{"id":10757,"date":"2011-02-22T06:20:30","date_gmt":"2011-02-22T05:20:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=10757"},"modified":"2021-02-11T09:08:04","modified_gmt":"2021-02-11T08:08:04","slug":"mein-1986-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/02\/mein-1986-teil-2.htm","title":{"rendered":"Mein 1986 &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/02\/mein-1986-teil-1.htm\">Zu Teil 1.<\/a><\/p>\n<p><b>Chortournee Andalusien<\/b><\/p>\n<p>Der Jugenchor, in dem ich sang, fuhr im Bus nach Andalusien (1986 w\u00e4ren Fl\u00fcge viel zu teuer gewesen). Mein Plan: mit einer langj\u00e4hrigen Freundin und Mitabiturientin, die ebenfalls im Chor sang, nicht mit dem Chor zur\u00fcckfahren, sondern mit einem Interrail-Ticket vier weitere Wochen in Spanien verbringen.<\/p>\n<p>Zwischenstopp auf der Hinfahrt war Tarragona (ich erinnere mich an salziges Wasser in der Hoteldusche), wo wir das Amphitheater besangen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/3_Tarragona.jpg\" alt=\"\" title=\"3_Tarragona\" width=\"479\" height=\"349\" class=\"alignnone size-full wp-image-10730\" \/><\/p>\n<p>Schwierige Zimmerverteilung am Zielort Granada. Mein Konflikt: Meine beste Freundin ging nat\u00fcrlich davon aus, dass ich zusammen mit ihr ein Zimmer beziehen w\u00fcrde. Ich hatte den Eindruck, dass sie auf die k\u00fcnftige Reisegef\u00e4hrtin eifers\u00fcchtig war und ich ein wenig um sie werben musste. Aber eigentlich h\u00e4tte ich lieber mit meinem Freund ein Zimmer bezogen, dem Organisator der Tournee. Oder auch nicht, ich war verunsichert und befangen &#8211; zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Nacht mit ihm verbracht. Auch im Nachhinein kann ich mich nicht lustig machen \u00fcber die innere Qual dieser 18-J\u00e4hrigen. Die vielleicht viel \u00fcber Stochastik und Tangenten, \u00fcber die streikenden Minenarbeiter in Wales und \u00fcber Thukydides gelernt hatte, aber ganz sicher nicht, sich \u00fcber eigene W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte klar zu werden oder gar dar\u00fcber zu sprechen.<\/p>\n<p>Ich habe die Tage in Granada tumult\u00f6s in Erinnerung. Zwar war ich mit der besten Freundin ins Hotelzimmer gezogen, doch es war hei\u00df, die empfindlichen Sopr\u00e4ner vertrugen das fremdartige Essen nicht, ich hatte mich zu naiv darauf gefreut, dass der Organisator mir sein Granada zeigen w\u00fcrde, begriff zwar, dass er daf\u00fcr eben als Organisator keine Zeit hatte, f\u00fchlte mich trotzdem verletzt und schimpfte mich deshalb kindisch und bescheuert.<\/p>\n<p>Zwischen der besten Freundin und mir krachte es auch noch, als ich ihr gestand, dass ich im n\u00e4chsten Tourneeort das Zimmer mit meinem Freund teilen wollte. Wobei sie sich nicht etwa dar\u00fcber echauffierte, dass ich das wollte, sonders dass ich ihr gestand, wie schwer es mir fiel, ihr das zu sagen. Wie ich dazu k\u00e4me, ihr zu unterstellen, sie k\u00f6nne etwas dagegen haben!<br \/>\nDie designierte Reisebegleiterin schien sich auf einmal nicht mehr f\u00fcr mich zu interessieren und widmete sich ausschlie\u00dflich anderen Chors\u00e4ngerinnen und Chors\u00e4ngern. Dazwischen mein geplagter Freund, der Konzerte, Unterbringung, Ausfl\u00fcge zu organisieren hatte, st\u00e4ndig als Dolmetscher und Reiseleiter gebraucht wurde.<br \/>\nMit dieser Situation k\u00e4me ich heute keinen Deut besser zurecht als damals.<\/p>\n<p><b>Spanienreise<\/b><br \/>\nAn die anschlie\u00dfenden Wochen in Spanien mit meiner Reisebegleiterin wiederum habe ich sehr angenehme Erinnerungen. Wir harmonierten \u00fcberraschend gut, die Distanz der Zeit davor war wohl Zufall gewesen. Auf einen Tipp meines Freundes hin begannen wir unsere Abiturreise, denn als solche war sie deklariert, am Meer in Nerja. Wir trafen auf spannende Menschen aus aller Welt, zwei Studentinen aus USA machten uns mit ihrem Reisef\u00fchrer <i>Let\u2019s go<\/i> bekannt, aus dem wir uns \u00dcbernachtungstipps f\u00fcr unsere n\u00e4chste Station Sevilla abschrieben.<\/p>\n<p>In Sevilla lernten wir per Zufall einen jungen Gitarristen kennen, der aus unserer Heimatstadt dorthin ausgewandert war. Er nahm uns unter die Fittiche, zeigte uns die Stadt, ihre Speisen (Flamenqu\u00ednes!) und Getr\u00e4nke.<\/p>\n<p>In Madrid kamen wir ein paar Tage bei meinem Onkel unter, sahen uns die hei\u00dfe Stadt an, auch eine Monet-Ausstellung, die alle Seerosen-Bilder vereinte (m\u00f6glicherweise der Anfang meiner Erm\u00fcdung mit Impressionismus), lie\u00dfen uns von meinen Verwandten durchf\u00fcttern. Dann ging es raus aufs Dorf zu meinen Kindheits- und Jugendurlaubsfreunden. Ich dr\u00fcckte meine Freundin dem rothaarigsten aller Spanier in die Hand, einem ungew\u00f6hnlich freundlichen und behutsamen jungen Mann, mit dem ich mich schon immer am besten verstanden hatte (und der einen sagenhaften Ruf bei den Damen genoss). Wir verbrachten die Abende und N\u00e4chte feiernd, tags\u00fcber zeigte ich ihr mein Schulferienspanien \u2013 mal in Begleitung meines etwa gleichaltrigen Lieblingskusins und des rothaarigen Freundes, mal lieh uns mein Kusin sein Auto f\u00fcr eigene Erkundungen (fahren lie\u00df ich lieber die Begleiterin, obwohl wir beide einen F\u00fchrerschein besa\u00dfen \u2013 das mit dem Autofahren fand ich wohl nie so richtig attraktiv). An Schlaf kann ich mich nicht erinnern, vielleicht hielten wir hin und wieder Siesta.<\/p>\n<p>Die letzten Tage in Spanien hatten wir f\u00fcr Barcelona eingeplant, wohin wir per Zug mit unserem Interrail-Ticket fuhren. Wir suchten uns eine billige Pension in Bahnhofsn\u00e4he \u2013 und schliefen drei Tage praktisch durch: Die vorherigen Wochen mit Minimalschlaf hatten uns eingeholt. Deshalb kenne ich von Barcelona bis heute nur die kleine Plaza beim Hotel, an der es einen Supermarkt gab sowie ein schraddliges Lokal mit billigen <i>platos combinados<\/i> und die eine oder andere Nebengasse. In einer davon entdeckten wir diesen Spiegel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/4_barcelona.jpg\" alt=\"\" title=\"4_barcelona\" width=\"435\" height=\"298\" class=\"alignnone size-full wp-image-10731\" \/><\/p>\n<p><b>Ferienjob in der Fabrik<\/b><br \/>\nDer Sommer war so voll, dass ich die Ereignisse nicht mehr in eine Reihenfolge bringe.<br \/>\nDa war die offizielle Abiturfeier (<a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/anziehsachen_07.jpg\">den Rock, den ich dabei trug, besitze ich noch heute<\/a>), auf der ich mich bereits eine Ewigkeit von der Schule entfernt f\u00fchlte. In diesen Sommer fiel auch der Auftritt mit meinem Chor im M\u00fcnchner Cuvillies-Theater. Den Anlass und das Programm habe ich vergessen, ich bin mir nur ziemlich sicher, dass es ein Sonntagnachmittag war.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/5_cuvillies.jpg\" alt=\"\" title=\"5_cuvillies\" width=\"508\" height=\"322\" class=\"alignnone size-full wp-image-10732\" \/><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich nutzte ich die Zeit zwischen Schule und Berufsanfang zum Geldverdienen: F\u00fcr das Volontariat bei der Zeitung ab September w\u00fcrde ich ein Auto brauchen, das finanziert werden musste, au\u00dferdem wollte ich von daheim ausziehen \u2013 auch das brauchte Geld. Von selbst verstand sich im Grunde auch, bei welchem Arbeitgeber ich dieses Geld verdienen w\u00fcrde: Mit einer ganzen Hand voll Mitabiturientinnen heuerte ich bei der mit Abstand gr\u00f6\u00dften Fabrik am Ort an. Das geh\u00f6rte in meiner Heimatstadt so rituell zum Abitur, dass es dort sogar einen klassischen Posten f\u00fcr Frischabiturierte gab: die fabrikinternen Kioske.<\/p>\n<p>Wir wurden zun\u00e4chst als Handlangerinnen auf die fest angestellten Frauen verteilt, die diese Kioske f\u00fchrten, z\u00e4hlten W\u00fcrstel ab (ich lernte, Wienerlpaare durch Rei\u00dfen zu trennen, Wei\u00dfw\u00fcrste im Gegensatz dazu mit der Schere), schleppten Bierk\u00e4sten, machten Bekanntschaft mit offiziellen Warenbezeichnungen (\u201eGeleefisch\u201c f\u00fcr einzeln abgepackte Rollm\u00f6pse in Aspik) und mit inoffiziellen (\u201eSuper\u201c f\u00fcr Exportbier, \u201eBleifrei\u201c f\u00fcr alkoholfreies \u2013 oh ja, in bayerischen Fabriken wurde damals Bier getrunken, sogar erschreckend viel), konnten bald acht Bierflaschen gleichzeitig tragen, indem wir die H\u00e4lse zwischen die Finger steckten, und mit t\u00e4glichen Bestellungen und Abrechnungen war sogar ein Hauch Buchhaltung dabei. Nach der Einarbeitungszeit f\u00fchrte ich allein einen Kiosk im \u00e4ltesten Teil des Werksgel\u00e4ndes (<a href=\"http:\/\/www.audi.de\/de\/brand\/de\/unternehmen\/virtuelle_tour\/ingolstadt.html\" target=_\"new\">der vordere Geb\u00e4udeteil bei Ziffer 12<\/a>).<\/p>\n<p>Ein paar Details sind mir besonders in Erinnerung geblieben:<br \/>\n&#8211; Wie ich einmal verga\u00df, den Wurstkessel runterzuregeln und mir alle W\u00fcrscht platzten (Fachausdruck: \u201eWurstsuppe\u201c).<br \/>\n&#8211; Wie die zarte, junge Frau, in deren Kiosk ich lernte, mich um mein physisches Format beneidete (\u201eDu stellst wenigstens was dar!\u201c).<br \/>\n&#8211; Dass alle Kolleginnen ungeheuer nett und geduldig mit uns Abiturientinnen waren.<br \/>\n&#8211; Wie mir eine Studentin, die gerade in einer der angrenzenden Produktionshallen jobbte und die ich eben erst kennengelernt hatte (n\u00e4mlich als Kundin an meinem Kiosk), zu meinem Geburtstag im August ein Bl\u00fcmchen vorbeibrachte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/03\/mein-1986-teil-3.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Zu Teil 3.<\/a> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/6148d6ceec7c42c18e16e98bac03b8bd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Teil 1. 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