{"id":1317,"date":"2006-04-30T14:06:49","date_gmt":"2006-04-30T12:06:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/04\/religion.htm"},"modified":"2006-04-30T14:06:49","modified_gmt":"2006-04-30T12:06:49","slug":"religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/04\/religion.htm","title":{"rendered":"Religion"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.granta.com\/back-issues\/93\"><img decoding=\"async\" id=\"image1316\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Granta_religion.jpg\" alt=\"Granta_religion.jpg\" \/><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amores.ch\/index.php\" target=_new>Herr a.more<\/a> hat mich (mal wieder) mit einem Hinweis bereichert, n\u00e4mlich den auf <a href=\"http:\/\/www.weltwoche.ch\/artikel\/?AssetID=13815&#038;CategoryID=82\" target=_new>ein Interview mit Salman Rushdie in der <i>Weltwoche<\/i><\/a>. Aber dazu sp\u00e4ter, denn zun\u00e4chst hat mich diese Lekt\u00fcre daran erinnert, dass ich noch etwas \u00fcber das j\u00fcngste <i>Granta<\/i> schreiben wollte. Es hei\u00dft <a href=\"http:\/\/www.granta.com\/back-issues\/93\" target=_new>\u201eGod\u2019s Own Country\u201c<\/a> und hat Religion zum Thema. Die Geschichten, Artikel, Fotostrecken befassen sich mit unterschiedlichen Auswirkungen von Religion und Religiosit\u00e4t, die meisten davon zutiefst erschreckend. Am deutlichsten h\u00e4ngen geblieben sind mir:<br \/>\n&#8211; Die Geschichte der schottischen Autorin Jackie Kay, die in Afrika zum ersten Mal ihrem leiblichen nigerianischen Vater begegnet. Er nutzt diese auch f\u00fcr ihn erste Begegnung dazu, sie stundenlang mit Ges\u00e4ngen und Gebeten zum wiedergeborenen Christentum zu missionieren.<br \/>\n&#8211; Die \u00dcbersetzerin von Orhan Pamuks B\u00fcchern ins Englische, Maureen Freely, beschreibt, wie aus einem Schriftsteller historischer Romane eine politische Kontroverse wurde. (Ah, richtig, ich wollte mir ja <i>The White Castle<\/i> bestellen.)<br \/>\n&#8211; Der holl\u00e4ndische Lehrer Kees Beckmanns erz\u00e4hlt Episoden aus dem Alltag einer Integrationsschule f\u00fcr Einwandererkinder in Amsterdam. Darunter: Zw\u00f6lfj\u00e4hrige h\u00f6ren von ihm zum ersten Mal, dass die Weltentstehung, wie sie der Koran beschreibt, metaphorisch gemeint sein k\u00f6nnte, und versuchen mit allen Mitteln, ihren Lehrer von diesem Irrtum abzubringen.<\/p>\n<p>Dazwischen gestreut sind kurze und sehr pers\u00f6nliche Berichte religi\u00f6ser Erfahrungen, meist sehr positiv. Sie bilden ein eigent\u00fcmliches Gegengewicht zu all dem Schaden durch Religion, den die anderen Texte beschreiben. Spiritualit\u00e4t kann gut f\u00fcr den Einzelnen sein, wird als Religion aber tendenziell zerst\u00f6rerisch?<\/p>\n<p>Zwar verstehe ich, welche menschlichen Bed\u00fcrfnisse zur Entstehung von Religionen gef\u00fchrt haben. Doch die Auswirkungen von Religion, die ich gerade in den letzten Jahren beobachte, lassen mich diese Facette des Menschseins f\u00fcrchten: Ich halte Religionen definitiv f\u00fcr gef\u00e4hrlich, alle.<\/p>\n<p>Was mich wieder zu dem <a href=\"http:\/\/www.weltwoche.ch\/artikel\/?AssetID=13815&#038;CategoryID=82\" target=_new><i>Weltwoche<\/i>-Interview mit Salman Rushdie<\/a> f\u00fchrt.<\/p>\n<blockquote><p><b>Montalb\u00e1n meint, die Ungl\u00e4ubigen werden von den Gl\u00e4ubigen beleidigt, nicht umgekehrt.<\/b><br \/>\nDem stimme ich zu. Ich f\u00fchle mich ununterbrochen beleidigt. Aber mir f\u00e4llt es nicht ein, deshalb eine Moschee anzuz\u00fcnden. Das ist der Unterschied. Was mich an den Reaktionen auf die \u00abSatanischen Verse\u00bb und auf die d\u00e4nischen Karikaturen so st\u00f6rt, ist, dass sich jene, die Gewalt aus\u00fcben, als Opfer bezeichnen. Sie behaupten, man h\u00e4tte sie verletzt. Aber in Wahrheit sind sie es, die verletzen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Herr Rushdie ist ein sehr kluger Mann. Und ich bedaure, dass so viele Menschen \u00fcber ihn sprechen, die nichts von ihm gelesen haben. Die deshalb unter anderem nicht wissen, dass seine Romane hinrei\u00dfende Komm\u00f6dien sind, der eine mehr, der andere weniger (leider werden sie in den letzten Jahren schlechter). Rushdie sagt selbst: \u201eIch bin von Natur ein satirischer Autor.\u201c Und so hat er auch selbst <i>Haroun and the Sea of Stories<\/i> (dicke Empfehlung!) als H\u00f6rbuch eingesprochen, schreiend komisch. Oder trat zur Zeit der <i>Fatwa<\/i> in <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2004\/06\/ihave-i-got-news-for-youi.htm\"><i>Have I got news for you<\/i><\/a> auf, schlagfertig und selbstironisch.<\/p>\n<p>Der Humor, der vor allem aus Rushdies Artikeln und Fachaufs\u00e4tzen spricht, erinnert mich immer ein bisschen an den von Umberto Eco. Im Alter schauen sich die beiden Herren auch immer \u00e4hnlicher, finde ich.<\/p>\n<p>Mit Rushdies Haltung zum Leben und zu Religion kann ich mich v\u00f6llig identifizieren.<\/p>\n<blockquote><p><b>Sind Sie dankbar daf\u00fcr, auf der Welt zu sein?<\/b><br \/>\nIch bin weder dankbar noch undankbar. Ich bin einfach da.<\/p>\n<p>(\u2026)<\/p>\n<p><b>(<i>Sie schrieben<\/i>) 1985 in einem Zeitungsartikel, dass Sie als Sch\u00fcler w\u00e4hrend einer Lateinstunde von einem Moment auf den anderen Ihren Glauben verloren.<\/b><br \/>\nJa, aber das war eher ein Witz.<\/p>\n<p><b>Was geschah in dieser Stunde?<\/b><br \/>\nIch ging in Rugby in England zur Schule und sah eines Tages w\u00e4hrend der Lateinstunde aus dem Fenster auf die Kirche von Rugby. Das ist so ein neugotischer Bau, heute f\u00e4nde ich den ganz bemerkenswert, aber mit meinen 15-j\u00e4hrigen Augen fand ich ihn grauenvoll. Pl\u00f6tzlich dachte ich: Welcher Gott will in so einem Geb\u00e4ude wohnen? Sei nicht bl\u00f6d, da wohnt niemand! In diesem Moment erkannte ich&#8230;<\/p>\n<p><b>&#8230;dass alle Religionen Unsinn sind. <\/b><br \/>\nRichtig! Es war ein Zufall. W\u00e4re da die Kathedrale von Chartres gestanden, w\u00e4re es vielleicht anders gekommen.<\/p>\n<p><b>Leiden Sie manchmal darunter, an keinen Gott glauben zu k\u00f6nnen? <\/b><br \/>\nNein, \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>(\u2026)<\/p>\n<p><b>Ihr so hartn\u00e4ckig behaupteter Atheismus ist vielleicht auch eine Art Religion. Ich kann nicht glauben, dass Sie so leicht ohne die Vorstellung von etwas H\u00f6herem auskommen k\u00f6nnen. <\/b><br \/>\nDa kann ich Ihnen nicht helfen. Sie m\u00fcssen es glauben. Fast alle meine Freunde sind Atheisten. Ich f\u00fchle mich nicht als Ausnahme. Es ist ein grosser Fehler zu meinen, man brauche, um ein moralisches Wesen zu sein, einen obersten Schiedsrichter, der einem sagt, was gut und was b\u00f6se ist. Wenn Sie die Geschichte betrachten, werden Sie sehen, dass es die Idee, was gut und was falsch ist, immer schon vor den jeweiligen Religionen gab. Die Religionen wurden erst im Nachhinein von den Menschen erfunden, um diese Idee auszudr\u00fccken.\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr a.more hat mich (mal wieder) mit einem Hinweis bereichert, n\u00e4mlich den auf ein Interview mit Salman Rushdie in der Weltwoche. Aber dazu sp\u00e4ter, denn zun\u00e4chst hat mich diese Lekt\u00fcre daran erinnert, dass ich noch etwas \u00fcber das j\u00fcngste Granta schreiben wollte. Es hei\u00dft \u201eGod\u2019s Own Country\u201c und hat Religion zum Thema. 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