{"id":10973,"date":"2011-03-16T11:32:43","date_gmt":"2011-03-16T10:32:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=10973"},"modified":"2013-12-01T11:33:05","modified_gmt":"2013-12-01T10:33:05","slug":"hans-scholz-am-grunen-strand-der-spree","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/03\/hans-scholz-am-grunen-strand-der-spree.htm","title":{"rendered":"Hans Scholz, <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/110314_Strand_Spree.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/110314_Strand_Spree.jpg\" alt=\"\" title=\"Am gr\u00fcnen Strand der Spree\" width=\"415\" height=\"349\" class=\"alignnone size-full wp-image-10974\" \/><\/a><\/p>\n<p>(Kurz bevor die Leserunde eintraf. Arrangement soll eine 50er-Atmosph\u00e4re simulieren, der Gefl\u00fcgelsalat wird explizit erw\u00e4hnt.)<\/p>\n<p>Auf <i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> als Lekt\u00fcre unserer Leserunde brachte uns ein <i>SZ<\/i>-Artikel zum 100. Geburtstag von Hans Scholz. Nachkriegsberlin als Ort eines Episodenromans von 1955 klang interessant. Und nun verzeichne ich einen neunen Meilenstein in meiner pers\u00f6nlichen Lesegeschichte.<\/p>\n<p>(Warnung: Der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Am_gr%C3%BCnen_Strand_der_Spree\" target=_\"new\">Wikipedia-Eintrag gleichen Titels<\/a> bespricht die Fernsehverfilmung von 1960 und verr\u00e4t alles.)<\/p>\n<p>Der Rahmen der Handlung ist ein Treffen alter Freunde in einer westberliner Bar der fr\u00fcheren 50er. Der Erz\u00e4hler ist ein Hans Schott, der den Auftrag hat, den aus russischer Kriegsgefangenschaft zur\u00fcckgekehrten Hans-Joachim Lepsius aufzumuntern \u2013 muss dieser doch nach den Grauen der vorhergegangenen Jahre auch noch das Scheitern seiner Ehe verarbeiten.<\/p>\n<p>In dieser Bar, dem Jockey-Club (unbedingt deutsch auszusprechen), ist die Stimmung zun\u00e4chst ein wenig steif. Aber schon in dieser Phase erinnerte mich die Art der sprachlichen Launigkeit sehr an Walter Kempowskis <i>Tadell\u00f6ser &#038; Wolff<\/i>; im weiteren Verlauf des Romans erklingt dann auch \u201eimmerhinque!\u201c. Die Herren haben sich als Programm vorgenommen, einander Geschichten zu erz\u00e4hlen. Lepsius hat die Aufzeichnungen des gemeinsamen Freundes J\u00fcrgen Wilms dabei, den er in russischer Gefangenschaft zur\u00fccklassen musste. Er liest sie vor: Polnische Naturidylle Ende der 30er wechselt sich mit der Schilderung von Grausamkeiten gegen die \u00f6rtlichen Juden ab, mit derselben Detailgenauigkeit und Empathie. Unterbrochen werden diese Beschreibungen durch die Briefe der g\u00e4nzlich dummen und albernen Verlobten von Wilms, die damals gerade in Italien mehrmonatige Ferien mir ihren Eltern machte.<\/p>\n<p>So bitter und ernst aber ist keine der nachfolgenden Geschichten mehr. Immer wieder kehren wir in den Jockey-Club zur\u00fcck, zu weiteren \u201eLagen\u201c White Lady, Henkell trocken, Canadian, Weinbrand. Mit der Stimmung werden auch die Erz\u00e4hlungen heiterer. F\u00fchlte ich mich zun\u00e4chst an Platons Gastmahl erinnert, entwickelt sich der Abend mehr und mehr zum Dekameron und zu den Canterbury Tales. Wir h\u00f6ren unter anderem von einem deutschen General stationiert in Norwegen an der Grenze zu Finnland (Offizierskasino-Rituale, Freiheitsk\u00e4mpfer, Jagdszenen, v\u00e4terliche Toleranz), von einer sch\u00f6nen, klugen Frau mit aufregender internationaler Geschichte und ihrer ungl\u00fccklichen jugendlichen Liebe, vom Besuch des Erz\u00e4hlers beim gemeinsamen Freund Koslowski in der Ostzone wenige Jahre nach dem Krieg, Historisches von den Vorfahren der sch\u00f6nen klugen Frau im 18. Jahrhundert, von der Suche nach einem Gefallenengrab in Koslowskis Wohnort, und zuletzt \u2013 in den fr\u00fchen Morgenstunden, als die Gesellschaft bereits bei Pr\u00e4rieaustern angekommen ist \u2013 eine wilde und platterotische Schelmengeschichte aus einer italienischen Pension.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hltechniken unterscheiden sich deutlich, schlie\u00dflich handelt es sich mal um handschriftliche Aufzeichnungen eines Frontsoldaten, mal um ein Drehbuch-Expos\u00e9, mal um Erinnerungen, mal um Fiktion. Die Szenen im Jockey-Club selbst sind meist reine Dialoge, aus denen sich die Handlung indirekt erschlie\u00dft. Gerade diese Passagen nahmen mich mit in eine vergangene, aber sehr lebendige Welt: Nach Westberlin zwischen Kriegsende und Mauerbau. Die Menschen sind vom Krieg gezeichnet, manche k\u00f6rperlich (Koslowski hat ein Bein verloren, der vorbeischneiende Pianist ein Auge), jeder aber seelisch. Das Wirtschaftswunder ist eindeutig bereits ausgebrochen, doch daran partizipieren beileibe nicht alle.<\/p>\n<p>Am fremdesten und gleichzeitig lebendigsten aber ist die Sprache: Hier spricht eine Generation im ihr ureigenen Jargon \u2013 und den bringt niemand zur\u00fcck, auch nicht ein Guido Knopp, dessen Interviewpartner nur durch den Filter vieler Jahrzehnte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Regelm\u00e4\u00dfig fallen lateinische Zitate, mit fortschreitender Alkoholisierung werden es immer h\u00e4ufiger altgriechische. Spr\u00fcche und Ansichten aus der Kaiserzeit werden durch den Kakao gezogen, in den Barszenen schlagen links und rechts One-Liner ein. Ein paar davon habe ich w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre live getwittert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_01.jpg\" alt=\"\" title=\"Spree_twitter_01\" width=\"328\" height=\"88\" class=\"alignnone size-full wp-image-10985\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_02.jpg\" alt=\"\" title=\"Spree_twitter_02\" width=\"312\" height=\"86\" class=\"alignnone size-full wp-image-10992\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_03.jpg\" alt=\"\" title=\"Spree_twitter_03\" width=\"313\" height=\"67\" class=\"alignnone size-full wp-image-10991\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_04.jpg\" alt=\"\" title=\"Spree_twitter_04\" width=\"277\" height=\"49\" class=\"alignnone size-full wp-image-10990\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_05.jpg\" alt=\"\" title=\"Spree_twitter_05\" width=\"263\" height=\"50\" class=\"alignnone size-full wp-image-10989\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_06.jpg\" alt=\"\" title=\"Spree_twitter_06\" width=\"323\" height=\"68\" class=\"alignnone size-full wp-image-10988\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Spree_twitter_07.jpg\" alt=\"\" title=\"Spreezitat\" width=\"293\" height=\"31\" class=\"alignnone size-full wp-image-10987\" \/><\/p>\n<p><i>Am gr\u00fcnen Strand der Spree<\/i> ist der einzige Roman, den der emsige Kunsthistoriker und Feuilletonist Hans Scholz ver\u00f6ffentlicht hat. Wie meinte der <i>SZ<\/i>-Laudator sinngem\u00e4\u00df: Damit hatte er wohl alles gesagt, was er dazu zu sagen hatte.<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\n<i>Nachtrag vom 27. Mai 2013: Eben eine hochinteressante zeitgen\u00f6ssische <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-43061904.html\" target=\"_blank\">Besprechung im <\/a><\/i>Spiegel<i> 12\/1956 gefunden, anl\u00e4sslich der Verleihung des Fontane-Preises an Scholz, mit vielen Zitaten aus Besprechungen in anderen Bl\u00e4ttern.<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\n<i>Nachtrag vom 22. November 2013: Hurra! Der VAT Verlag legt den Roman neu auf! <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/photo.php?fbid=667491666615088&#038;set=a.113323722031888.10271.113148232049437&#038;type=1&#038;theater\" target=\"_blank\">&#8220;Das Buch erscheint bei uns am 14.12.2013. 486 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, inklusive eBook, 19.90 EUR.&#8221;<\/a><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/4abe1ae0adc4412f8075b29455ac78f6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Kurz bevor die Leserunde eintraf. Arrangement soll eine 50er-Atmosph\u00e4re simulieren, der Gefl\u00fcgelsalat wird explizit erw\u00e4hnt.) Auf Am gr\u00fcnen Strand der Spree als Lekt\u00fcre unserer Leserunde brachte uns ein SZ-Artikel zum 100. Geburtstag von Hans Scholz. Nachkriegsberlin als Ort eines Episodenromans von 1955 klang interessant. Und nun verzeichne ich einen neunen Meilenstein in meiner pers\u00f6nlichen Lesegeschichte. 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