{"id":13312,"date":"2012-06-25T08:14:21","date_gmt":"2012-06-25T06:14:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13312"},"modified":"2018-04-18T05:54:15","modified_gmt":"2018-04-18T04:54:15","slug":"alexandra-tobor-sitzen-vier-polen-im-auto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/06\/alexandra-tobor-sitzen-vier-polen-im-auto.htm","title":{"rendered":"Alexandra Tobor, <i>Sitzen vier Polen im Auto<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120625_Sitzen_vier_Polen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120625_Sitzen_vier_Polen.jpg\" alt=\"\" title=\"120625_Sitzen_vier_Polen\" width=\"391\" height=\"345\" class=\"alignnone size-full wp-image-13313\" \/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr den Titel des Buches (<a href=\"http:\/\/www.kotzendes-einhorn.de\/blog\/2012-06\/von-twitter-zum-roman-alexandra-tobor-im-interview\/\" target=\"_blank\">im Interview mit Kotzendes Einhorn<\/a><sup><a href=\"#footnote_1_13312\" id=\"identifier_1_13312\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Ich hoffe, die Blogphase der bescheuerten Pseudonyme geht niemals zu Ende. gez. die Kaltmamsell\">1<\/a><\/sup> verr\u00e4t die Autorin, dass sie nichts damit zu tun hatte) geh\u00f6rt der <a href=\"http:\/\/www.ullsteinbuchverlage.de\/ullstein\/index.php\" target=\"_blank\">Ullstein-Verlag<\/a> ordentlich durchgesch\u00fcttelt. Da war er schon schlau genug zu erkennen, dass in Alexandra Tobor, die ich seit Jahren <a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/silenttiffy\" target=\"_blank\">bei Twitter als silenttiffy<\/a> lese, ein wundervolles Buch steckt &#8211; und dann das. Nein, meine Damen und Herren, zwischen den Pappdeckeln verbirgt sich keineswegs, was der Titel androht. Keine Schenkelklopfer, keine Stereotypen, sondern ein St\u00fcck menschliche europ\u00e4ische Geschichte. (Auf der R\u00fcckseite des Buches steht gro\u00df \u201eGoodbye, Polen!\u201c &#8211; das w\u00e4re ein deutlich weniger peinlicher Titel gewesen.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/03\/pia-ziefle-suna.htm\" target=\"_blank\">Schon nach der Lekt\u00fcre von Pia Ziefles <i>Suna<\/i> war mir aufgefallen, dass es h\u00f6chste Zeit f\u00fcr deutsche Migrationsliteratur ist.<\/a> Auch Alexandra Tobor f\u00fcllt diese L\u00fccke ein wenig, aber ganz anders als <i>Suna<\/i>. Zwar l\u00e4dt auch ihre sehr personale Perspektive mehr zum Miterleben einer Migrationsgeschichte ein als zum Lernen dar\u00fcber. Doch der kleinere zeitliche Ausschnitt, die geradlinige Erz\u00e4hlung, die Sicht des Kindes Ola machen sie leicht zug\u00e4nglich. Im Nachwort erkl\u00e4rt Tobor, dass das Buch keine Autobigrafie ist, sondern die Erlebnisse vieler Menschen kombiniert &#8211; das macht die Geschichte repr\u00e4sentativ f\u00fcr viele Menschen, w\u00e4hrend <i>Suna<\/i> von der Einzigartigkeit der Geschichte gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Ich selbst habe schon wieder ein bisschen \u00fcber meine eigene Familiengeschichte gelernt. W\u00e4hrend in <i>Suna<\/i> die Gastarbeitervergangenheit meines spanischen Vaters durchklang, h\u00f6rte ich durch <i>Sitzen vier Polen im Auto<\/i> Echos der Geschichte meiner polnischen Mutterfamilie. Zwar wurde meine polnische Gro\u00dfmutter bereits Anfang der 1940er als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt und kehrte nie wieder nach Polen zur\u00fcck (komplizierte Geschichte &#8211; was Psychologisches), doch ich erkannte viele ihrer Werte und Ideale in der beschriebenen polnischen Familie der 1980er wieder. (Und meiner Mutter war als Schulkind selbstverst\u00e4ndlich noch \u201ePolackenzipfe\u201c nachgerufen worden. W\u00e4hrend viel sp\u00e4ter ein Schulfreund meines Bruders aus unserer speziellen Familienmischung liebevoll \u201eSpanacken\u201c machte.)<\/p>\n<p>In <i>Sitzen vier Polen im Auto<\/i> erleben wir Alexandra, Ola genannt, als kleines und als Schulkind in ihrem polnischen Heimatdorf. Wie sie sich nach den bunten Spielzeugen und Kleidungsst\u00fccken aus dem Westen verzehrt, wie die industriell hergestellten Lebensmittel von dort einen solchen Zauber haben, dass selbst leere Verpackungen als Tauschw\u00e4hrung taugen.<br \/>\nDa ich 1987 zehn Tage in Danzig auf Chorreise war, untergebracht mit zwei weiteren Sopr\u00e4nern in einer Privatfamilie im Plattenbau, hatte ich viele innere Bilder zu ihren Beschreibungen. Unter anderem zu der Verherrlichung westlicher K\u00f6rperpflegeprodukte: Wir waren von den Organisatoren der Reise gebeten worden, so viel wie m\u00f6glich von diesen Waren mitzubringen. Wie war es mir peinlich gewesen, von meinem mageren Einkommen nur billigstes Haargel, Gro\u00dfpackungen Zahnpasta und Shampoo vom Discounter als Gastgeschenke \u00fcberreichen zu k\u00f6nnen &#8211; und wie verlegen machte mich der enthusiastische Dank meiner Gastfamilie daf\u00fcr.<br \/>\nIm Jahr darauf besuchte uns der damals gastgebende Danziger Knabenchor in Bayern. Ich organisierte das Freizeitprogramm, brachte einige Buben bei meinen Eltern und meiner Oma unter. Und ich musste mit all den jungen Burschen fertigwerden, die nach einem Besuch im Provinzkaufhaus mit leerem Blick fast zusammenbrachen. Oder den Orangensaft zum Fr\u00fchst\u00fcck horteten, um ihn ihren Eltern daheim mitzubringen. Nein, ich konnte damals kein bisschen dar\u00fcber lachen, ich kann es auch heute nicht. Das alles nahm mir einige Unbefangenheit im Leben mit dem hiesigen \u00dcberfluss.<\/p>\n<p>Und so konnte ich auch \u00fcber Alexandras Sehns\u00fcchte und N\u00f6te nicht lachen; ich wusste einfach zu genau, wie schmerzvoll sie waren. Ihr Buch machte mir zudem die vielen Konsequenzen nachvollziehbar, die diese Haltung bei der Einwanderung nach Deutschland hatte. Hier waren in den 80ern zerrissene Jeans schick, wo die polnischen Einwanderer gewohnt waren, Wohlstand durch gepflegte Kleidung zu zeigen &#8211; und damit fing das Lernen der Migranten erst an. Tobor nutzt geschickt die Perspektiven ihrer Hauptpersonen, um das Aufeinanderprallen der Kulturen zu beschreiben: Haupts\u00e4chlich ist das die Wahrnehmung ihres achtj\u00e4hrigen Alter Ego Ola, doch einige L\u00fccken f\u00fcllt die Erwachsenensicht aus den Augen ihrer Eltern oder der vulg\u00e4ren Nachbarn (\u201eLux!\u201c), auf die die Familie schon bei der Ausreise aus Polen getroffen war. \u00dcber allem thront g\u00f6ttinnengleich der Blick der weisen und durchsetzungsstarken Oma: Sie hatte sich schon weder durch die Sterbensanf\u00e4lle der kleinen Ola noch durch die sozialistische Propagandab\u00fcrokratie t\u00e4uschen lassen, sie f\u00e4llt auch nicht auf die Gro\u00dfkotzigkeit und die Glitzerwelt des Westens herein. Und in ihrer Mischung aus Pochen auf gutes Benehmen und dr\u00f6hnendem Auftreten hat sie mich durchaus an meine polnische Oma erinnert (die nie das Haus verlassen h\u00e4tte, ohne sich sorgf\u00e4ltig herzurichten, unter ihrem feinen Hut aber der verhassten polnischen Nachbarin &#8211; alle polnischen Nachbarinnen waren ihr verhasst &#8211; Unfl\u00e4tigkeiten zurief).<\/p>\n<p>Der Tonfall von <i>Sitzen vier Polen im Auto<\/i> ist durchaus liebevoll heiter, aber das \u00fcberl\u00e4sst Alexandra Tobor den Inhalten und legt nicht auch noch sprachlich drauf. Eine unbedingte Leseempfehlung.<\/p>\n<p>Wer mal reinlesen m\u00f6chte in das Buch, kann es <a href=\"http:\/\/twitterhuder-abendblatt.de\/?p=514\" target=\"_blank\">in diesem Probekapitel<\/a>.<\/p>\n<p>Und gestern ver\u00f6ffentlichte die Autorin auch noch das Foto eines Gegenstands aus dem Buch, den ich f\u00fcr hoffentlich erfunden gehalten hatte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Stinkende_Fliege.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Stinkende_Fliege.jpg\" alt=\"\" title=\"Stinkende_Fliege\" width=\"330\" height=\"427\" class=\"alignnone size-full wp-image-13314\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>\u00dcbrigens kommt in <\/i>Sitzen vier Polen im Auto<i> eine polnische Negerpuppe vor, die genau so genannt wird. <a href=\"http:\/\/silenttiffy.de\/2012\/06\/die-negerpuppe\/\" target=\"_blank\">In ihrem Blog erkl\u00e4rt Tobor, warum kein anderes Wort f\u00fcr sie in Frage kam.<\/a> Eine kluge Bereicherung der Debatte, die sich seit Wochen durch mein Internet zieht.<\/i><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_13312\" class=\"footnote\">Ich hoffe, die Blogphase der bescheuerten Pseudonyme geht niemals zu Ende. gez. die Kaltmamsell<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_13312\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den Titel des Buches (im Interview mit Kotzendes Einhorn1 verr\u00e4t die Autorin, dass sie nichts damit zu tun hatte) geh\u00f6rt der Ullstein-Verlag ordentlich durchgesch\u00fcttelt. 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