Theater

Jean Genet, Die Zofen in den Münchner Kammerspielen

Donnerstag, 24. Juli 2014

Dienerschaft ist etwas Eigentümliches. Nur auf den ersten Blick ist in einer ähnlichen Position, wer im Service arbeitet, in der Gastronomie: Zwar werden auch von der Kellnerin Aufmerksamkeit erwartet, Ausrichtung auf das Wohlbefinden und die Wünsche von Gästen. Aber Gäste, daher der Name, gehen wieder.
Eine Dienerin, ein Dienstmädchen, eine Zofe, ist immer auf dieselbe Person ausgerichtet. Sie übernimmt große Teile der Selbständigkeit, sogar der Selbstbestimmung, muss diese Person in vielen Dingen eigentlich wie ein unmündiges Wesen behandeln: Körperpflege, Bekleidung, Ernährung, Mobilität. Doch gleichzeitig ist sie die Untergebene, die Angestellte, Abhängige. Diese Gleichzeitigkeit von Herabschauen und Aufschauen ist eine paradoxe Situation, die immer neu Spannung erzeugt.

In einer Welt1, in der Hierarchien nicht mehr angeboren, gottgegeben, unveränderlich sind, konnte Jean Genet aus dieser Spannung ein abendfüllendes Theaterstück machen, Stefan Pucher hat es für die Münchner Kammerspiele inszeniert, gestern Abend war ich drin (ausverkauftes Haus, die Inszenierung kommt an).

Ich sah drei sensationelle Schauspielerinnen (Brigitte Hobmeier, Annette Paulmann, Wiebke Puls), die alle Facetten dieser aufgezwungenen, verabscheuten, genossenen Unterwürfigkeitsmechanik durchspielten – auf mehreren Ebenen. Die beiden Zofen des Titels spielen in Abwesenheit ihrer “gnädigen Frau” Dienerin und Herrin, malen sich Details der vertauschten Rollen aus. Allerdings auf einen tödlichen Showdown ausgerichtet. Die gnädige Frau selbst gibt sich als überzogene Variation ihrer Rolle, als Karikatur (mit diesem Changieren war Wiebke Puls schon als Blanche beeindruckend).

Das Bühnenbild war der Salon als riesiger Tunnel. Die Zofen wurden zunächst als Stummfilm eingeführt, wie auch im Stück bis zur Unkenntlichkeit geschminkt in einer Mischung aus Clown und Metropolis, die Armseligkeit ihrer Figuren unterstrichen durch Schminke und Perücken in Auflösung. Dadurch hatten die Schauspielerinnen kaum Mimik zur Verfügung, doch Hobmeier und Paulmann holten aus dem Instrument ihrer Stimmen Tonlagen und Färbungen für ein Dutzend Figuren heraus – eben genau so irrlichternd wie die Stellung ihrer Figuren zueinander und zur Herrschaft.

Der ganze Abend drehte sich um dieses Unterwerfen und Aufrichten, um den gegenseitigen Einfluss aufs Fühlen, und immer wieder ließ Genets Text die Figuren sich selbst beim Fühlen zusehen. Es war eine Show mit allen Mitteln: Musik (Christopher Uhe hatte fürs Stück komponiert, alle drei Frauen sangen), Film sowohl aus der Konserve als auch in Echtzeit übertragen (Kameramann/Kamerafrau beim Theater ist mittlerweile ein etablierter Beruf, nehme ich an). Sehr gruslig und sehr stark.

Besprechungen der Inszenierung:
- Nachtkritik
- Spiegel
- Abendzeitung
- Deutschlandfunk
- Münchner Merkur

  1. Oh mein Gott! Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass aus dem running gag der immer gleichen Off-Stimme, die den immer gleichen Textanfang von Filmtrailern spricht, ein eigener Film gemacht wurde! []

Auszeitjournal Mittwoch, 10. April 2013 –
Onkel Wanja als Hörspiel

Donnerstag, 11. April 2013

Der Mitbewohner geht nicht gern ins Theater. Ihn langweile, so erklärt er das, dass ständig hin und her gegangen werde, die Schauspieler Dinge aufhöben und wieder hinstellten, in die Ferne sähen, Türen auf- und zumachten – anstatt ihren Text weiterzusprechen oder überhaupt die Handlung weiterzuspielen. Im Grunde, so schloss ich daraus, bevorzugt er also Hörspiele. Und solche mag er tatsächlich schon immer gerne und hört sie regelmäßig.

Die neue Inszenierung von Onkel Wanja an den Münchner Kammerspielen wäre also etwas für ihn, so dachte ich während des gestrigen Abends immer wieder (Regie: Karin Henkel und Johan Simons). Es gab keine Kulissen, keine Ausstattung, keinerlei Requisiten – Kostüme eher generisch (von schlampige Hose, schlampiges Shirt, schlampiges Jackett beim Arzt und Sackkleid mit Gummistiefeln bei der Gutstochter bis zum riesigen Ballkleid an der schönen jungen Frau des Professors). Das Bühnenbild bestand aus einer bühnenfüllenden schwarzen Wand weit vorne, darin eingelassen ein viertelbühnengroßer Raum, zwei Meter tief, darin fand das gesamte Geschehen statt. Handlung wurde gesprochen, aber nicht umgesetzt (Trinken, Essen), die Figuren bewegten sich im Verhältnis zueinander und miteinander, aber außer Gehen, Setzen, Aufstehen, Liegen, angedeutetem Tanzen taten sie nichts.

Nun ist Anton Tschechows Onkel Wanja ohnehin kein Actionstück, es passiert nicht viel, und am Ende ist alles wie am Anfang, als Gutstochter Sonja uns praktischerweise die Lage erklärt, nur noch mehr so. Man lebt halt, hat seine Illusionen als Täuschung erkannt. Das Leben ist per Definition vertan. Ein Schriftband, das über der Bühnenaussparung durchlief, stellte auf Englisch die damit verbundenen Fragen: Von “Why did you get up today?” und “What are you afraid of?” über “You?” und “Why not work?” bis irgendwas mit “sex” und “Where are we going?”.

Die Musik dazu sang und spielte eine junge Frau am echten Bühnenrand, die in heutigem schwarzen Glitzer gekleidet war: Sie begleitete ihre schwermütigen (eh klar weil ja) russischen Lieder auf einem Elektrobass. Dasselbe Lied in Endlosschleife über gefühlte halbe Stunden hin, sehr hirnbohrend. Die Weise, die den vierten Akt begleitete, habe ich entsprechend bis jetzt im Kopf (einige Theaterbesucher summten sie beim Verlassen der Kammerspiele im Foyer) – vielleicht weil sie sehr wie “Brother can you spare a dime” klang, nur halt russisch.

Ein junger Mann, der nach der Aufführung hinter mir an der Garderobe auf seinen Mantel wartete, bemerkte etwas ungehalten zu seiner Begleitung, ob das Theater inzwischen wie der Film Musik brauche, um Stimmungen zu setzen, und die anderen Mittel der Inszenierung sowie das Stück dafür nicht mehr reichten. Nun, für mich ist der Einsatz von Musik im Theater inzwischen gesetzt: Ich kann mich an keine Inszenierung der letzten vier Jahre erinnern, in der sie nicht verwendet wurde. Doch für mich ist sie einfach neben Licht und Kostümen ein weiteres Gestaltungselement.

Feine Schauspieler, aber das versteht sich von selbst. Gespielt wurde ungefähr so plakativ wie die Kostüme, also nicht realistisch, aber das passte zum Gesamtbild. Wiebke Puls ist allein schon in ihrer Größe und Sehnigkeit eine beeindruckende Erscheinung, das korallenrote Ballkleid machte sie zu einem Paradiesvogel wie aus einer Travestieshow, ohne Chance auf leise Töne. Die wiederum bekam und spielte großartig vielschichtig Anna Drexler als Sonja – die nicht etwa zum Ensemble der Kammerspiele gehört, sondern Schauspielschülerin ist und eben den O.E.-Hasse-Preis bekam. Bis ins Slapstickhafte deutlich als gichtiger alter Professor Stephan Bissmeier, am schönsten in den Szenen, in denen er am Guckkastenrand schleimig und mit ungelenken Tanzbewegungen die Musikerin anlächelt. Max Simonischek erinnerte mich als Astrow an Ashton Kutcher in Two and a half men, nur halt in komplett frustriert und Alkoholiker.

Bemerkenswert war das Publikum. Der Raum war knackvoll,1 ging mit den Scherzen im Text sehr mit, und es applaudierte am Ende in einer Frenetik, die ich aus den Kammerspielen bislang nicht kannte – inklusive Bravo-Rufen und rhythmischem Klatschen. Ich hatte die Inszenierung ja eher ein bissl fad gefunden.

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Die Premierenbesprechung vom Montag aus der Süddeutschen Zeitung hatte ich mir extra aufgehoben, um sie erst nachträglich zu lesen: Christine Dössel ist begeistert und möchte “sofort aus dem Theater rausrennen und losleben”. Gabriella Lorenz in der Abendzeitung hingegen ist eher genervt bis ratlos vom “psychologiefreie[n] Typenpanoptikum”.

  1. Gibt es eigentlich ein Naturgesetz, nach dem sich die Sitzreihen immer von außen nach innen füllen? Wenn ich einen eher Außensitz habe, warte ich durchaus bis kurz bis Vorstellungsbeginn mit Hinsetzen; doch zum einen sind die Kammerspiele recht beengt und bieten nicht allen zehn Außensitzern Stehplatz, bis die sechs Innensitzer gekommen sind, zum anderen scheuchen die Platzanweiserinnen das Publikum bereits recht früh rein. []

Sarah Kane, Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose

Dienstag, 26. März 2013

Wieder Theater, doch diesmal war ich sehr beeindruckt, zu meiner Überraschung. Die drei Dramen Gesäubert, Gier und 4.48 Psychose der Britin Sarah Kane waren mit insgesamt dreieinhalb Stunden angekündigt – das schreckte mich schon mal. Dann sprach die Ankündigung auch noch von einem “dunklen, beunruhigenden Oeuvre (…), in dem Vernichtung und Selbstzerstörung wichtige Themen sind”.

Doch das Ergebnis war ein berührendes Erlebnis mit ungewöhnlichen Einblicken. Das unendliche Leid psychischer Erkrankung aus einer reflektierten Innensicht ergab eine Mischung aus Anklage von traumatisierenden Verbrechen, verzweifelter Suche nach Heilung, den Abgründen der Hoffnungslosigkeit, dem Erkennen von Zusammenhängen, der Hilflosigkeit eigenen Sehnsüchten und Gefühlen gegenüber, dem, was menschliche Begegnungen auslösen können, noch mehr Hoffnungslosigkeit. Und daneben so etwas wie Alltag. Doch statt aus diesem Abend niedergeschmettert heimzugehen, überwogen Dynamik und Klarheit – die Sinnlosigkeit des Lebens kann etwas Heiteres haben.

Inszeniert hatte Kammerspiel-Intendant Johan Simons – dem ich misstraue, seit er dieses Stück als Klamauk auf die Bühne stellte. Dass Simons sich in diesem Interview auf die Regieanweisungen Kanes bezieht, überraschte mich: Ich hatte aus den Inszenierungen der vergangenen Jahre geschlossen, dass Regisseure und Dramaturgen den Regieanweisungen etwa so viel Bedeutung beimessen wie Münchner Radler der Straßenverkehrsordnung. Doch auch im Theater bleibe ich Rezeptionsästhetikerin: Ausschlaggebend ist nicht, was mir die Inszenierer Damit Sagen Wollen, sondern was bei mir ankommt.

Das erste Stück, Gesäubert, überforderte mich noch ziemlich. Eine Gruppe Menschen in einer freiwilligen Internierungssituation mit Aufseherin/Ärztin, es geht um Sucht, Zerbrochenheit, Wahnvorstellungen – meine Wahrnehmung konnte nur sehr langsam und sehr angestrengt aus den Fragmenten Zusammenhänge herstellen. Anders in Gier: Vier Personen tragen einen sehr dichten Text mit Selbstbeschreibungen und Interaktionen vor, die im Jetzt stattfinden, dann wieder die Vergangenheit beleuchten. Lebensentwürfe, Sehnsüchte, schwere seelische Erkrankungen, die jeden menschlichen Austausch unmöglich machen – all das schälte sich schnell aus dem hohen Tempo des Austauschs heraus. Sensationell war in diesem ohnehin hervorragenden Quartett die Schauspielerin Sandra Hüller: Sie schauspielte in genau diesem atemberaubendenden Tempo, wechselte die Charaktere/Rollen/Stimmungen jedesmal in einer fast erschreckenden Tiefe.

Nach der Pause saß ein Streichquartett mit Klavier auf der Bühne. Es untermalte 4.48 Psychose, den Abschiedsmonolog einer tödlich Depressiven. Alle Rettungsversuche nochmal zusammengefasst, das langsame Aufgeben der Aussicht auf Rettung, ein Aufbäumen bereits in den Tod hinein – Thomas Schmauser und Sandra Hüller spielten ein prämortales Requiem.

Der Zuschauerraum war nicht mal halb voll; ich danke bei dieser Gelegenheit allen Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen, dass sie die Subventionen für das deutsche Theatersystem ermöglichen und mir damit für den Preis nur zweier Kinokarten dieses Erlebnis. Soweit ich sah, kamen alle Zuschauer aus der Pause zurück – ich war wohl nicht als einzige sehr angetan.

Die Übersetzung aus dem Englischen (verschiedene Übersetzer je Einzelstück – sie stehen im Programmheft, das ich nicht habe) riss mich nur einmal ziemlich am Anfang von Gesäubert heraus: Ein Charakter steckt dem anderen einen Ring an den Finger, dieser fragt ihn, was das bedeuten soll. “Engagiert!”, antwortet der. Wie bitte?

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Ich glaube es war Benjamin Henrichs, der vor Jahren in der Süddeutschen Zeitung bedauerte, dass Theater in Blogs praktisch nicht stattfindet. Er hatte recht, doch das war mir bis dahin gar nicht aufgefallen. Und es hat sich seither nicht geändert. Woran mag das liegen? Der Anteil an Theaterbesucherinnen unter der Gesamtbevölkerung ist ohnehin sehr gering – repräsentiert der Anteil unter Bloggerinnen einfach diesen Prozentsatz? Unter den paar hundert Blogs, die ich verfolge, lese ich bei Frau Modeste regelmäßig über Theaterabende, dann taucht das Thema noch bei Frau kittykoma auf. Dass wir keine Fachleute sind, bremst uns doch bei anderen Themen auch nicht, unsere individuelle subjektive Sicht darzulegen – die, wie so vieles Geblogtes, in den klassischen Medien nicht vorkommt. Gehen Blogger und Bloggerinnen nicht ins Theater?

Theatergehen für Fortgeschrittene

Donnerstag, 21. März 2013

Jahrelang war ich darauf hereingefallen. Hatte einen Schauspieler aus dem Kammerspiel-Ensemble im Zuschauerraum gesehen und gedacht: “Ach guck, schaut sich an, was die Kolleginnen so machen.” Um im Lauf des Stücks festzustellen, dass er in Wirklichkeit mitspielte, seinen Auftritt halt vom Zuschauerraum aus hatte.

Gestern war es damit vorbei. Ich sah Stefan Merki (hatte ich unter anderem in Fein sein, beinander bleibn erlebt) drei Reihen vor mir Platz nehmen, in einem 50er Ski-Anorak, und dachte: “Ha! Diesmal falle ich nicht rein. HA!” Doch er spielte nicht mit und sah sich wohl wirklich einfach nur das Stück an. Ich muss noch viel lernen.

Gegeben wurde der jährliche Pollesch, diesmal Eure ganz großen Themen sind weg! Inszeniert, wie gewohnt, vom Autor René Pollesch selbst. Möglicherweise haben seine Stücke ja Trainingsfunktion: Die Schauspieler und Schauspielerinnen müssen ein enormes Textpensum schaffen, meist in maschinengewehrartiger Geschwindigkeit vorgetragen, inhaltlich auch noch nahezu sinnfrei und deshalb schwer zu merken. Gestern stellten sie den Souffleur gleich in Kostüm mit auf die Bühne, meist in die Nähe der Textsalven feuernden Schauspielergruppe. Die Wörter “Liebe”, “Leben”, “Themen”, “nehmen”, “Mehrwert”, “Gebrauchswert” tauchten auffallend häufig in den Sprachschleifen auf. (Zum ersten Mal in einem Theaterstück gehört: “Narrationen”.)

Menschliche Nähe oder nicht, Liebe, Leben – Pollesch kreiste wieder um alles, was Douglas Adams mit “42″ beantworten lässt (ja aber sicher tauchte die Zahl unter den Unmengen popkultureller Anspielungen auf). Die Schauspieler und Schauspielerinnen turnten in wechselnden Kostümen aus 100 Jahren Filmgeschichte über die Bühne und einen riesigen begehbaren, drehbaren Holzschädel (die Rezensentin der Münchner tz brachte mich drauf, woran mich der Schädel erinnerte: Damien Hirst). Alles ganz possierlich, das Wegnicken des Publikums wurde durch regelmäßige Einspielung von Musik in trommelfell-gefährdender Lautstärke verhindert.

Aber! Katja Bürkle. Zu schauspielern hatte sie im eigentlichen Sinn nichts, es standen ja keine Personen oder Charaktere auf der Bühne, sondern – ja was? Polleschtextaufsager? Doch diese kleine, drahtige Faust von einer Person sehe ich immer gerne.

Das Stück fasst am besten der Autor selbst zusammen:

Die ganz großen Themen im Theater, wie ‘Gier’, bekommen es jetzt mit der Universalisierung der ganz kleinen, wie ‘Kreativität’, zu tun. Es gibt keine großen Themen mehr, wir können die kleinen aber wichtig und ewig machen, wenn wir sie nur lange genug hochhalten und gen Himmel sagen.

Ach.

Theater: Gift. Eine Ehegeschichte.

Donnerstag, 15. November 2012

Auf diesen Theaterabend in den Kammerspielen hatte ich mich gefreut, allein weil Elsie de Brauw eine der beiden Hauptrollen spielte, die mich in Angst so umgehauen hatte: Gift. Eine Ehegeschichte Doch dann wurde es das erste Mal, dass ich eine Pause nicht vermisste, weil ich darin lustwandeln hätte können, sondern weil ich darin gerne gegangen wäre.

Zwei geschiedene Eheleute treffen sich nach zehn Jahren zum erstem Mal wieder, weil ihr gemeinsamer, vor der Trennung gestorbener Sohn, umgebettet werden soll.
Es ist mir ein Rätsel, warum Intendant Johan Simons solch ein Stück als fast konsequenten Klamauk inszeniert.

Elsie kommt fuchtelnd, stolpernd, rudernd auf die Bühne, grimassiert das ganze Stück hindurch grotesk, zappelt und hüpft herum.
Steven van Watermeulen als ihr Ex-Mann spricht seinen Text immer wieder leiernd entfremdet und gekünstelt überschlagend.

Das Bühnenbild ermöglicht viel Bewegung, die beiden wechseln ständig ihre Plätze – jajaja, damit können Unruhe, die Haltung der Figuren zueinander dargestellt werden. Was eigentlich alles bereits im Text steckt, der auskomponiert ist wie ein Barockkonzert. Die Türen zum Foyer blieben in den ersten zwei Dritteln offen, dadurch liefen die Figuren auch mal hinaus und sprechend durchs Foyer. Tatsächlich originell, von mir aus Punkte in der B-Note.

An drei Stellen singt Steve Dugardin (laut SZ Lieder von Dowland). Countertenöre mit ihrem druckvoll hohen Gesang sind wohl wirklich nichts für mich: Da konnte ich versuchen, konzentriert zuzuhören, meine Zehennägel rollten sich trotzdem auf.

Das Stück selbst war vermutlich sogar ganz gut. Der Text war realistisch angelegt, mit vielen “Hm”s und Hasplern sogar hyperrealistisch. Er bestand hauptsächlich aus stereotypem Pärchengezicke (“Was ist denn?” “Ach nichts.” “Aber du hast doch was.” / “So hab’ ich’s nicht gemeint.” “Warum hast du’s dann so gesagt.” – Symbolausschnitte), dessen ich schon beim wirklichen Hören sehr, sehr überdrüssig bin. Ich weiß um die typische Paar- und Konfliktdynamik, die das Stück abbildet. Doch muss ich gestehen, dass sie bei mir immer, on- und offstage, heftigstes Augenrollen hervorruft.

Als ich schon hoffte, das Stück sei aus, begann das letzte Drittel, in dem die beiden sich dann tatsächlich unterhalten. Das fand ich inhaltsreich und interessant.

Mit meinem Missmut scheine ich allerdings recht allein zu stehen. Der Zuschauerraum war auch über ein Jahr nach der Premiere voll, was auf gute Rezensionen und positive Mundpropaganda deutet. Und der Applaus stürmte, inklusive Bravo-Rufen. Was habe ich übersehen?

Auszeitjournal Mittwoch, 17. Oktober 2012 – Filmchen und Ringel

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Nur eine Stunde Morgensport (Intervalltraining), weil mein Kreislauf wackelte.

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Es ist da! Das Buch von Johnny und Tanja über das Internet und Kinder (ein bisschen habe ich die Entstehung mitbekommen). Und egal, was dabei rausgekommen ist – der Trailer ist schon mal super. Ausrufezeichen.

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Zeit für Ringelstrumpfhosen (dazu endlich die Winterkleidung aus dem Keller geholt, die Sommerkleidung dorthin verräumt). Die zivile Version für die Einkaufsrunde (Sonne bei gemessenen 18 Grad, ich trug meinen Janker bald unterm Arm).

Und in fein fürs Theater.

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Oh mein Gott! Es gibt da draußen Werbe- und Marketingleute mit Humor!
Wir haben uns wohl schon alle über die blaue Testflüssigkeit lustig gemacht, mit der Menstruationshilfsmittel in der Werbung vorgeführt werden. (Bis heute bin ich irritiert über die Pistenbegrenzungen bei Skirennen, die mit derselben Flüssigkeit in Schnee gegossen zu sein scheinen.) Und über all die fröhlichen, menstruierenden Frauen in der Werbung. Die britische Firma Bodyform hat jetzt mit einem Filmchen auf die Vorwürfe eines konkreten Facebook-Kritikers reagiert und gibt zu: Ja, wir haben gelogen.

Mehr Hintergrund beim New Statesman.

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Apfelbutterkuchen mit Puddingpfützen nach Petras Rezept gebacken. Dafür die Boskopäpfel aus der Heimat verwendet, und damit sie alle wegkamen, 50 Prozent mehr als angegeben.

Der Kuchen schmeckte umwerfend, ein neuer Lieblingsapfelkuchen. Aber beim nächsten Mal nehme ich nur die angegebene Apfelmenge, er schwamm ein wenig.

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Abends im Werkraum der Kammerspiele Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz angesehen. Obwohl das Stück über den Feierabend einer einfachen Verkäuferin mittleren Alters in Echtzeit ohne Worte auskommt, erinnerte es mich immer wieder an der Film Die Wand: Die Einsamkeit, die vorgeschobene Geschäftigkeit, dass der Schauplatz eine abgeschlossene Kammer war, durch deren beiden Glaswände wir Zuschauer die Protagonistin beobachteten (Annette Paulmann sehr anrührend – und so authentisch, dass ich mich paradoxerweise fragte: “DIE ist Theaterschauspielerin?”).

Wieder war ich völlig unvorbereitet ins Theater gegangen, wusste nichts außer Titel, Autor, Spieldauer. Hat sich bislang für mich immer als nützlich erwiesen, weil ich mich so mit möglichst wenigen Filtern be-eindrucken lassen konnte. Zu den nachträglich recherchierten Informationen hole ich diese Eindrücke dann wieder hervor.

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Tagsüber fast 20 Grad, nachts mildeste Maienlüfte. Ich radelte vom Theater barhändig heim, und unterm alten Rathaus spielte ein Akkordeonist “Por una cabeza” – schön und eigenartig.

Weltkulturerbe Well

Donnerstag, 7. Juni 2012

Dieses Jahr stand mein Kammerspiel-Abo unter keinem günstigen Stern: Die Abende der Aufführungen folgten allesamt Tagen, nach denen mir überhaupt nicht der Sinn nach Theater stand. Der gestrige sah zunächst nach einem weiteren solchen aus: Am Abend zuvor war ich erst spät ins Bett gekommen, hatte am Morgen vor der Arbeit einen Zahnarzttermin (nichts Schlimmes, nur mal wieder professionelle Reinigung), wollte nach der Arbeit in die Muckibude und dann noch für den heutigen Feiertag einkaufen. Doch dann gab der Mitbewohner einen Anruf der Kammerspiele weiter: Die Vorstellung müsse abgesagt werden. Statt dreier Kurzstücke von Sarah Kane („Folge eines dunklen, beunruhigenden Oeuvres (…), in dem Vernichtung und Selbstzerstörung wichtige Themen sind“) werde es einen Hausmusikabend mit den Geschwistern Well geben. Schlagartig sah der ganze Tag anders aus.

Die drei Well-Brüder, die bis vor Kurzem die Biermösl Blosn bildeten, gehören eng zu meinem Erwachsenwerden. Auf Chortourneen sangen wir einander im Bus ihre Lieder vor, (mir fällt als erstes „Annamirl“ ein, das eine Mitsopranistin aufs Bewegendste zum Vortrage zu bringen wusste – ob jemand zuhören wollte oder nicht), „Gott mit dir, du Land der BayWa“ lässt sich ja auch schnell auswendig lernen. Niemand sonst hat der Teenager-Kaltmamsell so früh begreiflich gemacht, dass Politik etwas mit ihr zu tun hat und nicht nur mit Parlamentariern in Bonn.

Von dieser Well-Show in den Kammerspielen hatte ich vor Monaten gelesen: „Fein sein, beinander bleibn“ – sechs Geschwister der Well-Familie schenken sich zum fast 50-jährigen Bühnenjubiläum einen gemeinsamen Auftritt, oder, wie sie selbst es bezeichnen, eine „Familienaufstellung auf volksmusikalischer Basis”. Das wollte ich unbedingt sehen.

Also nahm ich sogar in Kauf, dass ich auf dem Heimweg zweimal eingeregnet wurde, vom schwer bepackten Radeln zudem durchschwitzt war, mich also eigens fürs Theater duschen und umziehen musste. Aber der Abend war es sowas von wert. Auf dem nächtlichen Heimweg fragte ich mich, ob man eigentlich auch Familien zum UNESCO Weltkulturerbe ernennen kann – die Well-Familie wäre ein Kandidat.

Der Blick aus dem leider spärlich besetzten Zuschauerraum (klar, wer schwenkt schon so kurzfristig um) auf die Bühne war zunächst der oben auf dem Foto. Das Zählen der Instrumente gab ich bei 40 auf. Dabei setzten die drei Well-Frauen (Bärbi, Burgi Moni – als die Wellküren schon seit Jahren im Musikgeschäft) und drei Well-Männer (Stofferl und Michael kannte ich von der Biermösl Blosn, Klausi hatte ich noch nie gesehen) noch erheblich mehr Instrumente ein, als anfangs zu sehen waren. (Ich lernte sogar ein Instrument neu kennen: Die Nonnentrompete, hier im Einsatz bei den Wellküren.)

Die Rahmengeschichte (Regie Franz Wittenbrink) ist eine Probe für die nächsten Auftritte. Abwechselnd erzählen die Geschwister von diesen geplanten Auftritten (zum Beispiel zur im August anstehenden Hochzeit von Lafontaine und Wagenknecht in der Wieskirche, es traut der Münchner Erzbischof Marx) und geraten sich auf die verschiedenste Art und Weise in die Haare (ein Vorfall mit einem Schürhakl in der Küche, an dem mindestens die beiden Jüngsten Moni und Stofferl beteiligt waren, damals anderthalb und drei Jahre alt, spielt eine Schlüsselrolle).

Zweieinhalb Stunden spielten die sechs quer durch alle Musikrichtungen, die sich mit vier Dutzend Instrumenten und sensationeller Musikalität wiedergeben lassen (ja, Anke, Wagner war auch dabei) – mittlerweile nehme ich an, dass der Stofferl jedes Instrument, das es überhaupt auf der Welt gibt, konzertreif spielt. Wobei „die sechs“ nicht korrekt gezählt ist: Hinten links auf der Bühne thronte über dem allen „d‘ Mutti“ in einem riesigen Ohrensessel, die schöne, kleingebeugte weißhaarige und mittlerweile 92-jährige Mutter der 15 (fünfzehn) Well-Kinder. Sie wurde nicht nur in die Dialoge eingebunden, sondern hatte auch den einen oder anderen Zither-Part.

Ich bekam unter anderem zu hören:
- ein böse gerocktes „Da Teifi soi di hoin!“ der drei Schwestern (Melodie passte zu Klausis T-Shirt „Highway to Well“ – die dürfen das), bei dem Moni ihr Hackbrett fast in Stücke drosch
- klassischen Dreigsang
- einen schottischen Marsch (Stofferl am Dudelsack) mit Clog-Schuhplattl-Crossover-Tanz
- Rennaisance-Musik mit Harfe und Drehleier
- einen fröhlichen Schunkel-Beitrag für die Fernsehsendung „Zuchtperlen der Volksmusik“ mit dem Titel „Wer nimmt d’ Oma, die liegt im Koma“
- Schnaderhüpfl
- einen Rap für einen anständigen Milchpreis („Fourty Cent! Fourty Cent! Oder dei Audi brennt!“) – für den der rappende Stofferl eine Wollmütze aufsetzte und seine kurze Lederhose auf unter Hüfthöhe runterzog
- diverse Jodler, wobei der Andachtsjodler darin endete, dass sich drei Alphörner aus der Bühne nach oben schoben. Die die drei Brüder, um darauf spielen zu können, ins Publikum schoben – irgendwer wird die Enden schon festhalten, Michael gab mit einer Geste den Tipp, dieses auf die Schulter zu legen.
- ein Alphorn-Medley, das in „We will rock you“ kulminierte
- den Bolero von Ravel, auf den sich, wie ich jetzt weiß, hervorragend schuhplatteln lässt

So ein Spaß! Und wenn jeder singen und unzählige Instrumente spielen kann, sind auch drei bis vier Zugaben kein Problem – das Familienrepertoire muss unerschöpflich sein.

Was mir wieder auffiel: Das Bayrisch der Wells ist nicht ganz meines, also kein reines Oberbayrisch. So sprechen sie das Wort Eltern nicht wie ich „Eytern“ aus, sondern „Oitern“, auf der Annamirl-Aufnahme ist außerdem ein deutliches „woascht“ statt meinem oberbayrischen „woaßt“ zu hören. Ich nehme an, das ist so weit südwestlich bereits der Einfluss des Allgäus.

So oder so: Falls sie die Show noch irgendwie erwischen (zweieinhalb Stunden durchgehendes Bayrisch! Wo gibt es das sonst in München?), schauen Sie sich die an. Anfangen könnten Sie mit der Fotogalerie auf der Kammerspiele-Website und der Fotogalerie bei den Wellküren.

Den Rapp von Little Milli gibt’s sogar beim YouTube: