{"id":12556,"date":"2011-10-31T11:40:49","date_gmt":"2011-10-31T10:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=12556"},"modified":"2011-10-31T16:06:15","modified_gmt":"2011-10-31T15:06:15","slug":"keri-hulme-the-bone-people","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2011\/10\/keri-hulme-the-bone-people.htm","title":{"rendered":"Keri Hulme, <i>The Bone People<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Bone_People.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Bone_People.jpg\" alt=\"\" title=\"Bone_People\" width=\"326\" height=\"308\" class=\"alignnone size-full wp-image-12557\" \/><\/a><\/p>\n<p>Frau Langstrumpf? Sie ist stark, sie hat unersch\u00f6pflich viel Geld, sie sorgt f\u00fcr sich selbst, sie kommt blendend allein zurecht, sie denkt sich Geschichten und Lieder aus, s\u00e4uft und raucht wie ein Seemann, und sie wohnt in einem merkw\u00fcrdigen Haus, das sie selbst gebaut hat: Wenn das Haus nicht auf Neuseeland l\u00e4ge, k\u00f6nnte sie die erwachsene Pipi Langstrumpf sein. Kerewin Holme, die Protagonistin des Romans <i>The Bone People<\/i> von Keri Hulme, wurde innerhalb weniger Seiten zu meiner liebsten fiktiven Figur. Und der Roman zum Highlight meines Lesejahres.<\/p>\n<p>Wir lernen die K\u00fcnstlerin Kerewin beim Fischfang kennen (wenn wir mal die merkw\u00fcrdigen Einleitungsseiten beiseite lassen): Sie jagt mit dem Speer in seichtem Wasser. Doch von Anfang an wird sie von D\u00fcsternis belastet geschildert, als gequ\u00e4lte Seele \u2013 als w\u00e4re beim \u00dcbergang von Pipi zu Frau Langstrumpf einiges schief gegangen. Kerewin hat eine besondere Wahrnehmung mit einem hohem Grad von Empathie, ist aber oft gefangen im eigenen Zorn.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Bone_People\" target=\"_blank\">englische Wikipedia (Achtung Spoiler!)<\/a> fasst die Handlung des Romans als \u201ean unusual story of love\u201d zusammen. Das trifft es gut. Im Zentrum dieser Geschichte stehen neben Kerewin zwei weitere Figuren: Die eine ist Simon, ein etwa sieben Jahre alter Bub, d\u00fcrr, mit heller Haut und hellem Haar, stumm, eigensinnig, in sich gefangen und eine gequ\u00e4lte Seele. Die andere ist Joe, sein Ziehvater, dunkel, zugewandt und eine gequ\u00e4lte Seele. Der Roman umfasst in etwa das Jahr ab dem Moment des Zusammentreffens der drei, voll Geselligkeit, Gewalt, \u00c4ngsten, Qual.<\/p>\n<p>Hintergrund und Bestandteil der Handlung ist die Maori-Kultur, wundervoll organisch einwoben: Weder spricht aus dem Element eine europ\u00e4ische Idealisierung von Urv\u00f6lkern \/ Naturreligion \/ edlen Wilden, noch liest es sich aufgesetzt. Der Trick ist, dass Hulme statt <i>magic realism<\/i> zu verwenden auf die Magie der Realit\u00e4t setzt: Zum Beispiel tauchen Heilpflanzen auf, doch sie werden nur en passant erkl\u00e4rt \u2013 und nicht nur die Maori nutzen sie, sondern jeder interessierte Einwohner. Es gibt Amulette und Rituale, auch sie durch n\u00fcchterne Beschreibungen und Erkl\u00e4rungen geerdet, ohne sie zu entzaubern. Es wird schlicht nachvollziehbar gemacht, warum sie wohl tun k\u00f6nnen und warum sie manchmal schaden. Lediglich in einem Kapitel ist der Maori-Mythos explizit das Hauptthema und erkl\u00e4rt ihn vordergr\u00fcndig \u2013 was es f\u00fcr mich zur schw\u00e4chsten Passage des Buches machte.<br \/>\nDialoge sind immer wieder Maori, un\u00fcbersetzt \u2013 und ich entdeckte erst auf den letzten 30 Seiten, dass das Buch am Ende ein Glossar enth\u00e4lt. Machte f\u00fcrs Verst\u00e4ndnis keinen gro\u00dfen Unterschied.<\/p>\n<p>Der Roman erz\u00e4hlt m\u00e4andernd, aber insgesamt linear aus der Sicht wechselnder Personen, haupts\u00e4chlich der drei Protanisten, aber auch aus der Perspektive von Nebenfiguren. Meist sind die \u00dcberg\u00e4nge nicht markiert, doch es hilft dem Lesefluss, dass die zahlreichen inneren Monologe einger\u00fcckt sind.<\/p>\n<p><i>The Bone People<\/i> ist eine lange, gro\u00dfe, tiefe Geschichte; ich glaube gern, dass Keri Hulme vor der Ver\u00f6ffentlichung 1983 zw\u00f6lf Jahre daran gearbeitet hat.<sup><a href=\"#footnote_1_12556\" id=\"identifier_1_12556\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"1985 wurde der Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet, eine damals sehr umstrittene Wahl, unter anderem weil es sich um einen Erstling handelte.\">1<\/a><\/sup> Selten habe ich emotionale Verschlingungen zwischen Menschen so eindr\u00fccklich dargestellt gelesen. Bis zu den letzten 50 Seiten war schon so viel zwischen den dreien schief gegangen, dass ich innerlich um ein halbwegs gutes Ende flehte \u2013 gleichzeitig aber mit hochgezogenen Schultern auf die v\u00f6llige Katastrophe gefasst war.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_12556\" class=\"footnote\">1985 wurde der Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet, eine damals sehr umstrittene Wahl, unter anderem weil es sich um einen Erstling handelte.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_12556\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Langstrumpf? 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