{"id":1296,"date":"2006-04-15T08:59:48","date_gmt":"2006-04-15T06:59:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/04\/die-beste-pizza-meine-lebens.htm"},"modified":"2012-03-23T15:32:52","modified_gmt":"2012-03-23T14:32:52","slug":"die-beste-pizza-meine-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/04\/die-beste-pizza-meine-lebens.htm","title":{"rendered":"Die beste Pizza meines Lebens"},"content":{"rendered":"<p>Italien und ich, wir haben ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis. Das liegt an meiner nach Italien ausgewanderten, polenst\u00e4mmigen Tante Barbara. Wegen ihr ist mein Italienbild geographisch von einer Gegend dominiert, die wegen ihrer H\u00e4sslichkeit und Unwirtlichkeit so lange unbesiedelt blieb, bis der gro\u00dfe Diktator des 20. Jahrhunderts ein Besiedlungsprogramm ausrief: von den pontinischen S\u00fcmpfen. Der Wohnort meiner Tante, der f\u00fcr mich \u201eItalien\u201c war, liegt s\u00fcdlich von Rom in der Provinz Latio und bestand zu meinen Kindertagen in ersten Linie aus Beton-Flachbauten. Zu diesem wenig attraktiven Italien geh\u00f6rt zudem die weitl\u00e4ufige angeheiratete Familie ihres Mannes, die aus hexenartigen Keifweibern mit b\u00f6sem Blick und kleinen, ausgetrockneten Supermachos bestand, die vermutlich schon deshalb ungeheuer o-beinig liefen, um jederzeit mit der Hand bequem ans Gem\u00e4cht zu kommen, das ohne regelm\u00e4\u00dfiges Zurechtr\u00fccken wohl aus der Form geraten w\u00e4re. Die gro\u00dfe Ausnahme war meine Kusine Roberta, ein Jahr \u00e4lter als ich, gro\u00dfgewachsen, stattlich und wundersch\u00f6n, die im entsprechenden Alter mit mir stundenlang auf ihrem Mofa durch die staubigen Stra\u00dfen fuhr und mit mir Kleider tauschte. Diesen evolution\u00e4ren Ausrei\u00dfer hat sich dann auch vor einigen Jahren der Leberkrebs geholt.<\/p>\n<p>Und doch habe ich einen Schatz wundervoller Erinnerungen an unsere Italienaufenthalte bei Tante Barbara: das Essen!<\/p>\n<p>Tante Barbara war schon immer dick und wurde mir von ihrer Schwester, meiner superschlanken und di\u00e4tversessenen Mutter, von klein auf als Damoklesschwert \u00fcber  das Essverhalten geh\u00e4ngt: \u201eWenn ich nicht auf dein Essen achten w\u00fcrde, w\u00e4rst du so dick wie Tante Barbara.\u201c Anderen Kindern wurde mit dem imagin\u00e4ren Schwarzen Mann im Keller gedroht, mir mit der konkreten H\u00e4sslichkeit einer absto\u00dfenden Verwandten.<br \/>\nDoch es war ausgerechnet diese Verwandte, die die Zeit und die Geduld aufbrachte, mir als M\u00e4dchen ein bisschen Kochen und Warenkunde beizubringen. Vielleicht hoffte sie auch nur, dass ich tats\u00e4chlich dereinst ihre Formen annehmen w\u00fcrde, um in der Familie eine Verb\u00fcndete zu haben. Egal.<\/p>\n<p>Ich begleitete Tante Barbara zum B\u00e4cker und lernte die Namen der vielen verschiedenen Wei\u00dfbrotsorten kennen (nein, leider wei\u00df ich keinen mehr). Am meisten faszinierte mich ein Brot aus extrem feinporigem Teig, das aus einem quadratischen, gefalteten Zentrum mit etwa 12 Zentimeter Seitenl\u00e4nge und an den Ecken jeweils langen gedrehten H\u00f6rnern bestand. Geschmeckt hat es mir leider nicht besonders, weil ich es zu trocken fand. Auch in die Molkerei nahm mich Tante Barbara mit, wo wir frische Mozzarella in Lake kauften, in riesigen Schraubgl\u00e4sern (vielleicht nicht wirklich riesig, ich war ein Kind), dutzendweise.<\/p>\n<p>Diese Tante hatte hinterm Haus einen Zitronenbaum stehen, au\u00dferdem ein B\u00e4umchen mit winzigen orangen Zitrusfr\u00fcchten, von denen sie behauptete, man k\u00f6nnen sie ganz essen. Bis mir die trockenen, bitteren Dinger schmeckten und ich lernte, dass sie \u201eKumquats\u201c hie\u00dfen, musste ich allerdings erst erwachsen werden. Auch H\u00fchner hielt die Tante Barbara, und so sah ich ihr nicht nur einige Male beim H\u00fchnerschlachten zu, sondern lernte auch fr\u00fch, wie H\u00fchnerfleisch eigentlich und an sich schmecken kann. Tante Barbara brachte mir Nudelnmachen bei, inklusive der Fertigung von Ravioli und sogar Tortellini (die sie immer \u201ein brodo\u201c servierte, also als Suppeneinlage).<\/p>\n<p>Einer dieser Italienaufenthalte, ich war etwa 12 Jahre alt, verschaffte mir die Bekanntschaft mit der besten Pizza der Welt. Die Tante und ihr Mann hatten Freunde auf dem Land, eine Bauersfamilie. Und die lud uns alle zum Abendessen ein. Der Bauernhof passte zur unmalerischen Gegend, war funktional, mit Schrottteilen \u00fcbers\u00e4ht und leicht angegammelt. In der neonlichtbestrahlten K\u00fcche, vollverfliest, begr\u00fc\u00dften uns die uralte und diabetesblinde Nonna, die kleine, kugelb\u00e4uchige Hausherrin jenseits der Wechseljahre und in Kittelsch\u00fcrze, ihre h\u00fcbsche und sch\u00fcchterne Tochter mit erstem Kind auf der H\u00fcfte, sowie der vielk\u00f6pfige Rest der Bauersfamilie, von dem mir nur ein (kleiner, ausgetrockneter) Mann in Fahrradkleidung in Erinnerung geblieben ist, der soeben sein Rennrad in die K\u00fcche getragen hatte und die Sportkleidung den ganzen Abend nicht ablegte.<\/p>\n<p>Als wir im ersten Abendrot ankamen, begann gerade erst die Vorbereitung des Abendessens. In der K\u00fcche herrschte Trubel, es war ein Kommen und Gehen mit viel lautstarker Unterhaltung und viel Gel\u00e4chter. Mangels Italienischkenntnissen verstand ich kaum etwas davon, aber in der Atmosph\u00e4re f\u00fchlte ich mich wohl. \u00dcberall standen Sch\u00e4lchen und Tellerchen mit Oliven, K\u00e4se und Schinken herum, von denen im Vorbeigehen schnabuliert wurde.<\/p>\n<p>Bald verteilten die j\u00fcngeren Frauen des Haushalts Pizzateig auf gro\u00dfe schwarze Bleche. Mir fiel auf, dass sie, wie schon bei anderen Essensbereitungen, kaum Werkzeug noch Ger\u00e4te verwendeten, sondern alles mit den H\u00e4nden machten. Die junge Frau des Hauses bemerkte meine neugierigen Blicke und begleitete ihre Handgriffe mit erkl\u00e4renden Worten (laut, langsam und gestenreich, so verstand ich auch das fremde Italienisch): Dass sie sich erst die H\u00e4nde mit Oliven\u00f6l glitschig machte, um den Teig besser auf dem Blech ausstreichen zu k\u00f6nnen. Lieber sogar mit noch ein bisschen mehr Oliven\u00f6l. Dass der Teig nicht zu dick und nicht zu d\u00fcnn sein d\u00fcrfe (was an superd\u00fcnnem oder gar \u201eknusprigem\u201c Pizzateig so toll sein soll, habe ich bis heute nicht begriffen). Und dabei glitschte sie mit sinnlichen Bewegungen \u00fcber den Teig, bis er gleichm\u00e4\u00dfig in alle Ecken des Bleches verteilt war. Dann holte sie einen Topf vom Herd, in dem mit Kr\u00e4utern gew\u00fcrzter Tomatensugo hei\u00dfgemacht worden war. Mit einem Holzl\u00f6ffel klatschte sie etwas von der So\u00dfe auf den \u00f6lgl\u00e4nzenden Teig, verteilte sie wieder mit den H\u00e4nden. Sie wischte sich die H\u00e4nde an der Sch\u00fcrze ab, nahm zwei Bleche und forderte mich mit einer Kopfbewegung auf, ihr zu folgen. Sie ging raus und zu einem winzigen H\u00e4uschen \u2013 das sich als Backh\u00e4uschen entpuppte. Darin stand, schwitzend, mit hochgekrempelten \u00c4rmeln und rotem Kopf, eine weitere Frau im Jungmutteralter, die anscheinend die gemauerten \u00d6fen befeuert hatte. Sie r\u00e4umte mit einem Eisenschieber die gl\u00fchende Asche heraus, und wir schoben unsere Pizzableche hinein. Hinter uns kamen bereits weitere Frauen mit den restlichen Blechen.<\/p>\n<p>Nach wenigen Minuten war die Pizza fertig und wurde zur\u00fcck in die bev\u00f6lkerte K\u00fcche getragen. Dort zeigte mir meine neue Freundin, dass man diese Pizza nicht nur mit den H\u00e4nden zubereitete, sondern auch a\u00df: Sie schnitt sie in St\u00fccke und forderte mich auf, sie von unten zu nehmen, zusammenzuklappen und so in den Mund zu schieben. Ich habe nie wieder eine solch k\u00f6stliche Pizza gegessen. Der ein wenig z\u00e4he Teig schmeckte nach Rauch und Brot, der einfache Belag nach der Quintessenz des Sommers. Wieder und wieder griff ich zu, lie\u00df mich weder von den strafenden Blicken meiner Mutter z\u00fcgeln, noch von der wohlmeinenden Mahnung meines Vaters, dass das eigentlich Abendessen doch erst noch komme.<\/p>\n<p>Der Hauptgang kam ebenfalls aus dem Backh\u00e4uschen und bestand in H\u00e4hnchenteilen, mit Knoblauch, Rosmarin und Wei\u00dfwein aromatisiert. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich davon auch nur kosten konnte. Sicher wei\u00df ich wieder, dass wir beim Aufbruch zu sp\u00e4ter Nachtstunde als Abschiedsgeschenk riesige Gl\u00e4ser voll eingemachtem Tomatensugo mitbekamen. Doch Pizza bereitete meine Mutter damit leider nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Italien und ich, wir haben ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis. Das liegt an meiner nach Italien ausgewanderten, polenst\u00e4mmigen Tante Barbara. 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