{"id":1282,"date":"2006-10-18T10:12:14","date_gmt":"2006-10-18T08:12:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/10\/wohin-mit-unseren-deppen.htm"},"modified":"2006-10-18T10:12:14","modified_gmt":"2006-10-18T08:12:14","slug":"wohin-mit-unseren-deppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/10\/wohin-mit-unseren-deppen.htm","title":{"rendered":"Wohin mit unseren Deppen?"},"content":{"rendered":"<p>Dass es eine neue Diskussion um die tats\u00e4chliche Struktur unserer Gesellschaft gibt, freut mich sehr. Denn mir scheint, dass im jetzigen Nachdenken \u00fcber die \u201eUnterschicht\u201c endlich die ganz oberfl\u00e4chlich materielle Seite, meist \u201eArmut\u201c genannt, zur Seite r\u00fcckt und als das behandelt wird, was sie tats\u00e4chlich ist: Nur ein Detail bestimmter Lebensumst\u00e4nde, die keineswegs Ursache daf\u00fcr sein muss, sondern auch Folge sein kann. (N\u00fctzlich ist <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/,tt1m5\/deutschland\/artikel\/996\/88908\/\" target=_new>der Kommentar von Heribert Prantl in der heutigen Ausgabe der <i>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/i><\/a>.)<\/p>\n<p>Ich erhoffe mir von den neuen Gedanken Antworten auf eine Frage zur Gesellschaft, in der ich leben m\u00f6chte, bei der ich einfach nicht weiter komme: Wohin mit unseren Deppen?<\/p>\n<p>Erst letzthin h\u00f6rte ich wieder eine Erfolgsgeschichte: Junge Frau wollte nach dem Abitur gerne \u201ewas Kreatives\u201c machen, bewarb sich um Lehren bei Goldschmieden und Fotografen, bekam keine. Jobbte jahrelang durch die Gegend, vor allem als Bedienung. Machte dann doch eine Lehre, bei der Bahn als Schaffnerin, um wenigstens irgendwas zu haben. Ergriff die Gelegenheit, als sich in der Marketing-Abteilung der Bahn eine Assistentinnenstelle ganz am unteren Ende der Hackordnung auftat. Arbeitet mittlerweile in der Grafik-Konzeption eines deutschen Automobilherstellers und ist dort sehr gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Eine bestimmte Sorte Menschen, so behaupte ich, schaffte es einfach von fast jeder Ausgangsposition aus. Aber nur die wenigsten Menschen sind so gestrickt, wie die zukunftsorientierte Wissensgesellschaft sie offensichtlich braucht. Welche Anforderungen an sie gestellt werden, kann man \u00fcberall lesen. Es werden dicke B\u00fccher dar\u00fcber geschrieben, lange Magazinartikel, Detailbetrachtungen in Fachbl\u00e4ttern. Und nichts davon \u00fcberrascht: Um in unserer Gesellschaft mitzumischen, braucht es laut dieser Publikationen Eigeninitiative, Flexibilit\u00e4t, Neugier, Tatendrang, soziale Kompetenz, Erfindungsreichtum, Weitsicht, Offenheit\u2026 (k\u00f6rperliche Unversehrtheit und Gesundheit werden vorausgesetzt, tauchen deshalb gar nicht erst auf).<\/p>\n<p>Nur, frage ich mich: Was ist mit all den Ehrgeizlosen, Unmotivierten, nicht besonders Begabten, Miesepetrigen, mit den Bequemen, Langsamen, Begriffsstutzigen, Verzagten, Konservativen? Sollen sie gezwungen werden, sich zu \u00e4ndern? Wenn ja: Bis zu welchem Grad? Ab welchem Grad der \u00c4nderung m\u00fcssten sie eigentlich jemand anderer werden? Sollen sie statt dessen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden? In Billiglohnl\u00e4nder abgeschoben? Oder doch lieber von den Leistungstr\u00e4gern durchgef\u00fcttert?<br \/>\nIch kenne noch die traditionellen Nischen f\u00fcr solche Menschen, die sie in die Arbeitswelt einschlossen und ihnen W\u00fcrde gaben: Die einarmigen Pf\u00f6rtner (heute ersetzt durch Fremdfirmen), das d\u00fcrre, krumme Faktotum in der Fabrikhalle, der Eisensp\u00e4ne wegkehrt und um neues Schmier\u00f6l geschickt wird (wird nach Krankheit oder bei Rente sicher nicht ersetzt). Wollen wir uns diese Nischen noch leisten? Das entsprechende, gleichzeitig investorenorientierte Unternehmenskonzept s\u00e4he ich gerne.<\/p>\n<p>Mal sehen, ob durch die jetzige Diskussion neue Ideen aufkommen, wie eine Leistungsgesellschaft alle Menschen einschlie\u00dfen kann (oder ob wir das \u00fcberhaupt wollen).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es eine neue Diskussion um die tats\u00e4chliche Struktur unserer Gesellschaft gibt, freut mich sehr. 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