{"id":1329,"date":"2006-05-13T08:55:03","date_gmt":"2006-05-13T06:55:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/05\/illustrierte-reisebeobachtungen.htm"},"modified":"2006-05-14T13:41:08","modified_gmt":"2006-05-14T11:41:08","slug":"illustrierte-reisebeobachtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/05\/illustrierte-reisebeobachtungen.htm","title":{"rendered":"Illustrierte Reisebeobachtungen"},"content":{"rendered":"<p>Reisen strengt eigent\u00fcmlich an. Lange habe ich mich dar\u00fcber gewundert, dass in Filmen und Romanen Reisende nach Ankunft gerne aufgefordert wurden, sich erst mal auszuruhen. Weil sie doch, so dachte ich, eben erst viele Stunden nichts getan hatten als sich fahren zu lassen. Aber es ist tats\u00e4chlich so: Bewegung durch Raum und Zeit ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Meine Woche begann mit fast drei Tagen Berlin, zum ersten Mal sommerlich. Auch wenn ich wenig rumkam, schlie\u00dflich war ich zur Schulung da und nicht zum Spa\u00df, f\u00fchlte ich mich wieder mal umgehend wohl. Sofort sehe ich mich gezwungen, das damit zu erkl\u00e4ren, dass ich schlie\u00dflich immer nur die mir angenehmen Gebiete Berlins zum Aufenthalt w\u00e4hle, aber das tue ich in meiner Wohnstadt M\u00fcnchen schlie\u00dflich auch.<\/p>\n<p>In den Galeries Lafayette h\u00f6rte ich das Pendant zu den <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/05\/schutzt-die-auslandische-sprache.htm\">Englisch radebrechenden ICE-Zugchefs<\/a>: Ein Franzose, der Durchsagen in einer Sprache machte, die er f\u00fcr Deutsch hielt. Was er da sagte, konnte ich als Deutsch-Muttersprachlerin nur mit h\u00f6chster Konzentration verstehen, und dann auch nur in Bruchst\u00fccken. Er erinnerte mich sehr an Julio Iglesias oder Nat King Cole, die beide unter anderem in Sprachen sangen, die sie \u00fcberhaupt nicht konnten (JI  Deutsch, NKC Spanisch).<\/p>\n<p>Auf der Zugr\u00fcckreise hinter Hildesheim einen Jogger im Gr\u00fcnen entlang dem Bahndamm gesehen, der in der einen Hand einen sehr kleinen Hund an der Leine f\u00fchrte, mit der anderen Handyfonierte. Im Lauf. Mit sehr kurzen Hosen. Was muss ein ICE auch so schnell fahren.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich um 18 Uhr in M\u00fcnchen angelangt, dadurch hatte ich die M\u00f6glichkeit, am selben Tag morgens in einer berliner Muckibude einen zu heben und abends an der M\u00fcnchner Isar wegzulaufen. Muss man sich mal vorstellen. Sehr cool.<br \/>\nDabei zum ersten Mal einer verschleierten Joggerin begegnet. Auf H\u00f6he der M\u00fcnchner Stadtg\u00e4rtnerei kam mir eine junge Frau mit Brille entgegengetrabt, die eine weite, schwarze 7\/8-Hose trug, dar\u00fcber ein langes, tailliertes schwarzes Hemd, ihr Kopf und Hals waren fest in ein graues Tuch gewickelt, das zu den anthrazitfarbenen Laufschuhen passte. Meine Phantasie schoss sofort los und spielte mit Ideen, wer die Frau wohl war. Doch diese meine Phantasie bedient sich ja doch blo\u00df aller zur Verf\u00fcgung stehenden Klischees: Als mir wenige hundert Meter weiter ein dicker, alter Jogger auffiel, weil er in normaler Stra\u00dfenkleidung, mit Lederschn\u00fcrschuhen und einem Trenchcoat \u00fcberm Arm joggte, dachte ich sofort: \u201eUnd das ist der Vater der Kopftuch-Joggerin, der auf sie aufpasst.\u201c Dabei hat es dem Mann vielleicht einfach nur pressiert.<\/p>\n<p>Zudem sah ich die neueste Steckerl-Sportart:<br \/>\nAngefangen hat es, wir erinnern uns, mit Skilanglauf. Ganz fr\u00fcher gab es in dieser Bewegungsform zum einen Rentner, die freundlich genug waren, uns jungen Bergab-Skifahrern die Pisten zu \u00fcberlassen, und die dennoch nicht auf Bewegung im Schnee verzichten mussten. Zum anderen gab es Profi-Skilangl\u00e4ufer, die wir aus dem Fernsehen kannten, die Behle hie\u00dfen, und die sich manchmal vom Schnellfahren erholten, indem Sie sich b\u00e4uchlings in den Schnee warfen, um dann mit einem mitgebrachten Schie\u00dfgewehr zu schie\u00dfen. Sonstige Sportler au\u00dferhalb von Vereinen brauchten damals, ganz fr\u00fcher, keine Steckerl. Doch dann fand jemand raus, dass gerade Alte und Angebrechliche sich beim Bergwandern leichter taten, vor allem bergab, wenn Sie sich mit Steckerln abst\u00fctzten. Diese \u201eTeleskopst\u00f6cke\u201c (durch die man keineswegs den Sternenhimmel beobachten konnte) sah ich noch ein, sp\u00e4testens als ich meine von Knieverschlei\u00df geplagte aber bergfexige Mutter jubeln h\u00f6rte. Ich konnte ja nicht ahnen, wohin das alles f\u00fchren w\u00fcrde. Denn pl\u00f6tzlich spazierten immer mehr Menschen auch ohne Berge mit Skist\u00f6cken. Selbst mitten in der Stadt. In Herden. Dass es bald eine offizielle Bezeichnung mit der unausweichlichen Endung auf \u2013ing daf\u00fcr gab, half nicht gerade. Als grotesk empfand ich den Anblick solcher Nordicwalkingerinnen letzten Winter im Schnee: Sie sahen definitiv aus, als h\u00e4tten sie ihre Ski verloren.<br \/>\nNicht mehr gewundert habe ich mich dann \u00fcber die regelm\u00e4\u00dfige Begegnung mit wohltrainierten Rollschuhfahrern, die ihr Affentempo auf dem Radweg durch den Einsatz zweier sehr langer Steckerl erh\u00f6hten. Doch letzte Woche konnte ich dann wieder lachen: Mir kam an der Isar ein Jogger entgegen, der es ziemlich eilig zu haben schien \u2013 und zwei Langlaufst\u00f6cke in seinem Bewegungsablauf unterbrachte. Beim Joggen. Sakratie.<\/p>\n<p>Ebenfalls letzte Woche festgestellt: Ein Flug um 6:30 Uhr ist Mord. Vor lauter Arbeit vor Ort kam ich zudem erst so kurz vor R\u00fcckflug zur\u00fcck an den Flughafen Kopenhagen, dass ich <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/09\/schwedenglas.htm\">das dortige Einkaufszentrum<\/a> nicht, wie geplant, ordentlich leerkaufen konnte. Da das meine vermutlich letzte Gesch\u00e4ftsreise nach Kopenhagen war, traf mich das wirklich. Im R\u00fcckflieger eine d\u00e4nische Kabinenchefin mittleren Alters mit blondem Pagenkopf, die derart gro\u00dfe und hervorspringende Wangenknochen \u00fcber eingefallenen Wangen hatte, dass ich mich v\u00f6llig fasziniert fragte, ob die nicht ihr Sehfeld beschr\u00e4nken. Ich werde ja schon fuchtig, wenn ein Hautfetzen oben auf meinen unausgepr\u00e4gten Wangenknochen im Blick ist.<\/p>\n<p>Und dann w\u00fcrde es mich wirklich und tats\u00e4chlich interessieren, welche Menschen das sind, die am Flughafen einchecken, ihr Gep\u00e4ck aufgeben \u2013 und dann nicht im Flieger auftauchen. Diesmal war sowohl beim Hin- als auch beim R\u00fcckflug einer dabei, mit der bekannten Folge, dass alles Gep\u00e4ck ausgeladen werden musste, um den Koffer des No-Show auszusortieren, dann wieder eingeladen (ging \u00fcberraschend flott). Mich interessiert ehrlich, welche Geschichten jeweils dahinter steckten. Wei\u00df das hier jemand?<\/p>\n<p>Hier noch ein paar Illustrationen:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1325\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Hotelbad_2.jpg\" alt=\"Hotelbad_2.jpg\" \/><\/p>\n<p>Solche Hotelbadkacheln (das Ding war etwa 80 auf 40 cm) machen wirklich wach.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1326\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Coffeeshop.jpg\" alt=\"Coffeeshop.jpg\" \/><\/p>\n<p>Ich liebe diese Coffeeshopketten, praktisch allesamt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1327\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/060511_Flughafen.jpg\" alt=\"060511_Flughafen.jpg\" \/><\/p>\n<p>Mit solchen Anblicken will das Universum uns einreden, dass ein Abflug um 6.30 Uhr auch Vorteile hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image1328\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Kopenhagen_Mai.jpg\" alt=\"Kopenhagen_Mai.jpg\" \/><\/p>\n<p>Eine Empfangshalle in Kopenhagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisen strengt eigent\u00fcmlich an. 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