{"id":12082,"date":"2011-07-22T15:49:56","date_gmt":"2011-07-22T13:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=12082"},"modified":"2020-07-16T11:29:57","modified_gmt":"2020-07-16T09:29:57","slug":"clackity-clackity-clackity-wie-ich-durch-die-terassentur-lief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/07\/clackity-clackity-clackity-wie-ich-durch-die-terassentur-lief.htm","title":{"rendered":"Clackity-clackity-clackity \u2013<br>wie ich durch die Terrassent\u00fcr lief"},"content":{"rendered":"<p>Clackity-clackity-clackity&#8230; So lange auf der Tastatur rumhacken, bis eine Geschichte rauskommt \u2013 das war doch <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2010\/09\/make-the-clackity-noise-until-a-little-story-falls-out.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">der Tipp gegen Blogblockaden<\/a> (der Kalauer zum Selberschnitzen: Ich mach&#8217; ihn nicht.)<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir ein: Die Geschichte, wie ich mit acht Jahren zu all den sch\u00f6nen Narben kam, die ich seltsamerweise richtig, richtig gern an mir habe. (Und die mir letzthin erm\u00f6glichten zu sagen: \u201eHa! Sie sollten den anderen sehen!\u201c War in diesem Moment richtig witzig, das m\u00fcssen Sie mir einfach glauben.) Dummerweise erz\u00e4hle ich diese Geschichte seit 35 Jahren. Sehr wahrscheinlich hat sie mit den eigentlichen Vorf\u00e4llen nichts mehr zu tun, sondern ist in erster Linie eine glatte, runderz\u00e4hlte Geschichte, die zur Erinnerung geworden ist.<\/p>\n<p>Vielleicht hilft es, die Erinnerungsfetzen aneinander zu reihen, die ich als Bilder im Kopf habe?<\/p>\n<p>Der Spielzeug-Arztkoffer, den ich an diesem Nachmittag zu meiner Klassenkameradin Doris mitnehme und den ich erst kurz davor geschenkt bekommen habe.<\/p>\n<p>Der Bungalow inmitten von Arbeiterwohnbl\u00f6cken, in dem sie wohnt (Vater Architekt) \u2013 ich mag bis heute Bungalows ganz besonders gerne.<\/p>\n<p>Ihre Eltern sind nicht zuhause, sie und ihr kleiner Bruder (die \u00e4ltere Schwester war, glaube ich, nicht da) werden von der Oma beaufsichtigt.<\/p>\n<p>Das riesige Wohnzimmer mit ebenso riesigen gl\u00e4sernen Schiebet\u00fcren in den Garten. Als wir an ihnen vorbei zur Treppe hinunter in den Spielkeller gehen, sind sie an diesem trockenen Fr\u00fchlingstag aufgeschoben. Es ist ziemlich sicher Fr\u00fchling, ich hatte kurz zuvor Erstkommunion.<\/p>\n<p>Keine Erinnerung an den Spielkeller \u2013 die Bilder werden \u00fcberlagert von dem Spielkeller einer sp\u00e4teren Klassenkameradin am Gymnasium, in dem ich mit ihr Nachmittage lang Barbie spielte. Genauso wenig Erinnerung, ob oder wie wir mit meinem Arztkoffer gespielt haben. (Bei dieser Gelegenheit: Ich scheine der einzige Mensch auf der Welt zu sein, die als Kind nie Doktorspiele mit sexuellen Untert\u00f6nen gespielt hat. Wir spielten tats\u00e4chlich einfach krank und Arztbesuch.)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck im Wohnzimmer die Frage von Doris mit Kopfdeuten Richtung Garten, ob ich die Hasen sehen wolle. Meine begeisterte Zustimmung, bereits im Rennen nach drau\u00dfen. Nein, nicht mal an den L\u00e4rm der zerspringenden Scheiben kann ich mich erinnern. Das n\u00e4chste Bild ist der Blick auf den hellen Wohnzimmerteppich vor meinen F\u00fc\u00dfen (trug ich Schuhe? Oder hatte ich sie vor der Haust\u00fcr abstreifen m\u00fcssen?): Darauf tropft aus meinem tauben Gesicht Blut. Aufblicken, Doris sieht mich mit schreckverzerrtem Gesicht an, schreit meinen Namen.<\/p>\n<p>Die herbeigeeilte Oma, die mir einen feuchten K\u00fcchenlappen auf die Nase dr\u00fcckt, mich auf einen Stuhl setzt. Aufregung, Hilflosigkeit, Panik um mich herum. Ich wei\u00df nicht, wie mir geschieht, f\u00fchle mich aber ruhig; mir tut auch nichts weh.<\/p>\n<p>Meine Mutter steht vor mir und nimmt mir den K\u00fcchlappen von der Nase, schl\u00e4gt sich die Hand vor den Mund. (Ich glaube, die Oma hatte Doris mit dem Kinderradl zu ihr geschickt, um sie zu holen. Stimmt, wir hatten damals noch kein Telefon.)<\/p>\n<p>Meine Mutter untersucht mich von Kopf bis Fu\u00df mit unterdr\u00fcckter Panik, vergewissert sich, dass meine Augen nichts abbekommen haben, sieht die Schnitte auf meinem rechten Unterarm, meinem linken Handr\u00fccken, die gro\u00dfe klaffende Wunde auf meinem linken Knie. Es f\u00e4llt das Wort \u201eNotarzt\u201c und \u201etelefonieren\u201c, meine Mutter ist offensichtlich entsetzt \u00fcber die Unt\u00e4tigkeit der Oma. Ich bin immer noch ruhig und schmerzfrei, denke mir aber, dass in dieser Situation doch wohl irgendeine Art Reaktion von mir erwartet wird und beginne zu weinen.<\/p>\n<p>Die Fahrt im Krankenwagen ist ein gro\u00dfartiges Abenteuer: Ich bin ja so gut wie nie krank, diese medizinische High-Tech-Umgebung finde ich superspannend. Kleine Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, dass der Krankenwagen zwar mit Lal\u00fc und Blaulicht angekommen ist, mich jetzt aber ohne diesen Zauber ins Krankenhaus f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Im Krankenhaus werde ich freundlich versorgt. Eine Krankenschwester scherzt in beruhigender Absicht, dass das alles bis zu meiner Hochzeit verheilt sein werde. Ich plappere und frage ununterbrochen. Die Untersuchungen (war ich \u00fcberhaupt beim R\u00f6ntgen?) ergeben, dass keine der Verletzungen gef\u00e4hrlich ist, dass nicht mal das Nasenbein besch\u00e4digt wurde, dass alles zu n\u00e4hen sein wird.<\/p>\n<p>Ein Mann in Hellgr\u00fcn und mit Mundschutz n\u00e4ht meine Schnitte: Den tiefen am Knie mit ganz dickem Faden, Handr\u00fccken und Unterarm mit wenigen Stichen, die Nase (\u201ejetzt musst du aber mal eine Weile den Mund halten\u201c) sorgf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>Beim Heimkommen bin ich immer noch glockenwach. Meine Mutter versucht mich in den vierten Stock des Wohnblocks zu tragen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag gehe ich zum ersten Mal in meiner Schulzeit nicht in die Schule. Ich bekomme nachmittags Besuch, meine Schulfreundin Claudia bringt mir einen kleinen Obstkorb, in Zellophan gewickelt. (Das K\u00f6rbchen dient mir heute als Brotkorb.)<\/p>\n<p>Noch Jahrzehnte sp\u00e4ter spricht mich jedes Mitglied aus Doris&#8217; Familie bei jeder Begegnung auf den Unfall an. Am schwersten tr\u00e4gt der kleine Bruder an dem Erlebnis \u2013 er war wohl nach dem Krach der Scheibe aus seinem Zimmer ins Wohnzimmer gelaufen und hatte alles gesehen.<\/p>\n<p>Clackity-clackity-clack.<\/p>\n<p><i>Nachtrag: Ein Foto von mir etwa zwei Monate nach dem Unfall, die Narbe auf der Nase schon damals nur bei n\u00e4herem Hinsehen sichtbar.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Kaltmamsell_8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Kaltmamsell_8.jpg\" alt=\"\" title=\"Kaltmamsell_8\" width=\"317\" height=\"469\" class=\"alignnone size-full wp-image-12091\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clackity-clackity-clackity&#8230; So lange auf der Tastatur rumhacken, bis eine Geschichte rauskommt \u2013 das war doch der Tipp gegen Blogblockaden (der Kalauer zum Selberschnitzen: Ich mach&#8217; ihn nicht.) 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