{"id":1060,"date":"2005-10-28T11:29:32","date_gmt":"2005-10-28T09:29:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1060"},"modified":"2005-12-17T18:49:17","modified_gmt":"2005-12-17T17:49:17","slug":"zadie-smith-on-beauty","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/10\/zadie-smith-on-beauty.htm","title":{"rendered":"Zadie Smith, <i>On Beauty<\/I>"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/OnBeauty.jpg' alt='' \/><\/p>\n<p><b>Achtung, (kleinere) Spoiler!<\/b><\/p>\n<p>Eine richtige <i>university novel<\/i> hat sie als dritten Roman ver\u00f6ffentlicht, die wundervolle Zadie Smith.* So richtig in der Tradition von Kingsley Amis, Malcolm Bradbury und \u2013 am deutlichsten \u2013 David Lodge. Das f\u00e4ngt mit dem Schauplatz an, einer Universit\u00e4t Wellington in New England, setzt sich mit der Gegen\u00fcberstellung Gro\u00dfbritannien \/ USA fort und h\u00f6rt mit der satirischen Beschreibung des akademischen Alltags noch lange nicht auf. Als zentrale Figuren in <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0241142938\/qid=1130490912\/sr=2-2\/ref=sr_2_11_2\/028-4186778-0335755\" target=_new><i>On Beauty<\/i><\/a> haben wir zwei Professoren aus demselben Fachgebiet (Kunstgeschichte, Rembrandt), aber mit grunds\u00e4tzlich verschiedenen Ans\u00e4tzen. Einer davon ist laut und populistisch, anerkannt und erfolgreich (siehe David Loges Morris Zapp), der andere ist verkopft, intellektuell verquast und schreibt seit Jahren an seinem fachlichen Opus Magnum (siehe Phillipp Swallow). Unterschiedliche Bildungsideale treffen aufeinander, (selbstverst\u00e4ndlich verschrobene) Assistenten werden ausgenutzt, Studentinnen vernascht, politische Protestaktionen organisiert. So weit, so traditionell.<\/p>\n<p>Doch eigentlich ist alles anders. Denn der rote Faden der Geschichte spinnt sich um die Familie des wei\u00dfen, englischen Professors Howard Belsey. Und wiederum in deren Zentrum steht seine schwarze Frau Kiki, Amerikanerin aus Florida. Diese Konstellation bildet die B\u00fchne f\u00fcr die allt\u00e4glichen Auswirkungen von Stereotypen. Am deutlichsten \u2013 und komischsten \u2013 wirken sich die mit Hautfarbe verbundenen Stereotypen aus. In der Familie Belsey gibt es drei Kinder, alle dunkelh\u00e4utig, alle jugendlich. Da sie in einem noblen Haus in einer noblen Gegend der Universit\u00e4tsstadt wohnen, muss Tochter Zora vom Vorgarten aus schon mal eine wei\u00dfe Passantin beruhigen, die ihren j\u00fcngeren und als Rapper gekleideten Bruder Levi anstarrt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eThank you! Yes, move along now \u2013 he <i>lives<\/i> here \u2013 yes, that\u2019s right \u2013 no crime is taking place \u2013 thank you for your interest!\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Hautfarbe spielt in <i>On Beauty<\/i> eine so entscheidende Rolle, dass ich bei der Einf\u00fchrung einer neuen Figur immer auf die Information wartete, ob er oder sie nun schwarz oder wei\u00df ist \u2013 weil alles Weitere davon abh\u00e4ngen w\u00fcrde. Die drei Belsey-Kinder gehen ganz unterschiedlich mit ihrer Schwarzheit um (und dass sie gezwungen sind, sich damit auseinanderzusetzen, daran l\u00e4sst die Geschichte keinen Zweifel): Zora ist die liberale und politisch aktive Intellektuelle (die zudem auch noch durch ihr Geschlecht <i>the other<\/i> ist), Levi, der noch zur Schule geht, wendet sich der separatistischen Rapper-Kultur zu, der \u00e4lteste Sohn Jerome ist fundamentalistischer Christ geworden. F\u00fcr ihre Mutter Kiki wiederum kommen die (fremdem und schuldbeladenen eigenen) Stereotypen von Klassenzugeh\u00f6rigkeit und K\u00f6rperformen dazu.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Nebenrollen \u00fcbernimmt die andere Professorenfamilie, die des schwarzen, britischen und vehement anti-liberalen Monty Kipps. Zwischen seinen Angeh\u00f6rigen und der Familie Belsey entstehen viele, auch unvermutete Verbindungen auf geistiger und menschlicher Ebene.<\/p>\n<p>Das Ganze ist fesselndes Lesefutter auf oberem Niveau. Zadie Smith kann gl\u00fccklich machen; bei mir reicht dazu schon ein Kapiteleinstieg wie dieser:<\/p>\n<blockquote><p>Summer left Wellington abruptly and slammed the door on the way out. The shudder sent the leaves to the ground all at once, \u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie ist f\u00fcr mich eine Geschichtenerz\u00e4hlerin in der Tradition des 19. Jahrhunderts, zu der ich auch Salman Rushdie und John Irving z\u00e4hle. Noch weniger als schon in ihrem zweiten Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0140276343\/qid=1130491170\/sr=1-19\/ref=sr_1_11_19\/028-4186778-0335755\" taget=_new><i>The Autograph Man<\/i><\/a> tauchen aber in <i>On Beauty<\/i> die Elemente auf, die <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0140276335\/qid=1130491221\/sr=1-4\/ref=sr_1_11_4\/028-4186778-0335755\" target=_new><i>White Teeth<\/i><\/a> f\u00fcr mich zu einem Meilenstein machten: das unbefangene, freche Spiel mit Erz\u00e4hlformen, Vorbildern, Traditionen, Kulturen, Topoi. Ich hoffe sehr, dass Zadie Smith das nicht f\u00fcr immer aufgeh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>*<i>Romanautoren als Personen interessieren mich ja sonst nur am Rande, aber dieser Frau Smith bin ich verfallen. Vielleicht nachvollziehbar nach der Lekt\u00fcre <a href=\"http:\/\/www.theage.com.au\/articles\/2003\/06\/27\/1056683898453.html\" target=_new>des Artikels &#8220;Touching up Zadie Smith&#8221;<\/a>, in dem sie \u00fcber die Verfilmung ihres ersten und brillanten Romans <\/i>White Teeth<i> erz\u00e4hlt? Da gibt\u2019s auch ein sch\u00f6nes Foto von ihr.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achtung, (kleinere) Spoiler! Eine richtige university novel hat sie als dritten Roman ver\u00f6ffentlicht, die wundervolle Zadie Smith.* So richtig in der Tradition von Kingsley Amis, Malcolm Bradbury und \u2013 am deutlichsten \u2013 David Lodge. 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