{"id":1092,"date":"2005-11-20T09:31:21","date_gmt":"2005-11-20T08:31:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1092"},"modified":"2025-11-26T17:06:22","modified_gmt":"2025-11-26T16:06:22","slug":"eiserne-bande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/11\/eiserne-bande.htm","title":{"rendered":"Eiserne Bande"},"content":{"rendered":"<p>Welch erstaunlich gro\u00dfe und unausschaltbare Verbohrtheit und Verbissenheit mir zur Verf\u00fcgung stehen um zu verhindern, dass ich mich wohlf\u00fchle oder gar am\u00fcsiere. Die Versp\u00e4tung des Zuges ziehe ich nicht dazu heran, das ist gewohnt und vertraut. \u00c4rger und Verachtung setze ich erst ab dem Taxifahrer in seinem rauchverstunkenen Wagen ein. Der alte Mann \u00fcbersieht mein Signal, auf der R\u00fcckbank Platz zu nehmen, beginnt eine Unterhaltung. Erkl\u00e4rt den Radiosender und die Eishockey-\u00dcbertragung, berichtet \u00fcber das Wetter der vergangenen Wochen, als sei ich eine Reisende von einem anderen Erdteil, obwohl bereits mein Akzent verr\u00e4t, dass ich aus derselben Gegend stamme. Fragt nach meiner Vergangenheit und meiner gegenw\u00e4rtigen Position. Endlich schweigt er. Ich bemerke selbst in der Dunkelheit, dass die Kirschb\u00e4ume an der vertrauten Landstra\u00dfe verschwunden sind, von denen ich als Schulkind Kirschen klaute (vermutlich war es sogar erlaubt, die Fr\u00fcchte f\u00fcr den Eigenbedarf zu ernten, aber damals war es mir lieber, mich als Kirschendiebin zu sehen). Um an die schweren \u00c4ste zu gelangen, musste ich mein Fahrrad an den Stamm lehnen und auf den Sattel steigen. Jetzt sind die B\u00e4ume weg. Dann kennt der Taxler die Adresse nicht: \u201eI hob gmoant, Sie war\u2019n do scho moi.\u201c Nein war ich nicht, als ich das letzte Mal in dieser Gegend war, war der Vorort nur halb so gro\u00df. Der Taxler irrt durch den Ort, jedes entgegen kommende Auto beleuchtet seinen flusigen Haarkranz wie einen Heiligenschein. Mobiltelefonisch versuche ich den Gastgeber zu erreichen, zweimal gerate ich an seine kleinen Kinder, die gleich wieder auflegen, bis ich endlich die Frau des Hauses erwische, sie dem Taxifahrer weiterreiche, damit sie ihn lotsen kann. Eine Zeit lang halte ich aus, dass der Mann so laut ins Telefon ruft, als versuche er, auch ohne den Apparat geh\u00f6rt zu werden, dann fahre ich ihn doch an: \u201eJetzt schrein\u2019S doch net so.\u201c Die Hausnummer findet er trotz meiner Hinweise nicht. Ich bitte ihn, mich einfach rauszulassen, das letzte St\u00fcck laufe ich, danke stimmt so. Das frisch erbaute Eigenheim, fester Meilenstein in der Lebensplanung meiner hiesigen Altersgenossen, dieses wie alle umstehenden im bonbonfarbenen Las-Vegas-Toskana-Stil. Meine Entschlossenheit, alles furchtbar und die Mitabiturienten, mit denen ich hier das n\u00e4chstj\u00e4hrige Klassentreffen plane, doof zu finden. Die eine wundersch\u00f6n und frisch geschieden. Der andere zum wichtigen Obermanager des \u00f6rtlichen Gro\u00dfkonzerns aufgestiegen; vor lauter Feistigkeit inzwischen halslos. Tratsch: Sein gr\u00f6\u00dferer Bruder, als ich 15 war mein erster Freund, hat eben seine Familie nach 20 Jahren verlassen, wegen einer anderen Frau, mit der er seit drei Jahren ein Verh\u00e4ltnis hat. Der halslose Bruder erz\u00e4hlt, dass er nun f\u00fcr seine Familie gestorben ist. Doch dann der weitere Mitabiturient, gutm\u00fctig, besonnen, immer noch hilflos \u00fcber den k\u00fcrzlichen Tod seiner Mutter. Der f\u00fcnfte im Bunde, dem man schon zu Abiturzeiten die vielen N\u00e4chte als Musiker in der Blaskapelle seines Dorfes oder am Kartentisch ansah, jetzt Vater von vier Kindern, immer noch im selben Dorf. Die beiden letzteren brechen meinen Widerstand ein wenig, knacken die eisernen Bande um mein Herz an durch ihr Wohlwollen, ihre G\u00fcte. Doch dann das beschissene dritte Glas Rotwein, das zu viel war. Seit ein paar Jahren lehnt mein K\u00f6rper hin und wieder Alkohol energisch ab. Diesmal weckt er mich um f\u00fcnf Uhr morgens mit Kopfweh, wie gewohnt gefolgt von entsetzlicher \u00dcbelkeit. Vomex und Aspirin in der K\u00fcche des Elternhauses (damit die Eltern nicht durch Betriebsamkeit im Bad neben ihrem Schlafzimmer geweckt werden). Ab dann vier Stunden \u00dcbelkeitsfolter im harten Bett, Medikamente samt Wasser wieder von mir gegeben, gequ\u00e4lte Gedankenschleifen \u201eohgottohgottohgott\u201c, \u201ebittebittebitte\u201c, \u201eneinneinnein\u201c. Lang nach Sonnenaufgang endlich \u00fcbelkeitsbefreiter Schlaf. Aufstehen erst um 12 Uhr, ich f\u00fchle mich um den Vormittag mit meinen Eltern betrogen. 40 Minuten zu Fu\u00df zur Verabredung in der Stadt, mein Vater begleitet mich. Er erz\u00e4hlt und erz\u00e4hlt, vom Treffen mit den ehemaligen Arbeitskollegen, wie er sich als Rentner in die Firma geschmuggelt hat, von jedem der Ex-Kollegen, wie die Sicherheitssysteme funktionieren, wie seine Mitarbeiter fr\u00fcher versucht haben, ihn auszutricksen und wie er ihnen draufgekommen ist. Er ist mir so zugeneigt und liebevoll, fragt nach mir, hakt nach, wittert nicht mehr in allem einen Angriff. Und doch scheint mir unbegreiflich, dass der grauhaarige, gedrungene Mann, der da mit wiegenden Schritten neben mir geht, mein Vater ist. \u00dcber den D\u00e4chern der Stadt vergisst mein K\u00f6rper mit den Stunden, dass er eigentlich angegriffen ist, mein Magen l\u00e4sst das Beleidigtsein, die eisernen Bande um mein Herz lockern sich, das Fremdeln gibt sich. Abends durch die dunkle Innenstadt zum Rathausplatz. Ganz wenig ist geblieben, fast alles anders und neu. Im Bus nach langem mal wieder gezahlt, denn diese Stadt ist nicht von meiner Netzkarte abgedeckt. Nur 15 Minuten bis zum n\u00e4chsten Zug. Richtung M\u00fcnchen immer mehr Schnee. Ich komme als eine etwas andere heim.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welch erstaunlich gro\u00dfe und unausschaltbare Verbohrtheit und Verbissenheit mir zur Verf\u00fcgung stehen um zu verhindern, dass ich mich wohlf\u00fchle oder gar am\u00fcsiere. 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