{"id":1442,"date":"2007-09-13T10:53:55","date_gmt":"2007-09-13T08:53:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/09\/das-erste-mal-fabrik.htm"},"modified":"2017-11-09T08:38:37","modified_gmt":"2017-11-09T07:38:37","slug":"das-erste-mal-fabrik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2007\/09\/das-erste-mal-fabrik.htm","title":{"rendered":"Das erste Mal Fabrik"},"content":{"rendered":"<p>Das erste Mal landete ich in der Fabrik, als ich 17 war. Ich war zwar noch unter dem Mindestalter von 18 Jahren, das die gro\u00dfe, gro\u00dfe Fabrik f\u00fcr Ferienjobber gesetzt hatte; doch ich kam bei der DIW unter, Deutsche Industriewartung, die als so genannte Fremdfirma mit der Reinigung der Fabrik beauftragt war (und die das B\u00fcro putzt, in dem ich heute sitze \u2013 man begegnet sich wirklich, wirklich immer zweimal).<\/p>\n<p>Vier Wochen meiner Sommerferien ging ich also Putzen, ich glaube 7 bis 4 Uhr. Ich war nicht die einzige Ferienjobberin bei der DIW: Die m\u00e4nnlichen Aushilfen meiner Altersklasse mussten mit den DIW-M\u00e4nnern Lackierwannen reinigen oder D\u00e4cher von Werkshallen schrubben; wir beiden M\u00e4dchen wurden der Frauenriege eingegliedert, die f\u00fcr Umkleiden, Sanit\u00e4rr\u00e4ume und B\u00fcros zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten in Erinnerung geblieben ist mir die Warmherzigkeit, mit der die fest angestellten Frauen uns umsorgten, und ihre Freundlichkeit. Es war v\u00f6llig klar, dass wir Gymnasiastinnen eine andere berufliche Zukunft anpeilten; ich hatte deshalb ein bisschen Angst, dass die Damens uns besonders triezen w\u00fcrden. Doch wir waren einfach ihre K\u00fcken, auf die man aufpassen musste. So schoben sie uns die allerleichtesten Aufgaben zu; weder mussten wir die Umkleider\u00e4ume der Arbeiter sauber machen, schon gleich gar nicht Klos.<\/p>\n<p>Jeden Morgen kam ein Kleinbus an die Sammelstelle bei den Umkleiden der Zentrale und fuhr uns auf dem sehr weitl\u00e4ufigen Werksgel\u00e4nde an das Geb\u00e4ude, in dem wir putzen sollten. Die andere Sch\u00fclerin hie\u00df Linde (\u201egenau, wie der K\u00fchlschrank\u201c) und war eine winzige Elfe mit Porzellanhaut, kurzen schwarzen Locken, schwarzumrandeten Augen im Gesichtchen, dramatischen Gesten und einer b\u00f6sen Gosche, die B\u00e4ume h\u00e4tte f\u00e4llen k\u00f6nnen. Ich war sofort in sie verliebt.<\/p>\n<p>Die erste Woche wurden wir allmorgentlich zur \u201eJahresreinigung\u201c in ein entlegenes Verwaltungsgeb\u00e4ude im Stil einer 70er-Amststube geschafft. Die M\u00e4nner darin waren so begeistert, dass hier endlich mal jemand gr\u00fcndlich putzte, dass sie uns wie G\u00e4ste behandelten, uns Kaffee kochten und Kuchen brachten. Eine weitere Woche waren wir im \u00c4rztezentrum der Fabrik besch\u00e4ftigt, auch dort mit einer \u00fcber das allt\u00e4gliche hinausgehende Reinigung. Hier wurde uns erheblich genauer auf die Finger geschaut: Abends fuhr eine streng dreinschauende \u00c4rztin mit einem Taschentuch \u00fcber obere T\u00fcrrahmen \u2013 die wir ab dem zweiten Tag auch tats\u00e4chlich sauber machten.<br \/>\nIn all diesen Auftr\u00e4gen waren Linde und ich kolossal unterbesch\u00e4ftigt und widmeten uns seligem Jungm\u00e4dchengetratsche.<\/p>\n<p>Danach beschr\u00e4nkte sich unser Austausch auf die Mittagspause: Wir waren mit der Grundreiningung eines Neubaus betraut, Linde an einem Ende, ich am anderen. Ich erinnere mich, dass ich dazu unter anderem einen m\u00e4chtigen Industriestaubsauger zur Verf\u00fcgung hatte, der auch kleinere S\u00e4ugetiere verschluckt h\u00e4tte. Und dessen Motorger\u00e4usch im Kammerton A gestimmt war \u2013 das nutzte ich, indem ich in den einsamen Fluren und Treppenh\u00e4usern (Ak<strike>k<\/strike>ustik!) mit Staubsaugerbegleitung lauthals das ganze Repertoire meines damaligen Chores rauf und runter sang.<\/p>\n<p>Zur Brotzeit wurden wir wieder abgeholt und machten mit den fest angestellten Putzfrauen zusammen Pause. Derb und einfach waren sie alle, aber mir f\u00e4llt nicht eine ein, die unsympatisch gewesen w\u00e4re. Die Gespr\u00e4chsthemen waren mir eher fremd, unter anderem, weil die Damen einer deutlich anderen Altersklasse angeh\u00f6rten. An eine Unterhaltung erinnere ich mich bis heute besonders deutlich: Das Gespr\u00e4ch drehte sich gerade um das Bedauern, dass nichts mehr so wie fr\u00fcher sei. Eine der \u00e4lteren Putzkolonnendamen lie\u00df sich dar\u00fcber aus, wie viel aufgekl\u00e4rter heute die jungen Frauen seien als zu ihrer Jugendzeit. Einerseits begr\u00fc\u00dfte sie das, doch \u00e4u\u00dferte sie sich bedauernd, dass es heute halt in der Sexualit\u00e4t gar keine Geheimnisse mehr gebe: \u201eWo i as erste Moi schwanger war,\u201c erz\u00e4hlte sie als Beispiel, \u201ehab i net amal gwusst, wo des Kind nacha rauskummt.\u201c Der Kindsvater habe das gekl\u00e4rt: \u201e\u201aDo wo\u2019s neikumma is!\u2019, hat mei Mo gsagt!\u201d Dr\u00f6hnendes Gel\u00e4chter in der Frauentruppe.<\/p>\n<p>Bleibende Erinnerungen hinterlie\u00df auch nicht nur der Supersauger, sondern das weitere Arbeitsmaterial, das zur Verf\u00fcgung gestellt wurde. Da gab es zum Beispiel dieses sensationelle rosarote Putzmittel, das sehr sauber roch: Ein Tropfen davon auf einem Schreibtisch gen\u00fcgte, und ich bekam ihn mit einem weichen Tuch sauber wie neu. Dieses Zaubermittel vermisse ich bis heute, wenn ich mal wieder vergeblich an einem Flecken herumrubble. Dass mir im Lauf des Tages vom Hantieren mit dem Zeug s\u00e4mliche Schleimh\u00e4ute zuschwollen, wird schon nicht so schlimm gewesen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erste Mal landete ich in der Fabrik, als ich 17 war. 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