{"id":13332,"date":"2012-07-06T19:14:57","date_gmt":"2012-07-06T17:14:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13332"},"modified":"2022-07-08T15:32:38","modified_gmt":"2022-07-08T13:32:38","slug":"bachmannpreis-2012-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/07\/bachmannpreis-2012-der-freitag.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2012, der Freitag"},"content":{"rendered":"<p>1. Kindheit, Erinnerung an Kindheit, Verlassen der Kindheit &#8211; tats\u00e4chlich sind das die derzeit dominierenden Themen des Bachmannpreises 2012.<\/p>\n<p>2. Die Veranstaltung Tage der deutschsprachigen Literatur scheint f\u00fcr manche Rentnerinnen die Alternative zur Kaffeefahrt zu sein. Nachdem gestern meine wei\u00dfhaarige Nachbarin im ORF-Studio einen Apfel brotzeitete, w\u00e4hrend Sabine Hassinger las, packte heute eine alte Dame links neben mir gem\u00fctlich ein St\u00fcck Aprikosenblechkuchen aus der Klarsichtfolie, um ihn zum Text von Cornelia Travnicek zu verspeisen. Dann las sie Zeitung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120705_Maria_Loretto-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120705_Maria_Loretto-1.jpg\" alt=\"\" width=\"421\" height=\"562\" class=\"alignnone size-full wp-image-78008\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am Vorabend wieder Idylle vorm Schloss Maria Loretto beim B\u00fcrgermeisterempfang. N\u00e4heres <a href=\"http:\/\/blog.uwe-wittstock.de\/?p=470\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">im Blog von Uwe Wittstock<\/a>.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Wenn man nach der L\u00e4nge und Intensit\u00e4t des abschlie\u00dfenden Applauses geht, gibt es zumindest schon eine Publikumssiegerin: <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3809\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inger-Maria Mahlke<\/a>, vorgeschlagen von Burkhard Spinnen, die den heutigen Lesetag er\u00f6ffnete. Ihr selbst erstellter Vorstellungsfilm kam ganz ohne Worte aus und zeigte die Erstellung eines Kunstwerks &#8211; ebenso unbetitelt wie <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4052\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ihre Erz\u00e4hlung<\/a> (sp\u00e4ter wies Spinnen darauf hin, dass es sich um einen Auszug aus einem l\u00e4ngeren Text handle). Mir gefiel ganz ausgezeichnet, wie durch reines <i>showing<\/i> charakterisiert wird, ein Leben gezeichnet, eine Welt. Wie sich Bild an Bild zu einer Handlung formt, reine \u00c4u\u00dferlichkeit geschildert wird und so Abgr\u00fcnde \u00f6ffnet. Und wie die Sprache durch eine Du-Erz\u00e4hlerin vorangetrieben wird (ist mir zum ersten Mal und dort meisterlich in Iain Banks&#8217; <i>Complicity<\/i> begegnet).<\/p>\n<p>Die Jury \u00e4u\u00dferte sich fast durchgehend positiv. (Wie in den Vorjahren stach auch heute Meike Fe\u00dfmann mit Interpretationen und Sichten heraus, die ich nicht ann\u00e4hernd nachvollziehen konnte.) Hildegard E. Keller fasste die Geschichte als Schilderung der Karriere einer Frau zusammen (no na), das Verbleiben an der Oberfl\u00e4che sto\u00dfe an zum n\u00e4heren Hinsehen. F\u00fcr Keller war die Du-Perspektive Selbstansprache.<\/p>\n<p>Hubert Winkels meinte zwar, ihm sei es zu viel Geschichte in der Geschichte, doch habe ihm sehr gut die verwobene Struktur der drei Welten gefallen: Lukas-Welt, B\u00e4ckerei-Welt, Domina-Welt. Er sah Filmtechniken: Halbtotale und Nahaufnahme, nie aber Totale &#8211; erreicht durch die Du-Erz\u00e4hlung. Der Text enthalte sich jeder Moral, \u00fcberlasse diesen Part dem Leser.<\/p>\n<p>Einen \u201eganz tollen Text \u00fcber Auswegslosigkeit\u201c nannte Corina Caduff die Geschichte, \u201ees geht nie ein Fenster auf\u201c. Sie lobte die reine Oberfl\u00e4chenbeschreibung, durch die freudlose Existenz, Kargheit, Strenge, Unerbittlichkeit entstehe.<\/p>\n<p>Und dann eben die Sicht von Meike Fe\u00dfmann: Sie sah das Du als eine \u201esozialtherapeutische Ansprache\u201c, als den kontrollierenden Blick von au\u00dfen. Sie fand den Text in seiner Distanziertheit \u201e\u00f6de\u201c. Sie warf ihm vor, er sei gut gemeint, aber \u201eerniedrigt die Figur, indem er ihr keinen Ausweg l\u00e4sst\u201c, keine M\u00f6glichkeit, aus der ihr zugeschriebenen Rolle herauszukommen. Auf diese dreifach gedrehte Sicht von Plottechnik muss man erst mal kommen (finde ich &#8211; wohl nicht als einzige, das Publikum im ORF-Theater murmelte unmutig).<\/p>\n<p>F\u00fcr Burkhard Spinnen war das Du wieder klare Selbstansprache, die Figur sage sich selbst etwas vor. F\u00fcr ihn kann der ganze Text nur so funktionieren. Aus seiner Sicht spiegelt sich in ihm die \u201eZeit, die vom \u00d6konomischen bedr\u00e4ngt und bedroht wird\u201c.<\/p>\n<p>Dieses \u00d6konomische sah Daniela Strigl nicht im Vordergrund, eher den Aspekt der Kontrolle, der Gef\u00fchle, die die Hauptfigur \u00fcberraschen. Es gehe dieser darum, das Gesicht zu wahren, wo sie doch \u00fcberall aus dem Rahmen falle. Das sei nur durch die Du-Perspektive erreichbar.<\/p>\n<p>Paul Jandl sah darin auch Selbstansprache, \u201enicht das IKEA-Du, sondern das Arbeiter-Du\u201c. Er lobte, wie einf\u00fchlend sich die Geschichte auf die Person zubewege. Spinnen brachte noch die Entfremdung des Arbeiters mit ins Spiel, die Total\u00f6konomisierung des Bewusstseins, Keller sah in diesem Du eher die Abwesenheit eines Innenlebens.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann wollte nun doch, dass die Klischees, die sie im Text entdeckt hatte, st\u00f6ren sollten, fand einige Aspekte unrealistisch (z.B. Verstecken der Tasche vor dem Sohn). Doch Strigl verwies wieder auf den Kern Verst\u00f6rung und Ratlosigkeit.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Ich bin ja dann doch einfach gestrickt: Als ich <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3782\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cornelia Travniceks<\/a> Nachnamen zum ersten Mal las, hatte ich ihn sofort von Qualtinger ausgesprochen im Ohr. Sie war von Hubert Winkels vorgeschlagen worden. Das Portr\u00e4tfilmchen f\u00fchrte sie als frisch gebackene Wirtin eines Bubbletea-Ladens ein &#8211; ich bin immer noch nicht sicher, ob das nun ein Scherz war oder nicht. Sie las den <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4059\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Romanauszug \u201eJunge Hunde\u201c<\/a> vor &#8211; Haustieren begegneten wir auch heute reichlich.<\/p>\n<p>Bei meinem ersten Zuh\u00f6ren kam mir der Text wie eine recht harmlose Erz\u00e4hlung von Jugenderinnerungen vor, in der zwei Zeitebenen miteinander verwoben waren. Die Jury, die sich l\u00e4nger mit der Geschichte hatte befassen k\u00f6nnen, machte mir den Reichtum dahinter klar.<\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann freute sich erst mal, dass Tiere in dieser Geschichte endlich einfach Tiere sein d\u00fcrften. Sie sah einen \u201ewarmen Pragmatismus\u201c, nannte die Geschichte \u201eunglaublich gebaut\u201c. Der Anlass der Geschichte sei ja, dass der Vater ins Altersheim gebracht werde, in einem Auto, das sich nach und nach in ein Totenschiff verwandle. Da hatte sie mich dann wieder verloren, da ich selbst nach dem ersten H\u00f6ren ziemlich sicher war, dass das Auto der Jugenderinnerung nicht identisch war mit dem Gegenwartsauto.<\/p>\n<p>Daniela Strigl hatte viel Sympathie f\u00fcr die Geschichte &#8211; allein schon weil sie selbst mal einen Hund namens Mogli gehabt habe. Sie sei scheinbar naiv erz\u00e4hlt und \u00fcberrasche dann immer aufs Neue mit Einf\u00e4llen. Theoretisch w\u00fcrde man jedem Autor von dieser Schlichtheit abraten, doch in Travniceks Fall sei die Balance gegl\u00fcckt. Doch Jandl widersprach: Er habe die tiefen Geheimnisse des Textes nicht finden k\u00f6nnen. Ihm fehle eine zus\u00e4tzliche Reflexionsebene zur Sicht der 14- bis 18j\u00e4hrigen.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann griff die Stoffkuh als Symbol auf. Doch wenn ich das richtig verstanden habe, hielt nicht nur sie in der Jury diese Kuh f\u00fcr identisch mit Spongebob. Auch in der Hochkultur sollte man eigentlich ein bisschen Popkulturbildung haben (ich erinnere mich an einen Amerikanistik-Professor, dem wir Studentinnen erkl\u00e4ren mussten, dass das \u201eBS\u201c in einem zeitgen\u00f6ssischen amerikanischen Gedicht, an dem er heruminterpretierte als sei es eine olympische Disziplin, sehr wahrscheinlich einfach die gebr\u00e4uchliche Abk\u00fcrzung von bullshit war).<\/p>\n<p>Auch Hubert Winkels war sehr angetan von den immer neuen Wendungen des Texts. Corina Caduff hingegen hatte mal wieder \u201eein Problem mit der Sprache\u201c: Es fehle ihr \u201edie Eigenst\u00e4ndigkeit im literarischen Ton\u201c, sie empfahl eine \u00dcberarbeitung. Winkels lie\u00df sich davon nicht bremsen und wies darauf hin, wie durch die Dschungelbuchanspielungen eine weitere Erz\u00e4hlebene mit Adoption und Suche nach Wurzeln er\u00f6ffnet werde. Der Abschied vom Elternhaus sei \u201eder Raum, in dem dieser Text steht\u201c (wir haben also auch 2012 noch Erz\u00e4hlr\u00e4ume).<\/p>\n<p>Ein Lanze f\u00fcr Sprache als schlichtes Mittel zum Erz\u00e4hlen brach Meike Fe\u00dfmann, sie m\u00fcsse doch nicht immer auff\u00e4llig sein. In diesem Fall sei sie schlicht und lasse sich dennoch mythologisch ikonografisch lesen. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch, als Spinnen kritisch anmerkte, der Text habe ihn nicht beunruhigt, Winkels fragte, ob das Verst\u00f6ren und Beunruhigen denn die Aufgabe der literarischen Produktion sei, Spinnen das bejahte und Strigl f\u00fcr Gleichzeitigkeit verschiedener Aufgaben pl\u00e4dierte.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Beim n\u00e4chsten Text b\u00fc\u00dfte ich erstmals massiv f\u00fcr mein Prinzip, mir alle Bachmannpreisgeschichten nur vorlesen zu lassen. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3806\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Olga Martynowa<\/a>, vorgeschlagen von Paul Jandl, las mit einem solch heftigen russischen Akzent (\u201ezerljegte dass Bihld\u201c, \u201eCharrstr\u00e4hne\u201c), dass ich viele W\u00f6rter nicht verstand, und sie tat sich mit dem Vorlesen so schwer, dass ich irgendwann doch in den Text auf dem Scho\u00df des Nachbarn schielte, ob die Sprecher in ihrer Geschichte wirklich meist mehrfach ansetzten (nein, das war nur die Vorleserin).<br \/>\nKeine Schriftstellerin muss gut vorlesen k\u00f6nnen; sie muss gut schreiben k\u00f6nnen. Doch in dieser ganz besonderen Rezeptionssituation ergab sich f\u00fcr mich ein komischer Kontrast zwischen der Karikatur eines Russenakzents und der Geschichte \u00fcber einen deutschen Buben in einer Kleinstadt: <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4053\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eIch werde sagen: \u201aHi!\u2018\u201c<\/a> Die mir trotz des Abgelenktseins gut gefiel und mit ihrer Vielfalt an Erz\u00e4hlebenen und Elementen zu einer anregenden Gesamthandlung, einem Gesamtbild wurde.<\/p>\n<p>Carduff begeisterte sich erst mal dar\u00fcber, dass eine Nicht-native-Speaker hier sei; das d\u00fcrfe es ruhig \u00f6fter geben. Winkler sprach von einer weiteren Form der Leichtigkeit, die durch die verschiedenen historischen Zeiten m\u00e4andere. Dazu k\u00e4men eine erotisch aufgeladene Atmosph\u00e4re, Reflexion des Schreibens, Schreibger\u00e4te vom Moleskine bis zum ipad.<\/p>\n<p>Die Hauptperson Moritz d\u00fcrfe halt in ihrer Jugend alle m\u00f6glichen Schreibformen ausprobieren, meinte Strigl anerkennend &#8211; und wenn das die Form von 16 Mal \u201esagte\u201c auf einer Seite annehme. Meike Fe\u00dfmann nannte ihn einen \u201esouver\u00e4n und duftig erz\u00e4hlten Text\u201c, der wie ein Spion die Geschehnisse beobachte und dadurch viel Realit\u00e4t hineinbringe. Paul Jandl entdeckte \u201edie Geburt eines Dichters im Geist der Erotik\u201c, die Lust am Schreiben in verschiedenen Varianten. Carduff  mochte vor allem die Sprache, sie \u201ebefreit das Literarische vom Pathos\u201c, was Caduff mit der Fremdsprachigkeit der Autorin erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Strigl wollte die ausl\u00e4ndischen Wurzeln der Autorin nicht so wichtig nehmen in der Sprache, f\u00fchlte sich beim Selberlesen der Geschichte aber an slawische Erz\u00e4hltraditionen erinnert, vor allem im Humor.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4051\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eWillste abhauen\u201c<\/a> von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3812\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lisa Kr\u00e4nzler<\/a> (vorgeschlagen von Winkels) war eine weitere Kindheitsgeschichte &#8211; diese verst\u00f6rte mich. Die Geschichte scheint harmlos in eine Kindergartenkindheit einzutauchen, doch diese Harmlosgkeit zerbricht in immer dichterer erotischer Atmosph\u00e4re, die sich nicht mit Kindergartenniedlichkeit vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Spinnen ordnete die Geschichte in das Sujet Kindheit als Heimat ein, in die wir nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Ein Schriftsteller stehe dabei vor dem Problem, dass man das kindliche Bewusstsein nunmal nicht mehr habe; jeder Versuch der R\u00fcckkehr f\u00fchre ins Befremden. Kr\u00e4nzlers Text sei ein \u201ehoch instrumentalisierter Versuch\u201c, erwachende Sexualit\u00e4t zu zeigen, die Zuneigung zum Andersartigen. Das tue sie mit \u201egro\u00dfer Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c. Dem zollte Spinnen Respekt, doch er habe diese Darstellung wie durch eine Panzerglasscheibe empfunden.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann sprach von einer \u201eB\u00f6se-M\u00e4dchen-Geschichte\u201c, in der verschiedene Arten von Missbrauch auftauchen. Sie wurde aber von der unkindlichen Darstellung an Doku-Soaps im Privatfernsehen erinnert. Kr\u00e4nzler zeige einen Spiegel der Gesellschaft, das aber \u201eirrwitzig kokett\u201c.<\/p>\n<p>Lob f\u00fcr die Sprache des Texts gab es von Caduff, sie nannte sie \u201eabsolut durchgearbeitet\u201c. F\u00fcr sie stand das Thema Konstruktion und Entwicklung von K\u00f6rperlichkeit im Zentrum &#8211; ein zwar diskursiv schon sehr besetztes Thema, durch Kr\u00e4nzlers Sprache aber erneuert.<\/p>\n<p>Das kindliche Bewusststein in der Geschichte sah Keller \u201epackend und abgr\u00fcndig\u201c dargestellt. Obwohl die Erz\u00e4hlerin die Handlung bestimme, die Spiele in der Hand habe und kippen lassen k\u00f6nne, scheine ihr die eigene Kindheit dann doch nicht zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Daniela Strigl \u00e4u\u00dferte sich von einigen Schilderungen im Text sehr angetan, zum Beispiel von der Darstellung erotischer Verz\u00fcckung, entdeckte daneben aber einige \u201esehr erwartbare\u201c Formulierungen. Dass offen gelassen werde, wie die Figuren hei\u00dfen und wo sie wohnen, mache die Geschichte exemplarisch.<\/p>\n<p>Von seiner ersten Begegnung mit dem Text berichtete Hubert Winkels: Ihn habe der Text beim ersten Lesen \u00fcberraschend \u201eangefasst\u201c, die von Spinnen angef\u00fchrte Trennwand zum Leseerlebnis k\u00f6nne er nicht nachvollziehen. \u201eMit gro\u00dfer Eleganz und Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c habe Kr\u00e4nzler die Zwitterhaftigkeit des Sprechens \u00fcber Kindheit gemeistert, Winkels sprach von einer \u201eEindinglichkeit, die mich in den Stuhl wirft\u201c.<\/p>\n<p>Paul Jandl wiederum war vor allem begeistert von der Sprache, vom \u201ehohen \u00e4sthetischen Reflexionsniveau\u201c des \u201esehr intensiv durchgearbeiteten\u201c Textes. Er erz\u00e4hle keine gro\u00dfe Geschichte, erz\u00e4hle aber gro\u00dfartig vom Changieren zwischen Z\u00e4rtlichkeit und Gewalt.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3818\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Simon Froehling<\/a>, vorgeschlagen von Caduff, beschloss den Lesetag mit einer Erwachsenengeschichte ohne Tiere &#8211; ein echter Ausrei\u00dfer der diesj\u00e4hrigen Bachmannernte. Der Romanauszug hie\u00df <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4047\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eIch werde dich finden\u201c<\/a>. Froehling unterschied sich bislang in Echt am meisten von seinem Autorenfoto, aber das mochte vor allem an der anderen Brille liegen.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung beginnt mit der Vorstellung des Erz\u00e4hlers aus dem Jenseits &#8211; waghalsig. Dann war sie so z\u00e4h, dass meine Konzentration abschweifte. Sie schaltete rechtzeitig zur\u00fcck, dass ich mehrere Ebenen einer Kranken- oder Krankenhauserz\u00e4hlung erkannte, es geht um eine Nierentransplantation. Das allerdings f\u00fcr mich als Erstrezipientin wieder reichlich oberfl\u00e4chlich und geradeaus. Gerade nach dem hohen Niveau des bisherigen Lesetages sah ich hier ein Absinken.<\/p>\n<p>Keller versuchte sich an einer interpretierenden Zusammenfassung der Geschichte und erkl\u00e4rte die Erz\u00e4hlerin aus dem Jenseits zur Regisseurin der Handlung. Sie sei gefesselt gewesen und h\u00e4tte gerne mehr gewusst. Strigl widersprach umgehend: Sie h\u00e4tte lieber weniger gewusst, der Erz\u00e4hler halte sich nicht an die selbst explizit auferlegte Struktur vom Anfang. Die transplantationsphilosophischen Fragen, die aufgeworfen w\u00fcrden (Was macht unser Ich aus?), w\u00fcrden nicht beantwortet: Eine \u201esehr biedere, hausbackene und vorhersehbare Philosophie\u201c. Sie nannte als bessere literarische Bearbeitung des Themas Sabine Grubers <i>\u00dcber Nacht<\/i>.<\/p>\n<p>Winkels sah Max als Erz\u00e4hler, schlie\u00dflich setze sich der am Ende hin und beginne zu schreiben. Es werde eine hochkomplexe Erz\u00e4hlsituation aufgesetzt &#8211; und dann nichts damit gemacht. Jandl machte eine \u201eSeelenwanderung qua Niere\u201c aus, sah aber in dem Text keine Seele. F\u00fcr Spinnen schaffte es die Geschichte aber, aus einer sachlichen Schilderung die metaphysische Herausforderung herauszuarbeiten.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann kritisierte, dass erst Spannung durch einen Erz\u00e4hler aus dem Totenreich aufgebaut werde, dieser sich dann aber doch nur als \u201eTeaser\u201c erweise, aus dem ein auktorialer Erz\u00e4hler wird. Ihr fiel als besseres literarisches Beispiel zum Thema <i>Leben spenden<\/i> von Slavenka Drakulic ein. Winkels legte nach mit David Wagner <i>F\u00fcr neue Leben<\/i>.<\/p>\n<p>Verschiedene Referenzrahmen hatte Caduff ausgemacht und fragte wie schon gestern, ob es f\u00fcr ein so viel bearbeitetes Thema Literatur brauche, die dar\u00fcber schreibt. Sie sprach von der \u201efantasmatischen Beziehung\u201c zwischen Organspender und -empf\u00e4nger &#8211; was ich erst mal googlen musste: \u201evon eigenen Vorstellungen gepr\u00e4gt\u201c &#8211; ja? Sie lobte, dass auf die Sprachwelt der Technik und Medizin zugegriffen werde, doch ihr war alles zu konstruiert. Die Jury schien sich einig, dass der Text viel anlege und verspreche, dann aber nichts damit mache.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120706_ORF_Theater.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/120706_ORF_Theater.jpg\" alt=\"\" title=\"120706_ORF_Theater\" width=\"518\" height=\"389\" class=\"alignnone size-full wp-image-13334\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wieder ein Lesetag, der mit einem Sommermorgen begann, nachmittags kurz st\u00fcrmte und regnete, den Abend ruhig ausklingen zu lassen scheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Kindheit, Erinnerung an Kindheit, Verlassen der Kindheit &#8211; tats\u00e4chlich sind das die derzeit dominierenden Themen des Bachmannpreises 2012. 2. Die Veranstaltung Tage der deutschsprachigen Literatur scheint f\u00fcr manche Rentnerinnen die Alternative zur Kaffeefahrt zu sein. 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