{"id":13049,"date":"2012-04-27T08:18:27","date_gmt":"2012-04-27T06:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13049"},"modified":"2024-01-15T13:20:56","modified_gmt":"2024-01-15T12:20:56","slug":"heimito-von-doderer-die-strudlhofstiege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/04\/heimito-von-doderer-die-strudlhofstiege.htm","title":{"rendered":"Heimito von Doderer, <i>Die Strudlhofstiege<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120426_Strudlhofstiege-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120426_Strudlhofstiege-1.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"399\" class=\"alignnone size-full wp-image-94475\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dieser Ziegel wohnte schon lange unter den ungelesenen B\u00fcchern des Mitbewohners: Ich hatte ihm das St\u00fcck Torberg-Zeit 1996 geschenkt &#8211; ein seltener Fall, dass ich ein Buch verschenkte, das ich selbst nicht gelesen hatte. Nun habe doch ich es noch vor ihm gelesen. Und empfehle es nicht nur ihm.<\/p>\n<p>\u00dcber 900 Seiten lang lebte ich im Wien von 1911 und von 1925. Es gibt zwar kurze Griffe zur\u00fcck in weitere Vergangenheit und nach vorne in j\u00fcngere Zeiten, doch nur in Nebens\u00e4tzen und um Hintergr\u00fcnde zu kl\u00e4ren. Wir begleiten mehrere Familien, vor allem die Generation, die im 1911er-Teil um die 20 ist, entsprechend \u00e4lter im l\u00e4ngeren Teil, der im August und September 1925 spielt. Es wird viel Tee und Mokka getrunken, in Caf\u00e9s gesessen (in denen man noch den Kellner um den Zugfahrplan bitten kann), ausgegangen, spaziert, geredet und beraten. Alle Figuren sind dabei, ihren Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler bleibt immer sehr nah an seinen Figuren, ist gleichzeitig immer deutlich pr\u00e4sent. An einigen Stellen macht er sich auch explizit bemerkbar und kommentiert das Geschehen, dankt in der einzigen Fu\u00dfnote <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anton_Kuh\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anton Kuh<\/a> f\u00fcr eine passende Formulierung, die er \u00fcbernommen hat, gesteht am Ende, dass nicht mal er selbst den Vornamen seiner Hauptfigur kennt. Dieser picareske Tonfall schl\u00e4gt ohnehin immer wieder durch.<\/p>\n<p>In fast blogartigem Detailreichtum leben wir die Tage mit den Protagonisten (vor allem mit einem Major Melzer), sei es in Wiener Stadtwohnungen und Caf\u00e9s, sei es in der l\u00e4ndlichen Umgebung der Sommerfrische, mit Tennisspiel, \u201eGarden-party\u201c und morgendlichen Bergwanderungen.<br \/>\nUmgebungen, Menschen und Ereignisse sind sehr genau beschrieben, allerdings nicht platt berichtend: Vor allem die Menschen werden durch ihre Au\u00dfenwirkung charakterisiert, selbst wenn mal das eine oder andere nach oben geschwungene N\u00e4schen, ein schr\u00e4g gestelltes Auge, und immer wieder das besondere Faszinosum roten Haars auftauchen. Doch es sind eher Betrachtungen denn Beschreibungen &#8211; auch diese immer wieder mit Schabernack und ein wenig Bosheit: \u201edie Frau in einem roten Sommerkleid, die Haare <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=q5eMyotBE-wC&#038;pg=PA400&#038;lpg=PA400&#038;dq=zihalistisch&#038;source=bl&#038;ots=WIxMx3BoFN&#038;sig=Y4sQI5UbPNsScXdTg_8s71oumVc&#038;hl=de&#038;sa=X&#038;ei=wTGaT96MCa324QS0zOiUDw&#038;ved=0CCoQ6AEwAQ#v=onepage&#038;q=trompetensto%C3%9F&#038;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gelb wie ein Trompetensto\u00df<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Von den so betrachteten Personen erfahren wir viel Innensicht und Reflexion, meist aus personaler Perspektive, hin und wieder schaltet sich aber auch der oben beschriebene Erz\u00e4hler ein. Er stellt sicher, dass wir die Welt des Romans in ihrer ganzen Besonderheit kennenlernen:<\/p>\n<blockquote><p>Denn (&#8230;) abgesehen von diesem leidigen Ph\u00e4nomen, war ihm etwas zugesto\u00dfen, was einem in Wien unter gar keinen wie immer gearteten Umst\u00e4nden passieren darf, wegen der un\u00fcbersehbaren und unabsehbaren damit verkn\u00fcpften Folgen, etwas, das ganz bedingungslos vermieden werden mu\u00df, und wor\u00fcber der Rittmeister als ein Fremder, welcher er im Grunde doch geblieben war, sich offenbar nicht in gen\u00fcgender Klarheit befunden hatte, welche allerdings eine ganz au\u00dferordentliche h\u00e4tte sein m\u00fcssen, um die fehlenden eingewurzelten Instinkte zu ersetzen: denn allein diese bremsen gebieterisch und sozusagen um jeden Preis vor bestimmten Gefahrenzonen. Auch um den Preis des Rechthabens oder Rechtbehaltens.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=q5eMyotBE-wC&#038;pg=PA400&#038;lpg=PA400&#038;dq=zihalistisch&#038;source=bl&#038;ots=WIxMx3BoFN&#038;sig=Y4sQI5UbPNsScXdTg_8s71oumVc&#038;hl=de&#038;sa=X&#038;ei=wTGaT96MCa324QS0zOiUDw&#038;ved=0CCoQ6AEwAQ#v=snippet&#038;q=Hausmeisterin%20zerstritten.&#038;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eulenfeld hatte sich mit der Hausmeisterin zerstritten.<br \/>\n<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Alle Schreibungen sic! Leider enth\u00e4lt meine Ausgabe keine Anmerkung zum Text; Doderers Interpunktion und Orthografie weichen oft von den heute gebr\u00e4uchlichen ab (auch von denen vor den diversen Rechtschreibreformen der vergangenen 15 Jahre). Es ist durchaus m\u00f6glich, dass er ganz eigenen Regeln folgte, zumal er im Lauf des Romans viele ungebr\u00e4uchliche, wenn nicht sogar selbst erfundene W\u00f6rter verwendet. So macht man \u201eCarri\u00e8re\u201c, ein immer wieder auftauchender Menschentypus ist der \u201etroglodytische\u201c, ein Amtsrat Zihal steht Pate f\u00fcr einen nach des Erz\u00e4hlers Meinung damals in \u00d6sterreich dominierenden \u201ezihalistischen\u201c Typus &#8211; auch die Sprache entstammt einer Welt von gestern, obwohl der Roman erst 1951 erschien. Gerade durch ihr Abweichen von Konventionen wirkt sie sehr pr\u00e4zise.<\/p>\n<p>Fast durchgehend ist Sommer im Roman: Die Menschen in Wien sch\u00fctzen sich vor der Augusthitze durch Verschattung der Wohnungen, eine Jause an der Donau kommt vor, man genie\u00dft warme N\u00e4chte, in der Sommerfrische bl\u00fcht es, Berwanderungen m\u00fcssen wegen der drohenden Hitze fr\u00fch begonnen werden, die Kleidung ist leicht, Jacken oder M\u00e4ntel tauchen gar nicht auf.<br \/>\nDie letzten 40 Seiten konnte ich gestern auf dem Balkon mit Blick auf sonnenbeschienen sich entfaltende Kastanienbl\u00e4tter lesen &#8211; das war besonders sch\u00f6n. Auch wenn gerade im letzten Teil des Buches auch mal ein bisschen Herbst ist.<\/p>\n<p>Das Buch ist dick, die Dichte und \u00dcppigkeit der Sprache und das Fehlen von Spannungsb\u00f6gen f\u00fchren zu gem\u00e4chlichem Lesen &#8211; so konnte ich \u00fcber zwei Wochen in der Welt der Strudelhofstiege wohnen. Aus der ich ungern wieder auftauchte.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Seit ich vor vielen Jahren davon las, blieb mir dieses Detail am tiefsten aus Herrn Doderers Vita h\u00e4ngen: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heimito_von_Doderer#Herkunft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sein Vorname ist ein verballhorntes Jaime<\/a> &#8211; die Mutter fand auf einer Spanienreise den Diminutiv Jaimito so sch\u00f6n, dass sie ihn f\u00fcr ihren Sohn als Heimito eindeutschte. Kindesmisshandlung per Namensgebung ist also keineswegs ein <a href=\"http:\/\/chantalismus.tumblr.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nur gegenw\u00e4rtiger Tatbestand<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Ziegel wohnte schon lange unter den ungelesenen B\u00fcchern des Mitbewohners: Ich hatte ihm das St\u00fcck Torberg-Zeit 1996 geschenkt &#8211; ein seltener Fall, dass ich ein Buch verschenkte, das ich selbst nicht gelesen hatte. 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