{"id":13219,"date":"2012-05-23T08:45:57","date_gmt":"2012-05-23T06:45:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13219"},"modified":"2022-05-09T17:10:26","modified_gmt":"2022-05-09T15:10:26","slug":"john-irving-in-one-person","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/05\/john-irving-in-one-person.htm","title":{"rendered":"John Irving, <i>In One Person<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120521_On_One_Person-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120521_On_One_Person-1.jpg\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"498\" class=\"alignnone size-full wp-image-76293\" \/><\/a><\/p>\n<p><b>Praktisch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spoiler_(Medien)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">spoilerfrei<\/a>.<\/b><\/p>\n<p>Roberta war die erste Transsexuelle, mit der ich n\u00e4here Bekanntschaft machte, n\u00e4mlich in der Verfilmung von <i>Garp und wie er die Welt sah<\/i>, gespielt von John Lithgow. (Ein pr\u00e4gender Eindruck: Wann immer ich John Lithgow danach in welcher Rolle auch immer sah, jubelte ich: \u201eRoberta!\u201c). In John Irvings Vorg\u00e4ngerroman von <i>The World According to Garp<\/i> (1978), in <i>The Hotel New Hampshire<\/i> (1981), war bereits ein bisexueller B\u00e4r aufgetaucht &#8211; na gut, eine bisexuelle Frau, Susie, im B\u00e4renkost\u00fcm, die erst die Schwester des Erz\u00e4hlers, Franny, zum Singen bringt, sp\u00e4ter die Partnerin des Erz\u00e4hlers wird. Zur Besetzung von <i>The Hotel New Hampshire<\/i> geh\u00f6rt zudem der schwule, \u00e4ltere Bruder des Erz\u00e4hlers, Frank. <i>A Son of the Circus<\/i> (1994) ist reich ausgestattet mit Frauen, die mal M\u00e4nner waren, es zum Teil noch sind, sich nicht festlegen wollen.<br \/>\nSexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie Vergewaltigung kommen in fast allen Romanen Irvings vor, ersteres ist das Hauptthema in <i>Until I Find You<\/i> von 2005. Weiterhin das Recht auf Abtreibung, um das Iriving <i>The Cider House Rules<\/i> (1985) geschrieben hat. Alles in Allem: John Irvings bisherige Romane haben sexuelle Selbstbestimmung gr\u00fcndlich und in vielerlei Facetten durchgespielt \u2013 und das sind nur die, die mir ohne Nachschlagen eingefallen sind (die Ver\u00f6ffentlichungsjahre habe ich aber nachgeschlagen).<\/p>\n<p>Warum also nochmal ein Irving-Roman zu diesem Thema, genauer: In dem es explizit fast ausschlie\u00dflich darum geht? Weil, so f\u00fcrchte ich, Irving diesmal vor allem eine BOTSCHAFT hatte. Was meiner Erfahrung nach als Hauptmotivation f\u00fcrs Schreiben einem Roman nicht gut tut.<\/p>\n<p><i>In One Person<\/i> ist die fiktive Autobiographie von Billy, geschrieben aus der Perspektive des Fast-Siebzigj\u00e4hrigen. Die Botschaft wird im letzten Absatz des Romans nochmal unterstrichen: &#8220;Don&#8217;t put a <i>label<\/i> on me\u2014don&#8217;t make me a <i>category<\/i> before you get to know me!\u201c (Kursivsetzung im Original.) <\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt mit Billys <i>crush<\/i> auf die Bibliothekarin Miss Frost, als er 15 ist: \u201eI&#8217;m going to beginn by telling you about Miss Frost.\u201c In Vor- und R\u00fcckschauen rollt dieser Ich-Erz\u00e4hler die Geschichte seiner Familie in einer Kleinstadt in Vermont aus, von Anfang an sind dabei sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentit\u00e4t Thema, in vielen, vielen Schattierungen. Der Erz\u00e4hler selbst ist sowohl zu Buben, sp\u00e4ter M\u00e4nnern als auch zu Frauen hingezogen. Und das wird in vielen Details reflektiert und diskutiert, unter fast allen Personen des Romans &#8211; genau hier setzte meine Skepsis ein: Es stie\u00df mir als ausgesprochen unrealistisch auf, dass eine ganz normale amerikanische Familie in den fr\u00fchen 60ern so frank und frei \u00fcber Sexualit\u00e4t spricht, und nicht einmal damit als besonders markiert wird.<\/p>\n<p>Billy outet sich mit 18 als bisexuell, geht mit seinem ersten Liebhaber auf Europareise, studiert in New York (er will Schriftsteller werden), ein Jahr in Wien, lebt im New York der 70er, erlebt Anfang der 80er das anfangs so mysteri\u00f6se massenhafte und qualvolle Sterben von Schwulen, hat Partnerschaften und Freundschaften. Das alles ist detailreich, ergreifend und interessant genug, um die Leserin bei der Stange zu halten.<\/p>\n<p>Doch gleichzeitig bleibt die Geschichte sehr explizit und unsubtil: Die zentralen Charakterz\u00fcge und vor allem Charakterfehler der Hauptfiguren dr\u00fcckt uns der Ich-Erz\u00e4hler wieder und wieder rein, doch richtige Konflikte kommen praktisch nicht vor &#8211; nicht mal \u00e4u\u00dfere: In Wien lebt Billy Mitte der 60er problemlos mit einer Frau unverheiratet in Untermiete, davor schon war er ja mit einem Liebhaber auf Europareise, ohne dass sich irgendwo irgendjemand daran zu st\u00f6ren schien. Die Geschichten, die ich \u00fcber solche Situationen von nicht erfundenen Menschen aus dieser Zeit geh\u00f6rt habe, klingen ganz anders.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlstimme ist schlicht und platt, Nebenhandlungen fehlen. In Erz\u00e4hltechnik steckt Irving seinen Ehrgeiz offensichtlich seit einigen Romanen nicht mehr, das tat er zuletzt in <i>Widow for One Year<\/i> (1998).<br \/>\nDas zeigt sich auf der Metaebene auch in einem Nebenthema des Romans: Literaturrezeption taucht in <i>In One Person<\/i> immer wieder auf, es werden Shakespeare-St\u00fccke diskutiert und einige Romanklassiker. Doch der Ansatz ist immer deutlich vormodernes 19. Jahrhundert: \u00dcber die Charaktere wird rein psychologisierend gesprochen &#8211; von wem war nochmal \u201eSiegmund Freuds Einfluss auf Shakespeare\u201c?<sup><a href=\"#footnote_1_13219\" id=\"identifier_1_13219\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Ernsthaft: Es ging in dem Aufsatz nat&uuml;rlich um Rezeptionsgeschichte, nicht um Zeitreisen, und wie die Shakespeares von Freud beeinflusst wurde. Kann mir jemand weiterhelfen?\">1<\/a><\/sup>, der einzige andere Aspekt ist Freude an poetischer Sprache.<\/p>\n<p>Doch die Fertigkeit, eine Geschichte m\u00f6glichst gut und vielleicht sogar k\u00fcnstlerisch interessant zu erz\u00e4hlen, scheint Irving nicht mehr recht zu interessieren. Indirektes Vermitteln von Information, das durch die Art der Vermittlung weitere Information transportiert &#8211; das konnte Irving mal meisterlich. Nach <i>Widow for One Year<\/i> scheint ihm das egal geworden zu sein. Ich vermisse den fr\u00fcheren Irving sehr.<br \/>\nKunst ist jetzt durch BOTSCHAFT ersetzt. Das Lesen, das in <i>In One Person<\/i> beschrieben wird (englische Klassiker des 19. Jahrhunderts, darunter nat\u00fcrlich wieder Irvings Liebling Dickens, zudem als zentraler Roman <i>Madame Bovary<\/i>), hat die Funktion seelisch zu erbauen und aufzukl\u00e4ren, beschrieben werden auch immer wieder kathartische Prozesse angesto\u00dfen durch Lekt\u00fcre &#8211; der Verdacht liegt nahe, dass Irving darin auch den Zweck von <i>In One Person<\/i> sieht. Doch ich bin Zweckliteratur gegen\u00fcber misstrauisch: Ich verd\u00e4chtige sie automatisch des Manipulationsversuchs. Der Sache (Recht auf sexuelle Selbstbestimmung f\u00f6rdern) h\u00e4tte Irving vielleicht mit einer PR-Kampagne mehr gedient.<\/p>\n<p>Noch ein paar Details, die mir auffielen:<br \/>\n&#8211; Im ganzen Roman wird deutsche Literatur (vor allem Goethe und Heine) korrekt zitiert &#8211; ein erstes Mal bei Irving und eine gro\u00dfe Freude.<br \/>\n&#8211; Ja, der Ringsport spielt wieder eine Rolle, diesmal aber ringt der Protagonist nicht selbst.<br \/>\n&#8211; B\u00e4ren tauchen auf \u2013 in einer charmanten Nebenvariante.<br \/>\n&#8211; W\u00e4hrend es im Vorg\u00e4ngerroman <i>Last Night in Twisted River<\/i> zentral um Essen und Kochen ging (in <i>Until I Find you<\/i> eher um Essst\u00f6rungen), kommt Essen in <i>In One Person<\/i> \u00fcberhaupt nicht vor &#8211; so sehr nicht, dass es auff\u00e4llt.<\/p>\n<p>Das mag sich bisher so gelesen haben, als hielte ich <i>In One Person<\/i> f\u00fcr einen schlechten Roman \u2013 nicht doch! Das Buch ist spannend, voller Charaktere, die ich gerne kennengelernt habe. Sehen Sie mir nach, dass mir vor allem auff\u00e4llt, was der Roman nicht ist und was er h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. John Irving ist unter seinen M\u00f6glichkeiten geblieben.<\/p>\n<p><i>Nachtrag: Andere Meinungen zu diesem Roman.<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/books\/2012\/may\/04\/john-irving-one-person-review\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Guardian<\/a> &#8220;John Irving&#8217;s memorable hymn to individuality&#8221;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.newyorker.com\/arts\/critics\/books\/2012\/05\/07\/120507crbo_books_mallon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The New Yorker<\/a> (Achtung: Spoiler!) &#8220;Irving is intent on depicting the plague years with solemnity and feeling, and, if he doesn\u2019t fully succeed in re-creating the way we lived then, he achieves a piercing, intermittent fidelity.&#8221;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2012\/05\/10\/books\/in-one-person-john-irvings-new-novel.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The New York Times<\/a> (Achtung: Spoiler!) &#8220;If &#8216;In One Person&#8217; were more coherent, Mr. Irving would not deliver his toughest punches from atop a soapbox.&#8221;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.thedailybeast.com\/articles\/2012\/05\/13\/john-irving-s-in-one-person-shows-genius-of-irving.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Daily Beast<\/a> (Noch eine Rezensentin, deren Vater fast exakt so alt ist wie John Irving) &#8220;The new frankness that has seeped across society in the post-Garp years has allowed Irving to lay out his inclusive vision in In One Person more explicitly than he has in the past.&#8221;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.oprah.com\/blogs\/Book-of-The-Week-In-One-Person\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Oprah blog<\/a> &#8220;What transforms the story from a predictable novel about private secrets into the story of a young man understanding his identity in the context of his family and past is Irving himself.&#8221;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.theglobeandmail.com\/news\/arts\/books\/in-one-person-by-john-irving\/article2429842\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Globe and Mail<\/a> (Achtung: unversch\u00e4mte Spoiler!) &#8220;This is a novel that reaffirms the centrality of Irving as the voice of social justice and compassion in contemporary American literature.&#8221;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.xtra.ca\/public\/National\/In_One_Person-11918.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Xtra!<\/a> &#8220;In One Person, as a story about sexual differences among people, has real potential to help effect positive change for gay and trans people, especially in the US.&#8221; <\/i><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_13219\" class=\"footnote\">Ernsthaft: Es ging in dem Aufsatz nat\u00fcrlich um Rezeptionsgeschichte, nicht um Zeitreisen, und wie die Shakespeares von Freud beeinflusst wurde. Kann mir jemand weiterhelfen?<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_13219\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Praktisch spoilerfrei. Roberta war die erste Transsexuelle, mit der ich n\u00e4here Bekanntschaft machte, n\u00e4mlich in der Verfilmung von Garp und wie er die Welt sah, gespielt von John Lithgow. (Ein pr\u00e4gender Eindruck: Wann immer ich John Lithgow danach in welcher Rolle auch immer sah, jubelte ich: \u201eRoberta!\u201c). 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