{"id":100704,"date":"2024-08-21T06:37:42","date_gmt":"2024-08-21T04:37:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=100704"},"modified":"2024-08-21T12:43:37","modified_gmt":"2024-08-21T10:43:37","slug":"journal-dienstag-20-august-2024-entsaettigter-august","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/08\/journal-dienstag-20-august-2024-entsaettigter-august.htm","title":{"rendered":"Journal Dienstag, 20. August 2024 &#8211; Ents\u00e4ttigter August"},"content":{"rendered":"<p>Eine gute Nacht, ich erwachte zu fortdauernder grauer D\u00fcsternis drau\u00dfen, es war k\u00fchl. F\u00fcr den weiteren Verlauf des Tages waren aber bis zu 24 Grad W\u00e4rme angek\u00fcndigt, zu langen Hosenbeinen und \u00c4rmeln schl\u00fcpfte ich in Sandalen. Das sollte sich als Fehleinsch\u00e4tzung erweisen.<\/p>\n<p>Emsiger Arbeitsvormittag, zu meinen Jobs geh\u00f6rte gestern auch Statistentum f\u00fcr ein Drohnen-Filmchen. Und es war kalt, im B\u00fcro brauchte ich eine Strickjacke.<\/p>\n<p>Mittagscappuccino im Westend, Marsch dorthin in Jeansjacke. Mittagessen sp\u00e4ter am Schreibtisch: H\u00fcttenk\u00e4se und Joghurt mit frischen Feigen. (Jemanden gl\u00fccklich gemacht, die bis zum meinem Anblick beim Feigen-Schnippeln nicht wusste, dass man die nicht sch\u00e4len muss.)<\/p>\n<p>Nachmittag Kopfweh-erzeugend anstrengend. Richtung Feierabend war ich mal wieder so erledigt, dass ich mich schier nicht zum Heimgehen aufraffen konnte.<\/p>\n<p>Unter immer noch d\u00fcsterem Himmel, der alle Farben ents\u00e4ttigte, und in Jacke marschierte ich in die Innenstadt, erfolglose Suche im Kaufhaus nach einer bestimmten Unterhosenfarbe, zum Ausgleich kaufte ich beim Eataly Pfirsiche.<\/p>\n<p>Nach dem Heimkommen knackige Yoga-Gymnastik. Erst gegen Ende der Einheit klarte endlich wie versprochen der Himmel auf, die Sonne kam raus &#8211; ZACK! Farben wieder zugeschaltet.<\/p>\n<p>Nachtmahl von Herrn Kaltmamsell:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240820_02_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/240820_02_Nachtmahl.jpg\" alt=\"Wei\u00dfer Teller mit unten beschriebenem, rechts daneben Besteck\" width=\"403\" height=\"302\" class=\"alignnone size-full wp-image-100713\" \/><\/a><\/p>\n<p>Linsen (!) mit gebratenen roten Spitzpaprika und Salbei. Nachtisch Schokolade.<br \/>\nIntensive Sehnsucht nach der Fast-forward-Taste.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Das <i>SZ-Magazin<\/i> von vergangenem Freitag enthielt gleich zwei Artikel, die mir immer noch nachgehen:<\/p>\n<p>1. Historikerin Hedwig Richter forscht zum Bild der Hausfrau in der westlichen Gesellschaft, seine Entstehung und Entwicklung vor allem in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (\u20ac):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/leben-und-gesellschaft\/hausfrau-modell-ehe-mann-frau-leben-kinder-94192?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Hausfrauen wurden schon immer attackiert und verachtet'&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Vieles war mir bekannt, doch im Interview stellt Prof. Richter auch interessante Verbindungen her:<\/p>\n<blockquote><p>Nach dem Zweiten Weltkrieg wollen die Menschen in den westlichen L\u00e4ndern in Demokratien leben, auch die Menschen in der Bundesrepublik. Und das demokratische Prinzip, das gleiche Rechte f\u00fcr alle verspricht, erfordert auch innerhalb der Familien neue Narrative von Gleichheit. Da passt das Hausfrauenmodell perfekt in die Zeit.<\/p>\n<p><strong>Aber die Hausfrauenehe ist doch der Inbegriff von Ungleichheit.<\/strong><br \/>\nDas sehen wir heute so. Aber damals, zu \u00adeiner Zeit, in der es immer weniger Dienstm\u00e4dchen gibt, steht das Hausfrauenmodell auch f\u00fcr ein Gef\u00fchl von Egalit\u00e4t: Jetzt putzen nicht mehr nur die Arbeiterinnen selbst, jetzt putzen alle Frauen, sogar die wohlhabende Arztgattin ihren sch\u00f6nen Bungalow. Das Hausfrauenmodell verbindet scheinbar die alten Geschlechterrollen mit den \u00addemokratischen Gleichheitsanspr\u00fcchen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>Seinerzeit geht es darum, die Kriegswirtschaft auf Friedenswirtschaft umzustellen, dabei spielt die Hausfrau eine zentrale Rolle. Die Idee ist: Eine gute Frau ist eine gute Demokratin, und eine gute Demokratin ist eine gute Hausfrau und demnach auch eine gute Konsumentin. Musste die deutsche Hausfrau in den Nachkriegsjahren aus dem Nichts ein Essen zaubern und Haare als N\u00e4hgarn nutzen, sollte sie nun vor allem gut konsumieren. Sie kauft viel, sie kauft national, bringt so die Wirtschaft zum Laufen und sorgt f\u00fcr Arbeitskr\u00e4fte. Au\u00dferdem ist die Hausfrau ein verbindendes Band f\u00fcr den Westen: Die freie Frau ist eine Westfrau \u2013 im Gegensatz zu der vermeintlich unfreien Frau im sogenannten Ostblock, die arbeiten muss. Und als freie B\u00fcrgerin hat sie die Macht zu w\u00e4hlen, welche Produkte sie kauft. W\u00e4hrend die arme Sozialistin keine Wahl hat. So wird die Hausfrau in den westlichen Demokratien konkret mit dem Kapitalismus verbunden.<\/p>\n<p><strong>Aber ist das nicht nur Ideologie?<\/strong><br \/>\nNein, so viel konsumieren zu k\u00f6nnen, ist f\u00fcr die Menschen nach dem Krieg wirklich eine Befreiung. Es bedeutet, ein Leben in W\u00fcrde f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Aber mit dem Wirtschaftswunder beginnt die sogenannte Fresswelle. Damals nimmt der zerst\u00f6rerische Konsum seinen Anfang, den wir heute als normal empfinden. An diesem hat auch die Hausfrau ihren\u00ad Anteil, indem sie alles, was daran schlecht ist, mit ihrem idyllischen Glanz \u00fcberdeckt.<\/p><\/blockquote>\n<p>2. Der andere Artikel ist ebenfalls ein Interview, n\u00e4mlich mit dem Schriftsteller Reinhard Kaiser-M\u00fchlecker (<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/04\/journal-dienstag-16-april-2024-reinhard-kaiser-muehlecker-wilderer-sehr-kein-heimatroman.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">seinen Roman <i>Wilderer<\/i> habe ich hier besprochen<\/a>):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/literatur\/reinhard-kaiser-muehlecker-interview-bauernproteste-94191?reduced=true\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Landwirtschaft hei\u00dft, die Welt retten, Schreiben, sich selbst retten'&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Tobias Haberl besucht Kaiser-M\u00fchlecker auf seinem Hof, nat\u00fcrlich geht es auch viel um Landwirtschaft, mal wieder mit dem Schwerpunkt, dass die meisten Nicht-Landwirt*innen zu wenig dar\u00fcber wissen. Was mich auf die Frage brachte, warum von den Menschen in der Landwirtschaft nicht viel mehr gefordert wird, ihr Fachgebiet zu kommunizieren. Ich dachte an Wissenschaftler*innen, von denen seit Jahrzehnten in immer neuen Abwandlungen gefordert wird, sie m\u00fcssten ihre Forschung der Allgemeinheit erkl\u00e4ren und nahebringen, praktisch jede Regierung gr\u00fcndet wieder eine Organisation oder Struktur, die das unterst\u00fctzt und anschiebt. Begr\u00fcndet wird das meist damit, dass schlie\u00dflich eine Menge Steuergelder in die Wissenschaft flie\u00dfen, die Steuerzahler also auch Anspruch haben zu erfahren, was genau damit passiert. Auch die Landwirtschaft w\u00e4re ohne Subventionen durch Steuergelder nicht m\u00f6glich: Statt B\u00fcrger*innen und Politik mit Traktoren zu bedr\u00e4ngen und zu drangsalieren, sollten Landwirt*innen dazu gebracht werden, auf Social Media von ihrem Alltag zu berichten (ein paar wenige tun das ja), in YouTube-Videos Maisanbau erkl\u00e4ren, als Experten in Talk Shows die Auswirkungen von Vorschriften f\u00fcr Milchvieh-St\u00e4lle darlegen. Daf\u00fcr b\u00f6ten die Bauernverb\u00e4nde Medienschulungen und Kommunikationstrainings an. Nur so als Idee. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/f8b4ec30e1ef467b9da65fabdfab6664\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gute Nacht, ich erwachte zu fortdauernder grauer D\u00fcsternis drau\u00dfen, es war k\u00fchl. 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