{"id":1002,"date":"2005-09-02T11:58:41","date_gmt":"2005-09-02T09:58:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1002"},"modified":"2006-01-29T09:42:36","modified_gmt":"2006-01-29T08:42:36","slug":"auf-dem-weg-in-die-arbeit-26-fremdschamen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/09\/auf-dem-weg-in-die-arbeit-26-fremdschamen.htm","title":{"rendered":"Auf meinem Weg in die Arbeit (26): Fremdsch\u00e4men"},"content":{"rendered":"<p>Das ist dann halt meine englische Seite: die tiefe Abneigung gegen jede Art von <i>making a fuss<\/i>. Zwar ist meine gegenspielende deutsche Seite stark genug, mich bei h\u00f6chster Ungehaltenheit zu wortlosem Schnauben und scharfem Tonfall zu bringen, doch insgesamt setze ich viel daran, <i>fuss<\/i> zu vermeiden, auch bei Mitmenschen.<\/p>\n<p>Die Kehrseite: Es ist mir \u00fcber Geb\u00fchr unangenehm und peinlich, wenn sich jemand anderer in meiner Gegenwart zu <i>making a fuss<\/i> hinrei\u00dfen l\u00e4sst. Wie zum Beispiel heute Morgen im Zug.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df im ICE an einem Vierertisch, mir schr\u00e4g gegen\u00fcber schlief ein sehr dunkelh\u00e4utiger, j\u00fcngerer Herr, die dunkelblau besockten F\u00fc\u00dfe auf dem Sitz ihm gegen\u00fcber, eine blaue Baseballm\u00fctze tief \u00fcber die Augen gezogen, die Arme verschr\u00e4nkt. Zur Fahrkartenkontrolle weckte ihn die Schaffnerin und wartete, bis er zahreiche Beutel und Hosentaschen nach seiner Fahrkarte durchw\u00fchlt hatte. Sie knipste die Karte ab und bat darum, auch die Bahncard zu sehen. Nach einem Blick darauf bat sie zus\u00e4tzlich um den Personalausweis des Herrn.<br \/>\nUnd da ging der <i>fuss<\/i> los. \u201eWieso? Was willst du?\u201c, blaffte der Herr mit starkem Akzent. Die Schaffnerin erkl\u00e4rte, dass er laut Bahncard 85 Jahre alt sein m\u00fcsste, auf der Karte zudem das Foto fehle, und sie deshalb die Bahncard mit einem anderen Ausweis abgleichen wolle. F\u00fchrerschein sei auch in Ordnung. (Sp\u00e4testens an diesem Punkt w\u00e4re ich sehr gern sehr weit weg gewesen.) Unter halblautem Blaffen zog der Herr seinen F\u00fchrerschein heraus und warf ihn auf den Tisch. Die Schaffnerin verglich und sagte: \u201eDa steht ein anderer Vorname.\u201c Dann ging sie weg, der Herr steckte seine Karten ein.<\/p>\n<p>Einen kurzen Moment lang hoffte ich, die Schaffnerin h\u00e4tte einfach auch keine Lust auf <i>fuss<\/i> und w\u00fcrde die Sache \u00fcbergehen. Vergebens, denn sie kam umgehend wieder, begleitet von der Zugchefin. Diese bat ebenfalls um die Bahncard und den Ausweis. Unter lautem Protest in gebrochenem Deutsch (haupts\u00e4chlich \u201eWas willst du?\u201c und \u201eIch habe!\u201c) schleuderte der Herr sie auf den Tisch. Auch die Zugchefin machte klar, dass viel zu hohes Alter und Unterschiede im Namen belegten, dass die Bahncard nicht seine sei. Mir war das Ganze furchtbar unangenehm, ich begann schon mal, meine Zeitung einzupacken. Die Zugchefin wies ihre Kollegin an, sich von dem Herrn die Bahncard-Erm\u00e4\u00dfigung nachzahlen zu lassen und die Bahncard zur Pr\u00fcfung einzuschicken. Jetzt wurde es richtig laut, der Herr fuchtelte und protestierte in deutschen Brocken \u2013 viel mehr <i>making a fuss<\/i> geht eigentlich nicht. Aber mehr musste ich mir auch nicht antun: Der Zug rollte schon auf meinen Zielbahnhof zu, ich nahm meine Tasche und verlie\u00df den Wagen. Die Verkrampfung meiner Nackenmuskulatur l\u00f6ste sich erst Stunden sp\u00e4ter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist dann halt meine englische Seite: die tiefe Abneigung gegen jede Art von making a fuss. Zwar ist meine gegenspielende deutsche Seite stark genug, mich bei h\u00f6chster Ungehaltenheit zu wortlosem Schnauben und scharfem Tonfall zu bringen, doch insgesamt setze ich viel daran, fuss zu vermeiden, auch bei Mitmenschen. 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