{"id":12975,"date":"2012-03-26T08:45:49","date_gmt":"2012-03-26T07:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=12975"},"modified":"2012-03-26T11:38:57","modified_gmt":"2012-03-26T10:38:57","slug":"introverts-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/03\/introverts-teil-2.htm","title":{"rendered":"<i>Introverts<\/i>, Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Das <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/03\/wir-introverts.htm\" target=\"_blank\">Posting \u00fcber <i>introverts<\/i><\/a> zieht Kreise, und ich freue mich sehr \u00fcber all die Informationen, Gegenargumente, Querverweise, die ich dazu bekomme, als Kommentare, E-Mails, via Twitter, \u00fcber Tortenst\u00fccke auf einem Kaffeehaustisch hinweg. Im Moment bin ich unsicher, ob <a href=\"http:\/\/www.theatlantic.com\/magazine\/archive\/2003\/03\/caring-for-your-introvert\/2696\/\" target=\"_blank\">die Beschreibung aus <i>The Atlantic<\/i><\/a> \u00fcberhaupt n\u00fctzt. Zumal all diese Zusatzinformationen den Verdacht nahelegen, dass ich mich zu voreilig in die Gruppe der <i>introverts<\/i> eingereiht habe. Meine daraus resultierenden Gedanken bekomme ich nicht in eine argumentative Linie, deswegen hier fragmentarisch.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Extrovertierte und Introvertierte verstehen die Lebenshaltung des anderen kaum. So ist die Empfehlung einer Extrovertierten gerne: \u201eDu solltest mehr rausgehen, verkriech dich nicht immer.\u201c<br \/>\nDie Introvertierte hingegen empfiehlt: \u201eDu musst erst mal lernen, mit dir selbst klarzukommen.\u201c<br \/>\nIch zucke definitiv bei erster Aufforderung zusammen und wehre ab (au\u00dfer es geht ganz w\u00f6rtlich um das Drau\u00dfen, das mit Blumen und Fl\u00fcssen und Wetter).<\/p>\n<p>Gleichzeitig f\u00fchle ich mich eher von Introvertierten angezogen. <a href=\"http:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=1334\" target=\"_blank\">Diese \u201e10 Myths About Introverts\u201c<\/a> habe ich nie geglaubt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Doch ansonsten: Meine Wahrnehmung ist die einer Extrovertierten. Ich habe gro\u00dfe Antennen, nehme sehr viele Impulse auf, st\u00e4ndig von \u00fcberall (und selbst, wenn ich gar nicht will und ersch\u00f6pft bin). In der Abteilung, in der ich arbeite, bin ich die einzige, die das Gro\u00dfraumb\u00fcro gro\u00dfartig findet \u2013 weil ich ohne Anstrengung viel mitbekomme. Die Jahre, in denen ich als Privileg in einem Einzelb\u00fcro sa\u00df, waren f\u00fcr mich schrecklich.<\/p>\n<p>Ich lerne auch am liebsten von Menschen, habe w\u00e4hrend meines Studiums am meisten von Seminaren und dem dort stattfindenden Austausch profitiert, bin in Vorlesungen gegangen, war von Dozenten zu motivieren. Der Mitbewohner hingegen, wahrscheinlich ein echter <i>introvert<\/i>, h\u00e4tte sein gesamtes Studium daheim absolvieren k\u00f6nnen, weil er am liebsten aus B\u00fcchern lernt \u2013 das h\u00e4tte meinen Hunger nach Impulsen nicht gestillt.<\/p>\n<p>Und obwohl meine Ideen sich immer formen, wenn ich allein bin, habe ich sehr schnell das Bed\u00fcrfnis, sie jemandem zu erz\u00e4hlen und sie anhand von Reaktionen und Reflexion anderer feinzuschleifen (meine Kolleginnen k\u00f6nnen ein Lied davon singen, wenn ich sie mal wieder mit k\u00fcrzester Vorwarnung von ihrem Schreibtisch pfl\u00fccke, in die Teek\u00fcche schiebe und sie um ihre Meinung zu etwas frisch Ausgebr\u00fctetem bitte).<\/p>\n<p>Diesen Austausch brauche ich zum Arbeiten, um vorw\u00e4rts zu kommen. Sein Fehlen geh\u00f6rte zu den Gr\u00fcnden, aus denen ich meine Dissertation abbrach (und damit, wie mir jetzt erst aufgeht, das letzte Ziel aufgab, das ich wirklich selbst und echt ehrlich wollte: Professorin f\u00fcr Englische Literaturwissenschaft werden). Es gab niemanden, der mich ermutigte, niemanden, mit denen ich mit meinen Ideen und Erkenntnissen spielen konnte. In den Seminaren, die ich selbst gab, bl\u00fchte ich noch mehr auf als davor in den Seminaren, die ich belegt hatte \u2013 doch f\u00fcr meine Diss gab es diese fruchtbare Umgebung nicht.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Dann wiederum: Ich brauche Zeit allein viel leidenschaftlicher als Zeit mit anderen \u2013 und schon gleich gar nicht mit \u201ejemandem\u201c. Einen Partner nur um der Zweisamkeit willen w\u00fcnschte ich mir nie. Es war ein sehr besonderer und konkreter Mensch, mit dem ich zu zweit f\u00fcr mich sein konnte.<\/p>\n<p>So, wie es stille Menschen gibt, die am liebsten in Gesellschaft sind, gibt es halt auch Laute (mich zum Beispiel), die lieber f\u00fcr sich sind. Dieses \u201ef\u00fcr sich\u201c kann aber durchaus unter vielen Menschen sein: An freien Tagen fr\u00fchst\u00fccke ich sehr gerne in einem Caf\u00e9, und ich genie\u00dfe es, fremde Menschen um mich zu haben, die ich aus dem Augenwinkel sehe und mit einem Teil meines Bewusstseins wahrnehme, w\u00e4hrend ich meinen Obstsalat l\u00f6ffle und Zeitung lese. Ganz entspannt, weil ich ja mit niemandem interagieren muss. Das genau macht f\u00fcr mich den Reiz der Gro\u00dfstadt aus.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich kann also dieses <i>vita activa<\/i>. Aus welchen Gr\u00fcnden nur mag ich mich schon fr\u00fch verpflichtet gef\u00fchlt haben, es zur bestimmenden Lebensart zu machen?<\/p>\n<p>Zum einen bemerkte ich schon als Kind, dass die aktive Geselligkeit anderen viel schwerer fiel als mir. Klassische Situation der kleinen Kaltmamsell: In einer Gruppe wird jemand gesucht, der in einem Projekt vorangeht oder es sogar leitet. Sekundenlanges Schweigen, alle versuchen sich unsichtbar zu machen. Klein Kaltmamsell hat zwar keine Lust auf diese Funktion, ist aber ungeduldig, m\u00f6chte, dass es weitergeht, kann den Stillstand nicht ertragen \u2013 und sie \u00e4rgert sich: Mein Gott, was stellen die sich alle so an. So hebt sie den Finger.<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus funktionierte bis vor wenigen Jahren. Bis mich die Konsequenzen dieses Fingerhebens immer st\u00e4rker belasteten und sehr ungl\u00fccklich machten.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Als kleines Kind war ich fast immer mit anderen Kindern unterwegs, geh\u00f6rte keineswegs zu den still vor sich hin spielenden. Doch sobald ich lesen konnte, versank ich in B\u00fcchern \u2013 allerdings fiel das zusammen mit dem Wegzug aus dem Wohnblock mit den vielen Kindern. Ob ich eine so leidenschaftliche Leserin geworden w\u00e4re, h\u00e4tte ich weiterhin viele Spielkameraden gehabt, wei\u00df ich nicht. So sa\u00df ich am liebsten irgendwo herum und las. Die Folge war die fortw\u00e4hrende Aufforderung meiner Eltern: \u201eGeh raus an die frische Luft!\u201c \u201eBeweg dich!\u201c (\u201eKein Wunder, dass du so dick bist.\u201c \u2013 Aber das ist ein anderes, oft erz\u00e4hltes Kapitel.) Oder im Urlaub die R\u00fcge meiner Mutter: \u201eSchau doch raus!\u201c (Aus dem fahrenden Auto n\u00e4mlich.) \u201eLesen kannst du auch daheim.\u201c<\/p>\n<p>Das kann auch damit zu tun gehabt haben, dass meine Familie mein Bed\u00fcrfnis nach <i>vita contemplativa<\/i> immer bek\u00e4mpfte: \u201eRomane lesen\u201c galt meinen Eltern als schlimmste Form des Nichtstuns, als Flucht vor dem wirklichen Leben. Wer las, war faul. (Ist vielleicht im Arbeiterhintergrund verwurzelt. Eben las ich in Lorenzo Carcaterras <i>Sleepers<\/i> \u00fcber das New Yorker Stadtviertel Hell\u2018s Kirchen in den 60ern: \u201ePeople thought reading to be a waste of time. If they saw you reading they figured you had nothing better to do and wrote you off as lazy.\u201c)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Das rein gesellige Zusammentreffen mit echten Menschen wurde in den vergangenen zehn Jahren immer anstrengender f\u00fcr mich. Vor 15 Jahren war ich definitiv geselliger als heute. Der Mitbewohner hingegen war damals bedeutend weniger gesellig \u2013 vielleicht eine innerpartnerschaftliche Verschiebung? Mittlerweile muss ich mir oft sogar f\u00fcr die Einhaltung lange herbeigefreuter Verabredungen einen inneren Sto\u00df geben (um sie dann sehr zu genie\u00dfen und lange von ihnen zu profitieren) \u2013 m\u00f6glicherweise weil ich zu lange gegen meine Veranlagung gelebt habe. Ein bisschen w\u00fcnsche ich mir die Geselligkeit der Kaltmamsell vor 15 Jahren zur\u00fcck, als ich noch gerne Feste gab und neugierig auf gesellige Veranstaltungen war.<\/p>\n<p>Redselig bin ich allerdings weiterhin, und zwar nicht nur \u00fcber inhaltlich Tiefes \u2013 ich h\u00f6re mich durchaus auch plappern. Noch etwas, das nicht zu <i>introvert<\/i> passt. Dann wiederum habe ich es bis vor wenigen Jahren selbst auf der oberfl\u00e4chlichsten Party geschafft, jemanden in ein auch f\u00fcr mich interessantes Gespr\u00e4ch zu verwickeln (ich erinnere mich mit Vergn\u00fcgen an den gegelten Anzugtr\u00e4ger mit Networking-Blick, dessen Gro\u00dfvater ihn als Bub in die Vogelkunde eingewiesen hatte und der von vielen aufregenden Ausfl\u00fcgen erz\u00e4hlen konnte).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Susan Cain: The Power of Introverts<\/p>\n<param name=\"movie\" value=\"http:\/\/video.ted.com\/assets\/player\/swf\/EmbedPlayer.swf\"><\/param>\n<param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\" \/>\n<param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"\/>\n<param name=\"wmode\" value=\"transparent\"><\/param>\n<param name=\"bgColor\" value=\"#ffffff\"><\/param>\n<param name=\"flashvars\" value=\"vu=http:\/\/video.ted.com\/talk\/stream\/2012\/Blank\/SusanCain_2012-320k.mp4&#038;su=http:\/\/images.ted.com\/images\/ted\/tedindex\/embed-posters\/SusanCain_2012-embed.jpg&#038;vw=512&#038;vh=288&#038;ap=0&#038;ti=1377&#038;lang=&#038;introDuration=15330&#038;adDuration=4000&#038;postAdDuration=830&#038;adKeys=talk=susan_cain_the_power_of_introverts;year=2012;theme=how_the_mind_works;event=TED2012;tag=business;tag=culture;tag=psychology;&#038;preAdTag=tconf.ted\/embed;tile=1;sz=512x288;\" \/>\n<embed src=\"http:\/\/video.ted.com\/assets\/player\/swf\/EmbedPlayer.swf\" pluginspace=\"http:\/\/www.macromedia.com\/go\/getflashplayer\" type=\"application\/x-shockwave-flash\" wmode=\"transparent\" bgColor=\"#ffffff\" width=\"526\" height=\"374\" allowFullScreen=\"true\" allowScriptAccess=\"always\" flashvars=\"vu=http:\/\/video.ted.com\/talk\/stream\/2012\/Blank\/SusanCain_2012-320k.mp4&#038;su=http:\/\/images.ted.com\/images\/ted\/tedindex\/embed-posters\/SusanCain_2012-embed.jpg&#038;vw=512&#038;vh=288&#038;ap=0&#038;ti=1377&#038;lang=&#038;introDuration=15330&#038;adDuration=4000&#038;postAdDuration=830&#038;adKeys=talk=susan_cain_the_power_of_introverts;year=2012;theme=how_the_mind_works;event=TED2012;tag=business;tag=culture;tag=psychology;&#038;preAdTag=tconf.ted\/embed;tile=1;sz=512x288;\"><\/embed><\/p>\n<p>via <a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/hannneli\/status\/183541465216057344\" target=\"_blank\">@hanneli<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/03\/wir-introverts.htm#comment-216511\" target=\"_blank\"><b>regina<\/b><\/a><\/p>\n<p>Sehr bereichernde Ausf\u00fchrungen, auch deshalb, weil Susan Cain gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen gro\u00dfen Raum gibt: Was hat dazu gef\u00fchrt, dass heutzutage nur <i>extroverts<\/i> als F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten gelten und was sind die Konsequenzen? Zudem lerne ich von ihr die Bezeichnung <i>ambiverts<\/i>. Vielleicht mag ich mir ja dieses Schild umh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Und jetzt wieder Sie?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Posting \u00fcber introverts zieht Kreise, und ich freue mich sehr \u00fcber all die Informationen, Gegenargumente, Querverweise, die ich dazu bekomme, als Kommentare, E-Mails, via Twitter, \u00fcber Tortenst\u00fccke auf einem Kaffeehaustisch hinweg. Im Moment bin ich unsicher, ob die Beschreibung aus The Atlantic \u00fcberhaupt n\u00fctzt. 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