{"id":111058,"date":"2025-08-10T07:41:31","date_gmt":"2025-08-10T05:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=111058"},"modified":"2025-08-10T08:50:18","modified_gmt":"2025-08-10T06:50:18","slug":"journal-samstag-9-august-2025-jenny-erpenbeck-heimsuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2025\/08\/journal-samstag-9-august-2025-jenny-erpenbeck-heimsuchung.htm","title":{"rendered":"Journal Samstag, 9. August 2025 &#8211; Jenny Erpenbeck, <i>Heimsuchung<\/i>"},"content":{"rendered":"<p>BEVOR MIR NOCH MEHR ALS DIE BISHERIGEN F\u00dcNF ERST-KOMMENTATOR*INNEN DEN TIPP GEBEN, DASS MAN KI-ERGEBNISSE BEI GOOGLE MIT &#8220;-AI&#8221; AUSSCHALTEN KANN: DAS HATTE ICH BEREITS VOR WOCHEN HIER IM BLOG EMPFOHLEN. VERSUCHEN SIE BITTE HINZUNEHMEN, DASS ICH EINFACH DAS PH\u00c4NOMEN KI-BLINDNESS BESCHRIEB. SIE SCHAFFEN DAS.<br \/>\n(*macht Fettung r\u00fcckg\u00e4ngig*)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_erpenbeckheimsuchung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/buch_erpenbeckheimsuchung.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"236\" class=\"alignnone size-full wp-image-110940\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jenny Erpenbeck, <i>Heimsuchung<\/i> von 2008.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck Land im Osten Deutschlands und sein Schicksal im 20. Jahrhundert, inklusive Vorgeschichte, inklusive beteiligten Menschen, inklusive seiner Bearbeitung und Bebauung, vor allem mit einem markanten Haus &#8211; so die geniale Grundidee f\u00fcr diesen Roman. Und dann der geniale Titel, der die gro\u00dfen Themen vorgibt: Heimsuchung sowohl aus Gesuchten-, als auch aus Heimsuchenden-Perspektive, dazu das grundmenschliche Suchen eines Heims.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird chronologisch in Kapiteln um je eine Protagonistin, einen Protagonisten. Die historischen Ereignisse im Osten Deutschlands des 20. Jahrhunderts stehen mal angedeutet im Hintergrund, mal weit vorne. Wir erfahren die Geschichte der einstigen Besitzerin dieses Grundst\u00fccks am See, dann die des Architekten, der es mit einem sehr besonderen Haus bebaut, ganz nach den kreativen W\u00fcnschen seiner deutlich j\u00fcngeren Frau. Diese Frau steht im Mittelpunkt eines Kapitels, das die Einladungen und Feste dieses Paars in den 1930ern schildert, ich war sofort drin. Auch das Haus samt seinem sich wandelnden Garten und Ufer wird im Fortlauf der Erz\u00e4hlung immer deutlicher und lebendiger.<\/p>\n<p>Immer wieder war ich sehr anger\u00fchrt, am meisten von dem Kapitel &#8220;Die Besucherin&#8221;, das die Gedanken einer alten Frau wiedergibt, Fl\u00fcchtling, die sich unter anderem ums Fremdsein drehen.<\/p>\n<p>Nur eine Figur kehrt als Kapitelzentrum immer wieder: Der G\u00e4rtner, der dadurch immer mehr eine mythologische Figur wird. Als ich mich schon fragte, ob er wohl nie alterte, brach er sich ein Bein und wurde fast schlagartig ein alter Mann.<\/p>\n<p>Die Sprache ist vordergr\u00fcndig einfach. Viele Kapitel enthalten Wortschleifen, sich wiederholende Formulierungen &#8211; doch die haben in jedem Kapitel eine andere Funktion: mal imitieren sie Rituale und Gewohnheiten, mal spiegeln sie realistsch Gedankenschleifen, mal lesen sie sich formelhaft und Litanei-artig wie alte Epen.<\/p>\n<p>Immer wieder wechseln die Kapitel fein ihre Erz\u00e4hlmittel, immer aber in Begleitung einer starken impliziten Erz\u00e4hlstimme bei personaler Perspektive. Nur den G\u00e4rtner lernen wir nie von innen kennen, konsequenterweise verschwindet er auch irgendwann einfach.<\/p>\n<p>Ich f\u00e4nde interessant, den Interpretationsansatz durchzuspielen, ob wir Deutschen nicht vielleicht gesamt seit der zivilisatorischen Komplettkatastrophe des Dritten Reichs auf der Suche nach einem Heim sind &#8211; geografisch (Reisenation Nr. 1), in unserer Zusammensetzung mit vielen Migrant*innen aus unterschiedlichsten Beweggr\u00fcnden, in unserer Selbstdefinition. (Gut m\u00f6glich, dass das Ergbenis ist: Nee, funktioniert nicht.)<\/p>\n<p><i>Heimsuchung<\/i> ist seit 2024 Pflichtlekt\u00fcre in der gymnasialen Oberstufe (in allen Bundesl\u00e4ndern, die am l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Abitur teilnehmen). Ich halte den Roman f\u00fcr ausgesprochen geeignet daf\u00fcr &#8211; doch da in Deutschland unverhandelbar gesetzt ist, dass man jedes literarische Werk hasst, das man in der Schule lesen musste, bedaure ich das auch.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Neun Stunden guter Nachtschlaf, ein wertvolles Geschenk. Drau\u00dfen der angek\u00fcndigte Sommermorgen, noch recht frisch. Die nassen Wochen davor waren so kalt, dass ich mich jetzt energisch ermahnen musste, die aufziehende Hitze mit Rollladen und geschlossenen Fenstern auszusperren, noch l\u00f6ste sie in erster Line wohliges Schnurren aus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250809_01_Balkonkaffee.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250809_01_Balkonkaffee.jpg\" alt=\"\" width=\"347\" height=\"478\" class=\"alignnone size-full wp-image-111116\" \/><\/a><\/p>\n<p>Balkonkaffee! Mit wiedererwachender Hakenlilie und Miniermotten-zerfressenen Kastanien.<\/p>\n<p>Als ich nach Bloggen mit Milchkaffee, Wasserfiltertausch, Kanne Schwarztee, Aufh\u00e4ngen frisch gewaschene Bettw\u00e4sche, Morgentoilette spezial fertig war f\u00fcr meine Schwimmrunde im Dantebad, entschied ich mich f\u00fcr \u00d6ffis statt Rad: Mittlerweile f\u00fcrchte ich mich richtig vor den lospl\u00e4rrenden Martinsh\u00f6rnern im Stadtverkehr (zur Sicherheit: Das Problem bin ich, irgendeine Verdrahtung ist in meinem Geh\u00f6r verrutscht, so heftig reagiert sonst fast niemand darauf; ich kenne nur eine Person, die \u00c4hnliches beschreibt &#8211; und das interessanterweise auf Wechseljahre zur\u00fcckf\u00fchrt), die mich bis ins Mark erschrecken, vom Rad fegen, ruckartig Ohren zuhalten und aufschreien lassen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250809_04_Westfriedhof.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250809_04_Westfriedhof.jpg\" alt=\"\" width=\"414\" height=\"548\" class=\"alignnone size-full wp-image-111118\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ausgang U-Bahnhof Westfriedhof.<\/p>\n<p>Sehr angenehmes Schwimmen, alle vertrugen sich auf der Bahn, ich f\u00fchlte mich stark und zog 3.300 Meter schmerzfrei durch.<\/p>\n<p>Nach Abbrausen, Bikiniwechsel, neu Sonnencremen legte ich mich auf die jetzt wieder saftig gr\u00fcne Liegewiese. Allerdings ohne Musik auf den Ohren: Meine Kopfh\u00f6rer zeigten wieder den Trick Spontanentladung-nach-Aufladen-\u00fcber Nacht. Machte nichts. Zum einen wollte ich eh nicht zu lange in der Sonne bleiben, zum anderen lauschte ich d\u00f6send in leisem Wind den Gespr\u00e4chen um mich herum. Und erfuhr: dass weiter in Torremolinos Urlaub gemacht wird \/ dass unter manchen jungen Frauen die Tiefe der Br\u00e4une noch als Qualit\u00e4tskriterium eines Urlaubs gilt wie in den 1980ern \/ dass hispano-hablante M\u00fcncher*innen vom Dantebad &#8220;en pleno invierno&#8221;, also mitten im Winter schw\u00e4rmen.<\/p>\n<p>Heimfahrt \u00fcber Semmelkauf, das Thermometer der Marien-Apotheke am Sendlinger Torplatz zeigte im Schatten deutlich \u00fcber 30 Grad an.<\/p>\n<p>Kurz vor drei gab es als Fr\u00fchst\u00fcck eine Dinkelseele mit Butter und Tomate, eine K\u00f6rnersemmel mit Butter und Hagebuttenmark, Schrumpelpfirsiche (Trocknen statt Nachreifen, es bleibt Gl\u00fccksspiel).<\/p>\n<p>Herr Kaltmamsell kam seiner erbetenen Pflicht nach, mich an zwei Dinge zu erinnern: Tischreservierung in der Wiener Meierei Ende August (check), ETA f\u00fcr Wanderurlaub in England. Mein erster ETA-Versuch (Electronic Travel Authorisation, nicht etwa Euskadi Ta Askatasuna) war am Scan meines Ausweises gescheitert, diesmal nahm ich wie angewiesen (LESEN!) meinen Reisepass. Fisselig war hier das Einlesen des Chips im Reisepass, nach sechs Versuchen schaffte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell auch das. Antrag durchgestanden (Bayern-ID h\u00e4rtet ab), die ETA bekam ich innerhalb von Sekunden per Mail. Und brauche jetzt nichts weiter als meinen Reisepass, alles andere ist laut dieser Mail hinterlegt. In der auch stand &#8220;To help us improve the ETA application process, tell us what you thought at: $URL&#8221;<br \/>\n&#8220;Bloody idiots! You Brexit morons!&#8221;, w\u00e4re ehrlich, aber unh\u00f6flich gewesen und h\u00e4tte vermutlich nicht als konstruktives Feedback gegolten.<\/p>\n<p>Nachmittag in der angenehm k\u00fchlen Wohnung (ab jetzt ist das Hitze-Aussperren wieder organisch &#8211; allerdings klemmt seit gestern der Rolladen von Herrn Kaltmamsells Zimmer nach Westen; ich bef\u00fcrchte ein schlimmes Hitze-Einfallstor) mit Zeitunglesen. Besonder gut gefielen mir das Buch zwei \u00fcber eine Reisegruppe, die in Berlin ihre Bundestagsabgeordnete besucht (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/politik\/berlin-demokratie-claudia-moll-bundestag-buerger-reisegruppe-e790485\/?reduced=true\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Huhu, wie is et?'&#8221; <\/a>&#8211; \u20ac) und auf der Medienseite das Interview mit ARD-Vorsitzendem Florian Hager \u00fcber ein Thema, das auch mich seit einigen Jahren umtreibt: Wie die \u00d6ffentlich-rechtlichen Medien ihrem Auftrag in einer sich existenziell ver\u00e4ndernden Medienwelt nachkommen k\u00f6nnen (auf der re:publica schon lange eine Dauerbrenner) &#8211; <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/florian-hager-interview-ard-vorsitzender-fernsehen-digitale-plattformen-li.3290229?reduced=true\" target=\"_blank\">&#8220;&#8216;Was wir sehen, ist das Ende der Massenmedien'&#8221;<\/a> (\u20ac).<\/p>\n<p>Als Zwischenspiel vor dem n\u00e4chsten 30-Tage-Programm Yoga begann ich wieder eine Pilates-Woche &#8211; die gestrige Folge leider beeintr\u00e4chtigt durch Kreislauf-Turbulenzen inklusive Schwei\u00dfausbruch.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250809_08_Nachtmahl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/250809_08_Nachtmahl.jpg\" alt=\"\" width=\"341\" height=\"473\" class=\"alignnone size-full wp-image-111119\" \/><\/a><\/p>\n<p>Besoners k\u00f6stliches Nachtmahl: Herr Kaltmamsell seriverte die Ernteanteil-Zucchini auf Ricotta mit Haseln\u00fcssen. Dazu tranken wir Gin Tonics. Nachtisch Schokolade.<\/p>\n<p>Im Bett die n\u00e4chste Lekt\u00fcre: T. Kingfisher, <i>Nettle and Bone<\/i> &#8211; was komplett Anderes, eine nicht-realistische Geschichte in einer magischen Welt. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/006a2ba21f484bf18d828715483207d3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BEVOR MIR NOCH MEHR ALS DIE BISHERIGEN F\u00dcNF ERST-KOMMENTATOR*INNEN DEN TIPP GEBEN, DASS MAN KI-ERGEBNISSE BEI GOOGLE MIT &#8220;-AI&#8221; AUSSCHALTEN KANN: DAS HATTE ICH BEREITS VOR WOCHEN HIER IM BLOG EMPFOHLEN. VERSUCHEN SIE BITTE HINZUNEHMEN, DASS ICH EINFACH DAS PH\u00c4NOMEN KI-BLINDNESS BESCHRIEB. SIE SCHAFFEN DAS. (*macht Fettung r\u00fcckg\u00e4ngig*) \u00a7 Jenny Erpenbeck, Heimsuchung von 2008. 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