{"id":103297,"date":"2024-11-15T06:17:52","date_gmt":"2024-11-15T05:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=103297"},"modified":"2024-11-15T14:18:32","modified_gmt":"2024-11-15T13:18:32","slug":"journal-donnerstag-14-november-2024-sonne-und-ian-mcewan-nutshell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2024\/11\/journal-donnerstag-14-november-2024-sonne-und-ian-mcewan-nutshell.htm","title":{"rendered":"Journal Donnerstag, 14. November 2024 &#8211; SONNE! und Ian McEwan, <i>Nutshell<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Die Sensation des Tages: Sonne! Stundenlang!<\/p>\n<p>Gut geschlafen, zu nassem und kaltem Nebel aufgestanden.<\/p>\n<p>Im B\u00fcro zackiges Arbeiten an meinem Bauchdr\u00fcck-Projekt, das sich allerdings so geordnet entwickelt, dass ich sogar nachts ohne Angstkreisel daran denken kann.<\/p>\n<p>Am Vormittag erst Ahnung von Blau hinter den Wolken, dann echter Sonnenschein. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/241114_02_Bueroblick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/241114_02_Bueroblick.jpg\" alt=\"Modernes B\u00fcrogeb\u00e4ude in strahlendem Sonnenschein vor wolkenlosem, knallblauem Himmel\" width=\"419\" height=\"460\" class=\"alignnone size-full wp-image-103317\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zu meinem Mittagscappuccino bei Nachbars und zu Eink\u00e4ufen am Markt (\u00c4pfel, K\u00e4se) spazierte ich in Sonnenschein, legte gleichmal einen Umweg ein, um mehr vom Licht zu haben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4teres Mittagessen: N\u00fcsse, Apfel, Sahnequark.<\/p>\n<p>Ab zwei zog der Himmel langsam wieder zu, aber die Stunden mit Sonne waren SO sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Nach gen\u00fcgend Emsigkeit Feierabend. Ich marschierte in sch\u00f6ner Luft zu Erledigungen: Brot f\u00fcrs Abendessen, Bargeld bei der Bank, Tee-Nachschub im Bremer Teekontor unterm Stachus.<\/p>\n<p>Zu Hause eine ausf\u00fchrliche Runde Pilates, anstrengend.<\/p>\n<p>Zum Nachtmahl gab es: Confiertes G\u00e4nsebein (Herr Kaltmamsell hatte damit das reichliche G\u00e4nsefett des j\u00fcngsten Bratens verwendet &#8211; schmeckte sehr gut und ganz anders als G\u00e4nsebraten), gemischter Schnittsalat aus Ernteanteil, frisches Brot, K\u00e4se vom Markt. Und ein Apfel aus Ernteanteil, der eine faule Stelle hatte und weg musste &#8211; und sich als ganz besonders k\u00f6stlich erwies. Nachtisch S\u00fc\u00dfigkeiten.<\/p>\n<p>Im Bett neue Lekt\u00fcre: Wenige Tage zuvor war das aktuelle Granta 169, <i>China<\/i> eingetroffen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_mcewan_nutshell.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_mcewan_nutshell.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\" class=\"alignnone size-full wp-image-103141\" \/><\/a><\/p>\n<p>Empfehlung f\u00fcr Ian McEwan, <i>Nutshell<\/i>! <\/p>\n<p>Dem Roman von 2016 ist ein Hamlet-Zitat vorangestellt:<\/p>\n<blockquote><p>O God, I could be bounded in a nut shell and count myself a king of infinite space &#8211; were it not that I have bad dreams.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zudem hei\u00dfen die Hauptfiguren Trudy und Claude &#8211; McEwan macht von Anfang an klar, dass der Roman irgendeine Version von Shakespeares <i>Hamlet<\/i> ist. Erz\u00e4hlt wird auch aus der Perspektive von Hamlet &#8211; nur halt dem ungeborenen im Bauch seiner Mutter (der eben nicht mehr Platz hat als ein Nusskern in seiner Schale, und dort doch ein ganzes Leben lebt, einen ganzen Roman lang), das ist der dreiste Perspektivenwechsel. Dreist und fast schon arrogant, denn aus den Fingern aller anderer Autor*innen, die ich kenne, w\u00e4re das f\u00fcrchterlich schief gegangen und h\u00e4tte in Peinlichkeit geendet. Meister Ian McEwan aber kann.<sup><a href=\"#footnote_1_103297\" id=\"identifier_1_103297\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Wobei er nicht nur Gro&szlig;artiges geschrieben hat: Ich rate ab von Amsterdam und Solar.\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Der im Buch namenlose F\u00f6tus erz\u00e4hlt aus der Ich-Perspektive und in unserer Gegenwart, wie seine Mutter im ehemals gemeinsamen Londoner Ehehaus mit dem Bruder ihres Ehemanns (Vater des Babys) zusammenlebt und wie sie mit diesem Schwager den Gattenmord plant. Als Sinneswahrnehmungen dient alles, was man auch im K\u00f6rper einer anderen mitbekommt, unter anderem:<br \/>\n&#8211; Es ist ein hei\u00dfer Sommer.<br \/>\n&#8211; Infos bekommt Baby durch die Dialoge, die es h\u00f6rt, durch die H\u00f6rb\u00fccher und Podcasts, zu denen es Mama notfalls durch aufweckende Tritte in der Nacht bringt.<br \/>\n&#8211; Trudy s\u00e4uft ziemlich viel, Baby erlebt also durchaus den einen oder anderen Rausch.<br \/>\n&#8211; Trudy und Claude haben immer wieder Sex, Baby schildert diesen aus seiner Perspektive und ist sehr dagegen.<\/p>\n<p>Das allein schon ist interessant genug f\u00fcrs Weiterlesen, dazu kommt die spannende \u00e4u\u00dfere Handlung inklusive psychologischem Realismus (das kann McEwan ja besonders gut, bis zum Extremfall des schmerzhaften <i>On Chesil Beach<\/i>): So, kann ich mir vorstellen, planen und begehen Leute einen Mord und glauben, dass sie damit durchkommen. Der Erz\u00e4hler versucht durchaus das wenige in seiner Macht stehende, seinen Vater zu retten.<\/p>\n<p>Der Tonfall ist trocken humorvoll (erster Satz des Romans: &#8220;So here I am, upside down in a woman&#8221; &#8211; starker Anw\u00e4rter auf bester Romananfang), manchmal auch melancholisch. Baby tr\u00e4umt auch, malt sich sich sein Leben nach der Geburt aus, f\u00fchlt die Liebe zu seiner Mutter, assoziiert indirekt die halbe Weltliteratur, liebt Lyrik, hat formulierungsstarke Meinungen zu Personen und gesellschaftlichen Umst\u00e4nden. Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk auf nicht mal 200 Seiten, wie es, ich erw\u00e4hnte es bereits, nur Ian McEwan zuzutrauen ist.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Besprechung in der <i>New York Times<\/i> von Michiko Kakutani:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2016\/09\/06\/books\/review-nutshell-a-tale-told-by-a-baby-to-be-or-not-to-be.html\" target=\"_blank\">&#8220;Review: \u2018Nutshell,\u2019 a Tale Told by a Baby-to-Be (or Not-to-Be)&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>It\u2019s preposterous, of course, that a fetus should be thinking such earthshaking thoughts, but Mr. McEwan writes here with such assurance and \u00e9lan that the reader never for a moment questions his sleight of hand.<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/244cc2fad3ab480da3351d952af73c05\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_103297\" class=\"footnote\">Wobei er nicht nur Gro\u00dfartiges geschrieben hat: Ich rate ab von <i>Amsterdam<\/i> und <i>Solar<\/i>.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_103297\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sensation des Tages: Sonne! 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