{"id":1227,"date":"2006-03-12T08:45:56","date_gmt":"2006-03-12T07:45:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=1227"},"modified":"2006-03-12T08:48:28","modified_gmt":"2006-03-12T07:48:28","slug":"lesetipps-gesammelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/03\/lesetipps-gesammelt.htm","title":{"rendered":"Lesetipps, gesammelt"},"content":{"rendered":"<p>Meine Tageszeitung kommt zu sp\u00e4t, als dass ich sie auf meine Pendelfahrten in die Arbeit mitnehmen k\u00f6nnte, deshalb habe ich dort in den letzten Wochen vermehrt B\u00fccher gelesen. Davon seien empfohlen (v\u00f6llig ohne Spoiler, ehrlich):<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0099730618\/qid=1142099065\/sr=1-5\/ref=sr_1_11_5\/302-6089896-7663205\"><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/1_Kennedy.jpg' alt='' \/><\/a><\/p>\n<p><b>A.L. Kennedy, <i>Everything you need<\/i><\/b><\/p>\n<p>Davor hatte ich einen Band mit Kennedys Kurzgeschichten gelesen (<i>Indelible Acts<\/i>), die mir ein wenig zu ausgefuchst und clever gebaut waren: Ihre Konstruktion lenkte mich ab. Auf der Langstrecke von <i>Everything you need<\/i> kommt die erz\u00e4hlerische Ausgefuchstheit der britischen Schriftstellerin viel besser zur Wirkung, weil sie \u00fcber die 567 Seiten des Buches einen wunderbaren Rhythmus erzeugt. <\/p>\n<p>Es geht um eine sehr junge Frau, Mary, und eine kleine K\u00fcnstlerkolonie auf einer gottverlassenen walisischen Insel. Einer der K\u00fcnstler ist Marys Vater Nathan, das wei\u00df die junge Frau aber nicht. Er sorgt daf\u00fcr, dass sie ein mehrj\u00e4hriges Schriftsteller-Stipendium auf der Insel bekommt.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlich passiert nicht viel mehr als der Alltag unter diesen seltsamen Leuten. Und doch sehnte ich mich jeden Tag danach, den Roman wieder aufzuschlagen und einzutauchen in den Regen, den Wind, die Kargheit der Insel, Marys Ringen mit dem Schreiben mitzuk\u00e4mpfen, Nathans mit seinen D\u00e4monen, die anderen K\u00fcnstler ein wenig besser kennen zu lernen. Eines der B\u00fccher, die f\u00fcr die Zeit des Lesens mein Zuhause werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3462034650\/qid=1142099379\/sr=1-1\/ref=sr_1_11_1\/302-6089896-7663205\"><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/2_Menasse.jpg' alt='' \/><br \/>\n<\/a><br \/>\n<b>Eva Menasse, <i>Vienna<\/i><\/b><\/p>\n<p>Das Buch, Menasses Familiengeschichte, hat mich so sehr in die Welt Friedrich Torbergs zur\u00fcckgezogen, dass ich mir immer wieder vor Augen f\u00fchren musste, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil ein halbes Jahrhundert nach der Tante Jolesch spielt.<\/p>\n<p>Nicht chronologisch, sondern eher wie man sich in heiterer Familienrunde, die in <i>Vienna<\/i> oft in dieser Form auftaucht, Familiengeschichten erz\u00e4hlt. Typische Anf\u00e4nge von Abs\u00e4tzen sind \u201eAls er verhaftet wurde, n\u00e4hte mein Onkel gerade eine Pyjamahose.\u201c oder \u201eManche sind der Ansicht, mein Bruder sei zu den Gesch\u00e4ften meines Vaters seit jeher in grimmiger Opposition gestanden, doch das stimmt so nicht.\u201c Gleichzeitg ist ein Thema des Buches die Ablenkungsfunktion, die das Geschichtenerz\u00e4hlen in dieser Familie hatte. Ablenkung von all den Dingen, \u00fcber die nicht gesprochen wurde.<\/p>\n<p>Zur Torberg-\u00c4hnlichkeit geh\u00f6rt der Reichtum an Zitierbarem in <i>Vienna<\/i>. Dem Mitbewohner, von Natur aus jeder Form von Drau\u00dfen- oder gar Im-Gr\u00fcnen-Aktivit\u00e4t abhold (\u201eWenn ich frische Luft will, mach ich\u2019s Fenster auf.\u201c) konnte ich zum Beispiel als Abwehr gegen Ausflugansinnen anbieten: \u201eBin ich a Reh?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3872949438\/qid=1142099547\/sr=2-1\/ref=sr_2_11_1\/302-6089896-7663205\"><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/3_Soentgen.jpg' alt='' \/><br \/>\n<\/a><br \/>\n<b>Jens Soentgen, <i>Selbstdenken! 20 Praktiken der Philosophie<\/i><\/b><\/p>\n<p>Eine Einf\u00fchrung in die Philosophie aus dem Jahr 2005, aber weder an der Chronologie, noch an Personen aufgeh\u00e4ngt, sondern in 20 \u00fcbliche Techniken sortiert (u.a. Hinsehen, Pr\u00e4zisieren und Definieren, Logik, Gedankenexperimente). Wunderbar geschrieben, ungew\u00f6hnlich illustriert (von Nadia Budde). Wie nebenbei tauchen alle wichtigen Figuren der westlichen Geistesgeschichte auf, inklusive Schwerpunkt und Bedeutung. Und allein schon die Literaturhinweise am Ende der Kapitel sind das ganze Buch wert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/051513306X\/qid=1142099644\/sr=1-2\/ref=sr_1_10_2\/302-6089896-7663205\"><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/4_Walters.jpg' alt='' \/><br \/>\n<\/a><br \/>\n<b>Minette Walters, <i>The Shape of Snakes<\/i><\/b><\/p>\n<p>\u201eLang und d\u00fcnn\u201d, sagte der Mitbewohner, als er den Buchtitel las. Und dann: \u201eOh, jetzt habe ich dir die Spannung kaputt gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Unter den zeitgen\u00f6ssischen Krimischreiberinnen der englischsprachigen Welt ist Minette Walters etwas Besonderes. Das beginnt damit, dass sie keine Serie schreibt (wie Elizabeth George oder Patricia Cornwell), sondern voneinander unabh\u00e4ngige Geschichten und Settings. Walters verwendet ungew\u00f6hnliche Perspektiven und F\u00e4lle, gern liegt der Ausl\u00f6ser der <i>detection<\/i> Jahrzehnte zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In <i>The Shape of Snakes<\/i> ist es eine Frau, die nach zwanzig Jahren zur\u00fcck nach England kommt und den Todesfall einer schwarzh\u00e4utigen Nachbarin und Tourette-Patientin auf eigene Faust wieder aufrollt, die damals vor ihrer Haust\u00fcr starb: Sie ist \u00fcberzeugt davon, dass es sich um einen Mord aus rassisitschen Motiven gehandelt hat. Erz\u00e4hlt wird aus der Ich-Perspektive dieser Frau und, eine typische Walters-Technik, anhand von Dokumenten wie alten Briefen und Protokollen. Dadurch wird die ermittelnde Hauptfigur sehr vielschichtig und manchmal durchaus zwielichtig.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/5_Hemingway.jpg' alt='' \/><br \/>\n(Das ist Mitbewohners pers\u00f6nliches Exemplar. Hemingway kauft man im Antiquariat, bittesch\u00f6n, oder auf dem Flohmarkt.)<\/p>\n<p><b>Ernest Hemingway, <i>Fiesta. The Sun also Rises.<\/i><\/b><\/p>\n<p>Klassiker werde ja selten empfohlen, weil man sie doch eh kennt. Wie ungerecht.<br \/>\n<i>Fiesta<\/i> hatte ich zwar w\u00e4hrend meiner ersten Hemingway-Phase um meinen 20. Geburtstag rum bereits gelesen, aber zum einen auf Deutsch, zum anderen war ich jemand anderes.<\/p>\n<p>Das Wiederlesen, auf Englisch und fast 20 Jahre sp\u00e4ter, hat mir best\u00e4tigt, dass ich Hemingways Sachen liebe, und es ruft mir viele Bilder in den Kopf, die ich beim ersten Lesen noch gar nicht zur Verf\u00fcgung hatte. Eine Busfahrt durchs hochsommerliche Nordspanien vor dem B\u00fcrgerkrieg, Paris mit Concierge und Dachkammern, sch\u00f6ne, harte, r\u00fccksichtslose Frauen. Hemingways schmerzensreiche Balance am Abgrund liegt mir so viel mehr als die eines Bret Easton Ellis.<\/p>\n<p>Allerdings wird in <i>Fiesta<\/i> derart viel gesoffen (z.B. mal eben zwei Flaschen Rotwein zum Mittagessen, pro Mann), dass ich schon vom Lesen Kopfweh bekomme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Tageszeitung kommt zu sp\u00e4t, als dass ich sie auf meine Pendelfahrten in die Arbeit mitnehmen k\u00f6nnte, deshalb habe ich dort in den letzten Wochen vermehrt B\u00fccher gelesen. Davon seien empfohlen (v\u00f6llig ohne Spoiler, ehrlich): A.L. 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