{"id":14441,"date":"2012-11-13T08:11:40","date_gmt":"2012-11-13T07:11:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=14441"},"modified":"2013-01-06T16:12:02","modified_gmt":"2013-01-06T15:12:02","slug":"uber-die-weite-verbreitung-von-geschutteltem-wasser-und-von-starkekugeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/11\/uber-die-weite-verbreitung-von-geschutteltem-wasser-und-von-starkekugeln.htm","title":{"rendered":"\u00dcber die weite Verbreitung von gesch\u00fctteltem Wasser und von St\u00e4rkekugeln"},"content":{"rendered":"<p>Bislang war ich davon ausgegangen, dass zumindest die Vern\u00fcnftigen unter den Apothekerinnen hom\u00f6opathische Produkte aus Gesch\u00e4ftemacherei anbieten: Wenn d&#8217; Leut so bl\u00f6d sind, bitte. Denn alles, was sie im Studium gelernt hatten, so nahm ich an, widersprach auch nur der entferntesten M\u00f6glichkeit einer Wirksamkeit.<\/p>\n<p>Irrtum: Hom\u00f6opathie geh\u00f6rt in Deutschland zu den Lerninhalten des Pharmakologiestudiums. Erfahren habe ich das \u00fcber einen Artikel in den Scienceblogs: \u201e<a href=\"http:\/\/scienceblogs.de\/bloodnacid\/2012\/10\/08\/gastbeitrag-homoopathie-in-der-pharmazie-eine-bestandsaufnahme-teil-1\/\" target=\"_blank\">Hom\u00f6opathie in der Pharmazie; eine Bestandsaufnahme<\/a>\u201c. <\/p>\n<blockquote><p>Schon bald nach Studienbeginn wurde ich, im Chemie-Seminar, mit den drei in Deutschland g\u00fcltigen Arzneib\u00fcchern vertraut gemacht und traute meinen Ohren kaum: das Europ\u00e4ische Arzneibuch, das Deutsche Arzneibuch und\u2026 das Hom\u00f6opathische Arzneibuch, das, neben allgemeinen Herstellungs- und Pr\u00fcfverfahren sowie Stoffbeschreibungen aus der Hom\u00f6opathie, auch Anweisungen zur Anthroposophischen Medizin und der Spagyrik (ja, Alchemie) enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Beispielsweise steht in einer solchen Monographie, da\u00df man f\u00fcr ein bestimmtes \u201eArzneimittel\u201c auf keinen Fall die Deutsche K\u00fcchenschabe bis zur Unkenntlichkeit in Ethanol und Wasser verd\u00fcnnen darf, sondern ausschlie\u00dflich die Orientalische K\u00fcchenschabe. Des weiteren finden sich darin Potenzierungsvorschriften und mathematische Gleichungen um die Zusammensetzung von Urtinkturen zu berechnen.<\/p>\n<p>Wer verbricht ein solches Buch? Wieso mu\u00df (!) jede Apotheke in Deutschland es in ihrem Schrank haben? Die Antwort ist traurig und erschreckend: unser eigenes Gesundheitsministerium gibt das Hom\u00f6opathische Arzneibuch heraus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da blieb mir erst mal die Spucke weg. Und ja: Die Inhalte werden im Staatsexamen gepr\u00fcft.<\/p>\n<p>Weiter berichtet die Autorin Claudia Graneis von ihrem Praktikum in einer Apotheke:<\/p>\n<blockquote><p>Schon am ersten Tag dort ersp\u00e4hte ich gleich ein riesiges Poster mit Anleitungen zur Beratung von Patienten, die beabsichtigen, sich eine Reiseapotheke zusammenzustellen. Dort waren ausschlie\u00dflich hom\u00f6opathische Pr\u00e4parate aufgef\u00fchrt (auch bei durchaus unangenehmen oder gar gef\u00e4hrlichen Konditionen wie hohem Fieber, schweren Durchf\u00e4llen oder n\u00e4ssenden Ekzemen).<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein wenig erleichtert es mich, dass aus den Kommentaren hervorgeht, dass das nicht an allen Unis und nicht in allen Apotheken so ist. Ich empfehle ausdr\u00fccklich die Lekt\u00fcre der Kommentare, unter anderem weil dort einige der typischen Gegenargumente der Hom\u00f6opathiegl\u00e4ubigen auftauchen und weil ein paar der typischen logischen Fehlschl\u00fcsse beim Argumentieren genannt werden.<\/p>\n<p>Zudem berichten Kommentatoren und Kommentatorinnen \u00fcber die derzeitige Gesch\u00e4ftsstruktur deutscher Apotheken. Kurzfassung: Ohne den Verkauf hom\u00f6opathischer Mittel w\u00fcrden sie wahrscheinlich pleite gehen, sie sind die gr\u00f6\u00dften Gewinnbringer. Meine Schlussfolgerung: Die Zulassung und F\u00f6rderung dieser Mittel durch den Staat verst\u00e4rken die strukturellen Missst\u00e4nde im Gesundheitswesen.<\/p>\n<p>Recht weit unten im Kommentarstrang (tut mir leid, ich habe keine Funktion entdeckt, einen Kommentar dort direkt zu verlinken)  geht Claudia Graneis auch kurz auf die sogenannte \u201eErfahrungswissenschaft\u201c ein, auf die sich wohl viele \u00c4rztinnen und \u00c4rzte berufen &#8211; die keiner wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfung standh\u00e4lt (Auswahl der Studiengruppe, Nachweis von Kausalit\u00e4t) und ohnehin massiv durch mindestens <i>personal bias<\/i> verzerrt wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/scienceblogs.de\/bloodnacid\/2012\/11\/05\/gastbeitrag-homoopathie-in-der-pharmazie-eine-bestandsaufnahme-teil-2\/\" target=\"_blank\">In einem weiteren Artikel<\/a> berichtet Claudia Graneis, dass sie im Gesundheitsministerium nachgefragt hat.<\/p>\n<p>Die Antwort des Ministerium best\u00e4tigt detailliert und in Zirkelargumentation, dass sich Apotheker gr\u00fcndlich in Hom\u00f6opathie auskennen m\u00fcssen, weil \u201ees sich bei der Hom\u00f6opathie um eine in Deutschland seit 1978 anerkannte Besondere Therapieform im Sinne des F\u00fcnften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) handelt\u201c.<\/p>\n<p>Graneis dazu:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Antwort wirft weitere Fragen auf, und zwar diejenigen nach den Regelungen und Modalit\u00e4ten in Deutschland in Bezug auf hom\u00f6opathische Arzneien. Da w\u00e4re zun\u00e4chst das bereits genannte SGB V. In diesem Buch, das sich mit den Regelungen der gesetzlichen Krankenkassen auseinandersetzt, wurde in einer Debatte um die Kosten\u00fcbernahme f\u00fcr hom\u00f6opathische Mittel erstmals der Begriff der Binnenanerkennung gepr\u00e4gt. Diese bezieht sich ausschlie\u00dflich auf die sogenannten \u201eBesonderen Therapierichtungen\u201c und legt fest, da\u00df die Vertreter der jeweils betroffenen Behandlungsmethoden, in diesem Fall der Hom\u00f6opathie (aber auch Anthroposophie, Spagyrik und Pflanzenheilkunde), selbst Beurteilungen zur Wirksamkeit und zur G\u00fcte der Methode an sich abgeben d\u00fcrfen. F\u00fcr ein konventionell-medizinisches Pr\u00e4parat w\u00e4re ein solches Vorgehen undenkbar.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bitte lesen Sie den vorletzten Satz des Zitats nochmal langsam und sorgf\u00e4ltig durch.<br \/>\nDas wurde erreicht, wie solche Sonderregeln nunmal in einer Demokratie erreicht werden: durch Lobbyarbeit (die ich zun\u00e4chst neutral sehe; dass Interessensgruppen ihre Themen und Interessen an Politiker herantragen, ist erst mal v\u00f6llig in Ordnung). In ihrem Posting erl\u00e4utert Graneis detailliert, mit welchen Mitteln die Hom\u00f6opathie-Lobby arbeitet, bei Politikern, an Unis, bei Apothekerinnen und medizinischem Personal. Mit meinen pers\u00f6nlichen Erfahrungen deckt sich (bei Kolleginnen, Freundinnen):<\/p>\n<blockquote><p>Am dramatischsten ist der Einschlag dieser Ma\u00dfnahmen vielleicht bei den Hebammen zu sp\u00fcren: Eine Schwangerschaft ist eine empfindliche Phase im Leben einer Frau, in der sie h\u00f6chst bedacht darauf ist, ihrem Kind keinen Schaden durch eventuell toxische Stoffe zuzuf\u00fcgen. Eine unerfahrende werdende Mutter ben\u00f6tigt in dieser ungewohnten Situation die Begleitung und Anleitung einer kompetenten und vertrauensw\u00fcrdigen Bezugsperson. Dies ist in vielen F\u00e4llen eine Hebamme \u2013 leider ist in dieser Berufsgruppe die Affinit\u00e4t zu alternativmedizinsichen Verfahren wie Hom\u00f6opathie und Akupunktur besonders verbreitet und die entsprechende Einflussnahme auf die Schwangeren massiv. In der Folge nehmen etwa 70% der Frauen w\u00e4hrend der Schwangerschaft Globuli ein \u2013 ein Start in eine hom\u00f6opathische Selbstmedikationskarriere.<\/p><\/blockquote>\n<p>Graneis schlie\u00dft mit einigen Empfehlungen f\u00fcr erste Schritte, <a href=\"http:\/\/scienceblogs.de\/bloodnacid\/2012\/11\/05\/gastbeitrag-homoopathie-in-der-pharmazie-eine-bestandsaufnahme-teil-2\/\" target=\"_blank\">hier ganze Artikel<\/a>. (Die Kommentare sind hier nicht ergiebig.)<\/p>\n<p>Ich halte es ja immer noch f\u00fcr eine pragmatische L\u00f6sung, Hom\u00f6opathie als religi\u00f6se Glaubensrichtung einzuordnen und gesellschaftlich so zu behandeln. Und umgekehrt d\u00fcrften dann Apotheken auch Wallfahrten und gesegnete Kerzen als Heilmittel anbieten. Win-win!<\/p>\n<p><i>Nachtrag 14.11.2012, 22.40 Uhr: Die Standardargumente der Hom\u00f6opathiegl\u00e4ubigen (die fast alle auch hier in den Kommentaren aufgetaucht sind) entkr\u00e4ftet Florian Freistetter<a href=\"http:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/11\/13\/die-homoopathie-luge-so-gefahrlich-ist-die-lehre-von-den-weisen-kugelchen\/\" target=\"_blank\"> am Ende dieses Posts<\/a> kurz und knapp.<\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/225d7266c8594fedb564edf27130027f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bislang war ich davon ausgegangen, dass zumindest die Vern\u00fcnftigen unter den Apothekerinnen hom\u00f6opathische Produkte aus Gesch\u00e4ftemacherei anbieten: Wenn d&#8217; Leut so bl\u00f6d sind, bitte. Denn alles, was sie im Studium gelernt hatten, so nahm ich an, widersprach auch nur der entferntesten M\u00f6glichkeit einer Wirksamkeit. 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