{"id":12948,"date":"2012-03-08T10:03:49","date_gmt":"2012-03-08T09:03:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=12948"},"modified":"2012-03-08T14:32:58","modified_gmt":"2012-03-08T13:32:58","slug":"wohltatigkeit-und-effektivitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/03\/wohltatigkeit-und-effektivitat.htm","title":{"rendered":"Wohlt\u00e4tigkeit und Effektivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Gestern wurde in meinem Eck des Internets <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/37119711\" target=\"_blank\">der Link zu einem Film \u00fcber die Untaten des ugandischen Massem\u00f6rders Kony<\/a> lawinenartig verbreitet. Der Film war von der Organisation <i>Invisible Children<\/i> hergestellt und ver\u00f6ffentlicht worden und enthielt eine Spendenaufforderung. In meinem Eck des Internets gibt es viele Menschen, die bei Missst\u00e4nden nicht wegsehen k\u00f6nnen, das erkl\u00e4rt den Drang, auf dieses Video hinzuweisen.<\/p>\n<p>In meinem Eck des Internets gibt es aber gleichzeitig viele Menschen, die diesem Hilfeimpuls nicht unreflektiert nachgeben und sich gerade bei derart schneller und gro\u00dfer Verbreitung von Aufrufen f\u00fcr Hintergr\u00fcnde interessieren. Bald las ich, dass <i>Invisible Children<\/i> sehr wahrscheinlich nicht die effektivste Hilfe bietet. Johnny H\u00e4usler hat das <a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/2012\/03\/07\/kony2012-und-invisible-children\/\" target=\"_blank\">auf Spreeblick gut zusammengefasst<\/a>.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das aber lediglich der neueste Fall einer Erscheinung, die mich schon lange umtreibt: Dass Wohlt\u00e4tigkeit meist von Subjektivit\u00e4t, Emotionen und Impulsen getrieben wird \u2013 und damit sehr leicht zu manipulieren ist. N\u00fcchterne \u00dcberlegungen, wo welche Missst\u00e4nde auf welche Art und Weise m\u00f6glichst effektiv und langfristig erleichtert werden k\u00f6nnen, sind selten. Das hat mannigfaltige Ursachen, zum Beispiel:<br \/>\n&#8211; In der Emp\u00f6rung \u00fcber Missst\u00e4nde klingt der Ruf nach n\u00fcchternen \u00dcberlegungen zynisch.<br \/>\n&#8211; Die Menschheit ist sich nicht einig, was sie unter Effektivit\u00e4t und Langfristigkeit versteht.<br \/>\n&#8211; Die Menschheit ist sich ja nicht mal einig, was sie unter Missstand versteht.<br \/>\n&#8211; Wohlt\u00e4tigkeit ist nie ganz altruistisch (siehe <i>Friends<\/i>-Folge <a href=\"http:\/\/www.tv.com\/shows\/friends\/the-one-where-phoebe-hates-pbs-445\/\" target=\"_blank\">&#8220;The one where Phoebe hates PBS&#8221;<\/a>), die Wohlt\u00e4terin will sich immer durch die Wohltat auch besser f\u00fchlen. Gerade die Impulswohlt\u00e4tigkeit l\u00e4uft nach einem Ventilmechanismus ab: Ich erfahre von einem Missstand, der mich emp\u00f6rt, der mich sehr schlecht f\u00fchlen l\u00e4sst. Mir wird gleichzeitig mit der Information eine M\u00f6glichkeit angeboten, etwas gegen den Missstand zu tun. Ich nehme die M\u00f6glichkeit wahr und f\u00fchle mich ein wenig besser, weil ich \u00fcberzeugt bin, etwas gegen die Emp\u00f6rungsursache getan zu haben.<\/p>\n<p>Deswegen ist es eine gute Sache, unabh\u00e4ngig von aktueller Emp\u00f6rung dar\u00fcber zu reflektieren, wie man helfen m\u00f6chte und warum. Die einen kommen zum Ergebnis, dass sie in erster Linie selbst etwas tun wollen. Im schlimmsten Fall fahren sie als Konsequenz auf eigene Faust in Katastrophengebiete und bereiten in fast jedem Fall den Hilfsorgansisationen noch mehr Arbeit (zum Beispiel nach dem Tsunami in Thailand 2004). Im deutlich besseren Fall schaun sie sich in ihrer Nachbarschaft nach M\u00f6glichkeiten um (und helfen zum Beispiel Einwandererkindern beim Lesenlernen oder kaufen f\u00fcr die alte Frau nebenan ein).<\/p>\n<p>Die anderen m\u00f6chten gerne spenden. Auch die Entscheidung, wieviel wof\u00fcr ist meistens von Impuls und Emotion geleitet. Im Blog <a href=\"http:\/\/lesswrong.com\/\" target=\"_blank\">Less Wrong<\/a> legt der Artikel <a href=\"http:\/\/lesswrong.com\/lw\/3gj\/efficient_charity_do_unto_others\/\" target=\"_blank\">&#8220;Efficient Charity: Do Unto Others&#8230;&#8221;<\/a> meiner Ansicht nach einleuchtend dar, welche Art der Spende auf welchen Motiven basiert und was die Konsequenzen sind.<\/p>\n<blockquote><p>Deciding which charity is the best is hard. It may be straightforward to say that one form of antimalarial therapy is more effective than another. But how do both compare to financing medical research that might or might not develop a &#8220;magic bullet&#8221; cure for malaria? Or financing development of a new kind of supercomputer that might speed up all medical research? There is no easy answer, but the question has to be asked.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Link war eine Leseempfehlung von <a href=\"http:\/\/kathrinpassig.kulturindustrie.com\/pages\/uebersicht.html\" target=\"_blank\">Kathrin Passig<\/a>, die ich \u00fcber Google Reader abonniert hatte. Kathrin Passig befasst sich immer wieder mit der Komplexit\u00e4t von Hilfe in gro\u00dfem Rahmen und kommt von einer Facette zur anderen. Von ihr habe ich auch den Verweis auf <a href=\"http:\/\/givewell.org\/about\" target=\"_blank\">Give Well<\/a>, eine Organisation, die die Effektivit\u00e4t von Wohlt\u00e4tigkeitsorganisationen analysiert:<\/p>\n<blockquote><p>GiveWell is an independent, nonprofit charity evaluator. We find outstanding giving opportunities and publish the full details of our analysis to help donors decide where to give.<br \/>\nUnlike other charity evaluators, which focus solely on financials (assessing administrative or fundraising costs), we focus on how well programs actually work \u2013 i.e., their effects on the people they serve.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mich ist die Selbstbestimmung der Menschen ein ausgesprochen hoher Wert, selbstverst\u00e4ndlich auch, wenn es ihnen schlecht geht, wenn sie unterprivilegiert sind. Deswegen (ich k\u00fcrze einen langen und verzweigten Gedankengang brutal ab) f\u00fchlte ich mich vom Konzept Mikrokredit sehr angezogen: Zum einen wird nicht von oben herab gespendet, sondern \u00fcber eine Geldleihe auf Augenh\u00f6he an jemanden herangetreten, zum anderen ist es ja in die Selbstverantwortung der Kreditnehmerin gelegt, was sie mit dem Geld tun m\u00f6chte. Aber auch das ist, wir ahnten es, nicht so einfach. Wie wiederum Kathrin Passig aufdr\u00f6selt, diesmal in einem Artikel f\u00fcr das <i>S\u00fcddeutsche Magazin<\/i>: <a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/36766\" target=\"_blank\">&#8220;Was tun wir da?<br \/>\nSeit Jahren hei\u00dft es: Mikrokredite helfen Menschen in Entwicklungsl\u00e4ndern, eigenes Geld zu verdienen. Aber die Realit\u00e4t ist um einiges komplizierter.&#8221;<\/a><\/p>\n<p>Ich sehe mich mit meinen Gedanken zum Thema Hilfe, vom Wohlstand abgeben, erst ganz am Anfang. Um aber nicht gel\u00e4hmt gar nichts zu tun, spende ich zwei Organisationen, die f\u00fcr mich die meisten Menschheits\u00fcbel an der Wurzel bek\u00e4mpfen:<br \/>\n&#8211; Amnesty international, denn ohne Menschenrechte geht gar nichts<br \/>\n&#8211; \u00c4rzte ohne Grenzen, die allen \u00dcberpr\u00fcfungen von Eff<del>izienz<\/del>ektivit\u00e4t und verantwortlichem Handeln standhalten<\/p>\n<p>(Bei dieser Gelegenheit mal wieder der Appell, nicht zweckgebunden zu spenden: Die Hilfsorganisationen haben einen erheblich besseren \u00dcberblick als wir Spender, wo gerade Hilfe am n\u00f6tigsten ist, auch wenn diese Not nicht in der Tagesschau auftaucht. Bei zweckgebundenen Spenden d\u00fcrfen sie das Geld nur f\u00fcr diesen Zweck verwenden \u2013 und so sitzen sie bis heute zum Beispiel auf sehr viel Geld, das nur f\u00fcr die Sch\u00e4den des Tsunami in Thailand verwendet werden darf. Informieren Sie sich so lange, bis Sie eine Hilforganisation finden, der sie vertrauen, und legen Sie die Verantwortung f\u00fcr die Verwendung Ihres Geldes in deren H\u00e4nde.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern wurde in meinem Eck des Internets der Link zu einem Film \u00fcber die Untaten des ugandischen Massem\u00f6rders Kony lawinenartig verbreitet. Der Film war von der Organisation Invisible Children hergestellt und ver\u00f6ffentlicht worden und enthielt eine Spendenaufforderung. 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