{"id":12950,"date":"2012-03-11T09:28:19","date_gmt":"2012-03-11T08:28:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=12950"},"modified":"2022-07-15T12:03:27","modified_gmt":"2022-07-15T10:03:27","slug":"pia-ziefle-suna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/03\/pia-ziefle-suna.htm","title":{"rendered":"Pia Ziefle, <i>Suna<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120311_Suna-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120311_Suna-1.jpg\" alt=\"\" width=\"292\" height=\"389\" class=\"alignnone size-full wp-image-78183\" \/><\/a><\/p>\n<p>Pia Ziefle kenne ich aus dem Internet, als <a href=\"http:\/\/www.denkding.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogautorin<\/a> und als Kommentatorin in meinem Blog. So wusste ich schon lange, dass Abstammung aus verschiedenen Kulturen sie besch\u00e4ftigt. Jetzt ist aus dieser Besch\u00e4ftigung ein Roman geworden, der wohl das Dichteste, Kr\u00e4ftigste und Kunstfertigste ist, was ich seit Langem an deutscher Literatur gelesen habe.<\/p>\n<p>Westliche Literatur, die aus einer Geschichte von Migration und Mischung verschiedener Historien und Kulturen entsteht, kenne ich aus Gro\u00dfbritannien: Dort hat <i>postcolonial literature<\/i> seit Jahrzehnten eine auch literaturwissenschaftlich erfasste eigene Tradition. <sup><a href=\"#footnote_1_12950\" id=\"identifier_1_12950\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Beispiele reichen von Doris Lessing &uuml;ber die B&uuml;cher von Salman Rushdie bis zu Andrea Levy, Small Island.\">1<\/a><\/sup> Das Pendant in Deutschland beginnt sich gerade erst zu bilden, ich nennen es testweise Einwandererliteratur. (Ist eine Germanistin im Raum, die mir den Stand der Forschung berichten kann und ob es vielleicht schon einen \u00fcblichen Terminus gibt?) Und Pia Ziefles <i>Suna<\/i> beweist aufs Gro\u00dfartigste, wie gro\u00df die literarische L\u00fccke ist, die durch dieses Genre gef\u00fcllt werden muss.<\/p>\n<p>Die deutsche Gesellschaft und vor allem die Politik haben sich viele Jahrzehnte lang dem Umstand verweigert, dass Deutschland ein Einwanderungsland war und ist. Die Konsequenzen dieser Verweigerung baden wir gerade aus und werden es noch lange tun. Die literarische Verarbeitung dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit ist sicher nicht der schlechteste Weg, die Komplexit\u00e4t der deutschen Einwanderungsgeschichte sichtbar zu machen.<\/p>\n<p><i>Suna<\/i> tut das auf ganz individuelle Art. Die Hauptperson und Erz\u00e4hlstimme, Luisa, erz\u00e4hlt ihre h\u00f6chst besondere Geschichte. Sie ist einerseits nicht denkbar ohne die Ereignisse im Nachkriegsdeutschland, andererseits aber \u00fcberhaupt nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr eine Generation oder auch nur beispielhaft f\u00fcr eine Gruppe von Menschen &#8211; und macht dadurch die Vielfalt von Auswirkungen erlebbar. In den sieben N\u00e4chten vor ihrer Reise in den Heimatort ihres leiblichen t\u00fcrkischen Vaters erz\u00e4hlt Luisa ihrer kleinen Tochter die Geschichte ihrer Vorfahren, einschlie\u00dflich ihrer selbst. Luisa ist eine gequ\u00e4lte Seele, die nicht nur die eigenen Narben einer Aufgabe durch die leiblichen Mutter und der Zerrissenheit zwischen verschiedenen Familien tr\u00e4gt, sondern auch die Last ihrer Vorfahren: Der jugoslawischen Seite mit Armut und Existenzkampf bis hin zum B\u00fcrgerkrieg. Der t\u00fcrkischen mit Entwurzelung, Entt\u00e4uschungen und Abfinden mit Unausweichlichem. Der deutschen Adoptivfamilie, gel\u00e4hmt vom Trauma des Zweiten Weltkriegs, den Gr\u00e4ueln und der Schuld.<\/p>\n<p>Mir wurde \u00fcberraschend klar, wie eng deutsche Kriegserlebnisse und Vertreibung mit der Gastarbeiterzeit verwoben sind. Dabei h\u00e4tte mich das eigentlich nicht wundern sollen, denn mein spanischer Gastarbeitervater hat die 1945 geborene Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin geheiratet, sein bester Freund, ebenfalls Gastarbeiter aus Spanien, eine Vertriebenentochter aus Schlesien. Dennoch ist mir erst durch <i>Suna<\/i> bewusst geworden, dass es keine Generation dazwischen gab, dass die Einwanderer der 60er und 70er Jahre in Deutschland auf Menschen trafen, die durchwegs vom Krieg traumatisiert waren. (Dabei hatte mir mein Vater doch noch erz\u00e4hlt, wie seine ersten deutschen Kollegen in der N\u00fcrnberger Fabrik ihm den Tipp gaben, sich gegen die K\u00e4lte mit Zeitungswickeln unter der Hose zu wappnen &#8211; das hatten sie im Krieg in Russland gelernt.)<\/p>\n<p>Die Erinnerungen der Erz\u00e4hlerin in <i>Suna<\/i> sind dicht und reich. Kapitelweise und darin abschnittsweise wechselt die Szene, wechselt die Zeit. Verschiedene chronologische Erz\u00e4hlstr\u00e4nge greifen die Geschichten von deutschen Adoptiveltern, von jugoslawischer Mutter auf und vom t\u00fcrkischen Vater. Dazu kommt Luisas Geschichte ab dem Moment eigener Erinnerungen &#8211; je \u00e4lter und bewusster Luisa wird, desto gr\u00f6\u00dferen Raum nimmt ihr Leben in der Erz\u00e4hlung ein. Am Ende des Romans haben alle Erz\u00e4hlstr\u00e4nge zueinander gefunden und verkn\u00fcpfen sich. Die gro\u00dfe Begegnung aber bleibt ausgespart, wir bekommen gl\u00fccklicherweise keine Erl\u00f6sung oder Heilung geliefert.<\/p>\n<p>Die sprachlichen Mittel wechseln dabei ebenso reich je nach Zeit und Szene, setzen den Tonfall und die Stimmung. Meist wird sehr m\u00fcndlich und leicht erz\u00e4hlt, doch es scheinen M\u00e4rchenwendungen auf (der Rahmen der sieben N\u00e4chte l\u00e4sst ohnehin Sheherazade anklingen), andere Passagen bestehen aus innerem Monolog und fast freier Assoziation.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob der Klappentext die richtigen Leser anspricht: \u201eWas alles aus Liebe geschieht &#8211; eine deutsch-t\u00fcrkisch-jugoslawische Familiengeschichte\u201c &#8211; der Roman ist so gro\u00df und wichtig, dass er dringend in die Feuilletons der gro\u00dfen Tageszeitungen geh\u00f6rt (<a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/autoren\/7631\/Gustav_Seibt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Herr Seibt<\/a>?).<\/p>\n<p><i>Meine Lekt\u00fcre hatte auch eine sehr pers\u00f6nliche Seite. Zum einen kenne ich mit meiner spanisch-polnisch-deutschen Herkunft die Arroganz des multikulturellen Hintergrunds: Mich mit keinem dieser Hintergr\u00fcnde zu identifizieren, mich lediglich bei allen Kulturen und Historien zu bedienen, immer sch\u00f6n auf Distanz. Zum anderen erlebe ich als wahrgenommene Halbspanierin immer wieder die Vereinnahmungsversuche von Spaniern: Du bist doch eine von uns. Da beginnen allerdings schon die gro\u00dfen Unterschiede. Ich wehre mich gegen jede Vereinnahmung durch angebliche Wurzeln, schon gleich zweimal, wenn sie an Menschen h\u00e4ngen. Die Geschichte meines Vater, die meiner Mutter finde ich sehr spannend und interessant, ein wenig auch in deren Familien hinein &#8211; aber die dazugeh\u00f6rigen Menschen haben f\u00fcr mich keine Anziehungskraft qua gemeinsamem Genpool. Bislang habe ich halt au\u00dfer dieser genetischen N\u00e4he keine anderen Gemeinsamkeiten entdeckt und interessiere mich nicht f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Ein weiteres Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber der Romanfigur resultiert sehr wahrscheinlich aus dem kompletten Fehlen meines Fortpflanzungsdrangs. Das Ergebnis ist dieser Gedankengang: Die Hauptfigur des Romans, Luisa, hadert mit der Last des Lebenm\u00fcssens, mit ihrem Geworfensein in die Existenz, sie sp\u00fcrt aufs Schmerzlichste, wie die Leiden ihrer Vorfahren an ihr zerren und ihre Seele vereinnahmen, berichtet von der Kette des Leids, das immer neues Leid hervorbringt. Und dann tut sie dasselbe weiteren Menschen an: Sie erzeugt eigene Kinder. Aus meiner schr\u00e4gen Perspektive wirkt das wie Rache: Da, nun musst du auch leben, und auf die Familiengeschichte, die mich zerrei\u00dft, lege ich zus\u00e4tzlich mein eigenes Leiden als Erblast. Denn w\u00e4hrend Luisa in einer Zeit gezeugt wurde, als mangels einfach zu erhaltender Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung Sex fast automatisch neue Menschen bedeutete, steckt bei ihr Absicht hinter dem Menschenmachen. Auf mich wirkt das wie eine gezielte Gemeinheit.<\/i><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_12950\" class=\"footnote\">Beispiele reichen von Doris Lessing \u00fcber die B\u00fccher von Salman Rushdie bis zu Andrea Levy, <i>Small Island<\/i>.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_12950\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pia Ziefle kenne ich aus dem Internet, als Blogautorin und als Kommentatorin in meinem Blog. So wusste ich schon lange, dass Abstammung aus verschiedenen Kulturen sie besch\u00e4ftigt. 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