{"id":1120,"date":"2005-12-13T08:56:57","date_gmt":"2005-12-13T07:56:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1120"},"modified":"2009-12-18T10:04:33","modified_gmt":"2009-12-18T09:04:33","slug":"mogliche-themaverfehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/12\/mogliche-themaverfehlung.htm","title":{"rendered":"M\u00f6gliche Themaverfehlung"},"content":{"rendered":"<p><i>Sowas, jetzt ist mir doch noch was zum Thema <a href=\"http:\/\/rebellmarkt.blogger.de\/stories\/351927\" target=_new>&#8220;erotische Tischgeschichten&#8221;<\/a> eingefallen, aber etwas Anderes. Hiermit nehme ich also erstmals an einem Textwettbewerb teil, wer h\u00e4tte das gedacht. Mein Beitrag zu Dons DADA:<\/i><\/p>\n<p><strong>Agenturweihnacht<\/strong><\/p>\n<p>Agenturweihnachtsfeier, das braucht sie gerade so dringend wie einen Kropf. Vor lauter Arbeit sieht sie sich eh nicht mehr raus, dann bedeutet Dezemberende auch noch Monatsabschluss und Quartalsende \u2013 als Etatchefin muss sie also Rechnungen schreiben, Stundenzettel auswerten, Rentabilit\u00e4t belegen, Quartalsberichte f\u00fcr die Vertragskunden formulieren, so manchen Posten noch schnell nachtr\u00e4glich absolvieren, um nicht zu l\u00fcgen. Dazu die Weihnachtsdepression, die sicher wie das Amen in der Kirche sp\u00e4testens zwei Wochen vor der Wintersonnwend einsetzt. Doch es hilft alles nichts, es ist fr\u00fcher Nachmittag und damit Feierbeginn, sie muss mit. Rechner aus, Winterjacke \u00fcberziehen, in der ausgelassenen Unruhe der Kollegen verschwinden.<\/p>\n<p>In Kleinbussen zu einem M\u00fcnchener Nobelitaliener. Verzeihung, h\u00e4tte sie nicht so sagen sollen. \u201eZu DEM M\u00fcnchener Nobelitaliener!\u201c Ah, die beiden Agenturchefs werden vom Wirt lauthals und mit Umarmung begr\u00fc\u00dft; hierher kommen vermutlich die vierstelligen Rechnungen \u00fcber \u201eArbeitsessen zur Strategieplanung\u201c, von denen die Buchhalterin hinter vorgehaltener Hand spricht.<\/p>\n<p>Allesamt werden sie in ein d\u00fcsteres Hinterzimmer gef\u00fchrt, eingerichtet in einer Mischung aus bayerischem Jagdschloss und S\u00fcdtiroler Skih\u00fctte. Unauff\u00e4llig im Hintergrund halten, besser mal auf einen Platz am Katzentisch in der N\u00e4he des Ausgangs hoffen, um sp\u00e4ter unbemerkt verschwinden zu k\u00f6nnen. Mist, der Chef war noch nicht im Raum. Er kommt nach, legt ihr den Arm um die Mitte: \u201eKomm, setz dich doch zu mir.\u201c Anstatt am Katzentisch landet sie mitten drin, neben dem Ehrenplatz, im Zentrum eines Treibens, das in solchen Situationen gerne als \u201efr\u00f6hlich\u201c bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Sie versucht, sich in das rustikale Muster der Tischdecke zu vertiefen: Gr\u00fcn und Rot auf Leinenwei\u00df, ist das gestickt, gewebt oder gedruckt? Aber es wird Geselligkeit von ihr verlangt. \u201eLieber den Roten, gerne.\u201c Sie blickt endlich auf und wei\u00df, dass dieser Nachmittag ihr endg\u00fcltig das Herz brechen wird. Denn er sitzt ausgerechnet mitten in ihrem Blickfeld, am anderen Ende des Raums und ohne dass die Sicht von jemandem oder etwas verdeckt wird. Alle schie\u00dfen sie ihr gleichzeitig ins Ged\u00e4chtnis, die brustzerrei\u00dfenden Momente, in denen sie vergessen hatte, ihre Schilde hochzunehmen, und in denen ein Anblick, ein Wort, ein Lachen von ihm einen Sturm ma\u00dfloser Verliebtheit ausgel\u00f6st hatten. Wie sie auf einer Gesch\u00e4ftsreise bei einer gemeinsamen Zigarette im Zugrestaurant seine endlosen honigblonden Wimpern betrachtet hatte, als er unvermutet erz\u00e4hlte, dass seine langj\u00e4hrige Freundin ihn nun doch verlassen habe, sie ihrem Hirn zusah, wie es \u201eSchei\u00dfe, oh nein\u201c machte, und sie erst dadurch merkte, dass da eine Barriere gefallen war, die ihr geholfen hatte, sich gegen die Anziehung zu wappnen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte sie \u00fcberhaupt Appetit gehabt \u2013 jetzt w\u00e4re er weg. Zumindest sitzt er seitlich zu ihr, und sie muss sich nicht wie eine Dreizehnj\u00e4hrige beim Guckt-er-guckt-er-nicht-huch-er-hat-gesehen-dass-ich-gucke f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4sst sich die Antipasti servieren, obwohl sie wei\u00df, dass sie sie kaum anr\u00fchren wird. Eingelegtes Gem\u00fcse, ein bisschen Meeresfr\u00fcchte, ein bisschen buntes Irgendwas. Als der Chef neben ihr aufsteht, es kurz still wird und er einen Trinkspruch ausbringt, merkt sie, dass ihr Weinglas bereits leer ist. Sie schenkt sich nach, mit leerem Magen rutscht der Alkohol besser. Wo sie doch wei\u00df, dass sie davon doch auch noch r\u00fchrselig wird und nicht etwa vergn\u00fcgt. Dann soll es halt so sein, mit Anlauf in den Moorsee sentimentaler Erinnerungen. Die Fahrt zum Seminar mit ihm am Steuer, auf der sie fast eine Stunde lang vom R\u00fccksitz aus die sanfte Haut seines Nackens unter dem stoppelkurz rasierten Haar betrachtete: War die Haut selbst golden gebr\u00e4unt oder entstand der Schimmer durch einen goldenen Hauch von H\u00e4rchen? Ach, wenn er statt des Herrenhemdes nur ein T-Shirt getragen h\u00e4tte: Der steife Kragen verdeckte den Anblick eines sicher hinrei\u00dfenden Trapezmuskels.<\/p>\n<p>\u201eJa hallo Beate! Ja, super, auf dein Wohl!\u201c Beate erinnert daran, wie der andere Chef bei einer vorhergehenden Weihnachtsfeier darauf bestanden hatte, dass jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin ein Lied singt oder ein Gedicht aufsagt. Wegen Weihnachten. \u201eHoffentlich kommen wir heute drum rum. Wir sind ja auch so viele geworden.\u201c Sie lachen zusammen, alle lachen.<\/p>\n<p>Sie hat die Antipasti geschickt auf ihrem Teller herumgeschoben, und niemandem f\u00e4llt auf, dass sie nur einen Bissen davon genommen hat. Die K\u00fcche ist mit den vierzig Weihnachtsfeierg\u00e4sten ohnehin \u00fcberfordert; als ihr Teller endlich abger\u00e4umt wird, sind die Vorspeisen jenseits jeder Appetitlichkeit. \u201ePasta?\u201c Klar, irgendeine Pasta, nur her damit. Und noch ein Glas Wein: \u201eDanke, ich bleibe bei dem.\u201c<\/p>\n<p>Sie sieht wieder hin\u00fcber zu ihm. Er raucht, sie betrachtet seine gro\u00dfen H\u00e4nde mit kurzen breiten N\u00e4geln, wie sie beim Halten der Zigarette weniger Kraft als Bedachtheit ausstrahlen. Die zuf\u00e4lligen Ber\u00fchrungen im Gespr\u00e4ch, zu denen sie in impulsiven Stimmungen neigt, ein Stupser in den Oberarm, ein kurzes Tappen mit der flachen Hand aufs Knie. Die ihr nur bei ihm bewusst wurden und sie sofort befangen machten. Zumal sie bemerkt hatte, dass er selbst \u00fcberhaupt kein Anfasser ist. Wie sie sich immer wieder ganz fest vorgenommen hatte, konsequent die Finger von ihm zu lassen. Und wie anstrengend das war, wenn er in einer Besprechung direkt neben ihr sa\u00df. Er ist ein guter Mensch, warmherzig, humorvoll, hat schon als Teenager Snowboardkurse f\u00fcr Kinder gegeben, ist so gar nichts f\u00fcr eine Aff\u00e4re. Sie wiederum hat es \u00fcberhaupt nicht mit festen Beziehungen, gemeinsamer Zukunft etc., Familie gr\u00fcnden, Baum pflanzen, Haus bauen \u2013 seinen Lebenszielen. Au\u00dferdem ist sie seine Chefin.<\/p>\n<p>Zwei Gabeln Pasta sind genug, um zumindest festzustellen, dass dieser Italiener, mag er noch so DER und Nobel- sein, Gew\u00fcrze f\u00fcr \u00fcbersch\u00e4tzt h\u00e4lt. \u201eJa, k\u00f6nnen Sie abr\u00e4umen, vielen Dank.\u201c Ihr Chef macht Konversation, der Wein, die Gegend, aus der er kommt: \u201eWirklich sch\u00f6n da, habe mir gerade noch zwei Kisten des 1980ers sichern k\u00f6nnen.\u201c Sie macht Zuh\u00f6rlaute, erst als er \u00fcber Literatur spricht, nimmt sie tats\u00e4chlich am Gespr\u00e4ch teil. Doch auch dann geh\u00f6rt ein Teil ihrer Aufmerksamkeit dem Geschehen auf der anderen Seite des Raums. Sie h\u00f6rt ihn laut mit den Kollegen albern. Da sein Auftreten ruhig ist, kommen seine Bonmots, meist im tiefsten Bayrisch, umso \u00fcberraschender. Und umso n\u00e4her geht es ihr, wie er vom Lachen nach hinten gerissen den Kopf zur\u00fcckwirft, die Ans\u00e4tze der Schl\u00fcsselbeine werden kurz sichtbar, wie er sich Tr\u00e4nen aus den Augen wischt, schlagartig scheinbar ernst wird, um die n\u00e4chste Pointe zu setzen.<\/p>\n<p>Der Fisch ist mehr als passabel, vielleicht ist sie aber inzwischen einfach betrunken genug, dass ihr K\u00f6rper seine Appetitlosigkeit vergessen hat. Die lahmen Rosmarinkartoffeln l\u00e4sst sie dennoch stehen. Sie bittet ihre Tischnachbarn, sie mal schnell rauszulassen. Irgendwie wenigstens kurz weg aus Rauch und L\u00e4rm. Auf der Stra\u00dfe ist es dunkel, au\u00dferdem nasskalt. Bleibt das Klo, hell und k\u00fchl. \u201eAh, hallo Petra, ham\u2019s uns nicht mal zu Weihnachten das Schlangestehen erlassen? Ja mei.\u201c<\/p>\n<p>Ihr Mund ist unangenehm trocken, zur\u00fcck an ihrem Platz bittet sie um ein Glas Wasser. Oh je, inzwischen hat er seinen Pulli ausgezogen und sitzt im T-Shirt da, kurz\u00e4rmlig. Der Anblick schn\u00fcrt ihr kurz die Kehle zu. Er ist durch und durch sportlich, hat sogar einen Lauftreff gegr\u00fcndet. Laufen hatte sie immer todeslangweilig gefunden, doch sie wollte ihm imponieren. Also trainierte sie erst mal heimlich f\u00fcr sich, um dann ganz beil\u00e4ufig und gut in Form beim Lauftreff aufzutauchen. Fit genug, mit ihm zumindest eine Weile Schritt zu halten und aus den Augenwinkeln die Bewegung seiner Muskeln unter der engen Laufhose zu beobachten. Gibt es \u00fcberhaupt breith\u00fcftige L\u00e4ufer, gute breith\u00fcftige L\u00e4ufer? Als sie an die Grenzen ihrer Ausdauer kam, lenkte sie sich mit der Vorstellung ab, wie sie ihre Handfl\u00e4che in sein Hohlkreuz schmiegte, erst auf der Laufjacke, dann darunter auf dem Shirt, dann auf seiner noch vom Sport schwei\u00dfk\u00fchlen Haut.<\/p>\n<p>Sie ist nicht die einzige, die auf den Fleischgang verzichtet. Ihr Appetit ist wieder weg, Kalb reizt sie ohnehin nicht besonders. Die vielen Gl\u00e4ser Wein bereiten ihr Kopfweh, benebelt wendet sie sich wieder zu ihm hin\u00fcber. Und blickt ihm mitten in die hellen Augen. Ihr wird vor Schreck \u00fcbel, dann \u00fcberflutet sie Trauer. Sie schafft es nicht zu l\u00e4cheln, wie man es automatisch beim Blickkontakt tut. Auch sein Gesicht ist ernst, und sie ist sich sicher, dass sie Distanz, Verstimmtheit und Abwehr in seinem Blick ausmacht. Vielleicht sogar Verachtung? \u201eWie? Nein, kein Dessert, danke.\u201c Nein, auch kein Espresso. Als sie wieder hin\u00fcberschaut, hat er sich seiner Tischrunde zugewendet.<\/p>\n<p>Jetzt w\u00e4re sie sehr gerne n\u00fcchtern und klar, der Alkohol nimmt ihr jeden Schutz vor dem Gef\u00fchlssturm. Sie dr\u00fcckt sich wieder an ihren Tischnachbarn vorbei, nimmt ihre Tasche mit. An der Garderobe w\u00fchlt sie aus den Mantelbergen ihre Jacke, schl\u00fcpft hinein, tritt vor das Lokal. Es regnet ein wenig, aber sie wei\u00df, dass sie davon nicht schneller n\u00fcchtern wird. Weinen w\u00e4re jetzt sch\u00f6n. Da vorne ist schon die Stra\u00dfenbahnhaltestelle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sowas, jetzt ist mir doch noch was zum Thema &#8220;erotische Tischgeschichten&#8221; eingefallen, aber etwas Anderes. Hiermit nehme ich also erstmals an einem Textwettbewerb teil, wer h\u00e4tte das gedacht. Mein Beitrag zu Dons DADA: Agenturweihnacht Agenturweihnachtsfeier, das braucht sie gerade so dringend wie einen Kropf. 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