{"id":11383,"date":"2011-04-21T09:37:55","date_gmt":"2011-04-21T07:37:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=11383"},"modified":"2013-03-25T19:13:29","modified_gmt":"2013-03-25T18:13:29","slug":"journal-mittwoch-20-april-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/04\/journal-mittwoch-20-april-2011.htm","title":{"rendered":"Journal Mittwoch, 20. April 2011"},"content":{"rendered":"<p>Um halb f\u00fcnf von gellenden &#8220;Aiuto!&#8221;-Schreien einer Frauenstimme drau\u00dfen geweckt worden. Als ich noch meine schlaftrunkenen Gedanken sortierte, ob ich den Bademantel \u00fcberwerfen und nachsehen sollte, h\u00f6rte ich, dass die Rufe in eine normale Unterhaltung mit Gel\u00e4chter \u00fcbergegangen war. Mal sehen, wie oft sowas (auch au\u00dferhalb des Oktoberfests) passieren muss, bis ich es konsequent ignoriere und mir nie mehr Sorgen mache.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Im B\u00fcro erst mal eine Kanne Tee gemacht &#8211; wie an jedem Schreibtischvormittag. Dazu hole ich mir hei\u00dfes Wasser an der zentralen Kaffeemaschine, f\u00fcr meinen Gr\u00fcntee oder Kr\u00e4utertee braucht es nicht wirklich kochend hei\u00df zu sein. Gestern gab es Jasmintee.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Emsiges Werkeln, zwei Besprechungen im Haus, zu einer weiteren fuhr ich im Taxi. Auf dem Heimweg Lekt\u00fcre im Buchladen abgeholt: Nachdem ich in den vergangenen Monaten meinen Meter vorhandener ungelesener B\u00fccher kleiner gelesen hatte, g\u00f6nnte ich mir ein Dutzend neuer B\u00fccher.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>F\u00fcr die Theaterbesuche in den Kammerspielen verkleide ich mich ja gerne als Provinztheaterabonnentin. Das f\u00e4llt mir nicht schwer: Meist brauche ich nur das B\u00fcrokleid anzubehalten und mit meiner Abendtasche zu erg\u00e4nzen \u2013 schon sehe ich nach Ingolst\u00e4dter Stadttheater aus, Platzmiete D. (In zehn Jahren werde ich mich allerdings um schwarzen Rock, wei\u00dfe Bluse und silberfarbene H\u00e4kelstola k\u00fcmmern m\u00fcssen).<\/p>\n<p>Gestern wurde im Werkraum <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/programm\/stuecke-a-z\/xy-beat\/\" target=_\"New\"><i>XY Beat<\/i> von Ren\u00e9 Pollesch<\/a> gegeben, ein ganz frisches St\u00fcck, erst letzten November uraufgef\u00fchrt. Pollesch hatte mich bereits vor zwei Jahren <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2009\/05\/der-vorhang.htm\">mit seinem <i>Ping Pong d\u2019Amour<\/i> verwirrt<\/a>. Auch diesmal astreines absurdes Theater auf der Metametameta-Ebene, aber diesmal mit dem Mantrathema Ann\u00e4herung ans Leben. Vier Leute f\u00fchrten in wechselnden Rollen Treppenhausgespr\u00e4che, selbstverst\u00e4ndlich in einem B\u00fchnenbild, das nach allem aussah, nur nicht nach Treppenhaus (der Autor inszenierte selbst): Der gesamte Werkraum war mit lila Teppich ausgekleidet, das Publikum sa\u00df an drei Seiten des Raums auf zwei Ebenen, in der Mitte ein Podest, an der vierten, publikumsfreien Seite, ein dunkelila Vorhang. Die vier Schauspieler waren in wechselnde Kost\u00fcme gekleidet, die ebenso selbstverst\u00e4ndlich nach allem aussahen, nur nicht nach Kleidung, die man im Treppenhaus tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Den Rahmen bildeten zwei raumgreifend gespielte Monologe mit nur angedeutetem Bezug zu den Treppenhausgespr\u00e4chen, dargeboten vom ganz erstaunlichen <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/programm\/xy-beat\/fabian-hinrichs\/\" target=_\"new\">Fabian Hinrichs<\/a>. Alle Darsteller mussten \u00fcberw\u00e4ltigende Mengen Text sprechen, dessen Sinnhaftigkeit dem melodi\u00f6sen Zusammenhang von Zw\u00f6ltonmusik entsprach \u2013 rein handwerklich eine beachtliche Leistung, selbst wenn sie Souffleur Viktor Herrlich regelm\u00e4\u00dfig um Hilfe bitten mussten. Ein 80-Minuten-Rausch an W\u00f6rtern, Licht und Bewegung \u2013 ziemlich Roncalli.<\/p>\n<p>Deutlich greifbarer und inspirierender fand ich das Publikum, das ich durch die Sitzordnung ausf\u00fchrlicher betrachten konnte als sonst im gro\u00dfen Theatersaal. Etwa ein Drittel sah wie junges Berliner Volk aus: Die M\u00e4nner mit Wollm\u00fctze, Vollbart und engen Hosen, die Frauen in ungeb\u00fcgelten T\u00fcftelikleidern mit dicken Strumpfhosen, Stiefeln, Baumwollschals. Irgendwelche Stereotypen fl\u00fcstern mir ein, dass es sich bei diesem Menschen wohl um Theatervolk handelt, also um Theaterwissenschaftsstudenten, Schauspielsch\u00fclerinnen, Literarturstipendiaten. Wie komme ich da blo\u00df drauf? Etwa 20 Prozent des Publikums sahen wie ich nach spie\u00dfigem Provinzbildungsb\u00fcrgertum aus, weitere 30 Prozent sch\u00e4tzte ich als betuchte Bildungsb\u00fcrgerrenter ein, vielleicht sogar mit ein wenig k\u00fcnstlerischem Hintergrund. Der Rest fiel dazwischen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um halb f\u00fcnf von gellenden &#8220;Aiuto!&#8221;-Schreien einer Frauenstimme drau\u00dfen geweckt worden. Als ich noch meine schlaftrunkenen Gedanken sortierte, ob ich den Bademantel \u00fcberwerfen und nachsehen sollte, h\u00f6rte ich, dass die Rufe in eine normale Unterhaltung mit Gel\u00e4chter \u00fcbergegangen war. 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