{"id":13325,"date":"2012-07-05T19:14:17","date_gmt":"2012-07-05T17:14:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13325"},"modified":"2022-07-08T15:30:20","modified_gmt":"2022-07-08T13:30:20","slug":"bachmannpreis-2012-der-donnerstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/07\/bachmannpreis-2012-der-donnerstag.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2012, der Donnerstag"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die Jahre hat es sich so ergeben, dass die Bachmannpreis-Jury in erster Linie dazu da ist, komplexe Bachmannpreiskandidatentexte f\u00fcr mich transparent zu machen, mir im Grunde zu erl\u00e4utern, was ich da gerade geh\u00f6rt habe. Denn sehr oft kapiere ich beim ersten Zuh\u00f6ren sehr wenig. An dieser ihrer Hauptaufgabe ist die Jury heute zu einem entscheidenden Teil gescheitert.<\/p>\n<p>Von vorne. Besser noch: Ganz von vorne, n\u00e4mlich von der Er\u00f6ffnung der 36. Tage der deutschsprachigen Literatur gestern Abend. Es war deutlich voller als in den vergangenen beiden Jahren, nicht nur im und vorm Studio. Ruth Kl\u00fcgers Klagenfurter Rede zur Literatur war klug und interessant &#8211; das gr\u00f6\u00dfte Aufsehen erregte allerdings, dass die greise Wissenschaftlerin ihre Notizen dazu auf einem Kindle in der Hand hatte. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/bachmann_preis\/3850\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier gibt es ihre Rede zum Nachlesen.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120704_ORF_Theater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120704_ORF_Theater.jpg\" alt=\"\" title=\"120704_ORF_Theater\" width=\"489\" height=\"411\" class=\"alignnone size-full wp-image-13326\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Tag war hei\u00df gewesen, und bis ich zu Bett ging, k\u00fchlte die Nacht kaum ab. So erkl\u00e4rt sich der Regieeinfall, die Ansagerin von 3sat heute ihre Einf\u00fchrung zu den Lesungen mit F\u00fc\u00dfen in einem Plantschbecken ansagen zu lassen, inklusive der Behauptung, es habe um 10 Uhr bereits 30 Grad im Schatten &#8211; was eine glatte L\u00fcge war: In den fr\u00fchen Morgenstunden war die Temperatur deutlich gesunken, ich hatte im Bett nach der Decke gegriffen.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Die Startnummer 1 hatte am Vorabend der Bachmannpreiskandidat <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3801\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stefan Moster<\/a> gezogen, vorgeschlagen von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3827\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Burkhard Spinnen<\/a>. Sein Text trug den Titel <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4054\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer Hund von Saloniki\u201c<\/a>. Im seinem Videoportr\u00e4t sah man viel Meerwasser und Schiffe, Moster sprach vom Wasser als Projektionsfl\u00e4che und schaute immer wieder mit weitem Blick auf ein solches, w\u00e4hrend der Off-Sprecher davon sprach, dass Mosters Figuren ihren Platz in der Welt suchen (yadda, yadda).<\/p>\n<p>Der Text selbst war dann eine klassische Kurzgeschichte (endlich mal kein Romanausschnitt), ziemlich geradeaus geschrieben, mit angenehm vielen unerkl\u00e4rten Details (warum tr\u00e4gt die Tochter des Erz\u00e4hlers Kopftuch?) und einer Menge Zeitkolorit aus den 80ern &#8211; meine G\u00fcte, <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/panorama\/svende-merian-es-lebe-das-schwein,1472782,4526008.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Svende Merians <i>Der Tod des M\u00e4rchenprinzen<\/i><\/a> hatte ich ja schon v\u00f6llig vergessen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3845\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hubert Winkels<\/a> sprach dann auch von einer \u201esch\u00f6nen Er\u00f6ffnung\u201c, die \u201eruhig und intensiv\u201c erz\u00e4hlt werde, bewunderte den \u201einneren Bau\u201c, sah in der Geschichte eine \u201eim Erz\u00e4hlerischen gel\u00f6ste Meditation \u00fcber das Erinnern\u201c.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3839\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hildgard E. Keller<\/a> war ebenfalls angetan, verwies auf die Tradition \u201eder Hund in der Literaturgeschichte\u201c, mochte, wie Moster die Zeitebenen verzahnt habe und wie er erz\u00e4hltechnisch die Erinnerungs- und die Jetztebene an den Leser f\u00fchre.<br \/>\nJury-Neuling <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3830\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Corina Caduff<\/a> (die ihre Wortmeldungen immer wieder f\u00fcr Grundsatzaussagen zu Kultur und Literatur zu nutzen versuchte) \u00e4u\u00dferte sich begeistert \u00fcber die Er\u00f6ffnungsszene, fand aber, dass die Geschichte im Fortlauf an Substanz verloren habe.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3842\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniela Strigl<\/a> hatte sich an der Sprache und an sch\u00f6nen S\u00e4tzen gefreut, stolperte dann aber \u00fcber faktische Unwahrscheinlichkeiten wie den Hund, der einen im Schlafsack schlafenden Menschen einfach ins Bein gebissen haben sollte.<\/p>\n<p>Burkhard Sinnen verwies auf die eigentiche Geschichte: Dass jemand ein Erlebnis, das er f\u00fcr pr\u00e4gend und unausl\u00f6schlich gehalten hatte, gleich wieder vergessen habe, dass \u201edie Gleichzeitigkeit der Reflexion der Bedeutung mit dem Erleben\u201c nur ins Vergessen f\u00fchren k\u00f6nne.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3833\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meike Fe\u00dfmann<\/a> und <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/jury\/3836\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Paul Jandl<\/a> waren eher skeptisch: Nach Fe\u00dfmanns Meinung enthielt der Text \u201edes Guten zu viel\u201c, weil er alles erkl\u00e4re. Und Jandl w\u00fcnschte sich, dass ein Hund in einer Geschichte endlich mal \u201eeinfach nur ein Hund\u201c sein d\u00fcrfe statt einer \u201emotivischen Auslegware\u201c. Als er das im Detail ausf\u00fchrte und dann auch noch kritisierte, dass die Reflexionsebene des 18-J\u00e4hrigen fehlte, warf ihm Spinnen das \u00fcbertrieben akribische Verhalten eines \u201estalinistischen Zollbeamten\u201c vor &#8211; gro\u00dfes Gel\u00e4chter (und meine Prognose, dass das in irgendeiner \u00dcberschrift \u00fcber den diesj\u00e4hrigen Bachmannpreis landen wird).<\/p>\n<p>Im Weiteren dreht sich die Diskussion darum, ob dem Text eine Fortsetzung fehlt, ob es eine Entwicklung des Erz\u00e4hlers gibt. Als Caduff kritisierte, dass zu viel frei assoziiert w\u00fcrde, was der Text gar nicht selbst biete, hielt ihr Spinnen einen Kurzvortrag, was die Bachmannpreisjury eigentlich macht: In einer Motivverkn\u00fcpfung von hoher Dichte nach Bedeutungsknoten suchen, die kein Zufall sind (fast w\u00f6rtlich zitiert; Herr Spinnen sollte twittern).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3795\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hugo Ramnek<\/a> war von Keller vorgeschlagen worden und las <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4057\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eKettenkarussel\u201c<\/a>, wieder eine eigenst\u00e4ndige Erz\u00e4hlung (hurra!).<\/p>\n<p>Schon in seinem Videoportr\u00e4t sprach er von der \u201eUnmittelbarkeit\u201c jugendlichen Erlebens, die dann auch die Geschichte ausmachte. Sehr viel weniger geradlinig beschreibt sie einige Tage, in denen Schausteller mit Fahrgesch\u00e4ften und Kuriosit\u00e4tenschauen in einer Provinzstadt gastieren. Ich hatte sofort Ray Bradburys Geschichten von Zirkussen und <i>side shows<\/i> im Kopf, mit einer \u00e4hnlich magischen Mischung aus Realismus und Surrealismus &#8211; die anschlie\u00dfend zu meiner \u00dcberraschung niemand ansprach. Nicht schlau wurde ich allerdings aus der st\u00e4ndig in vielen Synonymen auftauchenden \u201eEchse\u201c.<\/p>\n<p>Doch genau daf\u00fcr habe ich ja die Jury: Die Echse war also ein Phallussymbol und stand f\u00fcr alles Sexuelle &#8211; Hubert Winkels ging klar davon aus, dass sich das von selbst verstand (nein, ich will nicht wissen, was es \u00fcber mich aussagt, dass mir das nicht in den Sinn kam). Auch diese Geschichte nannte Winkels intensiv erz\u00e4hlt, aber mit direkterer Sprache als die vorherige Geschichte. Er entdeckte allerdings in der bildereichen und blumigen Sprache die Tendenz zum Kitsch, sie sei \u201ezu drastisch, zu massiv\u201c.<br \/>\nAuch f\u00fcr Strigl war die Echserei zu dick aufgetragen, sie sah darin eine \u201eBelastung des Textes\u201c. Sie fand aber gut, wie \u201edie Bewegung des Jahrmarkts in Bilder umgesetzt\u201c wurde, fand den \u201eMotivrausch\u201c sch\u00f6n gestaltet. Fe\u00dfmann wies sp\u00e4ter auf das Paradoxon hin, dass Symbole eigentlich eine Distanz zum symbolisierten Gegenstand schaffen &#8211; im Fall der Echse das Symbol aber alles sexualisiert.<\/p>\n<p>Caduff hatte eine Geschichte \u00fcber Heimat und Fremde geh\u00f6rt. Da diese \u201eDiskursfelder\u201c \u00fcberall pr\u00e4sent sei, frage sie sich, was die Literatur dazu \u00fcberhaupt noch beitragen k\u00f6nne. Sie habe sich zudem gefragt, was das Anliegen des Textes sei &#8211; aus ihrer Sicht immer ein schlechtes Zeichen.<br \/>\nJandl hatte ein Problem mit dem \u201eliterarischen Rummel\u201c an W\u00f6rtern, Bildern, Stilisierung, Tempowechseln. Spinnen \u00e4u\u00dfert daraufhin den Verdacht, dass die Literaturkritik Vorbehalte gegen sprachliche Sch\u00f6nheit habe, Texte als Bedrohung empfinde, die \u201edaherkommen wie eine Marching Brass Band\u201c. Dabei passten das Barocke und die Lautst\u00e4rke dieser Sprache doch sehr gut zu einer Geschichte, die einen Jahrmarkt um 1970 nachzuzeichnen versuche. Er habe sich geschworen, sagt er sp\u00e4ter, \u00e4sthetisch-poetische Anstrengung immer zu verteidigen.<\/p>\n<p>Aus Kellers Sicht wird die Geschichte \u201evon einem gro\u00dfen Atem\u201c getragen. In einer Nebenbemerkung berichtete sie, dass dieses Jahr sehr viele Texte um das Thema Kindheit und Jugend f\u00fcr den Wettbewerb angeboten worden seien. Sie wolte die Sprache des Textes nicht barock nennen wie Spinnen, sondern expressionistisch. Keller arbeitete auch einige der Elemente heraus, die der Geschichte etwas M\u00e4rchenhaftes geben. (An dieser Stelle h\u00e4tte nun wirklich Ray Bradbury genannt werden m\u00fcssen.)<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann schickte <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3792\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mirjam Richner<\/a> ins Rennen. Richners Geschichte (wieder NICHT Teil eines Romans) hie\u00df <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBettl\u00e4gerige Geheimnisse\u201c.<\/a> Vorgeblich erz\u00e4hlt sie von zwei Lehrerinnen, die auf einem Skilager in einer H\u00fctte von einer Lawine versch\u00fcttet werden, aus der Perspektive einer der beiden als Ich-Erz\u00e4hlerin. Eine Mischung verschiedener Sprach- und Themenebenen, der Inhalt irrlichtert zwischen realistischem und unrealistischem Erz\u00e4hlen, formal allein schon dadurch, dass immer wieder kurze Gedichte eingeschoben sind.<\/p>\n<p>Strigl lobte zwar, dass der Text durch eine Aufz\u00e4hlung seine literarischen Referenzen ganz offen auff\u00fchrt, sprach von den Motiven Vakuum und Luft, kam dann aber nicht \u00fcber ihr \u201eGlaubw\u00fcrdigkeitsproblem\u201c hinweg: Der Tod der einen, die Selbstverletzung der anderen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Winkels von der Selbstreflexion im Text als einer \u201eMetaphorisierungsmaschine\u201c mit entsprechender Beliebigkeit sprach, sah Jandl einen \u201eText des Wahns\u201c. In seinen Augen lag die Beliebigkeit des Textes in der Pr\u00e4misse des Surrealen, das alles m\u00f6glich macht. Caduff bestritt den Wahn, daf\u00fcr gehe es um zu existenzielle Themen und der Tonfall sei zu salopp: \u201eHanny-und-Nanny-Style wird angewendet auf existenzielle Themen.\u201c Direkt an die Autorin appellierte sie, die Gedichte wegzulassen und deren Inhalt in die Prosa einzuarbeiten. (Nu &#8211; diesen Appell bin ich ja versucht an jeden Lyriker zu richten, aber das ist mein Problem.)<\/p>\n<p>F\u00fcr Keller stimmte schon mal etwas nicht mit dem Text, wenn sich die Leser nicht mal auf den Wahn als Grundlage einigen k\u00f6nnen. Sie verwies darauf, dass viele der angesprochenen Themen eine lange literarische Tradition haben (Wie steht ein Schriftsteller zu seinen Figuren? Zwei Figuren, die am Berg aneinander geraten) &#8211; die gar nicht aufscheine.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann war \u00fcberrascht, dass \u00fcberhaupt jemand den Text als realistisch gelesen habe: \u201eNichts ist offensichtlicher, als dass das ein surrealer Text ist.\u201c Und genau deshalb k\u00f6nne sich der Text auch alles erlauben, was eben an ihm kritisiert worden sei. Nun nannte Strigl endlich die Geschichte, die ein \u00e4hnliches Thema, n\u00e4mlich existenzielle Verlorenheit im Schnee, bereits hervorragend pr\u00e4sentiert habe: <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/117531\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kathrin Passigs \u201eSie befinden sich hier\u201c<\/a>. Jandl protestierte gegen Surreales als Freibrief, Spinnen sah das Wahnhafte gar nicht durchgehend: Ihm habe das Girlyhafte gefallen, er komme allerdings nicht mit den Annahme zurecht, dass jemand in einer Katastrophensituation philosophische Fragen er\u00f6rtere.<\/p>\n<p> \u00a7<\/p>\n<p>Ebenfalls von Fe\u00dfmann vorgeschlagen war <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3786\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andreas Stichmann<\/a>. Er las den Romanauszug (nun dann doch): <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4058\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer Einsteiger\u201c<\/a> &#8211; nach einem selbst gebastelten und wackeligen Videoportr\u00e4t, in dem s\u00fc\u00dfe kleine Kinder und La Paloma auf dem Akkordeon vorkamen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst glaubte ich ein post-apokalyptisches Szenario zu h\u00f6ren, dann konnte das Ganze aber doch im Hier und Jetzt spielen. Mir gefiel, wie unsicher die Erz\u00e4hlebenen als Vorstellung und tats\u00e4chliche Ereignisse markiert wurden, f\u00fchlte mich sehr mitgenommen in das Innere eines psychisch Kranken.<\/p>\n<p>Genau diese Unklarheit der Erz\u00e4hlebene lobte auch Winkels. Er hatte auch herausgefunden, wie Stichmann das schafft: mit Grammatik. Zumal er gleichzeitig an der Oberfl\u00e4che Spannung und Thrill liefere.<br \/>\nSelbst Jandl mochte den Text (\u201estimmig und stichhaltig erz\u00e4hlt\u201c). Er freute sich an Passagen wie \u201ealles ist gut, niemand ist tot oder pervers\u201c.<\/p>\n<p>Keller wiederum war nicht so recht warm geworden damit. Die Hauptperson, aus deren Sicht erz\u00e4hlt wurde, gewinne nicht wirklich Profil, \u201eder Handlungsimpuls verfl\u00fcssigt sich fortw\u00e4hrend\u201c.<\/p>\n<p>Caduff wiederum gefielen die Unsicherheiten, doch insgesamt war ihr die Erz\u00e4hlung zu schlicht. Strigl schlug die Br\u00fccke zu filmischen Mitteln, die Unsicherheit der Ebenen herzustellen, zwischen Realit\u00e4t und Tagtraum zu wechseln.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann sprach von einer \u201eEinfachheit, die t\u00e4uscht\u201c: F\u00fcr sie ging es um die Verlockung des Famili\u00e4ren, die Sehnsucht nach Normalit\u00e4t &#8211; die wir uns nur noch als sch\u00f6nen Schein vorstellen k\u00f6nnten. Winkels wandte ein, dass es heile Familien doch wirklich nur noch als \u201ePhantasie eines depravierten Au\u00dfenseiters\u201c gebe. Dann verlor sich die Diskussion irritierenderweise in dem Detail, ob die Beschreibung der Wohnung auf Harmonie, Spie\u00dfigkeit, Abgr\u00fcnde oder einen \u201ebelebten Innenraum durch t\u00e4gliche Praxis\u201c (Fe\u00dfmann) hinweise.<\/p>\n<p>Spinnen meldete sich mit der Interpretation, es handle sich um einen \u201eklassischen vampirischen Text\u201c, derer er schon viele gelesen habe &#8211; eine zeitgen\u00f6ssische Besonderheit k\u00f6nne er an dem vorliegenden nicht entdecken.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3815\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sabine Hassinger<\/a> wurde von Strigl vorgeschlagen. Ihr Videoportr\u00e4t (selbst gemacht) zeigte Bilder zu einem Off-Text, der in seiner poetischen und poetologischen Dichte bereits auf das Kommende vorbereitete: <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4048\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDie Taten und Laute des Tages (Auszug aus einem l\u00e4ngeren Text)\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Und hier kapierte ich original nichts: Eine hochkomplexe Struktur, m\u00e4andernde Sprache, Abs\u00e4tze mitten im Satz, kursiv gesetzte Personalpronomen. Es wurde mir nicht mal klar, wie viele Personen \u00fcberhaupt vorkamen, geschweige denn, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Ein idealtypischer Klagenfurttext, dachte ich. Und wartete darauf, dass die Jury mir erkl\u00e4ren w\u00fcrde, was ich da gerade geh\u00f6rt hatte &#8211; war ja letztes Jahr nach meinem kompletten Nichtbegreifen von Steffen Popps <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/3340\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eSpur einer Dorfgeschichte\u201c<\/a> auch so gewesen.<\/p>\n<p>Aber: nix. Erst mal wollte kein Jurymitglied \u00fcberhaupt etwas sagen. Dann gestand Winkels, er sei genervt gewesen, weil er nicht herausbekommen habe, wer \u00fcberhaupt wer gewesen sei. Er habe schon mitbekommen, dass es sich um ein dichtes innerfamili\u00e4res Geflecht gehandelt habe, aber das R\u00e4tseln sei ihm zu anstrengend gewesen.<\/p>\n<p>Keller verwies auf Hassingers Beruf der Musiktherapetin und erkl\u00e4rte den Text zu einer \u201eSprechpartitur\u201c, die als geschriebener Text sehr schwierig f\u00fcr sie gewesen sei.<\/p>\n<p>Nun schaltete sich Vorschl\u00e4gerin Strigl ein und warnte die Literaturkritik vor der Haltung \u201eIch habe was gegen komplizierte Texte\u201c. Sie verwies auf die Sch\u00f6nheit und Genauigkeit des Texts, erkannte eine Helferin und Therapeutin, die selbst Hilfe brauche. Auch sie sprach von Partitur, allerdings \u201eauch f\u00fcrs stille Lesen\u201c. \u201eDie Verwunschene\u201c im Text war f\u00fcr sie eine Verr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann hielt den Text f\u00fcr eher simpel, der \u201ezerrupfte Ton\u201c sei die Stimme einer schimpfenden Mutter, mit der sich die Tochter st\u00e4ndig besch\u00e4ftigen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Caduff begr\u00fc\u00dfte es, dass solch ein Text in dem Wettbewerb auftaucht, \u201ekein Text zum Lesen, sondern ein Text zum Durcharbeiten\u201c &#8211; doch ihr fehle die Lust zu solch einem Durcharbeiten. Sie fragte, ob solch ein Text beim heutigen \u201eZeitmanagement\u201c \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4\u00df sei &#8211; heute sei niemand mehr bereit, sich so sehr mit einem Text zu besch\u00e4ftigen. Zu meinem Erstaunen brach keine Entr\u00fcstung aus \u00fcber das Ansinnen, literarischen Texte m\u00fcssten schnell zu rezipieren sein &#8211; mit Verlaub: Die Frau ist Literaturprofessorin. Doch es merkte lediglich Jandl an, er f\u00e4nde es \u201eschwierig\u201c, wenn man sich im Rahmen von Klagenfurt mit Zeitmanagement befassen m\u00fcsse. Er fand den Text sch\u00f6n und poetisch, erkl\u00e4rte zudem, man m\u00fcsse darin nicht alles verstehen. Die Sprache sei \u00e4sthetisch, der Text wie ein Rohrschachtest.<br \/>\nSpinnen pl\u00e4dierte durchaus daf\u00fcr, den Text nicht \u201eim Hinblick auf seine Konsumierbarkeit\u201c zu betrachten, doch es sei ihm unm\u00f6glich, sich in irgendeiner Weise dazu zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Die Sendezeit war vorbei, ohne \u00dcbertragung im Fernsehen diskutierte die Jury weiter \u00fcber experimentelle Texte und Avantgarde. Fe\u00dfmann meinte zwar, es d\u00fcrfe kein Kriterium sein, ob man heute die Zeit f\u00fcr solche Texte habe. Doch im Gegensatz zu fr\u00fcheren Zeiten m\u00fcsse sich die Anstrengung heute rechtfertigen. Und Hassingers Text sei exprimentelle Schaumschl\u00e4gerei, die das eben nicht tue. Strigl blieb dabei: Der Text sei ein Genuss; als sie ihn vor sich gehabt habe, habe sie wieder gewusst, warum sie Literaturwissenschaft betreibe. Jandl mochte \u201edas Experimentelle in der Literatur unter Artenschutz stellen\u201c, Spinnen warnte vor der \u201eGem\u00fctlichkeit des Experiments\u201c &#8211; heute m\u00fcsse es sich seine Legitimation erarbeiten.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg holte ich mir ein sp\u00e4tes Mittagessen. Der Himmel hatte sich \u00fcberzogen, sp\u00e4ter regnete es kr\u00e4ftig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120705_Eis-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120705_Eis-1.jpg\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"433\" class=\"alignnone size-full wp-image-78006\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Jahre hat es sich so ergeben, dass die Bachmannpreis-Jury in erster Linie dazu da ist, komplexe Bachmannpreiskandidatentexte f\u00fcr mich transparent zu machen, mir im Grunde zu erl\u00e4utern, was ich da gerade geh\u00f6rt habe. Denn sehr oft kapiere ich beim ersten Zuh\u00f6ren sehr wenig. 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