{"id":1163,"date":"2006-01-27T09:28:21","date_gmt":"2006-01-27T08:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1163"},"modified":"2006-01-27T10:36:30","modified_gmt":"2006-01-27T09:36:30","slug":"immer-schon-auf-distanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/01\/immer-schon-auf-distanz.htm","title":{"rendered":"Immer sch\u00f6n auf Distanz"},"content":{"rendered":"<p>Gastarbeiterkind Alexandros Stefanidis erkl\u00e4rt im <i>SZ-Magazin<\/i> an seinem subjektiven Beispiel, warum ein Einwanderer zweiter Generation in Deutschland lieber griechischer Staatsb\u00fcrger bleibt: \u201e<a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/front_content.php?lang=2&#038;idcatside=1624\" target=_new>Griechisches Nein<\/a>.\u201c<\/p>\n<p>Das wollen wir gerne lesen, wir <i>SZ-Magazin<\/i>-Leser und damit deutsche Bildungsb\u00fcrger: Kaum etwas ist uns so identit\u00e4tsstiftend wie Deutschland-Bashing (was allein schon nationalistisch ist, weil wir erst mal die ungeheure Vielfalt Deutschland verallgemeinernd plattmachen m\u00fcssen, um eine Einheit zu erhalten, auf der wir undifferenziert herumhacken k\u00f6nnen). Zumal Stefanidis sich beim Schw\u00e4rmen \u00fcber die griechische Kultur ungemein deutsch liest: Genau diese Urspr\u00fcnglichkeit, Spontaneit\u00e4t und das famili\u00e4re Gemeinschaftsleben sind es, was Deutsche scharenweise nach Griechenland zieht, ob im Urlaub oder f\u00fcr immer. Dazu Stefanidis\u2019 Gef\u00fchl, in Deutschland fremd zu sein: Auch das eint die deutsche Intelligenzija.<\/p>\n<p>Dann nehmen wir doch mal zum Vergleich ein weiteres subjektives Beispiel f\u00fcr Einwanderer zweiter Generation: das Gastarbeiterkind Kaltmamsell, Deutsche mit deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Meine Ausgangssituation unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der des Alexandros Stefanidis. Das beginnt mit dem oft entscheidenden Umstand, dass ich \u00fcberhaupt nicht undeutsch aussehe und setzt sich mit meinem Elternhaus fort, das aus einem spanischen Einwanderer erster Generation und einer polnischst\u00e4mmigen Fremdarbeitertochter besteht.<\/p>\n<p>Meine Familie in Spanien ist mir ziemlich fremd, ich kann mit diesen Leuten nichts anfangen. Die einzelnen Zweige dort untereinander \u00fcbrigens ebenso wenig. Mit der polnischen Seite hatte ich nie zu tun, meine polnische Oma hat effizient gemauert. Mein Heranwachsen in Deutschland war zwar von spanischer Kultur beeinflusst, aber nicht sehr. Der engste Freundeskreis meiner Eltern bestand in meiner Kindheit aus drei parallel konstellierten Paaren: Er Spanier, sie Deutsche. Die ganzspanischen Gastarbeiterfamilien der Stadt waren fast alle in den fr\u00fchen 70ern zur\u00fcck nach Spanien gegangen. <\/p>\n<p>Spanischer Nationalismus f\u00e4llt mir \u00fcbrigens bis heute als ungeheuer rigoros auf: Spanier tendieren dazu, mich allein anhand meines spanischen Namens und meines spanischen Vaters als eine der ihren einzunehmen. Ich kann noch so protestieren, auf mein Aufwachsen in Deutschland hinweisen, auf mein mangelhaftes Spanisch, meine Staatsb\u00fcrgerschaft, auf die Tatsache, dass ich in den vergangenen zehn Jahren zusammengenommen gerade mal sechs Wochen auf spanischem Boden verbracht habe \u2013 der handels\u00fcbliche Spanier sieht mich als Landsm\u00e4nnin, will meine spanische Heimatstadt erfahren (\u201etu pueblo\u201c), spanische Tagespolitik wenn nicht gar die Fu\u00dfball-Liga mit mir diskutieren. Regelm\u00e4\u00dfig nehme ich mir vor, ganz brutal darauf hinzuweisen, wie egal mir Spanien ist, bringe es dann aber doch nicht \u00fcbers Herz.<\/p>\n<p>Meine Interessen sind nicht durch meine Rasse und mein Blut gepr\u00e4gt. Genauso wenig, wie mich w\u00e4hrend meines Studiums der Literaturwissenschaft <i>Woman Studies<\/i> anzogen, blo\u00df weil ich eine Frau bin, fesselten mich spanische oder polnische Themen. Statt dessen faszinierte mich immer mehr und bis heute Gro\u00dfbritannien, seine Geschichte und Kultur, englischsprachige Literatur der ganzen Welt.* Na und?<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr mein Identit\u00e4tsbewusstsein war das einj\u00e4hrige Studium in Wales. \u201eI come from Germany\u201c, stellte ich mich zun\u00e4chst vor, und ging mit dieser Formulierung trotz meiner deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft (meine Familie lie\u00df sich aus praktischen \u00dcberlegungen eindeutschen, als ich elf war) auf Distanz zu meinem Geburtsland. Die h\u00f6flichen Briten lie\u00dfen das durchgehen, doch meine engeren englischen Freundinnen mussten mir nicht lang zusehen, bis sie entschieden: \u201eYou are German, full stop.\u201c Und Recht hatten sie, das wurde mir schnell klar.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Alexandros Stefanidis drehe ich seither den Spie\u00df um: Ich bin Deutsche, ich geh\u00f6re dazu \u2013 und wagt es ja nicht, mich von irgend einer Seite des Deutschtums auszuschlie\u00dfen! Ich bin der Beweis, dass Deutsche ausl\u00e4ndische Namen haben k\u00f6nnen und eine multinationale Herkunft. Und ich kann ungem\u00fctlich werden, wenn ich in Diskussionen \u00fcber die schw\u00e4rzeste deutsche Vergangenheit als Nicht-Betroffene behandelt werde.<\/p>\n<p>Mein Verdacht: Herr Stefanidis verwechselt seine griechische Familie mit Griechenland. Es freut mich ja sehr f\u00fcr ihn, dass er sich unter diesen Leute so wohl und daheim f\u00fchlt \u2013 pl\u00e4diere aber daf\u00fcr, dass er bittesch\u00f6n nur f\u00fcr sich, und nicht gleich f\u00fcr eine Bev\u00f6lkerungsgruppe in Deutschland spricht.<\/p>\n<p><i>*Weswegen mir sehr gefiel, den B\u00fcchern Sujata Masseys zu begegnen: Geboren 1964 im englischen Sussex als Tochter eines Inders und einer Deutschen, wuchs Sujata Massey im amerikanischen Philadelphia\/USA auf. Doch welcher Kultur gilt ihre Faszination? Der japanischen. Die Hauptfigur ihrer Krimiserie, die ich sehr sch\u00e4tze, ist eine japanisch-amerikanische Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndlerin in Tokio.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastarbeiterkind Alexandros Stefanidis erkl\u00e4rt im SZ-Magazin an seinem subjektiven Beispiel, warum ein Einwanderer zweiter Generation in Deutschland lieber griechischer Staatsb\u00fcrger bleibt: \u201eGriechisches Nein.\u201c Das wollen wir gerne lesen, wir SZ-Magazin-Leser und damit deutsche Bildungsb\u00fcrger: Kaum etwas ist uns so identit\u00e4tsstiftend wie Deutschland-Bashing (was allein schon nationalistisch ist, weil wir erst mal die ungeheure Vielfalt Deutschland [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1163","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-general"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1163"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1163\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}