{"id":11988,"date":"2011-07-07T17:51:14","date_gmt":"2011-07-07T15:51:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=11988"},"modified":"2011-07-12T09:36:49","modified_gmt":"2011-07-12T07:36:49","slug":"bachmannpreis-2011-der-donnerstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/07\/bachmannpreis-2011-der-donnerstag.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2011, der Donnerstag"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcnf sehr unterschiedliche Texte waren das am ersten Tag des Vorlesens, in meiner Wahrnehmung keiner davon richtig grottig, aber auch keiner \u00fcberw\u00e4ltigend gut. Ich setzte mich wieder ins Fernsehstudio selbst (also nicht in das Zelt im Garten vor eine Leinwand und auch nicht ins Pressezentrum vor einen Monitor) und genoss die Inszenierung direkt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Gunter Geltinger liest <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3334\" target=\"_blank\">\u201eAuszug aus einem Roman\u201c<\/a> (einen Moment lang hoffe ich, das sei der tats\u00e4chliche Titel der Geschichte und der Herr mache sich \u00fcber die Marotte lustig, nicht mit eigenst\u00e4ndigen Texten anzutreten, sondern mit Fragmenten). Nach seinem freundlichen \u201eGuten Morgen\u201c erkl\u00e4rt er erst mal, dass er &#8211; wie die Figur der Geschichte &#8211; stottere und man das beim Vorlesen merken werde. Tats\u00e4chlich ist es f\u00fcr mich zun\u00e4chst anstrengend ihm zuzuh\u00f6ren, dann aber wieder faszinierend, weil Geltinger die Vorlese-Techniken verwendet, die ich aus <i>The King&#8217;s Speech<\/i> kenne: Er holt vor manchen W\u00f6rter ruhig Luft, macht an ungew\u00f6hnlichen Stellen Halt, setzt Schwa-Laute vor riskante Anfangskonsonanten: a-legen, a-Wolken, a-riechende. Gegen Ende dirigiert er sich mit anmutig angedeuteten Armbewegungen.<\/p>\n<p>In seiner Geschichte, von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3018\" target=\"_blank\">Alain Claude Sulzer<\/a> vorgeschlagen, stolpere ich \u00fcber die adjektivreiche und symbolschwangere Naturbeschreibung, doch mir gef\u00e4llt, wie sie die sp\u00e4tere Nachjustierung kindlicher Erinnerung anspricht, wie sich die Zeitebenen auch im erinnerten Geschehen nicht-linear verweben. Figuren und Szene interessieren und fesseln mich, m\u00f6chte ich gerne weiterlesen.<\/p>\n<p>Der Jury scheint am deutlichsten die gro\u00dfe Menge an K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten aufgefallen zu sein, <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3015\" target=\"_blank\">Daniela Strigl<\/a> spricht sogar von einem eigenen Genre \u201etrostloses Landleben in Norddeutschland &#8211; statt Blut und Boden Blut und Kotze\u201c. Sie, <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3021\" target=\"_blank\">Hubert Winkels<\/a> und <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3012\" target=\"_blank\">Hildegard E. Keller<\/a> scheinen \u00c4hnliches wie ich wahrgenommen zu haben, nur dass sie es als misslungen bezeichnen. Ausgerechnet <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3005\" target=\"_blank\">Meike Fe\u00dfmann<\/a> (ich habe ihr das letztj\u00e4hrige Kleinreden des Leidens an Depressionen immer noch nicht verziehen) lobt die Geschichte f\u00fcr die Darstellung des dysfunktionalen Mutter-Sohn-Verh\u00e4ltnisses &#8211; das Publikum applaudiert. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3008\" target=\"_blank\">Paul Jandl<\/a> wirft dem Text vor, er versuche stellenweise \u201eLiteratur zu sein\u201c. Und erinnert mich daran, warum ich englischsprachige Literatur (und Literaturwissenschaft) deutlich bevorzuge.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Maximilian Steinbeis versucht sich an einer Satire: Eine Beratungsrede \u00fcber <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3352\" target=_\"new\">\u201eEinen Schatz vergraben\u201c<\/a>. Ich frage mich schnell, wer da eigentlich spricht (das erkl\u00e4rt mir sp\u00e4ter Fe\u00dfmann: Mephisto. Ja, passt). Und ich fange sp\u00e4testens bei den lyrisch ausgeschm\u00fcckten Passagen an, mit den Augen zu rollen. Mit ein wenig K\u00fcrzen eine nette Glosse f\u00fcr die Feuilletonbeilage am Wochenende.<\/p>\n<p>Doch das Publikum lacht und am\u00fcsiert sich, es scheint Idee und Ausarbeitung nicht so abgedroschen zu finden wie ich. Auch die Diskussion ist sehr wohlwollend. Schon als der Text am Anfang \u00fcber die verlogenen Banken spricht, ahne ich, dass das bei der Jury ankommen wird. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3001\" target=\"_blank\">Burkhard Spinnen<\/a>, der diesen Text ins Rennen geschickt hat, erz\u00e4hlt prompt, was beim Erstlesen im Februar 2011 in ihm vorgegangen ist: \u201eHier ist jemand, der auf eine der ganz gro\u00dfen Gegenwartsfragen reagiert!\u201c Vielleicht h\u00fclfe es, wenn die Feuilletonisten hin und wieder mit den Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion zum Mittagessen gingen. Das n\u00e4hme einigen Themen die Exotik.<br \/>\nStrigl hat eine \u201eParodie auf Ratgeberliteratur\u201c geh\u00f6rt, Winkels sieht das Gold im Text allegorisch f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kommunikation. Jandl bittet die anderen Jurymitglieder, den Text \u201ebitte nicht zu hoch anzusetzen\u201c.<\/p>\n<p>Hinter mir im Fernsehstudio steht eine Frau, die sich nicht nur w\u00e4hrend des Vorlesens vor Lachen fast bepinkelt hat, sondern jetzt auch jedes anerkennende Wort \u00fcber den Text mit zustimmendem \u201eMhm!\u201c begleitet, hin und wieder einzeln applaudiert. Vielleicht Mutter Steinbeis?<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Daniel Wisser erfreut durch einen kurzen Vorstellungsfilm, in dem er vor einer wei\u00dfen Wand nichts sagt, unterlegt mit Musik. Er holt f\u00fcr seine Geschichte <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3354\" target=\"_blank\">\u201eStand by\u201c<\/a> (mitgebracht von Jandl) \u00fcber einen Ordnungsfanatiker mit Menschenproblem alles aus der M\u00f6glichkeit von Passivkonstruktionen heraus. Das Stilmittel wird schnell deutlich und erm\u00f6glicht ihm, die Hauptfigur in ihrer ganzen Verquastheit erlebbar zu machen. Einen Roman w\u00fcrde ich nicht durchstehen, aber in der Kurzstrecke ist das ausgesprochen gut gemacht.<\/p>\n<p>Diese Passivkonstruktionen sind auch das zentrale Element der Jurydiskussion. Winkels spricht von einem \u201esatirischen Text \u00fcber einen zwangsneurotischen Kleinb\u00fcrger mit apokalyptischen Grundtendenzen\u201c, h\u00e4lt die Konstruktionen und Personen aber f\u00fcr inkonsistent. Strigl schl\u00e4gt vor, dass das eine das andere spiegelt. Sie hat auch eine ganze Reihe \u201eunterschwelliger Gemeinheiten\u201c im Text ausgemacht. Die Jury ist sich einig, dass er dem Genre Genazino angeh\u00f6rt. Keller weist darauf hin, dass die Geschichte eine reichlich unheimliche Dimension hat, dass es sich nicht um Satire handelt, sondern um eine \u201ehochartifizielle Inszenierung\u201c.<\/p>\n<p>Spinnen macht sich ausf\u00fchrlich Gedanken, welche Wirkung die Passivkonstruktionen haben. Er findet sie \u00e4sthetisch entt\u00e4uschend und bem\u00e4ngelt einige Fehler in den Konjunktiven. Sulzer weist ihn darauf hin, dass Wisser durch dieses Stilmittel Dinge \u00fcber Personen sagen konnte, \u201edie anders nicht gesagt werden k\u00f6nnen\u201c. F\u00fcr Jandl werden durch das Passiv die Gegenst\u00e4nde ebenso pr\u00e4sent wie die Figur, er findet es \u00e4sthetisch pr\u00e4zise durchgezogen.<br \/>\nFe\u00dfmann wiederum haut drauf, das Passiv sei \u201eVorwand f\u00fcr ein an Schlichtheit nicht zu \u00fcberbietendes Konglomerat an Misanthropie und simpelsten Einf\u00e4llen\u201c, wird aber nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Anna Maria Pra\u00dfler, vorgeschlagen von Spinnen, l\u00e4sst in ihrem Vorstellungsfilm symbolbeladen Spiegel zerbrechen. Ihre Geschichte hei\u00dft <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3342\" target=\"_blank\">\u201eDas Andere\u201c<\/a> und kommt mir vor wie ein Text, von dem sich Lieschen M\u00fcller vorstellt, dass ihn eine Schriftstellerin \u00fcber eine Geisteswissenschaftlerin schreibt. W\u00e4hrend des Vorlesens bemerke ich, dass es eine schlechte Idee ist, eine zentrale Figur Bj\u00f6rn zu nennen: Dieses Wort kann niemand auf Deutsch peinlichkeitsfrei aussprechen, egal aus welcher Region das Deutsch stammt. Zudem irritiert mich, dass Pra\u00dfler als Ich-Erz\u00e4hlerin vorliest: \u201eSein S\u00fcddeutschland sollte mir immer fremd bleiben.\u201c &#8211; Pra\u00dfler hat einen sehr deutlichen s\u00fcddeutschen, n\u00e4mlich bayerischen Akzent.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann bem\u00e4ngelt, dass sie nichts von dem Paar erf\u00e4hrt, um das es doch haupts\u00e4chlich gehen soll. Sulzer spricht von einer \u201etrivialen Geschichte, angereichert mit Trivialit\u00e4ten\u201c. Winkels: \u201eMan sp\u00fcrt die Absicht und ist verstimmt.\u201c Ihm ist die Symbolik in diesem \u201eSeminargerede\u201c viel zu deutlich, Jandl hat sogar eine ganze Reihe \u201eSchlagers\u00e4tze\u201c entdeckt. Spinnen bringt das Ganze ins Positive indem er unterstreicht, dass all diese Dinge nicht unbedingt aufs Konto der Autorin gehen, sondern Teil der Rollenprosa sein k\u00f6nnten: Dass damit die Figur charakterisiert werde. Doch Jandl fasst zusammen: \u201eDas ist ein so konventionelles Ding, dass man es damit entschuldigen muss, dass es Rollenprosa ist.\u201c<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>In Antonia Baums Geschichte (vorgeschlagen von Winkels) geht es ab, im Widerspruch zu ihrem Titel: <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3328\" target=\"_blank\">\u201eVollkommen leblos, bestenfalls tot\u201c<\/a> hat zwei Kapitel und eine sehr lebendige Ich-Erz\u00e4hlerin. Im ersten Kapitel steht sie kurz vor dem Abitur und ist angemessen genervt von Eltern, Schule, Dorf. Im zweiten Kapitel ist diese Genervtheit Wut und \u00fcberheblichem Frust gewichen, die sie \u00fcber ihr Leben als Anh\u00e4ngsel eines Mannes in der wilden Gro\u00dfstadt empfindet. Ich mochte einige der elaborierten Metaphern (\u201eEinrichtungssirup\u201c) und die eingesprengten surrealen Elemente. Etwas abgelenkt war ich durch die Erkenntnis, dass <i>the camera<\/i> tats\u00e4chlich <i>adds ten pounds<\/i>: Vor mir am Lesetisch sa\u00df eine schmale, junge Frau, hohe Wangenknochen im schmalen Gesicht. Auf der Leinwand aber sah ich eine nicht mehr ganz junge Frau mit weichem Kinn und breitem Gesicht.<\/p>\n<p>Strigl nennt das Ganze sofort eine Thomas-Berhard(TB)-Parodie oder -Imitation &#8211; in jedem Fall sei sie misslungen. Und darum dreht sich dann fast die gesamte Jury-Diskussion. F\u00fcr Fe\u00dfmann ist es kein TB, sondern Rollenprosa. Jandl entdeckt \u201emanchmal\u201c TB, dann aber wieder \u201everschwurbelte Metaphern\u201c. Winkels verteidigt die Geschichte, TB-Stil geh\u00f6re \u201eseit Jahrzehnten zum poetischen Grundbestand\u201c. Sulzer bemerkt, dass der Text beim Vorlesen weniger nach TB klinge als beim Selbstlesen. Ich merke, dass ich deutlich mehr von TB lesen muss als die beiden Romane vor 20 Jahren &#8211; ich w\u00e4re nie auf den Vergleich gekommen.<\/p>\n<p>Einziges weiteres Thema der Diskussion: Hat sich die Figur zwischen erstem und zweitem Kapitel weiterentwickelt? Sulzer sagt ja, Keller (\u201eein Text mit ganz gro\u00dfem Schmollmund\u201c) sagt nein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf sehr unterschiedliche Texte waren das am ersten Tag des Vorlesens, in meiner Wahrnehmung keiner davon richtig grottig, aber auch keiner \u00fcberw\u00e4ltigend gut. 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