{"id":1415,"date":"2006-06-28T09:24:40","date_gmt":"2006-06-28T07:24:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/06\/ruckkehr-unmoglich.htm"},"modified":"2006-06-28T09:24:40","modified_gmt":"2006-06-28T07:24:40","slug":"ruckkehr-unmoglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2006\/06\/ruckkehr-unmoglich.htm","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr unm\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p>So viele Erinnerungen an Orte sind untrennbar mit einer bestimmten Zeit verbunden. <\/p>\n<p>Eben, als mein Blick beim Nachdenken aus dem B\u00fcrofenster und auf eine Backsteinwand in glei\u00dfendem Sonnelicht schweifte, packte mich ein Erinnerungssturm und trug mich in einen Kindheitssommer in Madrid zur\u00fcck. Mitten nach Moratalaz (<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/ramonduran\/82906057\/\" target=_new>hier ein zu meiner Erinnerung passendes Foto<\/a>), in eine dieser geschw\u00fcrartigen Trabantenst\u00e4dte am h\u00fcgeligen Stadtrand. Dorthin, wo Reihen um Reihen von Wohnblock-Kolossen standen, alle aus Backstein, kaum voneinander zu unterscheiden. Dazwischen festgetretene hellgelbe Erde, staubtrocken, mal halbwegs eben, dann wieder in der H\u00fcgelform des Bau-Aushubs. Spielger\u00e4tf\u00f6rmige Stahlstangen mit abgebl\u00e4ttertem Lack. Jederzeit funktionsf\u00e4hig daf\u00fcr die Trinkwasserbrunnen an jeder Ecke (die ich bis heute in deutschen St\u00e4dten vermisse). Hier spielte ich fr\u00fch morgens und im letzten Tageslicht, also die br\u00fcllende Sommerhitze meidend, mit Kusinen, Kusins und Nachbarskindern, die nach der Siesta monstr\u00f6se, mit Chorizo belegte Baguettest\u00fccke als <i>merienda<\/i> bei sich trugen, die sie von ihren M\u00fcttern aufzuessen gehei\u00dfen wurden, von denselben M\u00fcttern, die dann schimpften, wenn ihre Kinder beim Abendessen um 23 Uhr keinen Hunger mehr hatten. Ich h\u00e4tte diese zus\u00e4tzliche Mahlzeit sehr begr\u00fc\u00dft, aber meine kalorienz\u00e4hlende Mutter dachte gar nicht daran, sich in diesem Punkt den Sitten des Landes anzupassen. Nur wenn <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/07\/familienalbum-3-meine-yaya.htm\">meine Yaya<\/a> mich h\u00fctete, bekam ich ein <i>bocadillo<\/i> zur <i>merienda<\/i>, im besten Fall mit Schokolade belegt (erst sp\u00e4ter fand ich eine Erkl\u00e4rung, warum das bettelarme Franco-Spanien ausgerechnet Schokolade im \u00dcberfluss hatte: Verbindungen zu Cuba). Allerdings machte auch ich mich unbeliebt, da ich gerne mal das trockene Wei\u00dfbrot liegen lie\u00df und nur das dicke St\u00fcck Schokoladentafel futterte.<\/p>\n<p>F\u00fcr den abendlichen Familienspaziergang, vor allem nat\u00fcrlich am Sonntag, wurden wir Kinder mords aufgebrezelt, Lacksch\u00fchchen und R\u00fcschen f\u00fcr Buben wie M\u00e4dchen, gl\u00e4nzend gek\u00e4mmtes offenes Haar, Schleifchen. Das lie\u00df auch ich mit mir machen, denn im Gegensatz zu meinen Altersgenossen vor Ort ging dieser l\u00e4cherliche Aufzug bei mir nicht mit der Auflage einher, blo\u00df nicht darin zu spielen und den Sonntagsstaat schmutzig zu machen (meine Mutter war vor der befreienden Kraft des Sich-Schmutzig-Machen-D\u00fcrfens \u00fcberzeugt). An ein Detail allerdings konnte ich mich nie recht gew\u00f6hnen: die spitzengeh\u00e4kelten Unterhosen. Sie wurden den M\u00e4dchen \u00fcber die eigentlichen Schl\u00fcpfer angezogen und waren mangels Elastizit\u00e4t sehr unbequem. Als Kniestr\u00fcmpfe gab es das Geh\u00e4kel auch, ebenfalls mangels Elastizit\u00e4t ohne jede Chance, ungerutscht an den Unschenkeln zu halten.<\/p>\n<p>Auf einer dieser staubigen Lehmfl\u00e4chen stand eine Wellblechh\u00fctte, die Vorderseite mit einer Klappe zur Theke zu verwandeln. Das war die n\u00e4chste <i>churreria<\/i>, in der Teigstangen in Fett knusprig gebacken wurden: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/amelieyes\/82881179\/\" target=_new>d\u00fcnne <i>churros<\/i><\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/gumy\/684233\/\" target=_new>dicke <i>porras<\/i><\/a>*. Sonntags nahm mich mein Vater dorthin mit, und dann kauften wir einen riesigen Packen von beidem, in viele Lagen Zeitungspapier geschlagen. Daheim hatte die Yaya dann schon dickfl\u00fcssige hei\u00dfe Schokolade zubereitet (aus dem Packerl nat\u00fcrlich), in die wir die <i>churros<\/i> und <i>porras<\/i> stippten. Ein paar Mal schickte mich der Papa auch allein <i>churros<\/i> holen, und einmal verlief ich mich auf dem R\u00fcckweg ganz f\u00fcrchterlich, weil doch diese Wohnblocks alle gleich aussahen.<\/p>\n<p>Durch die gro\u00dfen Glast\u00fcren des Wohnblocks kam man erst mal in eine vor poliertem Stein gl\u00e4nzende Empfangshalle, in der es im Gegensatz zur sengenden Augusthitze sch\u00f6n k\u00fchl war. Auf dem Weg in eine der Wohnungen, oder auch nur zum Aufzug, musste man an einer Portiersloge vorbei. Darin sa\u00df ein <i>portero<\/i> oder eine <i>portera<\/i>, Hausmeister, Aufpasser, Klatsch- und Tratschzentrale des Hauses. Dieser Mensch wusste alles \u00fcber jeden im Haus, konnte verl\u00e4sslich \u00fcber Ab- oder Anwesenheit der zu besuchenden Person Auskunft geben \u2013 und h\u00e4tte niemals jemand B\u00f6sen durchgelassen. Das waren begehrte Posten, so als <i>portero<\/i> oder <i>portera<\/i>, die gerne ausrangierten Franco-B\u00fcrgerkriegsgefolgsleuten zugeschoben wurden.<\/p>\n<p>Schon in den 80ern begr\u00fcnte die sozialistische Stadtregierung die Fl\u00e4chen zwischen den Bl\u00f6cken (und schaffte die <i>porteras<\/i> ab) \u2013 dass die Sozialisten das waren, betonte meine politisch krachrote Tante aus Galicien bei jeder Gelegenheit: \u201eDas haben die Sozialisten gemacht.\u201c \u201eUnd hier haben die Sozialisten einen Brunnen hingebaut.\u201c \u201eWei\u00dft du noch, wie schlimm das hier fr\u00fcher ausgesehen hat? Haben alles die Sozialisten versch\u00f6nt.\u201c Aus den Portierslogen wurden normale Wohnungen gemacht, das Personal ersetzten Gegensprechanlagen.<\/p>\n<p>Dorthin gibt es keinen kein Weg zur\u00fcck, die Gegend ist nicht stehen geblieben, sondern weitergegangen in der Zeit. Es sieht alles anders aus, es riecht alles anders. Vermutlich liegt darin die Erkl\u00e4rung, warum es mich kaum nach Spanien zieht: Das, woran ich am liebsten denke, was ich gern mal wieder s\u00e4he, existiert nicht mehr. Das heutige Spanien interessiert mich nicht mehr als das heutige Italien, daf\u00fcr erheblich weniger als das heutige England.<br \/>\nUnd so bin ich sehr dankbar, wenn meine Erinnerung mir hin und wieder einen umfassenden inneren Besuch zur\u00fcck erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>*(Nicht vom Fototitel irritieren lassen, das sind keine <i>churros<\/i>, sondern <i>porras<\/i>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So viele Erinnerungen an Orte sind untrennbar mit einer bestimmten Zeit verbunden. Eben, als mein Blick beim Nachdenken aus dem B\u00fcrofenster und auf eine Backsteinwand in glei\u00dfendem Sonnelicht schweifte, packte mich ein Erinnerungssturm und trug mich in einen Kindheitssommer in Madrid zur\u00fcck. 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