Lieblichkeit entfernt ist.

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Das Heroinproblem in den USA hat sich in einer Weise verändert, die zum Wirtschaftsliberalismus der westlichen Welt passt und die man nur dramatisch nennen kann:
„Serving All Your Heroin Needs“.

So we are at a strange new place. We enjoy blissfully low crime rates, yet every year the drug-overdose toll grows. People from the most privileged groups in one of the wealthiest countries in the world have been getting hooked and dying in almost epidemic numbers from substances meant to numb pain. Street crime is no longer the clearest barometer of our drug problem; corpses are.

via @lyssaslounge

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John Irving ruft Günter Grass nach:
„An unanswered letter from Günter Grass“.

I was 19 or 20 when I read The Tin Drum; I hadn’t known it was possible to be a contemporary novelist and a 19th-century storyteller.

Journal Sonntag, 15. Januar 2015 – Dantons Brunch

Montag, 16. März 2015

Den zweiten Teil des wochenendlichen Partyhoppings trat ich an: Frühstück bei meinen Eltern, vorgegriffene Geburtstagsfeier für meinen Vater im elterlichen Freundeskreis.

Da ich nicht geschafft hatte, meinen Journalblogpost vor der Abfahrt des Zuges fertig zu stellen, nahm ich mein Macbook mit. Ich würde schon einen Weg finden, unterwegs ins Internet zu kommen. Genau dieses stellte sich sogar als besonders einfach heraus: In der WLAN-Auswahl wurde mir mein eigenes iphone als passwortgeschützter Hotspot angeboten; ein Klick darauf brachte mich online.

Meine Mutter hatte enorm aufgekocht, diese Frühstücke heißen im elterlichen Freundeskreis Brunch und ziehen sich bis in den späten Nachmittag.

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Noch im Ofen war bei dieser Aufnahme der Lauchflan. Nachmittags gab es Käsesahnetorte und Eclairs.

Ich unterhielt mich vor allem mit einer Elternfreundin, die über ihren Managermann auf mehreren Kontinenten gelebt hat und vom Brotbacken in Brasilien (in ihrer deutschen Mangerfamilienenklave war die Zutatenbeschaffung kein Problem) und Eierkaufen im China der 80er (Eierkartons unbekannt) erzählen konnte.

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Obwohl ich ein Mittwochsabo habe, lag der jüngste Theatertermin am gestrigen Sonntagabend: Büchners Dantons Tod. Die dreieinviertel Stunden Dauer ließen mich ein wenig schwanken, doch am End ging ich hin. Von Büchner hatte ich ja durchaus Spannendes gesehen, Dantons Tod kannte ich noch nicht. Als gleich am Anfang ein Hund mit auf die Bühne kam (die Herrschaften hinter mir unterhielten sich darüber, dass es sich um Frau Paulmanns Hund handle, davor habe sie einen Berner Sennenhund gehabt), freute ich mich: Was kann schon in einer Inszenierung mit Hund schiefgehen?

Es wurde ein sehr anstrengender Theaterabend. Das lag aber ganz klar am Stück: Da passiert ja nichts, es wird nur geredet, diskutiert auf der Bühne. Natur und Veränderung, welchen Preis darf die Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft haben (ich fühlte mich an die späte Erklärung des Oberbösewichts in Kingsman erinnert), was haben Tugend und Verbrechen miteinander zu tun – wenn es sie überhaupt gibt, wo hört Revolution auf, wie weit darf man die eigenen Regeln zum höheren Gut dehnen. Alles interessante und wichtige Fragen, aber sie wären in einem Essay besser aufgehoben. Jaja, ich weiß: Das heißt Ideendrama und muss so. Aber ich ganz persönlich möchte von Theater etwas Anderes, vielleicht fehlt mir einfach das Germanistinnengen.

Und bei dreieinviertel Stunden hilft das sensationelle Ensemble auch nicht mehr. Sandra Hüller in ihrem kurzen Auftritt größtartig, Benny Claessens weckte mich mit seinen Ausführungen zur Guillotine kurz vor Ende nochmal richtig auf (er war nicht beim Verbeugen dabei, hoffentlich alles in Ordnung?).

Die Musik von Carl Friedrich Oesterhelt gefiel mir ganz ausgezeichnet (viele Anklänge an Michael Nyman), ich war immer erleichtert, wenn gespielt wurde. Der Hund tauchte leider gar nicht wirklich auf.

In der Pause ging ich hinauf in den Rang und machte Fotos aus einer für mich ungewohnten Bühnenperspektive.

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Aber jetzt kenne ich auch Dantons Tod.

Journal Mittwoch, 7. Januar 2015 – Die Schweine auf die Bühne

Donnerstag, 8. Januar 2015

Egal wie alt du bist, wenn du das erste Mal hinter einer Bühne stehst, sagst du: „Die Schweine auf die Bühne bitte, die Schweine auf die Bühne!“ Lautstärke und Modus je nach Temperament. (Außer du hast nie im Leben die Muppet Show gesehen, aber dann läsest du hier wohl kaum mit.)

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Was soll ich sagen: Gestern waren sie dort, auf der Bühne der Kammerspiele, in König Lear. Riesige Säue, mittelgroße Säue, kleine Säue, die entspannt bis vergnügt über die Bühne spazierten und rüsselten, während die Schauspieler das Stück weitertrieben, grunzten, manchmal ganz schön laut, an Bühnenbild und Schauspielern knabberten, sich kraulen ließen. Das Publikum wurde nach dem anfänglich ernsten „Aha, interessanter Einfall“ immer heiterer, einzelne Schweinseinlagen waren kurz vorm Szenenapplaus. Da fühlte ich mich richtig shakespearisch: Der alte Will hätte sicher keine Gelegenheit ausgelassen, das Publikum zu unterhalten, und die Clowns, Gaukler und Tiershows, die es im alten Globe immer wieder in Pausen gab (die Einteilung in Akte war ja weit nach Shakespeare), vermisse ich schon. SOLCHE Schweine!1

Ich hatte Lear vorher nie gelesen, auch noch nie gesehen, es war also wirklich mal Zeit. Und von einigen Details war ich überrascht, zum Beispiel: Dass die tragische Figur Lear anfangs ein richtig unangenehmer Typ ist und ich die beiden Töchter gut verstehen konnte, die ihn und seinen Tross nicht daheim haben wollten. Dass die gute Cordelia als blasse Projektionsfläche daher kommt. Und ich war schockiert wie das erste Shakespearepublikum, dass Cordelia am Schluss tot ist.
Die Inszenierung gefiel mir auch neben den Schweinen auf der Bühne (hihi!): Schöne Mischung aus Vereinfachung (alles spielte auf demselben Schauplatz, einem Rasenkreis in der Bühnenmitte, eine Leuchtanzeige darüber nannte den aktuell vorzustellenden Ort) und Bühnentechnik aus allen Rohren (solch einen Sturm hatte ich noch nie auf einer Bühne gesehen, der Kunstnebel hielt sich bis zur Pause im Zuschauerraum). Großartige Besetzung, auch wenn es mich erstmals irritierte, Tatort-Schauspieler Lasse Myhr auf der Bühne zu sehen; sonst habe ich beim Tatortgucken ja schlagartig all die Stücke vor Augen, in denen ich die Kammerspieldamen und -herren bereits kenne. Gestern fiel mir aber am meisten Kristof van Boven als Edgar auf, der vor allem am Anfang immer wieder durch scheinbare Ungelenkheit spröde Akzente setzte.

Aber vor allem: SOLCHE Schweine! Theater UND Zoo für den Preis von nur einem Theaterticket!

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Sonst gestern Rückkehr ins Büro, die übliche viele Arbeit nach drei Wochen Abwesenheit plus Quartalsabschluss, heute weiterzuführen. So viel Arbeit, dass ich den ganzen Tag keine Zeit für einen Blick auf Twitter hatte und so erst am späten Abend den Terroranschlag in Paris mitbekam.

Davor Crosstrainerei.

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Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke entschuldigt sich für eine unpassende Kameraeinstellung: „Katja Sudings Beine“.

Ja, war mir unangenehm aufgefallen. Doch erst nach dem Lesen der Selbstkritik merkte ich, dass ich dieses Unbehagen umgehend mit der Schere im Kopf weggeschnitten hatte: Na, jetzt stell dich doch nicht so an.
Die Form der Entschuldigung übt Herr Gniffke ja erst noch.

  1. Nein, sowas steht natürlich nicht in Regieanweisungen. Obwohl ich mir anschließend sagen ließ, die berühmteste Bühnenanweisung eines Shakespearestücks stünde im Winter’s Tale und laute: „Exit, pursued by a bear“. []

Journal Mittwoch, 12. November 2014 – Wessen Toleranz?

Donnerstag, 13. November 2014

Das Morgenlicht war ganz klar, schuf schon in der Dämmerung viel Farbe und Kontraste – alte niederländische Malerei.

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Gemütlicher Morgenkaffee mit Internet.
Arbeitsweg zu Fuß.

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Arbeitsgefüllter Tag, ich nahm mir aber Zeit für eine Mittagspause mit Zeitungslesen.

Abends ins Theater geradelt (es ist zum Glück immer noch nicht richtig kalt): Schande nach J. M. Coetzee.

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Eine sehr verstörende Geschichte. Ich sah, wie ein menschverachtendes System durch ein anderes menschenverachtendes System ersetzt wird. Am untersten Ende der Hackordnung dabei die Frauen, die vorher so wenig selbstbestimmt waren wie sie nachher sind. Bedrückend.
So sehr, dass ich mehr die Geschichte sah als die Inszenierung – ging mir im Theater schon lange nicht mehr so.

Gleichzeitig aber Freude über den überragenden Hauptdarsteller. Stephan Bissmeier als zynischer Uni-Dozent David war bedrückend gut (ich bin ja immer auch beeindruckt von schauspielhandwerklichen Details wie Nuscheln, das gleichzeitig glasklar verständlich ist). Interessant und vielversprechend: Zwei Schauspielschülerinnen auf der Bühne, Lorna Ishema und Barbara Dussler.

§

Die Werbemotive für die ARD-Themenwoche Toleranz sorgen weiter für Aufruhr in meiner Ecke des Internets.

Auch ich habe erstmal scharf eingeatmet bei dem Anblick. Da braucht man wirklich nicht Theorie-gestählt sein, es reicht eine einfach Übung: Stellen Sie sich vor, Sie gehörten zu der abgebildeten Bevölkerungsgruppe. Und über Sie würde unter diesen Slogans verhandelt.
Jedes Motiv eine Ohrfeige.

Mir gefällt der Kommentar auf der NDR-Website (so viel übrigens dazu, die Öffentlich-Rechtlichen seien gleichgeschaltet):
„Zwischen gut gemeint und gut gemacht“.

Dass Angehörige der stigmatisierten Gruppen eben nicht die Wahl haben, welches Maß an Ausgrenzung oder „Toleranz“ der Mehrheitsgesellschaft sie erdulden wollen – diese Erkenntnis scheint den Programmverantwortlichen der beworbenen Sendung noch nie gekommen zu sein.
(…)
Dass Stigmatisierung und Ausgrenzung dennoch stattfinden, ist das eigentliche Problem – und nicht die Existenz von Schwulen, Schwarzen, Behinderten oder anderen „Randgruppen“ nach Wahl, die vermeintlich „unsere“ Toleranz strapazieren.

Ich bin ganz sicher, dass die Absichten hinter den Motiven gute waren. Doch Schaden wird durch andere Absicht nicht geringer. Es muss eine bessere Form für die Bewerbung dieses Themas geben. Zum Beispiel ist mir eingefallen: Den Spieß umdrehen (genau: den Spieß – denn ein Spießrutenlaufen ist es, was diese Mitmenschen mit Alltag erleben). Toleranz aus der Perspektive der ausgegrenzten Gruppen zeigen:
– Das Frauenpaar Arm in Arm, das gefragt wird: „Und wer ist bei euch der Mann?“ (Dazu passt wunderbar „normal oder nicht normal?“)
– Menschen, die nicht nach Vorfahren in Bayern aussehen, und Englisch angesprochen werden. (An „Belastung oder Bereicherung?“ müsste man hier vielleicht noch arbeiten.)
usw.

Im Fernsehen dazu Talkshows, in denen ausschließlich diese Menschen zu Wort kommen und erzählen, wie viel Toleranz sie jeden Tag aufbringen.

Hintergrundlektüre aus eben dieser Perspektive:

„Wer muss sich was gefallen lassen?“

„Woher kommst Du? Ich meine wirklich?“

Jean Genet, Die Zofen in den Münchner Kammerspielen

Donnerstag, 24. Juli 2014

Dienerschaft ist etwas Eigentümliches. Nur auf den ersten Blick ist in einer ähnlichen Position, wer im Service arbeitet, in der Gastronomie: Zwar werden auch von der Kellnerin Aufmerksamkeit erwartet, Ausrichtung auf das Wohlbefinden und die Wünsche von Gästen. Aber Gäste, daher der Name, gehen wieder.
Eine Dienerin, ein Dienstmädchen, eine Zofe, ist immer auf dieselbe Person ausgerichtet. Sie übernimmt große Teile der Selbständigkeit, sogar der Selbstbestimmung, muss diese Person in vielen Dingen eigentlich wie ein unmündiges Wesen behandeln: Körperpflege, Bekleidung, Ernährung, Mobilität. Doch gleichzeitig ist sie die Untergebene, die Angestellte, Abhängige. Diese Gleichzeitigkeit von Herabschauen und Aufschauen ist eine paradoxe Situation, die immer neu Spannung erzeugt.

In einer Welt1, in der Hierarchien nicht mehr angeboren, gottgegeben, unveränderlich sind, konnte Jean Genet aus dieser Spannung ein abendfüllendes Theaterstück machen, Stefan Pucher hat es für die Münchner Kammerspiele inszeniert, gestern Abend war ich drin (ausverkauftes Haus, die Inszenierung kommt an).

Ich sah drei sensationelle Schauspielerinnen (Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann, Wiebke Puls), die alle Facetten dieser aufgezwungenen, verabscheuten, genossenen Unterwürfigkeitsmechanik durchspielten – auf mehreren Ebenen. Die beiden Zofen des Titels spielen in Abwesenheit ihrer „gnädigen Frau“ Dienerin und Herrin, malen sich Details der vertauschten Rollen aus. Allerdings auf einen tödlichen Showdown ausgerichtet. Die gnädige Frau selbst gibt sich als überzogene Variation ihrer Rolle, als Karikatur (mit diesem Changieren war Wiebke Puls schon als Blanche beeindruckend).

Das Bühnenbild war der Salon als riesiger Tunnel. Die Zofen wurden zunächst als Stummfilm eingeführt, wie auch im Stück bis zur Unkenntlichkeit geschminkt in einer Mischung aus Clown und Metropolis, die Armseligkeit ihrer Figuren unterstrichen durch Schminke und Perücken in Auflösung. Dadurch hatten die Schauspielerinnen kaum Mimik zur Verfügung, doch Hobmeier und Paulmann holten aus dem Instrument ihrer Stimmen Tonlagen und Färbungen für ein Dutzend Figuren heraus – eben genau so irrlichternd wie die Stellung ihrer Figuren zueinander und zur Herrschaft.

Der ganze Abend drehte sich um dieses Unterwerfen und Aufrichten, um den gegenseitigen Einfluss aufs Fühlen, und immer wieder ließ Genets Text die Figuren sich selbst beim Fühlen zusehen. Es war eine Show mit allen Mitteln: Musik (Christopher Uhe hatte fürs Stück komponiert, alle drei Frauen sangen), Film sowohl aus der Konserve als auch in Echtzeit übertragen (Kameramann/Kamerafrau beim Theater ist mittlerweile ein etablierter Beruf, nehme ich an). Sehr gruslig und sehr stark.

Besprechungen der Inszenierung:
Nachtkritik
Spiegel
Abendzeitung
Deutschlandfunk
Münchner Merkur

  1. Oh mein Gott! Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass aus dem running gag der immer gleichen Off-Stimme, die den immer gleichen Textanfang von Filmtrailern spricht, ein eigener Film gemacht wurde! []

Auszeitjournal Mittwoch, 10. April 2013 –
Onkel Wanja als Hörspiel

Donnerstag, 11. April 2013

Der Mitbewohner geht nicht gern ins Theater. Ihn langweile, so erklärt er das, dass ständig hin und her gegangen werde, die Schauspieler Dinge aufhöben und wieder hinstellten, in die Ferne sähen, Türen auf- und zumachten – anstatt ihren Text weiterzusprechen oder überhaupt die Handlung weiterzuspielen. Im Grunde, so schloss ich daraus, bevorzugt er also Hörspiele. Und solche mag er tatsächlich schon immer gerne und hört sie regelmäßig.

Die neue Inszenierung von Onkel Wanja an den Münchner Kammerspielen wäre also etwas für ihn, so dachte ich während des gestrigen Abends immer wieder (Regie: Karin Henkel und Johan Simons). Es gab keine Kulissen, keine Ausstattung, keinerlei Requisiten – Kostüme eher generisch (von schlampige Hose, schlampiges Shirt, schlampiges Jackett beim Arzt und Sackkleid mit Gummistiefeln bei der Gutstochter bis zum riesigen Ballkleid an der schönen jungen Frau des Professors). Das Bühnenbild bestand aus einer bühnenfüllenden schwarzen Wand weit vorne, darin eingelassen ein viertelbühnengroßer Raum, zwei Meter tief, darin fand das gesamte Geschehen statt. Handlung wurde gesprochen, aber nicht umgesetzt (Trinken, Essen), die Figuren bewegten sich im Verhältnis zueinander und miteinander, aber außer Gehen, Setzen, Aufstehen, Liegen, angedeutetem Tanzen taten sie nichts.

Nun ist Anton Tschechows Onkel Wanja ohnehin kein Actionstück, es passiert nicht viel, und am Ende ist alles wie am Anfang, als Gutstochter Sonja uns praktischerweise die Lage erklärt, nur noch mehr so. Man lebt halt, hat seine Illusionen als Täuschung erkannt. Das Leben ist per Definition vertan. Ein Schriftband, das über der Bühnenaussparung durchlief, stellte auf Englisch die damit verbundenen Fragen: Von „Why did you get up today?“ und „What are you afraid of?“ über „You?“ und „Why not work?“ bis irgendwas mit „sex“ und „Where are we going?“.

Die Musik dazu sang und spielte eine junge Frau am echten Bühnenrand, die in heutigem schwarzen Glitzer gekleidet war: Sie begleitete ihre schwermütigen (eh klar weil ja) russischen Lieder auf einem Elektrobass. Dasselbe Lied in Endlosschleife über gefühlte halbe Stunden hin, sehr hirnbohrend. Die Weise, die den vierten Akt begleitete, habe ich entsprechend bis jetzt im Kopf (einige Theaterbesucher summten sie beim Verlassen der Kammerspiele im Foyer) – vielleicht weil sie sehr wie „Brother can you spare a dime“ klang, nur halt russisch.

Ein junger Mann, der nach der Aufführung hinter mir an der Garderobe auf seinen Mantel wartete, bemerkte etwas ungehalten zu seiner Begleitung, ob das Theater inzwischen wie der Film Musik brauche, um Stimmungen zu setzen, und die anderen Mittel der Inszenierung sowie das Stück dafür nicht mehr reichten. Nun, für mich ist der Einsatz von Musik im Theater inzwischen gesetzt: Ich kann mich an keine Inszenierung der letzten vier Jahre erinnern, in der sie nicht verwendet wurde. Doch für mich ist sie einfach neben Licht und Kostümen ein weiteres Gestaltungselement.

Feine Schauspieler, aber das versteht sich von selbst. Gespielt wurde ungefähr so plakativ wie die Kostüme, also nicht realistisch, aber das passte zum Gesamtbild. Wiebke Puls ist allein schon in ihrer Größe und Sehnigkeit eine beeindruckende Erscheinung, das korallenrote Ballkleid machte sie zu einem Paradiesvogel wie aus einer Travestieshow, ohne Chance auf leise Töne. Die wiederum bekam und spielte großartig vielschichtig Anna Drexler als Sonja – die nicht etwa zum Ensemble der Kammerspiele gehört, sondern Schauspielschülerin ist und eben den O.E.-Hasse-Preis bekam. Bis ins Slapstickhafte deutlich als gichtiger alter Professor Stephan Bissmeier, am schönsten in den Szenen, in denen er am Guckkastenrand schleimig und mit ungelenken Tanzbewegungen die Musikerin anlächelt. Max Simonischek erinnerte mich als Astrow an Ashton Kutcher in Two and a half men, nur halt in komplett frustriert und Alkoholiker.

Bemerkenswert war das Publikum. Der Raum war knackvoll,1 ging mit den Scherzen im Text sehr mit, und es applaudierte am Ende in einer Frenetik, die ich aus den Kammerspielen bislang nicht kannte – inklusive Bravo-Rufen und rhythmischem Klatschen. Ich hatte die Inszenierung ja eher ein bissl fad gefunden.

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Die Premierenbesprechung vom Montag aus der Süddeutschen Zeitung hatte ich mir extra aufgehoben, um sie erst nachträglich zu lesen: Christine Dössel ist begeistert und möchte „sofort aus dem Theater rausrennen und losleben“. Gabriella Lorenz in der Abendzeitung hingegen ist eher genervt bis ratlos vom „psychologiefreie[n] Typenpanoptikum“.

  1. Gibt es eigentlich ein Naturgesetz, nach dem sich die Sitzreihen immer von außen nach innen füllen? Wenn ich einen eher Außensitz habe, warte ich durchaus bis kurz bis Vorstellungsbeginn mit Hinsetzen; doch zum einen sind die Kammerspiele recht beengt und bieten nicht allen zehn Außensitzern Stehplatz, bis die sechs Innensitzer gekommen sind, zum anderen scheuchen die Platzanweiserinnen das Publikum bereits recht früh rein. []