{"id":13253,"date":"2012-06-13T11:27:02","date_gmt":"2012-06-13T09:27:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13253"},"modified":"2012-06-13T11:27:02","modified_gmt":"2012-06-13T09:27:02","slug":"robert-gernhardt-%e2%80%9edarf-man-dichter-verbessern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/06\/robert-gernhardt-%e2%80%9edarf-man-dichter-verbessern.htm","title":{"rendered":"Robert Gernhardt, \u201eDarf man Dichter verbessern?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem meine Gedanken, ob man Literatur nachtr\u00e4glich dem Zeitgeist anpassen darf, zu einer Diskussion \u00fcber Formen von Rassismus und \u00fcber pers\u00f6nliche Erlebnisse mit sprachlicher Diskriminierung wurde (ehrlichen Dank f\u00fcr den verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sachlichen Tonfall, ich freue mich \u00fcber diese Kommentatoren und Kommentatorinnen), setze ich nochmal mit meiner eigentlichen Frage an. Und stelle mich nach denen von Ray Bradbury (der in Deutschland vielleicht nicht so bekannt ist) auf die Schultern eines weiteren Riesen: Robert Gernhardt. Der ver\u00f6ffentlichte 1990 in der <i>Zeit<\/i> den Aufsatz \u201eDarf man Dichter verbessern? Eine Ann\u00e4herung in drei Schritten&#8221; (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1990\/37\/darf-man-dichter-verbessern\/komplettansicht\" target=\"_blank\">hier der Link zur offensichtlich von Maschinen eingelesenen Online-Version<\/a>). Ich fasse die Langversion des Aufsatzes zusammen, aus Robert Gernhardt, <i>Gedanken zum Gedicht<\/i>, Z\u00fcrich 1990.<\/p>\n<p>Schritt 1 nennt Gernhardt \u201eMan kann Gedichte verschlechtern\u201c.<br \/>\nIm Alter ging Goethe redigierend \u00fcber sein Jugendwerk und nahm ihm derart das Feuer, \u201eda\u00df der Verehrer des Dichters Goethe all jenen Dank schuldet, die dessen fr\u00fche Gedichte vor dem Lektor Goethe dadurch retteten, da\u00df sie \u2013 im Gegensatz zu ihm \u2013 Urschriften oder Abschriften aufbewahrten\u201c.<br \/>\nDer n\u00e4chste Kandidat ist Georg Trakl; auch von ihm stellt Gernhardt eine erste, kraftvolle Gedichtversion der sp\u00e4teren lahmen Fassung gegen\u00fcber.<br \/>\nDie Pointe dieses ersten Schritts: Gernhardt schrieb als Oberstufensch\u00fcler selbst einmal ein Trakl-Gedicht, trug es im Unterricht vor samt Interpretation.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt lautet \u201eMan kann Gedichte ver\u00e4ndern\u201c.<br \/>\nGernhardt stellt Zitate in ihrer sprichw\u00f6rtlichen \u00dcberlieferung den Originalen gegen\u00fcber: Oft unterscheiden sie sich, ebenso wie einige angebliche Zitate, die ganzen Essays zugrunde gelegt werden. Das, so Gernhardt, k\u00f6nne allerdings durchaus ein Hinweis auf eine Verbesserbarkeit einer Passage sein. Er zitiert dazu einen Briefwechsel zwischen Friedrich Torberg (hach!) und Alexander Lernet-Holenia mit weitere Beispielen daf\u00fcr, dass Ged\u00e4chtnis-Versionen besser sein k\u00f6nnen als das Original.<\/p>\n<p>Worauf es 3. hei\u00dft \u201eMan kann Gedichte verbessern\u201c.<br \/>\nEs geht unter anderem um ein Rilke-Gedicht, das eher peinlich und zudem wirklichkeitsfremd auf einem S\u00fcdl\u00e4nder-Stereotyp herumreitet sowie um deutsche Italien-Gedichte voll geologischen und botanischen Humbugs. An einige Gedichte legt Gernhardt dann Hand an, gl\u00e4ttet schiefes Vokabular, ersetzt eine Doppelung und macht sich zuletzt \u00fcber ein eigenes Gedicht her (in dem das Wort \u201eNeger\u201c sehr dominiert &#8211; das hatte ich v\u00f6llig vergessen und es soll keine Provokation sein, obwohl es noch dazu bei Gernhardts Selbstverbesserung keineswegs um ein Ersetzen dieses Wortes geht).<\/p>\n<p>Es folgt als Bonus ein vierter Schritt \u201eD\u00fcrfen sich Gedichte verbessern?\u201c.<br \/>\nGernhardt schaut Brecht beim \u00dcberarbeiten anderer Leut Gedichte zu, die er f\u00fcr sein eigenes Werk verwendet. Und jetzt kommt er zu seinem Punkt, zu seinem \u201eMachtwort\u201c: <\/p>\n<blockquote><p>Dichter sind doch keine Maler und Gedichte keine Unikate! Anders Bilder: Da freilich w\u00e4re es ein unersetzbarer Verlust, h\u00e4tte ein Slevogt in einem Original von Caspar David Friedrich herumgemalt, ein Braque in einem Bonnard oder ein Mondrian in einem Manet.<br \/>\nWenn aber zwei Dichter zusammensto\u00dfen, in dem Werk des einen, geht ja nicht das Gedicht drauf, im Gegenteil: Entweder bleiben ein bisheriges und verschlechtertes Gedicht \u00fcbrig oder ein bisheriges und ein ver\u00e4ndertes oder ein bisheriges und ein verbessertes \u2013 auf jeden Fall verdoppelt sich die Zahl der Gedichte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was allerdings bedeutet, meine Damen und Herren, und jetzt komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage: Klar k\u00f6nnen Sie ein Werk von Astrid Lindgren umdichten, bis es ihren Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt. Aber dann ist es ein neues Werk, n\u00e4mlich Ihres, und nicht mehr das von Astrid Lindgren.<\/p>\n<p>(Das n\u00e4chste Mal an dieser Stelle: H\u00e4tte man Goethes Rechtschreibung besser nie modernisiert?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem meine Gedanken, ob man Literatur nachtr\u00e4glich dem Zeitgeist anpassen darf, zu einer Diskussion \u00fcber Formen von Rassismus und \u00fcber pers\u00f6nliche Erlebnisse mit sprachlicher Diskriminierung wurde (ehrlichen Dank f\u00fcr den verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sachlichen Tonfall, ich freue mich \u00fcber diese Kommentatoren und Kommentatorinnen), setze ich nochmal mit meiner eigentlichen Frage an. 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