{"id":13336,"date":"2012-07-07T19:34:37","date_gmt":"2012-07-07T17:34:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=13336"},"modified":"2012-07-08T09:56:31","modified_gmt":"2012-07-08T07:56:31","slug":"bachmannpreis-2012-der-samstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/07\/bachmannpreis-2012-der-samstag.htm","title":{"rendered":"Bachmannpreis 2012 &#8211; der Samstag"},"content":{"rendered":"<p>Kindheitserinnerungen mit Tieren &#8211; das Themenspektrum der diesj\u00e4hrigen Bachmannpreistexte kippte 2012 schon fast lachhaft stark in diese Richtung.<\/p>\n<p>Ein kindliches Ich erz\u00e4hlte auch in <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3800\" target=\"_blank\">Matthias Nawrats<\/a> (eigenst\u00e4ndiger!) Geschichte <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4055\" target=\"_blank\">\u201eUnternehmer\u201c<\/a>. Nawrats Lesung, vorgeschlagen von Hildegard E. Keller, er\u00f6ffnete den dritten und letzten Tag der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.<\/p>\n<p>Diesmal war die Handlung im s\u00fcdlichen Schwarzwald angesiedelt. Ein junges M\u00e4dchen an der Schwelle von Kindheit zu Jugend beschreibt ihr Familienleben, in dem der Vater alte Elektro- und Elektronikger\u00e4te auf Rohstoffe auschlachtet, dabei seine beiden Kinder als Helfer einsetzt. Die alternative Lebensweise der Familie erinnert an gesellschaftliche Aussteiger, \u00fcbrig geblieben aus der Anti-Atomkraft-Bewegung der 80er, die als Selbstversorger den Kapitalismus hinter sich lassen wollen. Das Ziel, das der Vater als Traum vorgibt, ist die Auswanderung nach Neuseeland. Das Unternehmertum, das bereits der Titel der Erz\u00e4hlung nennt, ist ein ziemlich abseitiges: Der Vater scheint zum Beispiel kein Problem damit zu haben, dass sein Sohn bei der Jagd nach alten Maschinenteilen einen Arm verliert: \u201eWeil ein Unternehmen seine Opfer fordert.\u201c Auch die Sprache orientiert sich nicht am \u00fcblichen Gebrauch, macht sich durch k\u00fcnstliche Substantivierung sperrig. Und die Tiere? Diesmal hatten wir Fr\u00f6sche in einer Nebenrolle.<\/p>\n<p>Daniela Strigl nannte die Erz\u00e4hlung, die ihr gefallen habe, eine \u201eParodie des Familienidylls\u201c, die ein Kleinunternehmen der besonderen Art zeige. In einer ganz besonderen Sprache w\u00fcrden Menschen gezeigt, die ihre existenziellen Niederlagen in Triumphe uminterpretierten. Sie erw\u00e4hnte auch die eingewobene Pubert\u00e4tsgeschichte, \u00e4u\u00dferte ihre Dankbarkeit daf\u00fcr, dass die Fr\u00f6sche nicht gequ\u00e4lt wurden. <\/p>\n<p>Ein postapokalyptisches Szenario hatte Paul Jandl gesehen, in der die kalte Industriewelt (f\u00fcr ihn war das Schl\u00fcsselwort \u201eAnlassverspr\u00f6dung\u201c) kontrastiert werde mit dem Traum des M\u00e4dchens von einer weichen Welt. Er nannte den Text originell und zu Herzen gehend. Dem stimmte Burkhard Spinnen zu &#8211; er war allerdings entt\u00e4uscht, keine Fortsetzung zu bekommen dieser \u201ebeh\u00fcteten bundesrepublikanischen Welt\u201c, in der jede B\u00e4ckerei noch ein St\u00fchlchen bereit stellt. Er habe eine Exposition bekommen mit einer schlicht aufgemachten Pubert\u00e4tsgeschichte, die dann einfach aus war.<\/p>\n<p>Hubert Winkels gab Spinnen inhaltlich recht, sah das aber nicht als Problem. (Wie Strigl sprach auch Winkels von <i>corporate identity<\/i> &#8211; allerdings in einem f\u00fcr mich nicht fassbaren und irritierenden Sinn; da drau\u00dfen in echten Unternehmen versteht man auf jeden Fall etwas anderes darunter.) Winkels lobte die sprachliche Konzentration auf technische Hybride, in der auch Metallspulen Herzen seien. Doch f\u00fcr ihn sei der Text \u201everrutscht\u201c mit zu vielen disparaten Elementen. Hildegard E. Keller meldete sich, sie \u201ehelfe meinen beiden Kollegen gerne auf die Spr\u00fcnge\u201c. Denn f\u00fcr sie zeige der Text exemplarisch, was Literatur vermag. Die Sprecherfunktion des Ich f\u00fchre vor, wie ein Kinderbewusstsein gestaltet sei: Das M\u00e4dchen verteidige ihre Position als Assistentin mit Stolz, glaube sich im freiwilligen Konsens mit den Vorgaben des Vaters &#8211; und bemerke nicht, dass es sich um ein erzwungenes Einverst\u00e4ndnis handle. Die Tr\u00e4ume von Neuseeland seien im Grunde die der Kinder; der Vater halte sie lediglich im Gang. Unklar war Keller aber der Vater: Sei er ein Kleinkrimineller? Arbeitslos? Der Autor l\u00f6se diese Schl\u00fcsselfigur nicht auf. F\u00fcr sie zeigte die Geschichte ein Fenster aus der beschriebenen Trostlosigkeit: die Liebe.<\/p>\n<p>Schwierigkeiten mit dem Text hatte Corina Caduff: Sie habe keine Orientierung darin gehabt, so wenig, dass sie begonnen habe, die zahlreichen Fachbegriffe aus der Chemie und der Elektrotechnik zu googlen. (Auch ich hatte einen starken Hang zu \u201eWikipedia-Literatur\u201c entdeckt, wie Kathrin Passig das nennt, zitiert nach <a href=\"http:\/\/www.wolfgang-herrndorf.de\/2010\/11\/neun\/\" target=\"_blank\">Herrndorf: \u201eNeues, sinnlos mit Realien \u00fcberfrachtetes Genre, das sich der Einfachheit der Recherche verdankt.\u201c<\/a>) Dennoch fand sie toll, wie trotz unwirklicher Atmosph\u00e4re die Erz\u00e4hlperspektive der Tochter gestaltet sei. Die Pubert\u00e4tsszene habe sie zwar \u00fcberrascht, doch sie habe vor allem die Sprache gemocht.<\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann nannte den Text eine \u201emoderne und gl\u00fcckliche Variante von H\u00e4nsel und Gretel\u201c und war damit die einzige Leserin, die keine D\u00fcsternis und Trostlosigkeit gesehen hatte. F\u00fcr sie war er eine realistische Geschichte aus dem Schwarzwald mit ganz gel\u00f6ster Stimmung. (Ich wei\u00df ja nicht, ob sie absichtlich gerne die abwegigste Sicht auf einen Text darlegt.) Daniela Strigl wandte ein, dass sie in diesem Realismus keinen Vater unterbringen k\u00f6nne, der seinen Sohn einen Arm verlieren l\u00e4sst. F\u00fcr Strigl handelte es sich um einen Kommentar zum Kapitalismus: Die Familienmitglieder w\u00fcrden ja als konkurrierende Arbeitskr\u00e4fte geschildert.<\/p>\n<p>Eine Aussteigergemeinschaft sind die Figuren der Geschichte f\u00fcr Paul Jandl: \u201eEine Familie erschafft sich einen privat\u00f6konomischen Kreislauf.\u201c Das war f\u00fcr Burkhard Spinnen sogar die \u00dcberblendung eines bundesrepublikanischen Szenarios zu einer Favela-Familie, die mit Abfall ihren Lebensunterhalt bestreitet. Er fand den Text \u201ewunderbar\u201c, aber nur \u201eals erstes Kapitel &#8211; bitte weitermachen\u201c.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Dann wurde es richtig lustig. <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3789\" target=\"_blank\">Matthias Senkel<\/a>, vorgeschlagen von Jandl, las die Erz\u00e4hlung <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4056\" target=\"_blank\">\u201eAufzeichnung aus der Kuranstalt\u201c<\/a>, wieder einen eigenst\u00e4ndigen Text. Seine Komm\u00f6die um den Literaturbetrieb erntete beim Vorlesen viel Gel\u00e4chter, das allerdings im Lauf der Geschichte deutlich abnahm. Mir gefiel sehr gut, wie er immer noch eine weitere Themen- und Metaebene einflocht, mit der Ebene des <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/God_game\" target=\"_blank\">God Games<\/a> als abschlie\u00dfende Kirsche auf der Sahne.<sup><a href=\"#footnote_1_13336\" id=\"identifier_1_13336\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Wir kamen gestern in Gespr&auml;chen darauf: Erz&auml;hltechniken von Computerspielen zeigen sich immer h&auml;ufiger in der Literatur; der Mitbewohner arbeitete sie zum Beispiel letzthin schl&uuml;ssig und bereichernd f&uuml;r Wolfgang Herrndorfs Sand heraus. In der Literaturkritik bin ich allerdings noch nie &uuml;ber deren Untersuchung gestolpert. Gibt es die? Dann bitte ich im Tipps. Allerdings sind Literaturwissenschaft und Literaturkritik weitestm&ouml;glich entfernt von Computerspielerfahrung &ndash; anders als Literaturproduzenten. Es ist m&ouml;glich, dass sie entsprechende Referenzen und Techniken nicht erkennt.\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Winkels sprach dann auch von einer \u201eklugen und witzigen Geschichte\u201c. Diese Satire auf den Literaturbetrieb mache durch die permanente Neu- und Umschreibung die Realit\u00e4t zur M\u00f6biusschleife. Der Text bringe so viel auf so wenig Plaltz unter &#8211; das gehe nur mit der verwendeten Protokollsprache. Genau die warf Meike Fe\u00dfmann dem Text vor: Es handle sich um die \u201etypische Klagenfurtgeschichte \u00fcber das Schreiben, die irgendwann kommt\u201c, eine auf die Dauer erm\u00fcdende Idee ohne eigene Sprache.<\/p>\n<p>Viel mehr davon w\u00fcnschte sich Corina Caduff. Sie sah den Stil eines Expos\u00e9s f\u00fcr einen Roman, den sie gerne lesen w\u00fcrde. In der K\u00fcrze fehle der Raum f\u00fcr eine literarische Gestalt. \u201eGanz viel Substanz\u201c habe der Text f\u00fcr sie, in der Idee liege viel Potenzial (diesmal entschuldigte sie sich f\u00fcr den Ausdruck &#8211; m\u00f6glicherweise hatte Carduff mitbekommen, dass ihre bisherigen Anmerkungen, der Text oder die Autorin h\u00e4tten Potenzial, als g\u00f6nnerhaft empfunden wurden). Paul Jandl wandte ein, dass das Protokoll ein erprobtes Stilmittel f\u00fcr Satire sein, in diesem Fall f\u00fcr die Satire eines \u201eparanormalen Literaturbetriebs\u201c. Fe\u00dfmann z\u00e4hlte auf, wer das alles besser geschrieben h\u00e4tte, und schimpfte, \u201eman sollte sprachliche Armut nicht auch noch als subtil verherrlichen\u201c. Jandl blieb ruhig und verwies auf den wahrscheinlichen impliziten Erz\u00e4hler des Textes: den ermittelnden Inspektor.<\/p>\n<p>Strigl wunderte sich, dass von allen Autoren hier mehr gefordert werde. Sie nannte die Geschichte \u201esehr komplex, dicht gewoben\u201c, lobte die vielen Einf\u00e4lle, darunter den eines \u201eliterarischen Hypochonders\u201c (hm &#8211; meinte sie vielleicht eher Simulant?). Die Erz\u00e4hlung sei sehr intelligent gemacht, verliere allerdings an Fahrt. Aber es sei \u201eabsolut legitim, Satire mit Mitteln konzentrierter Schlichtheit zu erz\u00e4hlen\u201c. Keller z\u00e4hlte einige der zahlreichen Elemente des Textes auf: Historischer Roman, Kulturbetrieb, Familiengeschichte, traumatisierter Pole, James Bond &#8211; die Leserin werde immer wieder in eine neue Richtung gerissen. Sie habe damit ein sprachliches Problem.<\/p>\n<p>Das alles spreche der Text doch explizit an, argumentierte Jandl, allein schon mit der Nennung des fiktiven Buchtitels <i>Fragments of the Masterplan<\/i>. W\u00e4hrend Keller nochmal haderte, worum es nun gehe, um den Literaturbetrieb oder Investment Banking, machte der Text f\u00fcr Jandl  \u201edie K\u00fcnstlichkeit des Literaturbetriebs sichtbar\u201c.<\/p>\n<p>Es war dann Hubert Winkels, der die Klammer lieferte: Auch die Finanzwelt verlasse sich auf Legenden und Geschichten, aus denen Prognosen erstellt w\u00fcrden, \u201ealles ist ein Effekt vom Erz\u00e4hlen\u201c. Spinnen versuchte sich an einer Zusammenfassung, indem er allem Gesagten zustimmte, gab dann aber seine leidenschaftliche Abneigung gegen\u00fcber Texten zu, in denen es um Schaffenskrisen von Schriftstellern gehe. Er zeichnete das Bild des Textes als das eines Jongleurs mit vielen Elementen &#8211; von hoher Kunstfertigkeit. Es folgte ein kleineres Gehackel \u00fcber Intelligenz in Texten, \u00fcber das Ansinnen, sich von Texten etwas anderes zu w\u00fcnschen als er tut &#8211; bis Winkels und Spinnen in einem klassischen \u201eNein!\u201c, \u201eDoch!\u201c \u201eNein!\u201c, \u201eDoch!\u201c endeten (verschiedene literaturtheoretische Schulen halt, erkl\u00e4rte Spinnen, D\u00fcsseldorf und M\u00fcnster).<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Nach der Pause sah ich, wie sich die Fr\u00fchst\u00fccksbedienung meines Hotels ins Publikum setzte &#8211; das hier scheint tats\u00e4chlich auch Klagenfurter zu interessieren. <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3824\" target=\"_blank\">Leopold Federmair<\/a>, von Strigl vorgeschlagen, stellte sich im Film als Kosmopolit vor, der seine Wurzeln deutlich in \u00d6sterreich sieht, aber zu seinen Heimaten auch Argentinien und Japan z\u00e4hlt. In Japan lebt er seit zehn Jahren. Der Titel seiner Geschichte lautete<a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4045\" target=\"_blank\"> \u201eAki\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Schon wieder Jugenderinnerungen, diesmal erinnert sich eine Frau mittleren Alters nach einer Begegnung in der Gegenwart an den jungen Burschen, mit dem sie vor etwa 25 Jahren ein wenig befreundet war: Er 16 und Sohn des Wirts, bei dem die zehn Jahre \u00c4ltere als Kellnerin arbeitete. Die Geschichte bedr\u00fcckte mich, ich sah die schweren Eichenm\u00f6bel und den Linoleumboden der R\u00e4ume unbeschrieben vor mir, das kleine Jugendzimmer, in dem der schmerzhaft picklige Bub sich in Bob-Dylan-Platten und staubige B\u00fccher von Opas Dachboden vergr\u00e4bt. (Schade, dachte ich mir, dass offensichtlich Rollenspiele an ihm vorbeigegangen waren &#8211; in dieser Zeit konnte das die Seelenrettung so manches pickligen Bubs mit abseitigem Lesegeschmack sein.)<\/p>\n<p>Eine \u201esch\u00f6ne, in R\u00fcckblenden erz\u00e4hlte Coming-of-age-Geschichte\u201c nannte es Winkels, gut gemacht. Ein junger Mensch hoffe auf Erl\u00f6sung durch Musik. Die R\u00fcckblendentechnik sei wichtig, um den Abstand zu zeigen: \u201eIrgendwann ist es vorbei.\u201c<\/p>\n<p>Meike Fe\u00dfmann hielt den Text f\u00fcr \u201enicht gelungen\u201c, weil er von einer Frau erz\u00e4hlt werde. M\u00e4nnliches K\u00f6rperwissen gefiltert durch eine weibliche Erz\u00e4hlerin &#8211; das funktioniere nicht. Keller hatte sich gefragt, wer da eigentlich erz\u00e4hle. Eine \u00e4ltere Kellnerin? Das glaube sie nicht, das sei nicht die Sprache einer Kellnerin, wobei sie viele Passagen sehr sch\u00f6n finde. Doch es blieben viele Punkte offen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Spinnen war die Zeit, aus der erz\u00e4hlt wird, die 80er, die Zeit der \u201eirren Typen\u201c, wie sie Kerouac in <i>On the Road<\/i> beschrieben habe. Dieser Typ sei allerdings \u201eerheblich runtergedimmt, was sein Irresein anbelangt\u201c. Er sah in ihm \u201eviel Wollen, wenig K\u00f6nnen\u201c, eine ganz traurige Existenz nach der gro\u00dfen Zeit der irren Typen. Keller widersprach sp\u00e4ter: Die interessante Figur sei doch eigentlich die Erz\u00e4hlerin.<\/p>\n<p>\u201eGeschichte einer verpatzten Erl\u00f6sung\u201c war Strigls Zusammenfassung, einer verpatzten Reinigung, Katharsis. Erz\u00e4hlt werde \u00fcber R\u00e4ume. Sie traute die Sprache durchaus einer Kellnerin zu. Strigl meinte auch, die Frauenperspektive sei ein Wagnis, sie habe sich aber nicht irritiert gef\u00fchlt. \u201eVergiftete Nostalgie\u201c entdeckte sie in dieser \u201eausgesprochen unappetitichen Geschichte\u201c. Fe\u00dfmann beharrte darauf, dass ein Erz\u00e4hler kein intimes K\u00f6rperwissen einer anderen Person besitzen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Jandl nannte den Text \u201eGeschichte eines Spannungsabfalls\u201c, alles l\u00f6se sich im Halbtraurigen auf. Allerdings habe die Erz\u00e4hlung in ihrer subtilen Dramatik zu wenig Dramatik.<\/p>\n<p>Caduff petzte, dass Federmair die Jury in der Diskussion fotografiert habe, der erste \u201eperformative Akt eines Autors\u201c. Sie habe, verf\u00fchrt vom Videoportrait des Autors, die Geschichte die ganze Zeit in Japan spielen sehen und damit die einzige interkulturelle Geschichte des Wettbewerbs. Gel\u00e4chter im Publikum f\u00fcr die verzweifelte Herbeiziehung an den Haaren, auch wenn Winkels meinte, der Text k\u00f6nnte durchaus global sein.<\/p>\n<p>Zum Schluss fahre die Erz\u00e4hlung noch die richtig gro\u00dfen Gesch\u00fctze auf, sagte Spinnen und wies auf sogar biblische Referenzen hin. Strigl sah darin einen weiteren Beleg f\u00fcr die Differenz zwischen revolution\u00e4rem Ansatz und kleiner Wirklichkeit in der Geschichte.<\/p>\n<p>Fe\u00dfmann maulte, nach der internationalen Biografie des Autors habe sie sich etwas Spannenderes erwartet. Die anderen Jurymitglieder murrten, Strigl warnte alle k\u00fcnftigen Autoren, ihren biografischen Hintergrund offenzulegen: Er k\u00f6nne offensichtlich jederzeit gegen sie verwendet werden. <\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Schon das Autorinnenportr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/autoren\/3820\" target=\"_blank\">Isabella Feimer<\/a> (Vorschlag von Caduff) brachte das Publikum ob seiner Grenzpeinlichkeit zum Glucksen: Mit Schwarz-Wei\u00df-Bildern spielte Feimer zu dramatischer Musik die Begriffe Liebe, Leidenschaft, Angst, Hass und Stille. Ihr Text <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/4046\" target=\"_blank\">\u201eAbgetrennt\u201c<\/a> war dann auch das, was ich im Teenageralter als Kurzgeschichten in Frauenzeitschriften gelesen hatte. Es st\u00f6rte fast nicht, dass meine (junge) Sitznachbarin nebenher telefonierte (wtf?). Eine Liebes- und Trennungsgeschichte durchsetzt von Kindheitsgeschichten (in diesem Jahrgang eben ein Muss). Ich war fast froh, dass die Bachmannpreislesungen abschlie\u00dfend noch etwas richtig Grottiges boten &#8211; das Durchschnittsniveau w\u00e4re ja sonst nicht auszuhalten gewesen.<\/p>\n<p>\u00dcberrascht war ich allerdings, wie milde die Jury den Text zun\u00e4chst anging. Winkels meinte, er h\u00e4tte sogar eine sehr gute Geschichte werden k\u00f6nnen, \u00fcber die Unterwerfung einer Frau unter die Wahrnehmung des Mannes und ihr sp\u00e4tes Sich-Wehren. Doch leider sei sie zu stark instrumentalisiert, erz\u00e4hle \u201emit Holzhammer\u201c. Fe\u00dfmann sprach von einer Geschichte eines Abschieds, eines unn\u00f6tigen Abschieds aus Angst verlassen zu werden. Caduff erkl\u00e4rte die deutliche Motivation des Sprechers aus einer Verletzung heraus, nannte den Topos des Verlassenwerdens. Sie wies auf die Tiere in der Geschichte hin (ebenfalls dieses Jahr ein Muss), auf H\u00fchner und Fische. Keller brachte sogar \u201ekonzeptuelle Klarheit\u201c zur Sprache (ja, wenn es es sich um das Konzept Frauengazettengeschichte handelt): Das Ich hole einen Mann ins Leben zur\u00fcck, das es rausgeworfen hatte. Allerdings leuchte die Kindheitsevokation nicht ein. Sie habe die Geschichte \u201enicht besonders ber\u00fchrend\u201c gefunden.<\/p>\n<p>Selbst Strigl wurde dann schon kritischer: \u201eIch bevorzuge es vielleicht, nicht ganz so fest bei der Hand genommen zu werden.\u201c Zwar f\u00e4nden wir im Zuge der Verliebtheit an einer Person alles ungeheuer interessant, auch banale Kindheitserinnerungen, doch \u201edas \u00fcbertr\u00e4gt sich nicht unbedingt auf den Leser\u201c. Sie habe ein Problem mit dem vielen Gef\u00fchl, das im Vortrag auch noch betont worden sei. Au\u00dferdem, jetzt lie\u00df sie es raus, habe sie eine \u201eH\u00fchnerkopfabtrennungsallergie\u201c. Und dass die verlassene Geliebte mit dem Huhn identisch werde, sei ein \u201eBauplanfehler\u201c. (Spinnen schloss sich sp\u00e4ter Strigls Allergie an, obwohl es verboten sei, literarische Topoi zu verbieten.)<\/p>\n<p>Erst Jandl wurde wirklich grob und nannte den Text \u201eklebrig\u201c und \u201eSchlagerpoesie\u201c. Winkels sah es hingegen als Kunstgriff, die Allerweltsgeschichten zur Verdeutlichung der verschobenen Perspektive im Verliebtsein zu verwenden. Caduff wiederum identifizierte die Suche nach einer Erz\u00e4hlstimme, erst am Ende in der Lyrik habe werde es der Hauptfigur m\u00f6glich, \u201eIch\u201c zu sagen. Woraufhin Jandl begann, genau diese Textpassagen vorzulesen: \u201eHaben Sie gelesen, um welche \u201aPoesie\u2018 es sich handelt?\u201c Caduff solle doch einen Schlager daraus machen. Winkels versuchte zur\u00fcckzurudern mit \u201eradikale Unterwerfung in einer poetisch verzierrateten Welt\u201c.<\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag Bachmannpreiswettschwimmen im W\u00f6rthersee &#8211; mit Cornelia Travnicek als definitiv am besten frisierten Teilnehmerin. <a href=\"http:\/\/blog.uwe-wittstock.de\/?p=497\" target=\"_blank\">N\u00e4heres und Bilder bei Uwe Wittstock.<\/a> Als Zuschauer dabei war Christoph Schr\u00f6der, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2012-07\/klagenfurt-tag-drei\/komplettansicht\" target=\"_blank\">dessen Berichterstattung f\u00fcr die <i>Zeit<\/i> \u00fcber den Bachmannpreis<\/a> Sie lesen sollten. F\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/woertersee\/\" target=\"_blank\">FAZ.net schreibt t\u00e4glich Jan Wiele<\/a>, ebenfalls lesenswert.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_13336\" class=\"footnote\">Wir kamen gestern in Gespr\u00e4chen darauf: Erz\u00e4hltechniken von Computerspielen zeigen sich immer h\u00e4ufiger in der Literatur; der Mitbewohner arbeitete sie zum Beispiel letzthin schl\u00fcssig und bereichernd f\u00fcr Wolfgang Herrndorfs <i>Sand<\/i> heraus. In der Literaturkritik bin ich allerdings noch nie \u00fcber deren Untersuchung gestolpert. Gibt es die? Dann bitte ich im Tipps. Allerdings sind Literaturwissenschaft und Literaturkritik weitestm\u00f6glich entfernt von Computerspielerfahrung &#8211; anders als Literaturproduzenten. Es ist m\u00f6glich, dass sie entsprechende Referenzen und Techniken nicht erkennt.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_13336\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kindheitserinnerungen mit Tieren &#8211; das Themenspektrum der diesj\u00e4hrigen Bachmannpreistexte kippte 2012 schon fast lachhaft stark in diese Richtung. Ein kindliches Ich erz\u00e4hlte auch in Matthias Nawrats (eigenst\u00e4ndiger!) Geschichte \u201eUnternehmer\u201c. Nawrats Lesung, vorgeschlagen von Hildegard E. Keller, er\u00f6ffnete den dritten und letzten Tag der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Diesmal war die Handlung im s\u00fcdlichen Schwarzwald angesiedelt. 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