{"id":12027,"date":"2011-07-09T16:58:56","date_gmt":"2011-07-09T14:58:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=12027"},"modified":"2011-07-12T09:51:16","modified_gmt":"2011-07-12T07:51:16","slug":"bachmannpreis-2011-der-samstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/07\/bachmannpreis-2011-der-samstag.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2011, der Samstag"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/110709_Bachmannpreis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/110709_Bachmannpreis.jpg\" alt=\"\" title=\"110709_Bachmannpreis\" width=\"421\" height=\"562\" class=\"alignnone size-full wp-image-12033\" \/><\/a><\/p>\n<p>Anlasslos Kopfweh und steinerne M\u00fcdigkeit &#8211; aber der dritte Vorlesetag war erheblich leichter zu nehmen als der Freitag. Beim Schlangestehen vor dem Klo fassten <a href=\"http:\/\/www.claudiakilian.de\/\" target=\"_blank\">Frau Sammelmappe<\/a> und ich den Vormittag zusammen mit: Mehr Wessi geht nicht, mehr Ossi geht nicht. Der Nachmittag wiederum hinterlie\u00df eine Lache Testosteron und Sperma.<\/p>\n<p>Diesmal war ich fr\u00fch genug da, um von Anfang an einen Sitzplatz zu bekommen &#8211; auch wenn im nahezu leeren Zuschauerraum fast alle St\u00fchle durch abgelegte Gegenst\u00e4nde reserviert waren. <a href=\"http:\/\/light-inside.de\/\" target=\"_blank\">@engl<\/a> und ich beschlossen, n\u00e4chstes Jahr einen Stand mit Bachmannpreis-Merchandising in den Garten zu stellen, an dem wir auch Handt\u00fccher zum Stuhlbelegen anbieten w\u00fcrden. Am liebsten w\u00e4re mir aber, wenn man einen Sitzplatz ausschlie\u00dflich durch das Absetzen des eigenen Hinterteils reservieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich lese im Programmheft, dass Leif Randt (vorgeschlagen von Sulzer) bereits eine \u201eFitnesscenter-Erz\u00e4hlung\u201c und eine Nominierung f\u00fcr den \u201ePlopp!-H\u00f6rspiel-Award\u201c vorweisen kann und bef\u00fcrchte gro\u00dfe Albernheit. Doch sein <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3346\" target=\"_blank\">\u201eSchimmernder Dunst \u00fcber CobyCounty (Auszug)\u201c<\/a> ist nicht albern. Am Anfang machen mich die Zitate erwartbarer Klischees noch misstrauisch, doch schnell f\u00fcgen sie sich beim Zuh\u00f6ren in die realistische Glattheit und Oberfl\u00e4chlichkeit des Schauplatzes ein, auf dem sich die Wohlstandskinder von Eltern in Kreativberufen bewegen. Randt sieht ein paar Mal beim Vorlesen sentenzhafter Passagen betont romantisch nach oben rechts (mindestens zwei Mal, meist nahm mir eine Kamera die Sicht), einmal hebt er die Faust sekundenlang. Passt ebenfalls zum mehrfach fiktional gefilterten Inhalt.<\/p>\n<p>Erst jetzt sehe ich, dass dem vorgelesenen Text ein Dramatis Personae vorausgeht und dass die w\u00f6rtliche Rede kursiv gesetzt ist.<\/p>\n<p>Winkels hat einen \u201esch\u00f6nen, gelungenen Auftakt\u201c bekommen. In der Welt des Textes seien \u201ealle H\u00f6hen und Tiefen wegoperiert\u201c, alles Schmerzliche sei verschluckt. Er sieht eine \u201eAll-Age-Wellness-Kultur\u201c dargestellt, die unsere Lebenswelt trifft, findet den Text \u201e\u00e4u\u00dferst gelungen\u201c. Strigl stellt die Verbindung zum Film <i>The Truman Show<\/i> her, spricht von Selbsthistorisierung, \u201eretrospektiver Trendforschung\u201c, weist auf die Schilderung von Literatur hin, die eigens f\u00fcr diese Welt gez\u00fcchtet wird, auf die \u201ekapitalistische Utopie des neuen Menschen\u201c. Doch Fe\u00dfmann sieht sich provoziert: Der Elterngeneration werde vorgeworfen, sie sei so entspannt, dass nur die Melancholie als Gegenbewegung \u00fcbrig bleibe. Sie schimpft, das Generationenthema sei inzwischen ein Marketingthema und appelliert, die Provokation anzunehmen, indem man den Text nicht sch\u00f6n finde. Jandl weist auf den Gebrauch der Zitate hin: Eltern, Gef\u00fchle, die eigene Geschichte w\u00fcrden in Anf\u00fchrungszeichen pr\u00e4sentiert. Doch seiner Meinung nach f\u00e4llt der Text in seiner K\u00fcnstlichkeit zusammen.<\/p>\n<p>Keller ist sich sicher, dass der Kern der Geschichte in der Oberfl\u00e4che liegt: Es gebe nur noch Erfolg, der Einbruch von Authentizit\u00e4t habe keine Chance: \u201eSekund\u00e4rleben durch und durch.\u201c Winkels sieht eine \u201eDystopie im Gewand der Utopie\u201c und weist darauf hin, dass irgendjemand f\u00fcr dieses Wohlstandsleben zahlen muss. Sulzer unterstreicht die durchaus vorhandenen Irritationsmomente der Geschichte (Bad zu dritt, Vorahnung der neospiritualistischen Mutter), sieht darin Vorboten eines Zusammenbruchs dieser Gesellschaft. Strigl f\u00fcrchtet sich vor dieser Welt, in der jemand am allerstolzesten auf den Umstand ist, dass er noch nie Yoga gemacht hat &#8211; und findet die Geschichte genau deshalb gut.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Anne Richter wurde von Keller empfohlen und kommt aus dem Osten Deutschlands. Ihr <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3350\" target=\"_blank\">\u201eGeschwister\u201c<\/a> nimmt uns in die Tristesse einer th\u00fcringischen Kleinstadt inklusive geschlossener Fabrik. Ich bekomme bis zuletzt keinen Zugang zur Hauptperson Ruth, doch es tauchen interessante Figuren auf, mit hochemotionalen Szenen, unerkl\u00e4rt. Jajaja, die klaftertiefen L\u00fccken schlie\u00dfen sich wahrscheinlich im Fortlauf des Romans, doch ich habe es langsam satt, einen Text auf Basis von Spekulationen \u00fcber einen anderen Text rezipieren zu m\u00fcssen. Dann sollen sie doch gleich erst mal die Autorin ihren Text erkl\u00e4ren lassen.<\/p>\n<p>Es beginnt eine erstmals richtig kontroverse Diskussion in der Jury, Keller vermutet: \u201eVielleicht liegt es am Solidarit\u00e4tsbeitrag.\u201c Sulzer nennt den Text \u201egut gemacht\u201c, eine R\u00fcckkehr zu den Wurzeln, eine Recherche ohne Ergebnis. Doch er interessiere ihn nicht so richtig. Laut Strigl h\u00e4tte man mehr aus dem \u201ekonventionellen Ausgangspunkt\u201c machen m\u00fcssen (n\u00e4mlich einer Beerdigung), f\u00fcr sie ist die \u201eausgesprochen d\u00fcnnfl\u00fcssige, blutende Familie\u201c nicht stringent. Fe\u00dfmann mag den \u201eleisen Text, dessen Qualit\u00e4ten man leicht \u00fcbersieht\u201c, ihr hat gefallen, wie der Bruder die Mutterrolle \u00fcbernimmt. Winkels widerspricht: Der Text sei viel eher \u201eschrill\u201c, er findet die Verwendung von Leerstellen misslungen. Ganz anders Keller, f\u00fcr die Richter erz\u00e4hlen kann, \u201ein Pastellfarben, in Graut\u00f6nen\u201c, emotionslos, aber nicht herzlos. Sie sieht eine Geschichte \u00fcber zwei Geschwisterpaare &#8211; und die Beziehung zu Geschwistern sei meist die l\u00e4ngste, die man im Leben habe. Das Thema DDR h\u00e4lt sie f\u00fcr unwichtig.<\/p>\n<p>Spinnen sieht den Tod als zentrales Motiv, eine sterbende Region, \u201efamili\u00e4res Zerbrechen\u201c. Er rechnet dem Text hoch an, dass er dies diskret verarbeite, nicht allegorisch, doch \u201eganz gelungen scheint es mir nicht zu sein\u201c.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Nun zur Testosteronschlacht des Tages (ich sa\u00df in der zweiten Reihe und sp\u00fcrte schier meinen Damenbart sprie\u00dfen). Michel Bo\u017eikovi&#263; (der franz\u00f6sische auszusprechende Vorname kollidiert mit dem Nachnamen) pr\u00e4sentiert sich in einem Filmchen nach eigenem Konzept, von dem ich schnell w\u00fcnsche, er m\u00f6ge als Witz gemeint sei: Japanischer Kampfsport, Segeln, \u201eich mag Herausforderungen\u201c. Sie ahnen es: Das war kein Witz. Denn Bo\u017eikovi&#263; rast anschlie\u00dfend mit vielen Verhasplern durch seinen Text <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3330\" target=\"_blank\">\u201eWespe\u201c<\/a> mit Jean-Claude Van Damme in der Hauptrolle. Sprachliche Besonderheit: Die Man-Perspektive. (Wobei ich es durchaus begr\u00fc\u00dfe, dass ein Autor Farbe in die Literaturbr\u00e4sigkeit bringt, indem er schier Motor\u00f6l im Gesicht hat und Steaks nur blutig isst.)<\/p>\n<p>Daraus versucht Keller sp\u00e4ter in der Diskussion das hohe Niveau der Geschichte zu zwirbeln: Es gebe gar keine Figur, nur eine Maske. Und dieser entspr\u00e4chen sowohl Handlung als auch Sprache. Es handle sich um ein Bewusstseinsexperiment in einer Extremsituation.<\/p>\n<p>Davor hat Winkels kritisiert, dass diese \u201espannende M\u00e4nnerunterhaltungsstory\u201c auf einem konstanten H\u00f6hepunkt erz\u00e4hlt werde, von dem sie nie herunterkomme. Er verwendet das Wort \u201eabgeschmackt\u201c. Sulzer w\u00e4hlt die Ausdr\u00fccke \u201e\u00fcberorchestriert\u201c sowie \u201est\u00e4ndiges Fortissimo\u201c und bietet dann an, dass es sich ja vielleicht um die \u201eImagination eines Jungen mit jugoslawischem Hintergrund\u201c handle, der in Wirklichkeit garade auf einer Schweizer Autobahn dahinrase, um am Ende auf einem Parkplatz zwischen Winterthur und Z\u00fcrich Rast zu machen. Fe\u00dfmann schl\u00e4gt als alternativen Titel \u201eDer Macho mit der Wespe\u201c vor, die Sprache hat sie an die Jugendb\u00fccher der 50er erinnert. (Strigl von links: \u201eNicht-\u00f6sterreichische Jugendb\u00fccher!\u201c)<\/p>\n<p>Strigl bem\u00fcht Nestroys <i>Einen Jux will er sich machen<\/i>: Da wolle auch jemand mal so richtig ein verfluchter Kerl sein. Sie verweist auf die Fl\u00fcche und den Jargon aus deutschen Synchronfassungen amerikanischer Actionfilme &#8211; das habe jeden Versuch zunichte gemacht, den Text zu m\u00f6gen. Jandl vermutet den Intelligenzquotienten der Hauptfigur auf dem Niveau der quietschenden Autoreifen. Die ganze Jury bem\u00fcht sich herauszufinden, was den Helden \u00fcberhaupt dorthin gebracht hat und motiviert (Deserteur? S\u00f6ldner?).<\/p>\n<p>Keller entschuldigt die Leerstellen damit, dass der Text ja der Anfang eines Romans sei. Vielleicht, gesteht Spinnen zu, habe Bo\u017eikovi&#263; einfach den falschen Ausschnitt aus dem Roman gew\u00e4hlt und lobt die Darstellung eines Menschen zwischen allen Fronten. Doch, so Spinnen, \u201emit der Literatur ist es wie mit einer Suppe: Man muss den L\u00f6ffel an jeder Stelle eintauchen k\u00f6nnen und muss von allem etwas schmecken\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht m\u00f6gen Sie sich ja zur Erheiterung <a href=\"http:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Literarischer_Krimi\/Drift\/15897\" target=\"_blank\">die Verlagsbeschreibung des resultierenden Romans<\/a> ansehen? (via <a href=\"http:\/\/twitter.com\/#!\/innere_simone\/status\/89644721282101248\" target=\"_blank\">innere_simone<\/a>)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine Runde Porno. Thomas Klupp, der seinem Autorenfoto so wenig gleicht, dass er einen Bruder h\u00e4tte schicken k\u00f6nnen, liest <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3338\" target=\"_blank\">\u201e9to5 Hardcore\u00a0(Romanauszug)\u201c<\/a>, vorgeschlagen von Winkels.<\/p>\n<p>Nachdem wir zumindest am Morgen von Randt zum ersten Mal in dieser Bachmannpreisrunde von SMS und E-Mail geh\u00f6rt hatten, sind wir jetzt ganz im Heute gelandet: Internetpornografie. Die Geschichte ist ungew\u00f6hnlich und witzig, ohne die ganz billigen Pointen zu bem\u00fchen. Das Publikum lacht und gluckst viel, wird aber &#8211; wie ich &#8211; im letzten Viertel m\u00fcde und unruhig. F\u00fcr mich ist mit einem recht drastischen Mittel eine gesellschaftliche Stimmung getroffen, geisteswissenschaftlicher Relativismus aufgespie\u00dft.<\/p>\n<p>Und wieder ist die Jury fast exakt meiner Meinung. Fe\u00dfmann mag den witzigen Text, die \u201ePersiflage auf die Kulturwissenschaft, auch auf eine Generation, die alles macht, was man von ihr verlangt.\u201c Doch sie bem\u00e4ngelt die Abnutzung der Effekte am Ende. Keller sieht einen Mann, der sich aufl\u00f6st, versteht aber nicht, warum er auf seiner Stelle bleibt. Jandl hat sich irgendwann gelangweilt, findet den Text \u201eliterarisch eine Petitesse\u201c (der ist heute eh kaum zu h\u00f6ren &#8211; geht&#8217;s ihm nicht gut?), Strigl diagnostiziert aber eine Ausbeute aus dem Zusammenprall von hehrer Wissenschaft und Pornografie. Das Mittel: Das Verbotene wird zum eigentlichen Arbeitsfeld gemacht. Au\u00dferdem ist sie begeistern \u00fcber die Satire auf den Universit\u00e4tsbetrieb: Dort arbeite sie ja, und es gehe genau wie beschrieben zu, wenn nicht noch schlimmer. Dann, meint Spinnen, sei sie doch gar nicht gut, die Satire, wenn sie an die Realit\u00e4t nicht heranreiche (er verweist auf Karl Kraus). Doch er lobt die Struktur des Textes, die eine Aura schaffe, in der \u201ealle lebensweltlichen Abgr\u00fcndigkeiten konserviert\u201c w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Sulzer r\u00fcgt faktische Widerspr\u00fcche im Text, Winkels fand ihn beim H\u00f6ren immer weniger witzig. Es folgt eine Nebendiskussion \u00fcber Datenerhebung in der Wissenschaft.<\/p>\n<p>Fast im Rauslaufen behauptet Spinnen, als Feigling nicht diskutieren zu wollen, ob \u201eTexte, \u00fcber die man lachen kann, gute Literatur sind\u201c. Es m\u00fcsse zumindest eine bessere Welt durchschimmern &#8211; und das t\u00e4te sie hier nicht.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Aus, Amen. Mir haben die Jury-Diskussionen sehr gut gefallen, die Perspektiven waren fast immer bereichernd. Und jetzt mache ich mich fertig f\u00fcrs Bachmannwettschwimmen im W\u00f6rthersee.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlasslos Kopfweh und steinerne M\u00fcdigkeit &#8211; aber der dritte Vorlesetag war erheblich leichter zu nehmen als der Freitag. Beim Schlangestehen vor dem Klo fassten Frau Sammelmappe und ich den Vormittag zusammen mit: Mehr Wessi geht nicht, mehr Ossi geht nicht. Der Nachmittag wiederum hinterlie\u00df eine Lache Testosteron und Sperma. 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