{"id":10785,"date":"2011-03-20T10:32:23","date_gmt":"2011-03-20T09:32:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=10785"},"modified":"2021-02-11T09:08:32","modified_gmt":"2021-02-11T08:08:32","slug":"mein-1986-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/03\/mein-1986-teil-3.htm","title":{"rendered":"Mein 1986 &#8211; Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/02\/mein-1986-teil-1.htm\">Zu Teil 1.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/02\/mein-1986-teil-2.htm\">Zu Teil 2.<\/a><\/p>\n<p><b>Volontariat bei der Zeitung<\/b><\/p>\n<p>Das Bewerbungsgespr\u00e4ch muss stattgefunden haben, als ich noch zur Schule ging. Dass Journalismus etwas f\u00fcr mich sein k\u00f6nnte, hatte mein Altgriechischlehrer getippt, als er mich auf die Frage nach Zukunftspl\u00e4nen ratlos fand: \u201eSie sind doch so vielseitig interessiert.\u201c Zwar hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt genau einen Artikel geschrieben und ver\u00f6ffentlicht, eine kleine Glosse in der Sch\u00fclerzeitung, aber: Warum eigentlich nicht? Der einzige Ausbilder, der mir daf\u00fcr einfiel, war die \u00f6rtliche Regionalzeitung, bei der seit einem Jahr ein Pfadfinderfreund Volont\u00e4r war. Zwar las ich zu dieser Zeit bereits regelm\u00e4\u00dfig die <i>Zeit<\/i> und den <i>Spiegel<\/i>, doch mich dort zu bewerben lag mir so fern wie die Beantragung der englischen Krone: Ich kam buchst\u00e4blich nicht auf die Idee. Dass es sowas wie Journalistenschulen gab, wusste ich nicht.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich zwar nicht an das Schreiben der Bewerbung, doch an die Minuten, in denen ich vor dem B\u00fcro des Chefredakteurs auf das Vorstellungsgespr\u00e4ch wartete. Und dass ich mich als daf\u00fcr passende Kleidung f\u00fcr mein Dirndl entschieden hatte &#8211; nein, ich wei\u00df wirklich nicht mehr, wie ich darauf kam.<\/p>\n<p>Irgendwas scheint in diesem Bewerbungsgespr\u00e4ch richtig gelaufen zu sein, denn ich bekam eine der allerdings nicht wenigen Volont\u00e4rsstellen: Die Redaktion bestand damals zu ca. 25 Prozent aus preisg\u00fcnstigen Volont\u00e4ren, zu dieser Zeit noch haupts\u00e4chlich frisch von der Schule.<\/p>\n<p>Ziemlich kurz nach der Abiturfeier schnitt mir der Friseur die Haare ab. Ich erinnere mich an den Plan, mir bis zum Abitur die Haare wachsen zu lassen, ebenso wie ich sie sp\u00e4ter bis zur Magisterpr\u00fcfung wachsen lie\u00df. Um sie danach befreienderweise abschneiden zu lassen.<\/p>\n<p>1986 sah das Ergebnis so aus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/7_Kurze_Haare.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/7_Kurze_Haare.jpg\" alt=\"\" title=\"7_Kurze_Haare\" width=\"386\" height=\"497\" class=\"alignnone size-full wp-image-10733\" \/><\/a><\/p>\n<p>Direkter verbunden mit dem Zeitungsvolontariat war der Erwerb eines Autos von dem Geld, das ich in der Fabrik verdient hatte. Da ich fast ein Jahr meiner Ausbildung in der Lokalredaktion in Eichst\u00e4tt verbringen sollte, wollte ich selbstst\u00e4ndig mobil sein. Meine Wahl fiel auf einen C-Kadett in Orange, der meiner Erinnerung nach heftige 900 Mark kostete, aber wirklich gut in Schuss war.<\/p>\n<p>Mein Volontariat begann am 1. September mit einem Monat in der so genannten Kreisredaktion: Dort wurden die Seiten f\u00fcr alle Lokalausgaben au\u00dfer der der Zeitungsstadt gebaut. Das Material lieferten die Lokalredaktionen zu \u2013 die von den Redakteuren und Redakteurinnen selbst erstellten Artikel kamen \u00fcber die Telefonleitung von Computer zu Computer auf den Bildschirm, die Manuskripte der freien Mitarbeiter zum gro\u00dfen Teil auf Papier. Fotos wurden alle per Kurier angeliefert, meist als entwickeltes Schwarz-Wei\u00df-Negativ, manchmal als Papierabzug, hatte aber der Termin sehr sp\u00e4t am Nachmittag stattgefunden, auch als unentwickeltes Negativ.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df also zum ersten Mal vor einem Computer, \u201eTerminal\u201c genannt weil ohne eigene Festplatte und \u00fcber eine zentralen Unix-Rechner laufend (die Begriffe \u201eFestplatte\u201c und \u201eUnix\u201c lernte ich zugegebenerma\u00dfen erst viele Jahre sp\u00e4ter). Die sehr hilfsbereiten und freundlichen Kollegen brachten mir die Grundz\u00fcge des Redigierens und des Seitenumbruchs auf Papier bei, machten mich mit EDV-System und mit der Organisationsstruktur der Zeitung vertraut. Zu meiner gro\u00dfen Erleichterung wurde nicht erwartet, dass ich Schreibmaschinenschreiben konnte (das hatte ich mir irgendwie eingebildet und sogar ein paar Lernversuche mit Hilfe von Mutters Schulb\u00fcchern unternommen). Das erste, was ich an meinem ersten Arbeitstag sah, waren alteingesessene Redakteure, die mit \u00fcber die Tastatur gesenktem Kopf wie die Berserker mit zwei Fingern auf die Tasten h\u00e4mmerten &#8211; die mechanischen Schreibmaschinen, die diesen Kraftaufwand erfordert hatten, standen zum Teil noch herum (brauchte man ja auch noch f\u00fcr Briefe etc., Drucker gab es n\u00e4mlich nicht).<\/p>\n<p>Als die erste von mir geschriebene Polizeimeldung mitgenommen wurde, bilde ich mir ein, dass ich in der Druckerei (im Nebengeb\u00e4ude) auf das gedruckte Zeitungsexemplar wartete &#8211; aber das mag ich mir zur Selbstmythologisierung einreden.<\/p>\n<p>Von Anfang an haute ich mich mit Verve in diesen Job, war v\u00f6llig fasziniert, sog jedes Detail auf, blieb selbstverst\u00e4ndlich so lange wie die Kollegen und holte mir so viele Aufgaben, wie ich nur konnte.<\/p>\n<p>Das setzte sich im Oktober fort, als ich in die Lokalredaktion nach Eichst\u00e4tt kam: Ich griff mir alles an Terminen, was man mich lie\u00df, so bald wie m\u00f6glich auch Sonntags- und Wochenenddienste (die, wenn ich mich recht erinnere, Volont\u00e4re im ersten Ausbildungsjahr theoretisch gar nicht machen durften). An Heilig Abend musste bei der Christmette im Dom fotografiert werden? Hier! War ja auch eine gute Gelegenheit, die Familienpflichten abzuk\u00fcrzen (Sie erinnern sich: Ich stand zu dieser Zeit mit meinen Eltern gar nicht gut.)<\/p>\n<p>Ich lernte nicht nur, wie herzlich Siez-Verh\u00e4ltnisse sein k\u00f6nnen (der Redaktionsleiter war ein sehr korrekter, aber ungemein humorvoller Herr aus dem Norden der Republik), sondern auch Themen zu finden, Artikel zu schreiben, zu recherchieren (per Telefon, im Archiv), ein bisschen zu fotografieren mit einer der mittelalten, redaktionseigenen Spiegelreflexkameras, Negative zu entwickeln, die Priorit\u00e4ten des Lokaljournalismus zu begreifen (Enth\u00fcllungsstory \u00fcber Asbestbelastung in \u00f6rtlichen Kinderg\u00e4rten &#8211; keine Reaktion; Name des Sch\u00fctzenk\u00f6nigs falsch geschrieben &#8211; Shitstorm).<\/p>\n<p>Weitere Erinnerungen an die Gestalten in den Redaktionen des Blattes habe ich schon mal <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/12\/redaktionsgestalten.htm\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/12\/redaktionsgestalten-2.htm\">hier<\/a> aufgeschrieben.<\/p>\n<p>Jungvolo Kaltmamsell in Redaktion Eichst\u00e4tter Kurier:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/9_zeitung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/9_zeitung.jpg\" alt=\"\" title=\"9_zeitung\" width=\"354\" height=\"409\" class=\"alignnone size-full wp-image-10735\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Redaktion lag \u00fcber einer Buchhandlung, die mit der Zeitung irgendwie verbandelt war und bei der es f\u00fcr Zeitungsangestellte Prozente gab. Raten Sie mal, was ich mit meinen Unsummen Volont\u00e4rsgehalt tat. (Ich bin mir ziemlich sicher, dass das im zweiten Volont\u00e4rsjahr 1.600 Mark brutto waren &#8211; f\u00fcr jemanden, die bis dahin 50 Mark Taschengeld im Monat bekommen hatte, f\u00fchlte sich das ernsthaft wie die Goldsch\u00e4tze eines Dagobert Duck an.)<\/p>\n<p><b>Die erste eigene Wohnung<\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war v\u00f6llig klar, dass ich f\u00fcr den Job in Eichst\u00e4tt in eine eigene Wohnung ziehen w\u00fcrde, ich wollte dringend raus aus meinem Elternhaus. Vermutlich \u00fcber die Anzeigen in der eigenen Zeitung fand ich im Eichst\u00e4tter Buchtal ein m\u00f6bliertes Zimmer unterm Dach (Fenster rechts oben).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/8_Eichstaett.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/8_Eichstaett.jpg\" alt=\"\" title=\"8_Eichstaett\" width=\"375\" height=\"555\" class=\"alignnone size-full wp-image-10734\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mein Bett brachte ich selber mit (aus meinem Kinderzimmer), ansonsten nutzte ich die K\u00fcche (mittleren beiden Fenster) mit der Krankenschwester im gegen\u00fcberliegenden Dachkammerl, das Bad mit ihr und einer alten Dame, die ebenfalls auf dem Stockwerk wohnte und als Tante Anni irgendwie mit den Vermietern verwandt war.<\/p>\n<p>Selbstwohnen war von Anfang an absolute Seligkeit f\u00fcr mich, Alleinsein richtige Erholung. Meine Erstausstattung an Geschirr, T\u00f6pfen, Handt\u00fcchern, Besteck bestand aus Abgelegtem aus Elterns Keller, auf Flohm\u00e4rkten f\u00fcllte ich die L\u00fccken. G\u00e4ste in der eigenen Wohnung zu haben, Freunde in deren eigener Wohnung oder WG zu besuchen genoss ich sehr.<\/p>\n<p>Wie aufregend das Selbstversorgen und Einkaufen war! Erst einmal holte ich mir in der K\u00fchltheke des Supermarkts alles an Fertigprodukten, was meine Mutter mir mit dem Argument verwehrt hatte, das k\u00f6nne mal selber billiger machen: Wackelpudding, Grie\u00dfpudding, Schokoladenpudding etc. Aber gleich von Anfang an zeigte sich, dass ich am l\u00e4ngsten und mit am meisten Appetit an den Gem\u00fcseauslagen h\u00e4ngenblieb: Ich hatte im Abiturjahr durch einen Restaurantbesuch chinesische K\u00fcche entdeckt und chinesisierte erst mal gebratene Gem\u00fcsest\u00fccke durch Sesam\u00f6l und Sojaso\u00dfe. Mein zweites, selbst entwickeltes Standardgericht war eine scharfe Spaghettiso\u00dfe aus Speck, Knoblauch, Tomatenp\u00fcree und Oregano.<\/p>\n<p>Um diese Zeit verschwand mein zu Schulzeiten deutlicher Fr\u00fchst\u00fcckshunger. In den ersten Wochen holte ich mir morgens auf dem Weg in die Redaktion noch ein Nussh\u00f6rnchen (nach dem Aufstehen hatte ich lediglich eine Kanne Schwarztee mit Milch getrunken), doch bald hatte ich auch darauf keine Lust mehr.<\/p>\n<p>Ende des Jahres wurde ich &#8211; f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse &#8211; ziemlich krank. Die gro\u00dfen Schmerzen in H\u00fcftgegend stellten sich als Nierenentz\u00fcndung heraus, die Untersuchung dieser wiederum brachte zutage, dass mir auch eine angeborene H\u00fcft-Fehlstellung und eine verwachsene, verkn\u00f6cherte Lendenwirbels\u00e4ule Schmerzen bereiteten. Ich begann die erste Krankengymnastik meines Lebens.<\/p>\n<p><b>Vergessene Schnipsel<\/b><\/p>\n<p>Es war wirklich ein volles Jahr, mein 1986. Zu den Dingen, die ich beim halbwegs chronologischen Aufschreiben vergessen habe, geh\u00f6ren diese beiden.<\/p>\n<p>Anfang des Jahres arbeitete ich noch in einer Kneipe als Bedienung. Sie geh\u00f6rte Nachbarn meiner Eltern, und dort lernte ich nicht nur Kopfrechnen, sondern machte auch Bekanntschaft mit seltsamen Getr\u00e4nken wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Laternma%C3%9F\" target=_\"new\">Latern\u2018<\/a> und Colaweizen (ein Stammgast bestellte es immer mit einem Schuss Maracujasaft).<br \/>\nNach einer besonders langen Schicht (es hatte eine Countryband gespielt &#8211; hey, ich war mir nie f\u00fcr harte Arbeit zu schade) war mein Fahrrad fort und gestohlen. Ich musste auch noch eine halbe Stunde zu Fu\u00df nach Hause gehen. Wenn Fl\u00fcche wirken, wurde der Dieb nie wieder seines Lebens froh.<\/p>\n<p>Und dann war da noch das winterliche Bad im Baggersee. Es war Januar und mein Freundinnenkreis im Abiturjahrgang hing richtig durch: Wir begannen zu ahnen, wie viel Stoff wir zur Abiturpr\u00fcfung k\u00f6nnen mussten, wurden davon schier erschlagen, und \u00fcberhaupt &#8211; wie sollte es danach weitergehen? Doch wir waren kluge M\u00e4dchen und kamen auf eine L\u00f6sung: Wir mussten etwas v\u00f6llig Bescheuertes tun. Zum Beispiel im Bagersee Baden gehen. Die Stimmung hellte sofort auf. Am vereinbarten Samstagvormittag fuhren wir im von Eltern geliehenen Auto an unsere gewohnte Badestelle an den Baggersee. Der Haken: Es hatte zwar seit einigen Tagen getaut, aber nicht genug, um die Eisschicht auf dem Wasser zu beseitigen. Hier konnten wir nicht baden. Also fuhren wir an den Bachzulauf des Sees, sprangen im Badeanzug aus dem Auto, liefen ins Wasser, tauchten einmal kreischend unter und wickelten uns zur\u00fcck im Auto in die mitgebrachten Badem\u00e4ntel. War eine gute Idee.<\/p>\n<p>Ob ich das Turniertanztraining 1986 aufgab oder bereits 1985, wei\u00df ich nicht mehr. Mein Tanzpartner aber blieb f\u00fcr viele Jahre ein sehr guter Freund. Leider habe ich jede Spur von ihm verloren. Ich lege mal eine solche Spur ins Internet: Robert Amler, bist du irgendwo da drau\u00dfen? <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/0bfb1de5031543c799caae34a5338358\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Teil 1. Zu Teil 2. Volontariat bei der Zeitung Das Bewerbungsgespr\u00e4ch muss stattgefunden haben, als ich noch zur Schule ging. 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