{"id":107203,"date":"2025-03-31T06:23:45","date_gmt":"2025-03-31T04:23:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=107203"},"modified":"2025-03-31T10:52:32","modified_gmt":"2025-03-31T08:52:32","slug":"journal-sonntag-30-maerz-2025-betty-smith-a-tree-grows-in-brooklyn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2025\/03\/journal-sonntag-30-maerz-2025-betty-smith-a-tree-grows-in-brooklyn.htm","title":{"rendered":"Journal Sonntag, 30. M\u00e4rz 2025 &#8211; Betty Smith, <i>A Tree Grows in Brooklyn<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>Eher unruhige Nacht, vor allem nervten bei den Wiedereinschlafversuchen die unweigerlichen Arbeitsthemen, von denen mein Hirn jedesmal nur mit Anstrengung abzubringen war.<\/p>\n<p>Nach m\u00fcdem Aufstehen erstmal Uhrenstellen; da mag das Internet of things (IoT) mittlerweile bei eigenst\u00e4ndigen Entscheidungen zur Fleischsorte des Sonntagsbratens angekommen sein, die angezeigte Uhrzeit erfordert Menscheneinsatz. Der Funkwecker neben dem Bett verliert ja seit vielen Jahren nach und nach seine Funktionen, die Funkerei geh\u00f6rt schon lang dazu; bleibt die Zeitanzeige auf Zifferblatt, mehr will ich von ihm gar nicht. Die Uhr im Badezimmer, ein wei\u00df lackiertes Holz-Oval mit zwei schwarzen Zeigern, geh\u00f6rte meiner Erinnerung nach zu den ersten Dingen, die ich nach Auszug von daheim bei Ikea kaufte, Schn\u00e4ppchen von einem Restpostenstapel &#8211; damals, kurz nach Elektrifizierung, war Funk ja noch gar nicht erfunden.<\/p>\n<p>L\u00e4stig fand ich gestern lediglich, dass mein Hirn sich erstmal nicht davon abhalten lie\u00df, &#8220;eigentlich ist es schon&#8230; ach nee, eigentlich ist es erst&#8230;&#8221; zu spielen, obwohl ich aktiv gegenarbeitete mit &#8220;v\u00f6llig egal, wir leben jetzt einfach nach der Zeit, die auf der Uhr steht zefix&#8221;.<\/p>\n<p>Ich machte mich also zur \u00fcblichen Zeit (!) fertig f\u00fcr den geplanten Isarlauf. Zu meiner Freude (mit schlechtem Landwirtschaftsgewissen) war der Tag trocken geblieben, sogar freundlich geworden mit ein wenig blauem Himmel. Tram Richtung Tivoli, Lauf nach Norden und wieder zur\u00fcck. Die Luft war angenehm, mit lang\u00e4rmligem dicken Kapuzenoberteil und langer Winterlaufhose war ich genau richtig angezogen.<\/p>\n<p>Nicht das allerfitteste Gef\u00fchl, aber die gut anderthalb Stunden bereiteten mir keine wirkliche M\u00fche.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_01_Tivoli.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_01_Tivoli.jpg\" alt=\"Im Sonnenschein eine Herde Veilchen am Fu\u00dfe eines Baums\" width=\"362\" height=\"544\" class=\"alignnone size-full wp-image-107233\" \/><\/a><\/p>\n<p>Inklusive Duft!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_02_FoehringerWehr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_02_FoehringerWehr.jpg\" alt=\"Zwischen kahlen B\u00e4umen ein Weg mit zwei Menschen von hinten, in der Ferne sieht man einen Flu\u00df und ein sonnenbeschienenes Wehr\" width=\"393\" height=\"524\" class=\"alignnone size-full wp-image-107234\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_04_Unterfoehringer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_04_Unterfoehringer.jpg\" alt=\"Blick \u00fcber einen Fluss aufs andere Ufer, dort ein Zufluss, ein wei\u00df bl\u00fchender Busch, kahle B\u00e4ume\" width=\"561\" height=\"473\" class=\"alignnone size-full \" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit der Tram zur\u00fcck nach Hause. Fr\u00fchst\u00fcck um halb zwei: Restliche Grie So\u00df, selbstgebackenes Roggenmischbrot (auch am zweiten Tag noch sehr frisch &#8211; <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/rezepte\/roggenmischbrot-70-30-mit-vollkorn.htm\" target=\"_blank\">gutes Rezept<\/a>), Blutorange mit Joghurt.<\/p>\n<p>Den Nachmittag nutzte ich zum Zeitunglesen und zum Wegb\u00fcgeln des mittelgro\u00dfen W\u00e4schebergs &#8211; mit Musik auf den Ohren, weil mir leider nicht nach der Aufmerksamkeit f\u00fcr Podcasts war, Gehirn zu besch\u00e4ftigt (da habe ich alle paar Wochen mal Gelegenheit durch B\u00fcgeln, und dann passt&#8217;s doch nicht). Jetzt stehen mir wieder einige Lieblingskleidungsst\u00fccke zur Verf\u00fcgung &#8211; die sch\u00f6nsten sind halt gerne mal b\u00fcgelbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Angenehme Yoga-Gymnastik, dann servierte Herr Kaltmamsell echtes Sonntagsessen: Mapo Doufu (mit Pilzen ohne Hackfleisch &#8211; ich hatte ihm ein neues Rezept zugesteckt) und chinesische Duft-Aubergine.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_06_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250330_06_Nachtmahl.jpg\" alt=\"Auf einem Esstisch drei T\u00f6pfe hintereinander: vorne eine dunkle Sauce mit wei\u00dfen Tofu-St\u00fccken, dann ein Topf Reis, dahinter eine Pfanne mit dunklen Auberginenst\u00fccken in Sauce\" width=\"339\" height=\"484\" class=\"alignnone size-full wp-image-107236\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ganz gro\u00dfartig. Nachtisch Eiscreme.<\/p>\n<p>Fast so fr\u00fch wie sonst ins Bett, dort Start der neuen Lekt\u00fcre: Markus Pfeifer, <i>Springweg brennt<\/i>. Ich freute mich wie seinerzeit beim Lesen seiner Utrecht-Geschichten <a href=\"https:\/\/mequito.org\/\" target=\"_blank\">im Blog<\/a> \u00fcber den mir so fremden Einblick ins Hausbesetzen aus freundlicher Perpektive.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_smithTreeBrooklyn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_smithTreeBrooklyn.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"242\" class=\"alignnone size-full wp-image-106887\" \/><\/a><\/p>\n<p>Samstagabend hatte ich Betty Smith, <i>A Tree Grows in Brooklyn<\/i> ausgelesen: 1943 ver\u00f6ffentlicht und ein enormer Erfolg, bis heute ein Klassiker &#8211; und doch hatte ich nie etwas davon geh\u00f6rt, auch nicht in meinem Studium Englische Literaturwissenschaft. Nach der Lekt\u00fcre fand ich heraus, dass der Roman zwar popkulturell relevant ist (Herr Kaltmamsell wusste ihn bei Nennung sofort einzuordnen), aber literaturwissenschaftlich nie ernst genommen wurde. Verwunderlich, denn ich hatte ihn nicht nur sehr gern gelesen, sondern viel daran auch literarisch reizvoll gefunden.<\/p>\n<p>Wieder Autofiktion &#8211; aber aus einer Zeit, als diese eher als &#8220;Erinnerungen&#8221; oder &#8220;a memoir&#8221; vermarktet wurde, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/A_Tree_Grows_in_Brooklyn_(novel)\" target=\"_blank\">Wikipedia verwendet den Begriff &#8220;semi-autobiographical novel&#8221;<\/a>.<\/p>\n<p>Die Geschichte wird ganz nah aus der personalen Perspektive der Protagonistin Francie geschrieben. Zu Beginn ist das M\u00e4dchen elf Jahre alt, sitzt wie immer samstags auf der Feuerleiter ihres Wohnhauses in Williamsburg und hat es sich mit einem Buch gem\u00fctlich gemacht. Diesen Samstag bekommen wir nochmal sehr detailliert vom Morgen an erz\u00e4hlt, dann geht es r\u00fcckblickend um die Geschichte der Familie, bis wir zur\u00fcck bei der Elfj\u00e4hrigen und Anfang der 1910er-Jahre sind. In vielen Einzelkapiteln erfahren wir das Heranwachsen von Francie, manchmal bekommen wir auch die Perspektive anderer Personen. Die Handlung endet, als die Familie aus Brooklyn wegzieht, Francie ist da kurz vor ihrem 17. Geburtstag.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich las sich der Roman wie \u00fcber einen langen Zeitraum geschrieben, zum Teil wie eine Sammlung von Einzeltexten \u00fcber Erlebnisse und Erinnerungen, stilistisch sehr variiert. Manchmal sind Schilderung ausf\u00fchrlich bis ins kleinste Detail &#8211; als wollte jemand etwas Verschwundenes, Vergangenes festhalten. Dann wieder ein Kapitel fast nur aus Dialogschnippseln, die Francie durch die Wand h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Mich fesselten die Themen Armut und Selbstbestimmung, besonders vielschichtig ist die Zeichnung des schwer alkoholkranken Vaters, seiner Eleganz, Aufmerksamkeit und Zuwendung, seiner Hilflosigkeit seiner Krankheit gegen\u00fcber. Auch die Qualen eines kleines Kinds, das von Erlebnissen und Anblicken gebeutelt wird, sind sehr glaubw\u00fcrdig und nachvollziehbar geschildert. Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr die Zeit wird klar \u00fcber sexuelles Begehren bei Frauen geschrieben wird, ganz ohne Bl\u00fcmchen und unsentimental, sondern eher sachlich und freundlich.<\/p>\n<p>Formal hat der Roman durch seine verschiedenen Richtungen und Stile etwas Rohes und Unfertiges; er w\u00fcrde heute sehr wahrscheinlich vom Verlag in eine rundere, konsistentere Form gebracht &#8211; und dadurch schlechter: Ich fand gerade das leichte Humpeln der Gesamtkonstruktion attraktiv. Zwar h\u00e4lt Smith offensichtlich viele Aspekte sehr bewusst chronistisch fest (u.a. die Rolle von Religion und Bildung), verwendet auch eine sehr reflektierte Erz\u00e4hlstimme, transportiert aber (wie jede Autorin und jeder Autor) mehr, als ihr bewusst ist &#8211; zum Beispiel den Wandel des Selbstverst\u00e4ndisses von Frauen.<\/p>\n<p>Das passt zur Protagonistin, die immer wieder mit W\u00f6rtern ringt, der wir dabei zusehen wie sie lernt, Sprache zur Abbildung von Wirklichkeit zu verwenden &#8211; oder zu ihrer Idealisierung.<\/p>\n<p>Echte Leseempfehlung &#8211; und damit zur\u00fcck zur fehlenden literaturwissenschaftlichen Anerkennung.<br \/>\n2021 schreibt Joyce Zonana in <i>The Hudson Review<\/i>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/hudsonreview.com\/2021\/10\/the-hungry-artist-rereading-betty-smiths-a-tree-grows-in-brooklyn\/\" target=\"_blank\">&#8220;The Hungry Artist: Rereading Betty Smith\u2019s A Tree Grows in Brooklyn&#8221;.<\/a><\/p>\n<p>Sie untersucht die Kluft zwischen seiner Popularit\u00e4t (das Buch wird bis heute gedruckt) und Geliebtheit (auch von ihr selbst) und angenommenem Fehlen eines literarischen Werts. Dem sie ausf\u00fchrlich und nachvollziehbar widerspricht.<\/p>\n<blockquote><p>The book is less concerned with material escape from poverty than with spiritual freedom; less with the acquisition of wealth than with a new way of looking upon poverty.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>It may be that <em>A Tree Grows in Brooklyn<\/em> has been neglected not because its author is working class and female, nor even because its subject matter is the life of a working-class female, but because the book embodies what might be called a working-class or \u201cfolk\u201d aesthetic while simultaneously eschewing the radical politics and social critique usually associated with proletarian literature.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zonana legt viele Verdienste und die Kunstfertigkeit des Romans dar.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Nochmal Kindheit: Wie war es, als Kind einer der F\u00fchrungsfiguren der Black Panthers aufzuwachsen? Der <i>Guardian<\/i> hat ein langes St\u00fcck, in dem einige davon zu Wort kommen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/ng-interactive\/2025\/mar\/25\/what-happens-when-the-us-declares-war-on-your-parents-the-black-panther-cubs-know\" target=\"_blank\">&#8220;Radical Change isn&#8217;t Free&#8221;.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>The Black Panthers shook America awake before the party was eviscerated by the US government. Their children paid a steep price, but also emerged with unassailable pride and burning lessons for today<\/p><\/blockquote>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/69c17e07618a4fbabeb4109025596457\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eher unruhige Nacht, vor allem nervten bei den Wiedereinschlafversuchen die unweigerlichen Arbeitsthemen, von denen mein Hirn jedesmal nur mit Anstrengung abzubringen war. 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