{"id":1159,"date":"2006-01-24T08:31:08","date_gmt":"2006-01-24T07:31:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1159"},"modified":"2006-01-25T17:27:23","modified_gmt":"2006-01-25T16:27:23","slug":"ex-libris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/01\/ex-libris.htm","title":{"rendered":"Anne Fadiman, <i>Ex Libris<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0374527229\/qid=1138087631\/sr=1-1\/ref=sr_1_10_1\/028-4186778-0335755\" target=_new><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Exlibris.jpg' alt='' \/> <\/a><\/p>\n<p>Ich war tats\u00e4chlich ganz begeistert von Anne Fadimans Essaysammlung <i>Ex Libris. Confessions of a Common Reader<\/i>, das mir Kommentatorin Jule <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/10\/you-know-youre-a-bookish-geekish-sort-when.htm#comment-23510\">hier<\/a> empfohlen hatte. (Danke! Genau daf\u00fcr liebe ich das Bloggen.) Die Empfehlung wiederhole ich hiermit.<\/p>\n<p>Und doch haben mich zwei Stellen in diesem Buch gekr\u00e4nkt, vermutlich besonders wegen der sonst \u00fcbereinstimmenden Leidenschaft:<\/p>\n<p>1. Im Essay \u201eNever Do That to a Book\u201c legt Fadiman dar, Buchliebhaber, die den Gegenstand Buch erhalten, sch\u00fctzen, bewahren, h\u00e4tten kein sinnliches Verh\u00e4ltnis dazu. Sie nennt diese <i>reader<\/i> \u201ecourtly lovers\u201c, im Gegensatz zu \u201ecarnal lovers\u201c, die zum Beispiel auf <i>D\u2019Aulaire\u2019s Book of Greek Myths<\/i> Led-Zeppelin-Schlagzeugsoli \u00fcben. Sie macht recht klar, dass sie \u201ecourtly lovers\u201c f\u00fcr mindere Buchliebhaber h\u00e4lt.<br \/>\nDas kr\u00e4nkt mich, weil ich sehr wohl auf meine B\u00fccher aufpasse. Ich finde es zwar in Ordnung, wenn man ihnen ansieht, dass sie gelesen wurden \u2013 doch sie auf den Bauch zu legen, vielleicht aufgeschlagen auch noch platt zu dr\u00fccken, hie\u00dfe, ihr lesbares Dasein massiv zu verk\u00fcrzen (aus einem Taschenbuch, das ich ohnehin kein zweites Mal zu lesen gedenke, die weggelesenen Kapitel gleich ganz herauszurei\u00dfen und wegzuwerfen, wie es Fadiman senior zuweilen tut, das kann ich mir schon eher vorstellen). Zudem versehe ich meine Lekt\u00fcre durchaus mit Notizen \u2013 allerdings ausschlie\u00dflich mit Bleistift. Auch wenn ich mir inzwischen jedes Buch leisten kann, das ich lesen m\u00f6chte (ich bin keine Sammlerin und begehre keine raren Ausgaben), sind B\u00fccher f\u00fcr mich weiterhin Kostbarkeiten. Vielleicht entsteht diese Haltung nur, wenn man wie ich aus einer funktional b\u00fccherlosen Familie kommt. Dass man B\u00fccher auch selbst besitzen kann, nicht nur aus Bibliotheken ausleihen, dass man sich das sogar sehnlich  w\u00fcnschen kann, das kam ureigen aus mir heraus und steht im Gegensatz zu meiner Familiengeschichte.<\/p>\n<p>2. Woraus Kr\u00e4nkung Nummer 2 folgt. Fadiman behauptet im Kapitel \u201eMy Ancestral Castles\u201c, dass nur das famili\u00e4re Vorleben von B\u00fccherliebe zur B\u00fccherliebe bei den Nachkommen f\u00fchren k\u00f6nne: <\/p>\n<blockquote><p>My daughter is seven, and some of the other second-grade parents complain that their children don\u2019t read for pleasure. When I visit their homes, the children\u2019s rooms are crammed with expensive books, but the parents\u2019 rooms are empty. Those children do not see their parents reading, as I did every day of my childhood.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ihre Folgerung: <\/p>\n<blockquote><p>There must be writers whose parents owned no books, and who where taken under the wing of a neighbor or teacher or librarian, but I have never met one.<\/p><\/blockquote>\n<p>Soso, denke ich mir, vielleicht h\u00e4tte <i>Madame<\/i> Fadiman sich einmal im Leben raus aus ihren Manhattan-Woody-Allen-Ostk\u00fcstenintellektuellenkreisen bewegen sollen. Dann w\u00e4re sie vielleicht auf keineswegs seltene Menschenexemplare wie mich gesto\u00dfen, denen das Lesen, das Schreiben und die B\u00fccherliebe ein angeborenes Bed\u00fcrfnis war, das sich sogar gegen Leseverbote der Eltern (denn f\u00fcr die war Romanelesen = Faulsein auf dem Niveau von TV-Shows-Gucken) durchsetzte. Es gab auch keine Lehrerin oder Bibliothekarin, die mich unter ihre Fittiche genommen h\u00e4tte: Ich las mich durch eine Menge Schei\u00dfe in der Pfarrbibliothek (Die dortige alte Dame stutzte nur einmal kurz, als ich mir mit 10 K\u00e4stners <i>Fabian<\/i> holte, weil ich alle anderen K\u00e4stners bereits gelesen hatte. Doch sie \u00fcberlie\u00df es mir kommentarlos, kannte seinen Inhalt anscheinend selbst nicht.), bis ich mithilfe des regul\u00e4ren gymnasialen Deutschunterrichts auf nachhaltigere Lesef\u00e4hrten kam.<br \/>\nIch f\u00fchle mich von Fadiman ausgegrenzt aus dem Kreis der ernst zu nehmenden <i>common readers<\/i>, von denen ihr Buch handelt, weil ich aus den falschen Kreisen komme. Und bin beleidigt.<\/p>\n<p><i>(Poetic justice: Weil ich noch die Zitate nachschlagen musste, nahm ich das h\u00fcbsche Fadiman-B\u00fcchlein in meiner Arbeitstasche mit ins B\u00fcro. Wodurch seine R\u00fcckseite leider ein paar Kaffeeflecken abbekommen hat.)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war tats\u00e4chlich ganz begeistert von Anne Fadimans Essaysammlung Ex Libris. Confessions of a Common Reader, das mir Kommentatorin Jule hier empfohlen hatte. (Danke! Genau daf\u00fcr liebe ich das Bloggen.) Die Empfehlung wiederhole ich hiermit. Und doch haben mich zwei Stellen in diesem Buch gekr\u00e4nkt, vermutlich besonders wegen der sonst \u00fcbereinstimmenden Leidenschaft: 1. 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