{"id":107673,"date":"2025-04-17T06:28:06","date_gmt":"2025-04-17T04:28:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=107673"},"modified":"2025-04-17T06:28:06","modified_gmt":"2025-04-17T04:28:06","slug":"journal-mittwoch-16-april-2025-jenny-erpenbeck-aller-tage-abend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2025\/04\/journal-mittwoch-16-april-2025-jenny-erpenbeck-aller-tage-abend.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 16. April 2025 &#8211; Jenny Erpenbeck, <i>Aller Tage Abend<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_erpenbecktage.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-107556\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_erpenbecktage.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"238\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jenny Erpenbecks Roman <i>Aller Tage Abend<\/i> von 2012 beginnt mit dem Tod eines S\u00e4uglings, eines kleinen M\u00e4dchens. Wir sind in Galizien Anfang des 20. Jahrhunderts, es war das erste Kind dieser Eltern. Die j\u00fcdische Mutter reagiert katatonisch, der christliche Vater flieht. Das Kapitel erz\u00e4hlt uns ausf\u00fchrlich den Hintergrund und die Geschichte der beiden.<\/p>\n<p>Es folgt das erste &#8220;Intermezzo&#8221;: Was, wenn das M\u00e4dchen durch einen rettenden Einfall <i>nicht<\/i> gestorben w\u00e4re? Und dann geht die Handlung mit dieser Variante ohne Todesfall weiter. Wieder war ich froh, kaum etwas \u00fcber den Roman zu wissen, so konnte mich diese Wendung \u00fcberraschen.<\/p>\n<p>Dieses Erz\u00e4hlmuster wiederholt sich: Wir folgen den Mitgliedern der Familie weiter in der Zeit (Wien vor dem Ersten Weltkrieg, Moskau in den 1930ern, DDR-Literaturszene), immer bis dieses M\u00e4dchen im Mittelpunkt, dann junge Frau, dann nicht mehr junge Frau, ums Leben kommt. Mal durch herzgebrochenen Suizid, mal durch politischen Mord, mal durch einen dummen Unfall. Dann gibt es wieder ein &#8220;Intermezzo&#8221;, das die Alternativen aufzeigt, mit denen dieser Tod nicht passiert w\u00e4re &#8211; und macht mit einer davon weiter. Manchmal gen\u00fcgt eine winzige Ver\u00e4nderung, um die Protagonistin weiterleben zu lassen, manchmal muss die Handlung erst Voraussetzungen umschichten, Beziehungen neu arrangieren, um das zu erm\u00f6glichen. Eine Erm\u00fcdung an diesem strukturellen Grundkonzept vermeidet die Handlung durch immer k\u00fcrzere Schleifen.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hltechnisch ist diese Variante des Multiversum-Ansatzes sehr spannend aufgebaut und gekonnt umgesetzt, folgerichtig in &#8220;B\u00fccher&#8221; I bis V aufgeteilt. Ich bewunderte das schriftstellerische Selbstbewusstsein, mit dem Erpenbeck diese herausfordernde Idee durchzieht, wie sie ihr Material und die Geschichten an jeder Stelle im Griff hat.<\/p>\n<p>Nur dass ich mich die Hintergr\u00fcnde, vor denen das spielte, nicht besonders interessierten. Schtetl-Judentum hatte ich k\u00fcrzlich in Joseph Roths <i>Hiob<\/i>, Revolutionszeit in Wien vor Erstem Weltkrieg in Raphaela Edelbauer, <i>Die Inkommensurablen<\/i>, der argumentative Irrsinn stalinistischer S\u00e4uberungen fesselte mich auch nicht ein weiteres Mal &#8211; aber daf\u00fcr kann Jenny Erpenbeck nun wirklich nichts. Was mich durchaus ansprach: Die Darstellung der Trauer um die Verstorbene, die einen breiten Raum einnimmt. Inklusive der Gegenwartsperspektive beim Betrachten der eigenen Existenz: Wie viele Zuf\u00e4lle brauchte es, damit ausgerechnet ich auf die Welt kam, wie unwahrscheinlich ist das eigentlich?<\/p>\n<p>Sprache: Erpenbeck hat&#8217;s wirklich drauf (Fachausdruck). Immer wieder spiegelt sich der Inhalt in sprachlichen Mitteln: Die Eint\u00f6nigkeit des Alltags im Pflegeheim in Wiederholungen, die an Litanei grenzen; die Absurdit\u00e4t kommunistischer Verfolgungsargumentation in ineiandergeschobenen Dialogen\/Briefen; der Hang zu Lyrik in Zeiten starker Verliebtheit.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Gut geschlafen, auch wenn ich zum Einschlafen das Fenster schlie\u00dfen musste: Die Gaudi einiger M\u00e4nner im Park vor meinem Schlafzimmer war selbst mit Ohrst\u00f6pseln zu laut.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250416_01_Portalklinik.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-107706\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250416_01_Portalklinik.jpg\" alt=\"Mond in Morgenhimmel \u00fcber modernem Geb\u00e4ude neben Park\" width=\"484\" height=\"427\" \/><\/a><\/p>\n<p>Morgenrosa mit Mond in die eine Richtung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250416_03_StMatthaeus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-107707\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250416_03_StMatthaeus.jpg\" alt=\"moderner Kirchturm vor rosa leuchtenden Wolken und hinter Park\" width=\"375\" height=\"479\" \/><\/a><\/p>\n<p>Morgenrosa mit St. Matth\u00e4us in die andere Richtung.<\/p>\n<p>Die angek\u00fcndigten 24 Grad H\u00f6chsttemperatur des Tages machten sich schon auf meinem Weg in die Arbeit durch dr\u00fcckende Milde bemerkbar.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250416_07_Beethovenpl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-107708\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250416_07_Beethovenpl.jpg\" alt=\"Rechteckiger wei\u00dfer Aufkleber auf einem Laternenpfahl, darauf die schwarze Zeichnung eines Hoody-Tr\u00e4gers mit Blumenstrau\u00df statt Kopf, hinter dem Pfahl ein Platz, den gerade ein blauer Linienbus kreuzt\" width=\"387\" height=\"430\" \/><\/a><\/p>\n<p>Laternenkunst am Beethovenplatz.<\/p>\n<p>Mittags fuhr ich mit der U-Bahn f\u00fcr eine berufliche Besorgung in die Innenstadt, jetzt war es deutlich zu warm f\u00fcr April. Die Innenstadt erwartbar voller Tourist*innen. Ich hatte einen Mittagscappuccino am Viktualienmarkt geplant, angesichts einer 20-k\u00f6pfigen Schlange am Stand gab ich das Vorhaben auf. Aber der Ausflug war eine willkommene Auflockerung des Arbeitstags. Und ich f\u00fchlte mich ohnehin den ganzen Tag \u00fcber innerlich zittrig wie nach zu viel Koffein.<\/p>\n<p>Zu Mittag gab es einen Apfel sowie Mango mit Sojajoghurt.<\/p>\n<p>Arbeitsreicher Nachmittag, erste Verabschiedungen in die Osterferien.<br \/>\nMeine Schwei\u00dfstinkephase will diesmal gar nicht mehr aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg mit kleineren Eink\u00e4ufen duftete mich der erste Flieder an &#8211; das war dann doch \u00fcberraschend schnell gegangen. Ich ging dunkel drohenden Wolken entgegen, aber das Regenversprechen wurde schnell zur\u00fcckgenommen. Auch f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage ist kein Tropfen angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Zu Hause Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitungen. Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Weizentortillas gef\u00fcllt mit Reis, schwarzen Bohnen, Fr\u00fchlingszwiebeln, Korianderkraut, dazu (w\u00e4ssrige) Guacamola. Sch\u00f6n s\u00e4ttigend. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Sehr fr\u00fch ins Bett, weil sehr m\u00fcde. Als neue Lekt\u00fcre startete ich Jeanette Winterson, <i>Oranges Are Not The Only Fruit<\/i>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Schwulen-B\u00fcrgerrechtsgeschichte, die Erinnerung daran ist wichtig:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/newsletter.falter.at\/nrvLQo1HwVxRhK\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier die Geschichte des 71-j\u00e4hrigen Wiener Wohnbauforschers Wolfgang F\u00f6rster, eines fr\u00fchen Aktivisten.<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Ende der 1970er-Jahre schaffte es der engagierte Schwule sogar bis ins Vorzimmer von Justizminister Christian Broda (SP\u00d6). Man riet F\u00f6rster, einen Verein zu gr\u00fcnden, der sich f\u00fcr die Rechte von Homosexuellen engagiert. &#8220;Als ich ihnen sagte, dass das doch verboten ist, hie\u00df es aus dem B\u00fcro des Justizministers, wir sollen es trotzdem tun. Sollte eine Anzeige kommen, so werde daf\u00fcr gesorgt, dass das Verfahren eingestellt wird.&#8221; So konnte F\u00f6rster gemeinsam mit anderen 1979 die &#8220;Homosexuellen Initiative&#8221; (HOSI), den ersten Schwulen- und Lesbenverband \u00d6sterreichs gr\u00fcnden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich kann mir nur vage vorstellen, wie viel Kraft und Mut damals n\u00f6tig waren, um als Schwuler f\u00fcr die eigenen Menschenrechte zu k\u00e4mpfen und sich sichtbar zu machen.<br \/>\n(Lesben habe ihre eigene Befreiungsgeschichte, nur manchmal parallel und zusammen mit Schwulen.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Interessante ARD-Doku:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/auf-spurensuche-oder-ard-wissen\/neurodiversitaet-wie-normal-ist-anders\/br\/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9mYzVlYmE0Zi1iOTY1LTQxMjEtYTBlZi0wM2M5OTBiYTgzMjZfb25saW5lYnJvYWRjYXN0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Neurodiversit\u00e4t \u00b7 Wie normal ist anders?&#8221;<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/4cacbc6b7e9c474bbf2c4a2cadbe7e78\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenny Erpenbecks Roman Aller Tage Abend von 2012 beginnt mit dem Tod eines S\u00e4uglings, eines kleinen M\u00e4dchens. 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