{"id":10675,"date":"2011-02-16T21:17:32","date_gmt":"2011-02-16T20:17:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=10675"},"modified":"2021-02-11T06:28:46","modified_gmt":"2021-02-11T05:28:46","slug":"mein-1986-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/02\/mein-1986-teil-1.htm","title":{"rendered":"Mein 1986 &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich ging wieder ein Spielchen durch meine Twitter-Timeline: <a href=\"http:\/\/twitter.com\/#!\/search?q=%23twitternwie1986\" target=_\"new\">#twitternwie1986<\/a><\/p>\n<p>Nicht, dass das besonders ergiebig gewesen w\u00e4re, doch es l\u00f6ste bei mir einen Erinnerungs-Flash aus. 1986 war vielleicht eines der wichtigsten Jahre meines Lebens, ziemlich sicher aber das bislang vollste (und ich habe in AGENTUREN gearbeitet!). Zudem kann ich mich an ganz erstaunlich viele Details erinnern. Sonst habe ich ein elend schlechtes Ged\u00e4chtnis, was meine eigene Vergangenheit betrifft \u2013 Romane und Filme behalte ich besser.<\/p>\n<p>Ich stelle mal einen kleinen Ausschnitt zusammen, was 1986 bei mir so los war. Das wird l\u00e4nger.<\/p>\n<p><b>Foto-Session<\/b><br \/>\nIch war in diesem Jahr 18 und ging in die 13. Klasse. Im Januar kam eine Bekannte zu einer Fotositzung mit Verkleidung zu mir. Ich glaube, wir hatten denselben Kindergarten oder dieselbe Grundschulklasse besucht, doch unsere Wege hatten sich erst wieder gekreuzt, weil sie die Freundin eines Freundes eines Sch\u00fclersprecher-Kollegen war. Hier das resultierende Sammelfoto von mir:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/10_Januar_1986_.jpg\" alt=\"\" title=\"10_Januar_1986_\" width=\"516\" height=\"383\" class=\"alignnone size-full wp-image-10736\" \/><\/p>\n<p>Diese Bekannte stellte sich kurz darauf als Bulimikerin heraus (die erste, mit der ich pers\u00f6nlich konfrontiert war), was schlagartig ihr Verhalten w\u00e4hrend unseres Ausflugs nach M\u00fcnchen erkl\u00e4rte: Die zarte Person hatte mich in ein Caf\u00e9 nach dem anderen gelotst und hatte nach dem Verzehr gro\u00dfer Portionen Kuchens mit Sahne immer dringend aufs Klo gemusst.<\/p>\n<p><b>Chorwochenende Burg Rothenfels<\/b><br \/>\nIch sang in einem Jugendchor, der \u00fcber das Faschingswochenende zu Blockproben verreiste, 1986 zum letzten Mal nach Burg Rothenfels. Gesungen wurde praktisch durchgehend \u2013 wenn wir nicht gerade zum Ausgleich Volkst\u00e4nze \u00fcbten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1_Rothenfels.jpg\" alt=\"\" title=\"1_Rothenfels\" width=\"470\" height=\"321\" class=\"alignnone size-full wp-image-10728\" \/><\/p>\n<p>Ziel des Probenwochenendes auf der tief verschneiten Burg waren das Jahreskonzert in der Kirche Maria de Viktoria und eine Tournee durch S\u00fcdspanien \u00fcber die Pfingstferien 1986. Diese Tournee wurde von einem ehemaligen Chors\u00e4nger organisiert, der ein Jahr in Granada studiert hatte und in seiner Organisatorenfunktion am Probenwochenende teilnahm. Ich kannte ihn bis dahin nur von alten Chorfotos, fand ihn den so ziemlich attraktivsten Mann, den ich je gesehen hatte, und hoffte inst\u00e4ndig, dass ich nicht in eine peinliche Schw\u00e4rmerei f\u00fcr ihn verfallen w\u00fcrde.<br \/>\nSelbst nach der Nacht, die wir beide verkn\u00e4uelt und verk\u00fcsst auf einer Eckbank verbracht hatten, bis die Morgensonne durch die Bleiglasfenster der Burg blitzte, notierte ich in mein Tagebuch: \u201eNICHT verliebt!\u201c (Es sollte noch ein paar Jahre bis zu der Erkenntnis brauchen, dass ich meine Gef\u00fchle gerne mal mit deutlicher Verz\u00f6gerung wahrnehme. Bis zu Wochen Verz\u00f6gerung.)<\/p>\n<p>Die Beziehung mit diesem Herrn war eines der pr\u00e4genden Elemente meines Jahres 1986. Der deutlich \u00e4ltere Student er\u00f6ffnete mir Welten. Seine Freunde. Seine Musik. Seine Wohnung in M\u00fcnchen. Dass er Spanisch konnte. Sein langer Urlaub mit seiner Schwester, aus dem er mir viele Seiten lange Briefe schrieb. Sein Umzug in meine Heimatstadt, um dort am Theater zu arbeiten. Die Theaterleute. Seine Wohnung, mit alten Erbst\u00fccken eingerichtet, Bad am Gang ohne warmes Wasser. Seine Eigenst\u00e4ndigkeit. Mein erstes unangek\u00fcndigtes Fernbleiben vom Elternhaus \u00fcber Nacht. Mein \u00fcberfordertes Schwimmen auf diesem \u00fcberlebensgro\u00dfen Verliebtheitsgef\u00fchl. Erster Urlaub mit Freund (mit geliehenem Auto und Zelt nach Budapest). Seine Wortsch\u00f6pfungen. K\u00e4se mit Marmelade, Schwedenspeise. Dann seine wachsende Ablehnung meiner fehlenden Lebenserfahrung und Bildung, meiner hilflosen Passivit\u00e4t in Beziehungsdingen. Sein endg\u00fcltiger R\u00fcckzug, als ich um Weihnachten herum krank im Bett meiner inzwischen eigenen Wohnung lag.<\/p>\n<p><b>Facharbeit \u00fcber Christa Wolfs <i>Kassandra<\/i><\/b><br \/>\nMeine erste (halbwegs) wissenschaftliche Arbeit war die Facharbeit im Leistungskurs Griechisch. Ich hatte gerade <i>Kassandra<\/i> von Christa Wolf gelesen, war sehr beeindruckt davon gewesen und schlug dem Kursleiter vor, dass ich den Roman mit Homers <i>Ilias<\/i> vergleichen k\u00f6nnte. Als ich vor ein paar Jahren das Ergebnis mal wieder in die Hand nahm, war ich darauf gefasst, mich gr\u00fcndlich f\u00fcr mein fr\u00fcheres Ich zu sch\u00e4men. Doch die Arbeit ist mit Verstand, System und Leidenschaft verfasst, ich bekam ganz im Gegenteil geh\u00f6rigen Respekt vor diesem fr\u00fcheren Ich. (Dass die Hauptkritik des korrigierenden Lehrers \u201ezu feuilletonistisch\u201c lautete, w\u00fcrde er m\u00f6glicherweise heute nicht mehr so sehen. Wir waren sein erster Leistungskurs.)<\/p>\n<p><b>Tschernobyl<\/b><br \/>\nDie \u00d6ko-Familie im Reihenhaus neben dem meiner Eltern machte ein Riesenaufheben: Lie\u00df ihre kleinen Kinder nach dem Regen nicht mehr drau\u00dfen spielen, warf den Salat aus dem Garten weg. Ich konnte mich trotz des \u201eAtomkraft? Nein danke\u201c-Stickers auf meiner Schultasche lange nicht entschlie\u00dfen, ob meine Skepsis der Reaktion dieser Wasseradern-Gl\u00e4ubigen gelten sollte oder den Abwiegelungen der bayerischen Staatsregierung. Man wusste ja nichts! Unser Lehrer des Grundkurses Mathe nutzte seine Stunden dazu, uns die unterschiedlichen Sorten von radioaktiver Strahlung zu erkl\u00e4ren und warum Geigerz\u00e4hler nicht viel n\u00fctzten. Sollte ich familienun\u00fcblichen Krebs bekommen, kann das daran liegen, dass ich trotzdem durch den Regen radelte.<\/p>\n<p><b>Abitur<\/b><br \/>\nAuch wenn ich die 13. Klasse etwas leichter nahm &#8211; schlie\u00dflich gab es gerade so viele ungeheuer aufregende Dinge in meinem Leben: Aufs Abitur b\u00fcffelte ich so richtig, ich hatte einen Heidenrespekt davor. M\u00fcndliches Abitur (fand vor den schriftlichen Pr\u00fcfungen statt) in Katholischer Religionslehre, an einem wundervoll sonnigen Nachmittag. Drittes Abiturpr\u00fcfungsfach Mathe &#8211; und zum einzigen Mal in meinem ganzen Schulleben eine Aufgabe \u00dcBERSEHEN. Leistungskurspr\u00fcfungen in Englisch und Altgriechisch.<\/p>\n<p>Kaltmamsell auf Abiturfoto (wir waren ein Jahrgang von knapp 50).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/2_abiturfoto.jpg\" alt=\"\" title=\"2_abiturfoto\" width=\"271\" height=\"203\" class=\"alignnone size-full wp-image-10729\" \/><\/p>\n<p>Ich hatte den Termin vergessen, sonst w\u00e4re ich nicht ausgerechnet in diesem Restlpullover und mit ungewaschenen Haaren in die Schule gekommen.<\/p>\n<p>Nach den Pr\u00fcfungen ein endloser Reigen von Partys in den Elternh\u00e4usern und G\u00e4rten der Mitabiturienten, auch dem meiner Eltern (mein Freund sa\u00df in der K\u00fcche und buk K\u00e4sewaffeln mit einem mitgebrachten Waffeleisen). Dort die angetrunkene Er\u00f6ffnung eines Mitsch\u00fclers, er nehme sich schon seit der f\u00fcnften Klasse vor, endlich was zu sagen, aber jetzt gebe es ja diesen anderen Mann und seine Chance sei wohl endg\u00fcltig vorbei.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit kriselte es ziemlich zwischen meinen Eltern und mir, vor allem zwischen meiner Mutter und mir. Die Details habe ich erfolgreich verdr\u00e4ngt, wir holten wohl den Pubert\u00e4tskonflikt mit allen Gemeinheiten nach.<\/p>\n<p>Sie warf mir den Abiturschnitt von 2,2 als unterirdisch vor, schlie\u00dflich h\u00e4tten sie und mein Vater mir alle Pflichten und Sorgen abgenommen, da w\u00e4re es ja wohl das mindeste gewesen etc. pp. Ich r\u00e4chte mich damit, dass ich mich einem Abiturgeschenk verweigerte: Ich sollte mir beim Juwelier eine kostbare Halskette f\u00fcr die Abiturfeier aussuchen, m\u00f6glicherweise lie\u00df ich mich auch ins Gesch\u00e4ft schleifen, stand aber unter Umst\u00e4nden darin bockig schweigend und mit verschr\u00e4nkten Armen, schnappte vielleicht irgendwas im Sinne davon, wenn sie mein Abitur f\u00fcr so erb\u00e4rmlich halte, sei es ja wohl auch kein Anlass f\u00fcr ein Geschenk. Ich kann nur hoffen, dass meine Erinnerung tr\u00fcgt.<\/p>\n<p>Ich nutzte den Berufsanfang im September f\u00fcr Auszug und vorl\u00e4ufigen Bruch mit dem Elternhaus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/02\/mein-1986-teil-2.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Zu Teil 2.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/db91f70421f94bd9a228247eaaa07908\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich ging wieder ein Spielchen durch meine Twitter-Timeline: #twitternwie1986 Nicht, dass das besonders ergiebig gewesen w\u00e4re, doch es l\u00f6ste bei mir einen Erinnerungs-Flash aus. 1986 war vielleicht eines der wichtigsten Jahre meines Lebens, ziemlich sicher aber das bislang vollste (und ich habe in AGENTUREN gearbeitet!). Zudem kann ich mich an ganz erstaunlich viele Details erinnern. 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