{"id":1314,"date":"2007-08-09T09:25:46","date_gmt":"2007-08-09T07:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/08\/der-kleine-waschsalon-in-der-altstadt.htm"},"modified":"2015-05-25T07:51:15","modified_gmt":"2015-05-25T05:51:15","slug":"der-kleine-waschsalon-in-der-altstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/08\/der-kleine-waschsalon-in-der-altstadt.htm","title":{"rendered":"Der kleine Waschsalon in der Altstadt"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4scheautark wurde ich sp\u00e4t: Als der Mitbewohner vor elf Jahren zum Mitbewohner wurde, brachte er eine Waschmaschine und einen W\u00e4schetrockner in unser gemeinsames Leben ein. Davor nutzte ich Heimatbesuche und somit Mutters Maschine, sp\u00e4ter bereits w\u00e4scheautarke Freundinnen \u2013 und einen Waschsalon mit Mangelstube in der Altstadt meines Studienortes.<\/p>\n<p>Der Waschsalon hatte nichts mit dem Bild zu tun, das man aus Gro\u00dfst\u00e4dten, Filmen, Fernsehen kennt: Er bestand aus einem langen, neonbeleuchteten Gang, der tief in ein schmales Haus aus dem sp\u00e4ten Mittelalter hinein reichte. An der linken Wand aufgereiht acht wei\u00dfe eingemauerte Waschmaschinen, dann zwei \u00f6ltonnenf\u00f6rmige W\u00e4scheschleudern, dahinter zwei riesige W\u00e4schetrockner. An der rechten Wand Holzb\u00e4nke, Garderobenhaken, ein Tisch zum Zusammenlegen der W\u00e4sche. In einem Hinterzimmer die Hei\u00dfmangel. \u201eSalon\u201c war sowas von die falsche Bezeichnung daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Die Besitzerin und F\u00fchrerin des Gesch\u00e4ftes war die gute, liebe Frau Karkosch: klein, steinalt, drahtig und nur wenig gebeugt, immer in Kittelsch\u00fcrze, die wenigen dunkelgrauen Haare im Nacken zum Knoten gebunden, ununterbrochen in Bewegung. Jeden begr\u00fc\u00dfte sie beim Betreten des Waschladens mit ihrer bis fast zur Unh\u00f6rbarkeit heiseren Altfrauenstimme mit einem herzhaften \u201eGr\u00fc\u00df Gooooott!\u201c. Sie liebte ihre Arbeit, das war in jedem Handgriff sichtbar, liebte es, sauber und effizient zu arbeiten, liebte den Kontakt mit den Menschen jeden Alters. Gleichzeitig war sie feinf\u00fchlig genug, niemandem ein Gespr\u00e4ch aufzun\u00f6tigen, dazu h\u00e4tte sie auch gar keine Zeit gehabt; sie sprach ihre Kunden und Kundinnen nur auf Anfrage oder auf ein Signal mit ihrem dicken schlesischen Akzent an, blinzelte freundlich von ein bisschen schr\u00e4g unten durch ihre Brillengl\u00e4ser hoch. Doch dann warf sie sich mit Leidenschaft in jedwedes Thema \u2013 vielleicht klang sie aber auch deswegen immer leidenschaftlich, weil sie sich \u00fcber ihre Heiserkeit hinweg nur verst\u00e4ndlich machen konnte, wenn sie heftig in die Stimmb\u00e4nder atmete. Sie liebte es, Geschichten und Neuigkeiten zu h\u00f6ren, liebte es zu staunen, und besonders heftiges Staunen unterstrich sie mit einem Altfrauenkrallgriff an den Arm des Gespr\u00e4chspartners.<\/p>\n<p>Die liebe Frau Karkosch trug wegen ihrer dauerkalten F\u00fc\u00dfe immer kurze Winterstiefelchen, mit Fell gef\u00fcttert. Richtig warm war ihr nie, auch im hei\u00dfesten Hochsommer nicht und obwohl die Trockner zus\u00e4tzlich Hitze abstrahlten. Mehrmals am Tag schaute ihr dicklicher Sohn vorbei, im blauen Hausmeisterkittel, selbst schon um die 60. Wenn es etwas zu reparieren gab, reparierte er es, wenn es etwas zu besorgen gab, ging er Einkaufen. Ich bin nicht draufgekommen, wie alt Frau Karkosch Anfang der 90er selbst war. Irgendwann erw\u00e4hnte sie, sie habe in den 20er Jahren als eine der ersten Frauen den F\u00fchrerschein gemacht \u2013 dann h\u00e4tte sie ja schon um die 90 sein m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Bei Frau Karkosch konnte man nicht nur selbst W\u00e4sche waschen, schleudern, trocknen. Man konnte auch die schmutzige W\u00e4sche da lassen und am n\u00e4chsten Tag sauber abholen. Dieses Angebot nahm ich zwar nie in Anspruch (ich ging lieber Einkaufen oder las, w\u00e4hrend meine Maschine lief), aber so konnte ich Frau Karkosch bei der professionellen W\u00e4schebehandlung beobachten und so einiges \u00fcber fachgerechtes Zusammenlegen lernen. Ebenfalls \u00fcbernommen habe ich von ihr, vor dem Entnehmen der sauberen W\u00e4sche aus der Trommel erst mal den Gummirand mit einem Lappen sauber zu wischen \u2013 so geraten keine Waschmittelreste an die Kleidungsst\u00fccke.<\/p>\n<p>Sie liebte vor allem das Gespr\u00e4ch mit jungen Leuten, die gute Frau Karkosch, bei \u00e4lteren war sie eher kurz angebunden. Sie war neugierig auf deren andere Sichtweise, schaute sich gerne ihre Kleidung an, von krachbunten Resten der 80er \u00fcber gesamtschwarzen Waver-Look bis zu Selbstgestricktem, dessen Herstellung sie sich genau erkl\u00e4ren lie\u00df. Selbst berichtete sie nur \u00fcber ihren Alltag in der Gegenwart, leider erz\u00e4hlte sie kaum aus ihrem langen Leben.<\/p>\n<p>Frau Karkosch k\u00fcmmerte sich um die jungen Leute, die zu ihr zum Waschen kamen, zur\u00fcckhaltend und doch auf vielerlei Weise. Es gab keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Aush\u00e4nge ihn ihrem Laden (kleine Flyer mit Konzertank\u00fcndigungen befestigte sie aber gerne im Fenster zur Stra\u00dfe), so vermittelte sie zum Beispiel Wohnungen m\u00fcndlich. Wer ihr erz\u00e4hlte, dass er gerade auf Zimmersuche sei, konnte damit rechnen, von jemand anderem zu h\u00f6ren, der gerade eines zu vergeben h\u00e4tte. Und ihr Alter war auch deshalb so schwer einzusch\u00e4tzen, weil sie sich so gar nicht als schonenswert sah \u2013 im Gegenteil: Immer wieder nahm sie mir den schweren Korb mit nasser W\u00e4sche aus den H\u00e4nden. Frau Karkoschs heiser hervorgesto\u00dfene Begr\u00fcndung: \u201eSie sind noch jung, Sie m\u00fcssen noch auf sich aufpassen. Bei mir is eh schon egal.\u201c<\/p>\n<p>Das letzte Mal habe ich wohl vor zw\u00f6lf Jahren bei Frau Karkosch gewaschen, deren Namen ich hier nach dem Geh\u00f6r aufschreibe. Es ist unwahrscheinlich, dass sie den Laden noch f\u00fchrt, dass er \u00fcberhaupt noch existiert. Ich muss den Mitbewohner bitten, dass er mich daran erinnert, beim n\u00e4chsten Besuch der Studienstadt an dem Haus vorbeizuschauen.<\/p>\n<p><i>Nachtrag: <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/08\/der-kleine-waschsalon-in-der-altstadt.htm#comment-81097\" target=\"_blank\">Ein Kommentar<\/a> korrigiert die Herkunft der Dame auf Sudetenland.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4scheautark wurde ich sp\u00e4t: Als der Mitbewohner vor elf Jahren zum Mitbewohner wurde, brachte er eine Waschmaschine und einen W\u00e4schetrockner in unser gemeinsames Leben ein. 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