{"id":1109,"date":"2005-12-03T16:00:57","date_gmt":"2005-12-03T15:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1109"},"modified":"2005-12-03T16:01:04","modified_gmt":"2005-12-03T15:01:04","slug":"der-familienjuchzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/12\/der-familienjuchzer.htm","title":{"rendered":"Der Familienjuchzer"},"content":{"rendered":"<p>Wenn meine Mutter erschrickt, macht sie einen Juchzer. Er klingt wie der Laut, den man gern aus bewegungsreichen Volksfest-Karussells in weiblicher Stimmlage h\u00f6rt. Das ist eigentlich seltsam, denn normalerweise atmet der Mensch beim Erschrecken doch ein, nicht aus. Es ist m\u00f6glicherweise das ruckartige Hochziehen der Schultern, das im Fall meiner Mutter die Luft hinauspresst, und weil das durch die Stimmritze hindurch passiert, juchzt sie. Hoch und laut. Schon als Kind lernte ich, dass dieser Juchzer nicht etwa bedeutete, dass sie sich verletzt hatte. Selbst Sachschaden indizierte er nur, wenn ihm w\u00fcste bayrische Fl\u00fcche folgten.<\/p>\n<p>Zu vernehmen war der Schreckensjuchzer auch, wenn die Familie sich im Winter Samstag- und Sonntagmorgen zum Skisportgucken vor dem Fernseher einfand und heftig mitfieberte: Die meisten gef\u00e4hrlichen Situation erschreckten meine Mutter zum Juchzen. Das nervte mich ziemlich, da ich \u00fcber ihren Juchzer erheblich mehr erschrak als \u00fcber einen gerade noch mal nicht gest\u00fcrzten Ingemar Stenmark.<\/p>\n<p>Nur: Vor ein paar Jahren ist auch mir dieser Juchzer gewachsen. Seit etwa sieben Jahren reagiere ich auf viele Schrecken (seltsamerweise nicht alle) mit exakt dem durchdringenden Laut, der mich an meiner Mutter so genervt hat. Ich kann nichts dagegen tun. Der Mitbewohner, der mich juchzerlos kennen lernte, war zun\u00e4chst bei jedem Juchzer, den er \u2013 meist aus der K\u00fcche \u2013 h\u00f6rte, in gro\u00dfer Sorge und eilte mir zu Hilfe. Ich musste ihm erst beibringen, die dem Juchzer folgenden Ger\u00e4usche abzuwarten: Ein Scheppern, Klirren, Platschen oder Hilferuf bedeuteten tats\u00e4chliches Ungl\u00fcck, das sein Eingreifen erforderte. Ansonsten war ich einfach nur erschrocken. Sehr peinlich.<\/p>\n<p>Zum Beispiel heute. <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/11\/sportliche-ungeduld.htm\">Mit str\u00f6mendem Regen als Test f\u00fcr die Authentizit\u00e4t meiner Bewegungslust hatte ich gerechnet<\/a> \u2013 nicht aber mit Eisregen in der vorhergehenden Nacht. Es war heute Morgen schei\u00dfglatt auf den Uferwegen der Isar. Diesmal hatte ich \u00fcberhaupt nichts von den sch\u00f6nen Ausblicken, denn mehr als die paar Meter vor meinen F\u00fc\u00dfen schaute ich lieber nicht an. Dennoch verlor ich mehrfach den Halt \u2013 und musste juchzen. F\u00fcnfmal erschallte heute der Kaltmamsell\u2019sche Familienjuchzer durch die Isarauen, einmal davon laut genug, eine L\u00e4uferin vor mir zum besorgten Umdrehen zu bewegen. Ich rief beruhigend \u201enix passiert!\u201c, vermutlich h\u00e4lt sie mich f\u00fcr \u00fcberkandidelt und w\u00fcnscht mich in eine Aerobic-Halle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn meine Mutter erschrickt, macht sie einen Juchzer. Er klingt wie der Laut, den man gern aus bewegungsreichen Volksfest-Karussells in weiblicher Stimmlage h\u00f6rt. Das ist eigentlich seltsam, denn normalerweise atmet der Mensch beim Erschrecken doch ein, nicht aus. 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