{"id":10963,"date":"2011-03-15T11:21:43","date_gmt":"2011-03-15T10:21:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=10963"},"modified":"2012-02-22T08:51:29","modified_gmt":"2012-02-22T07:51:29","slug":"ein-langes-dichtes-wochenende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/03\/ein-langes-dichtes-wochenende.htm","title":{"rendered":"Ein langes, dichtes Wochenende"},"content":{"rendered":"<p><b>Samstag<\/b><\/p>\n<p>Mit dem Morgenkaffee vor mir suchte ich auf allen Kan\u00e4len nach Japan-Infos. Da mich das schnell \u00fcberforderte, ging ich Kleinigkeiten einkaufen und machte mich auf zum Schwimmen. Gl\u00fccklicherweise sah ich schon jetzt, dass das Olympiabad n\u00e4chsten Samstag von einer Veranstaltung belegt sein wird.<\/p>\n<p>Solange ich noch au\u00dferhalb der Nass-Zone war, checkte ich zehnmin\u00fctlich meinen Twitter-Stream nach Neuigkeiten. Langsam sch\u00e4lte sich heraus, dass zum ersten Mal meine pers\u00f6nliche Twitter-Timeline von Hysterie dominiert war statt von sachlichen Hinweisen auf Informationen und von Anteilnahme. Mit Hysterie meine ich: Alles, was auf eine atomare Katastrophe hinwies, wurde wahllos weiterverbreitet, inklusive auch noch so konstruierter Bez\u00fcge zu Deutschland. Hinweise auf die prim\u00e4ren Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami und auf die Schicksale der Bewohner fand ich nur vereinzelt und fast ausschlie\u00dflich in US-amerikanischen Tweets.<\/p>\n<p>Meine 3.000 Meter schwamm ich besonders versunken ab (<i>pun intended<\/i>). Vor allem versunken in Gr\u00fcbeleien, woher zum Teufel Japan denn sonst die f\u00fcrs High-Tech ben\u00f6tigten immensen Mengen Strom h\u00e4tte herkriegen sollen, ein Land praktisch ohne Rohstoffe. Weitergegr\u00fcbelt, dass das Problem nicht in der Stromerzeugung, sondern beim Strombedarf liegt. Mir der L\u00e4cherlichkeit dieser Erkenntnis bewusst worden, wo ich doch gerade in einem Hallenbad schwamm, dessen Energiebedarf ich mir lediglich ansatzweise vorstellen konnte.<\/p>\n<p>Zum fr\u00fchst\u00fccklichen Mittagessen gab es eine zweite Runde <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/03\/warmschreiben-furs-tagebuchbloggen.htm#comment-190414\">Baroda Dal Dhokli<\/a>. Das wird ziemlich sicher ein Liebling.<\/p>\n<p>Ich las Buch und Internet, lie\u00df mich aber immer wieder von den Sondersendungen auf ARD und ZDF unterbrechen. Auch im Fernsehen \u00fcberwog bei weitem die Berichterstattung \u00fcber die Atomreaktoren inklusive Bezug zu Deutschland \u2013 aufgrund deutscher Befindlichkeiten und Historie zwar erkl\u00e4rbar, f\u00fcr mich dennoch befremdend. Ich klappte mein B\u00fcgelbrett auf, b\u00fcgelte mich durch ein mittleres Gebirge und lie\u00df mir weiter auf verschiedenen Fernsehsendern das Neueste aus Japan samt Einsch\u00e4tzung erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Abends Essenseinladung bei Menschen, deren Existenz ich ohne Internet nicht einmal erahnen w\u00fcrde, und die ich nie im Leben ohne dieses Webdings getroffen h\u00e4tte. Viele K\u00f6stlichkeiten, \u00f6sterreichische Weine mit Geschichte, Einblicke in Leben und Vergangenheit, neue Wissensjuwelen (u.a. dass die Feuerwehr brennende Reetd\u00e4cher nicht etwa mit Wasser l\u00f6scht, sondern das brennende Reet mit Haken vom Dach holt \u2013 nein, ICH wusste das nicht), Entdeckung eines bislang unbekannten M\u00fcnchner Stadtteils, gro\u00dfes Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Nacht war richtig mild \u2013 so mild, wie man gut 10 Grad vermutlich nur nach diesem langen, bitteren Winter empfinden kann.<\/p>\n<p><b>Sonntag<\/b><\/p>\n<p>Das mit dem Ausschlafen klappt auch weiterhin nicht, auch nicht nach langen N\u00e4chten. Nu, nutzte ich die Gelegenheit noch zu einem kleinen Isarlauf, an dessen Ende ich ein paar Bahnen durchs Krokusmeer des Alten S\u00fcdfriedhofs schwamm.<\/p>\n<p>Kernschmelze begonnen, keine Kernschmelze in Sicht, Kernschmelze au\u00dfer Kontrolle, Kernschmelze durch K\u00fchlung verhindert etc. ad inf.<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Packen f\u00fcr Besuch bei Eltern: Ich hatte in den vergangenen Wochen mal wieder Kleidung aussortiert (zu eng geworden, hat mir noch nie wirklich gefallen, kann ich nicht mehr sehen, zu eng geworden), die ich wie immer meiner Mutter bringen wollte, auf dass sie sich daran bediene und den Rest dem Altkleidercontainer zuf\u00fchre.<\/p>\n<p>Voll bepackt im Zug nach Augsburg zu Schwiegermutters Geburtstag, dortselbst Verwandtschaft inklusive meiner Eltern plus Berge von selbst gemachten Kuchen und Torten, darunter sogar astreine Buttercreme.<\/p>\n<p>Autofahrt mit Eltern in die Geburtststadt. Dazu statt Konversation konzentriertes Lauschen auf Radionachrichten. Schwerpunkt auch des Bayrischen Rundfunks: Die Atomkraftwerke, so gut wie keine Informationen hingegen \u00fcber Opferzahlen, Versorgungslage, Nachbeben.<\/p>\n<p>Abend bei Elterns mit Sondersendungen und Polizeiruf vor dem Fernseher.<\/p>\n<p><b>Montag<\/b><\/p>\n<p>Dank fr\u00fchem Einschlafen passte bis zum Aufwachen zu Vogelgezwitscher gen\u00fcgend Schlaf (merken!). Geratsche und Geplauder mit meiner Mama \u00fcber Kaffee und Zeitung, w\u00e4hrend mein Vater im Fitnessstudio war. Sie machte mir Vorschl\u00e4ge zur Versch\u00f6nerung meines Schlafzimmers \u2013 alle ganz ausgezeichnet. Es wird auf einen Teppich unterm Bett hinauslaufen sowie auf eine Stoffbahn in Bettbreite an der Wand hinterm Bettkopf. Daf\u00fcr hatte sie mir bereits Stoffe und Teppiche in Katalogen und Wohnzeitschriften herausgesucht.<\/p>\n<p>Der vordergr\u00fcndige Zweck meines Besuchs war aber der Erwerb neuer Aerobicschuhe gewesen (in den alten stehe ich bereits fast zur H\u00e4lfte au\u00dfen neben der Sohle). Nach der 10-Uhr-Sondersendung im ZDF machten wir uns also auf den Weg ins Einkaufs- und Industriegebiet (die Stadt scheint mittlerweile praktisch ausschlie\u00dflich aus Einkaufs- und Industriegebieten zu bestehen); in einem dortigen Sportgesch\u00e4ft hatte ich bereits meine j\u00fcngsten Laufschuhe gekauft. Doch weder dort noch in einem weiteren Riesenladen vor den Toren der Stadt fand ich wirklich passende H\u00fcpfschuhe \u2013 lernte allerdings aus der freundlichen und ausf\u00fchrlichen Beratung unter anderem, dass die halbhohen Aerobicschuhe immer weniger werden, weil der Halt heutzutage aus speziellen Sohlen kommt, und dass meine Einlagen, die ich explizit als Sporteinlagen bekommen habe, genau f\u00fcr Sport ungeeignet sind (rutschige Oberfl\u00e4che).<\/p>\n<p>Im Regionalzug heim nach M\u00fcnchen f\u00fchlte ich mich wie die in meiner Familie sprichw\u00f6rtliche <i>tonta del pueblo<\/i>, so reich bepackt war ich mit spanischen landwirtschaftlichen Lebensmitteln (spanische Freunde meiner Eltern waren gerade aus Andalusien gekommen). An mir hingen T\u00fcten mit Zitronen, Orangen, Chorizo, Morcilla, Schinkenknochen, in einer Hand trug ich einen 5-Liter-Plastikkanister mit Oliven\u00f6l aus <a href=\"http:\/\/www.urracal.es\/\" target=_\"new\">Urracal<\/a> (doch, das gibt\u2019s wirklich). Fehlte eigentlich nur noch der K\u00e4fig mit den lebendigen H\u00fchnern.<\/p>\n<p>Da ohnehin noch der Putzmann in der Wohnung zugange war (er hatte anl\u00e4sslich des sensationellen Wetters auch die Fenster geputzt), gab ich dem Turnschuhkauf in der M\u00fcnchner Innenstadt eine weitere Chance \u2013 mit Erfolg. Die n\u00e4chsten beiden H\u00fcpfjahre sind gesichert.<\/p>\n<p>Vorbereitung des Abends mit Leserunde bei uns. Der zu beredende Roman, <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> von Hans Scholz, erschienen 1955, spielt in einem Berliner Club der Nachkriegszeit, und so stellten der Mitbewohner und ich einige der dort genannten Speisen (Gefl\u00fcgelsalat, G\u00fcrkchen) und Getr\u00e4nke (White Lady, Henkell trocken, Canadian Club) bereit, dazu passend K\u00e4sespie\u00dfchen, Cr\u00e4cker, Salzbrezeln. Einige Mitleser waren zwar nicht rechtzeitig an den vergriffenen Roman gekommen, um ihn \u00fcberhaupt lesen zu k\u00f6nnen, lie\u00dfen sich aber von der Leidenschaft der Fans des Romans mitrei\u00dfen. Wir feierten, dass es dem Jockey-Club zur Ehre gereicht h\u00e4tte. Allerdings nicht bis halb acht morgens, sondern nur bis halb elf abends. Die Rolle der ernsten Note spielte das Thema Japan: Vier der Mitlesenden hatten Japan bereist oder sogar dort gelebt.<\/p>\n<p>Zum Roman gibt es hier sicher noch Details, doch vorab schon die Frage an die werten Leserinnen und Leser: Wie finde ich wohl heraus, welcher Verlag die Rechte an Hans Scholz, <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree \u2013 So gut wie ein Roman<\/i> besitzt? 1955 kam er bei Hoffmann und Campe heraus. Ich w\u00fcrde zu gerne eine Neuauflage anregen &#8211; wohl wissend, dass die Stimme einer einzelnen begeisterten Leserin wenig ausrichten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag Mit dem Morgenkaffee vor mir suchte ich auf allen Kan\u00e4len nach Japan-Infos. Da mich das schnell \u00fcberforderte, ging ich Kleinigkeiten einkaufen und machte mich auf zum Schwimmen. Gl\u00fccklicherweise sah ich schon jetzt, dass das Olympiabad n\u00e4chsten Samstag von einer Veranstaltung belegt sein wird. 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