{"id":14495,"date":"2012-11-21T10:29:54","date_gmt":"2012-11-21T09:29:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=14495"},"modified":"2012-11-23T19:54:33","modified_gmt":"2012-11-23T18:54:33","slug":"mein-hamburger-kiez-ludwigsvorstadt-kliniken-in-munchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/11\/mein-hamburger-kiez-ludwigsvorstadt-kliniken-in-munchen.htm","title":{"rendered":"Mein Hamburger Kiez: Ludwigsvorstadt-Kliniken in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p>Maximilian Buddenbohm (fr\u00fcher Merlix) hat angefangen, indem er versuchte zu erkl\u00e4ren, warum er nirgendwo wohnen m\u00f6chte als <a href=\"http:\/\/www.herzdamengeschichten.de\/2012\/11\/10\/szenen-aus-sankt-georg-1-charles-aznavour-kauft-eine-aubergine\/\" target=\"_blank\">in seinem Hamburger Kiez<\/a>. Dann <a href=\"http:\/\/www.herzdamengeschichten.de\/2012\/11\/14\/der-rest-von-hamburg-kleine-korrektur-und-einladung\/\" target=\"_blank\">lud er dazu ein<\/a>, andere Hamburger m\u00f6gen ihre Wohnviertel beschreiben. Die Grenzen Hamburgs wurden immer gro\u00dfz\u00fcgiger ausgelegt, bis Helga Birnstiel kurzerhand M\u00fcnchen Hamburg zuschlug <a href=\"http:\/\/helgabirnstiel.blogs.com\/notebook_muenchen\/2012\/11\/mein-stadtteil-war-nie-angesagt-und-das-ist-gut-so-denn-so-blieb-das-heuschreckenpartyvolk-mit-allen-seinen-nebenwirkun.html\" target=\"_blank\">und \u00fcber ihren Kiez Neuhausen schrieb<\/a>. Zwar kann ich mir durchaus vorstellen, in anderen Teilen Hamburgs zu leben. Aber in meinem Eck der M\u00fcnchner Ludwigsvorstadt wohne ich schon sehr gerne.<\/p>\n<p><b>Viertel ohne Image<\/b><\/p>\n<p>Ich glaube, der Bezirksteil 7 Ludwigsvorstadt-Kliniken des Stadtbezirks Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt hat in M\u00fcnchen gar kein Image. Zumindest habe ich noch nie jemanden in welcher Weise auch immer \u00fcber das Viertel sprechen h\u00f6ren. Halt! Einmal doch: Bei der Wahl im M\u00e4rz 2008 nannte eine ortsfremde Wahlhelferin die Gegend ein Glasscherbenviertel (\u201edes Glasscheamviertl do\u201c), in dem sie lieber nicht allein herumlaufe. Da war ich dann doch sehr stolz auf uns hier. Zumal der Park zwischen Lindwurmstra\u00dfe und Nu\u00dfbaumstra\u00dfe schon auch mal von Lokalzeitungen zum gef\u00e4hrlichen \u201eHot Spot\u201c erkl\u00e4rt wird und darin regelm\u00e4\u00dfig Polizisten und Polizeiautos patroullieren. (In die Schlagzeilen kam der Park allerdings durch <a href=\"http:\/\/www.merkur-online.de\/lokales\/stadt-muenchen\/versuchter-mord-geschaeftsmann-drei-schueler-festgenommen-380777.html\" target=\"_blank\">eine Amokpr\u00fcgelei externer Besucher vor drei Jahren<\/a>.)<\/p>\n<p>Wenn mich jemand fragt, wo in M\u00fcnchen ich wohne, sage ich also nicht \u201eLudwigsvorstadt\u201c, das ist zu wenig bekannt. Isarvorstadt k\u00f6nnen die Leute einordnen, das Glockenbachviertel eh. Die Ludwigsvorstadt liegt genau im toten Winkel dazu zwischen Sendlinger Tor und Bahnhof. Meist sage ich, dass ich am Sendlinger Tor wohne.<\/p>\n<p>Meine emotionalen, subjektiven Ausma\u00dfe des Viertels, in dem ich zu Hause bin: Die Stra\u00dfenbl\u00f6cke zwischen Lindwurmstra\u00dfe, Goethestra\u00dfe, Bayerstra\u00dfe und Sonnentra\u00dfe. Richtig gewohnt wird hier eigentlich nicht, vielleicht hat deswegen die Gegend kein richtiges Profil. Und wenn \u00fcberhaupt luxussaniert wird, entstehen keine Wohnungen, sondern Hotels und Pensionen, der N\u00e4he zum Bahnhof geschuldet.<\/p>\n<p><b>M\u00fcnchens Klein-Istanbul<\/b><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/Goethe_1.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Bild aus dem Jahr 2005, das Hotel Goethe sieht aber immer noch so aus.<\/p>\n<p>Es ist hier sehr lebendig, und zwar auf eine in M\u00fcnchen einmalige Art und Weise: Ausgerechnet die Goethestra\u00dfe ist n\u00e4mlich M\u00fcnchens Klein-Istanbul (west-\u00f6stlicher Diwan, anyone?). Zwischen Bahnhof und Beethovenplatz reihen sich S\u00fcpermarket an Import-Export und wieder an S\u00fcpermarket, im S\u00fcden wird diese Einkaufsmeile abgeschlossen von der B\u00e4ckerei <a href=\"http:\/\/www.sultanbackparadies.com\" target=\"_blank\">Sultan Backparadies<\/a> (besonders empfehlenswert sind das Urfa Pide und Baklava) und von einem gro\u00dfen Gesch\u00e4ft f\u00fcr t\u00fcrkische Braut- und Festmode. Vor allem am Samstag wuselt es hier von Menschen, die nach T\u00fcrkei aussehen, nach Nah-Ost, nach Balkan. Verkehrssprache ist Deutsch&#8230;isch. Und da die Goethestra\u00dfe in diesem Bereich eher schmal ist, in beide Richtungen von Autos befahren wird, da die Gehsteige zwar \u00fcberdurchschnittlich breit sind, aber zur H\u00e4lfte von Gem\u00fcse- und Obstkisten belegt, ist am Samstag zwischen 11 und 19 Uhr kein Durchkommen. Auch nicht in und an den S\u00fcpermarkets, denn ein ausf\u00fchrlicher Einkauf von un\u00fcbersehbar riesigen Mengen TomatenPaprikaGurkenPetersilieLammkeulePideJoghurtRotbarbe wird nur mit einem ausf\u00fchrlichen Schwatz perfekt. Mittendrin knien und hocken auf dem Gehsteig rum\u00e4nische Bettlerinnen und wimmern: \u201eEntschuuuuldigung &#8230; Entschuuuuuuldigung &#8230; Biiiitte &#8230; Biiiiitte &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Ich wunderte mich lange, warum ausgerechnet hier M\u00fcnchens Klein-Asiens bl\u00fcht, wo doch  die Kundschaft ganz sicher nicht hier wohnt. Bis ich las, dass das Viertel mindestens zehn Moscheen unterschiedlichster muslimischer Glaubensrichtungen beheimatet, in Hinterh\u00f6fen und Obergescho\u00dfen. So skeptisch ich gegen\u00fcber Religiosit\u00e4t bin, mag ich es doch sehr, inmitten von Protestantismus (St. Matth\u00e4us), Judentum (Synagoge am Jakobsplatz) und Islam zu leben. Eine wirklich sichtbare Moschee f\u00e4nde ich noch sch\u00f6ner.<\/p>\n<p><b>Medizintourismus<\/b><\/p>\n<p>Das orientalische Element zieht sich bis hinauf in die Pettenkofer, die Nu\u00dfbaum- und die Ziemssenstra\u00dfe: In meinem Viertel liegen zahlreiche Kliniken und Institute der medizinischen Fakult\u00e4t der M\u00fcnchner Uni. Und im Sommer flanieren hier deshalb die Angeh\u00f6rigen der Medizintouristen aus der arabischen Welt, in wei\u00dfen Kleidern und mit MBT-Schuhen die Herren, in bodenlangem Schwarz von Kopf bis Fu\u00df die Damen. Ganzj\u00e4hrig hasten Wei\u00df- und Gr\u00fcnkittel \u00fcber die Stra\u00dfen, sehe ich Pulks von Medizinstudentinnen auf dem Weg zum Seminar, werde ich von Passanten nach dem Weg gefragt: \u201eK\u00f6nnen Sie mir sagen, wo hier das Krankenhaus ist?\u201c (Ich reagiere je nach Laune sachlich: \u201eWelches genau?\u201c oder albern: Ausladende Armbewegung und \u201eSuchen Sie sich eins aus!\u201c)<\/p>\n<p>Diese Innenstadtkliniken sorgen f\u00fcr ein etwas seltsames Stra\u00dfenbild. An meiner Haust\u00fcr ziehen immer wieder Raucher in Bademantel und Hausschuhen vorbei, ihren Infusionsst\u00e4nder vor sich her rollend. Und einige ambulante Patienten der Psychiatrischen Klinik sind mir inzwischen so vertraut, dass ich bei Begegnungen ahne, wie es ihnen gerade geht: Der junge, aufgeschwemmte Mann, der immer ein Handtuch \u00fcber der Schulter tr\u00e4gt (es hat ihn wohl immer noch kein Raumschiff mitgenommen) sah vorgestern gar nicht gut aus und trug nur einen Schuh. Im Fr\u00fchjahr war er einmal so munter gewesen, dass er fast entgegenkommenden Passanten ins Gesicht gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nicht missen m\u00f6chte ich die t\u00e4glichen Treffen der Johanniter-Krankenwagen an der Kreuzung Nu\u00dfbaum-\/Ziemssenstra\u00dfe (bis zu acht gez\u00e4hlten): Sie behindern zwar den Radverkehr, geben aber immer ein kuschliges Rudelbild ab.<\/p>\n<p><b>Matth\u00e4us und Motetten<\/b><\/p>\n<p>Zu meinem Viertel geh\u00f6rt auch die frei stehende <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/St._Matth%C3%A4us_%28M%C3%BCnchen%29\" target=\"_blank\">Kirche St. Matth\u00e4us<\/a>, deren fr\u00fchbetonische Architektur aus den 50ern ich sehr mag. Ich profitiere davon, dass der exzellente <a href=\"http:\/\/www.muenchner-motettenchor.de\/Chor\/chor.html\" target=\"_blank\">M\u00fcnchner Motettenchor<\/a> hier zuhause ist (regelm\u00e4\u00dfige Umzingelung der Kirche durch Wagen des Bayrischen Rundfunks): Im Sommer lassen die S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen machmal beim Proben die Fenster auf, und ich kann sie bis in mein Schlafzimmer h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Einen sensationellen Anblick bietet die Kirche jedes Jahr im Mai: Dann treffen sich auf dem Platz davor die <a href=\"http:\/\/www.emf-muenchen.de\/\" target=\"_blank\">Evangelischen Motorradfreunde St. Matth\u00e4us M\u00fcnchen<\/a> (I kid you not) zu ihrem Corso und lassen die Chromteile ihrer m\u00e4chtigen Maschinen um die Wette glitzern mit den Nieten auf ihren Jeansjacken.<\/p>\n<p><b>Versuche in Bahnhofsviertelatmosph\u00e4re<\/b><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Anstrengung in Sachen Bahnhofsviertelatmosph\u00e4re unternimmt M\u00fcnchen in der Schillerstra\u00dfe, wo sich Computerbastell\u00e4den mit Striplokalen und Spielkasinos abwechseln, eingestreut ein paar D\u00f6nerbuden &#8211; mehr bekommt M\u00fcnchen an Verworfenheit nicht hin. Dazu passen leider die Tagel\u00f6hner aus den neuen EU-L\u00e4ndern, die an den Ecken Landwehrstra\u00dfe\/Goethestra\u00dfe und Landwehstra\u00dfe\/Schillerstra\u00dfe ihre Arbeitskraft anbieten.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise in die Kategorie Bahnhofsviertel\/Vergn\u00fcgungsviertel f\u00e4llt die Sonnenstra\u00dfe. Dass hierher zahlreiche M\u00fcnchner Clubs gezogen sind, wei\u00df ich aus der Zeitung. Aus eigenem Erleben kenne ich die hiesigen Kinos City, Atelier, Eldorado. Sie zeigen Arthouse-Filme, ein paar davon unsynchronisiert, und das City-Kino geh\u00f6rt zu den dreien (?) in M\u00fcnchen mit handgemalter Kinoplakatfront.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist die Sonnenstra\u00dfe das M\u00fcnchner Tanzschulzentrum: Mindestens ein halbes Dutzend hat sich hier angesiedelt &#8211; ob das am nahe gelegenen Deutschen Theater (mit eigener Tanzschule, derzeit in Komplettrenovierung) liegt? Ebenfalls definitorisch f\u00fcr die Sonnenstra\u00dfe: Regelm\u00e4\u00dfige Sperrungen wegen Trachtenumz\u00fcgen\/Stadtl\u00e4ufen\/Demonstrationen.<\/p>\n<p><b>Anonymit\u00e4t mitten im Menschenstrom<\/b><\/p>\n<p>Nein, ich kenne niemanden pers\u00f6nlich, auch wenn ich seit 13 Jahren hier lebe. Zwar h\u00e4tte ich einen Blumenladen um die Ecke, doch der Besitzer ist mir nach ein paar fremdenfeindlichen Bemerkungen so unsympathisch, dass ich nicht bei ihm einkaufen m\u00f6chte. Am n\u00e4chsten kam ich noch dem Besitzer des Zeitschriftenladens, bei dem ich oft meine Zigarretten holte, als ich noch rauchte. Was ich seit zehn Jahren nicht mehr tue. Der winzige Buchladen daneben hat schon vor vielen Jahren dicht gemacht und wurde durch einen gesichtslosen Backshop ersetzt. Und f\u00fcr das Sortiment der putzigen L\u00e4den in der Landwehrstra\u00dfe (u.a. Foto-Equipment, Lampenschirme) habe ich keinen Bedarf.<\/p>\n<p>Weil man hier eigentlich nicht wohnt, gibt es auch keinen typischen Bewohner. Das Fehlen einer Gruppe, zu der ich geh\u00f6ren oder von der ich mich abgrenzen wollen k\u00f6nnte, entspannt mich ungemein. Wie ja \u00fcberhaupt die Anonymit\u00e4t inmitten von Menschen. Die Einkaufsm\u00f6glichkeiten sind auch abseits von Klein-Istanbul hervorragend, der zentralen Innenstadtlage als <i>Shopping<\/i>-Gegend geschuldet (Kaufh\u00e4user, Geschirr- und Bekleidungsgesch\u00e4fte). An der Sonnenstra\u00dfe gibt es sogar eine richtige Post, am Stachus einen Tengelmann, in der Erdbeer-Saison gehe ich zum wechselnden Obststand am Sendlinger Tor. Am <a href=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2005\/04\/der-blumenstand-am-sendlinger-tor.htm\" target=\"_blank\">dortigen Blumenstandl<\/a> kaufe ich auch meine Blumen ein. Was mir zusammen mit dem Bahnhof und der MVG-Drehscheibe Sendlinger Tor den gr\u00f6\u00dften Luxus \u00fcberhaupt erm\u00f6glicht: Ich brauche kein Auto. Nie.<\/p>\n<p>Gute Restaurants? Gibt es in meinem eigentlichen Viertel nicht so richtig, das vegane <a href=\"http:\/\/www.max-pett.de\/blog\/\" target=\"_blank\">Max Pett<\/a> noch am ehesten. Ansonsten schw\u00e4rme ich zum Essen oder f\u00fcr ein St\u00fcndchen im Caf\u00e9 in angrenzende Stra\u00dfen aus, die ich innerlich nicht v\u00f6llig zu meinem Zuhause-Viertel z\u00e4hle: Thalkirchnerstra\u00dfe und angrenzendes Glockenbachviertel (z.B. <a href=\"http:\/\/www.aromakaffeebar.com\/\" target=\"_blank\">Aroma<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.rothmundcafe.de\/\" target=\"_blank\">Rothmund<\/a>), Jakobsplatz (<a href=\"http:\/\/www.stadtcafe-muenchen.de\/\" target=\"_blank\">Stadtcaf\u00e9<\/a>), Hackenviertel (<a href=\"http:\/\/www.lemar-restaurant.de\" target=\"_blank\">Lemar<\/a>). <\/p>\n<p>\u00a7<\/p>\n<p>Doch, ich lebe sehr gern hier, in dieser Mischung aus viel Gr\u00fcn, Internationalit\u00e4t, touristischer Innenstadt und Historischem (die zwei verhassten Wochen Ende September, Anfang Oktober mal ausgenommen). Vielen Dank an Maximilian und Helga f\u00fcr den Anlass zu dieser Erkenntnis! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maximilian Buddenbohm (fr\u00fcher Merlix) hat angefangen, indem er versuchte zu erkl\u00e4ren, warum er nirgendwo wohnen m\u00f6chte als in seinem Hamburger Kiez. Dann lud er dazu ein, andere Hamburger m\u00f6gen ihre Wohnviertel beschreiben. Die Grenzen Hamburgs wurden immer gro\u00dfz\u00fcgiger ausgelegt, bis Helga Birnstiel kurzerhand M\u00fcnchen Hamburg zuschlug und \u00fcber ihren Kiez Neuhausen schrieb. 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