{"id":14889,"date":"2012-12-20T08:12:45","date_gmt":"2012-12-20T07:12:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/?p=14889"},"modified":"2013-01-06T16:17:57","modified_gmt":"2013-01-06T15:17:57","slug":"kathrin-passig-sascha-lobointernet-segen-oder-fluch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2012\/12\/kathrin-passig-sascha-lobointernet-segen-oder-fluch.htm","title":{"rendered":"Kathrin Passig, Sascha Lobo,<br><i>Internet. Segen oder Fluch<\/i>"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/archiv\/121219_Pasig_Lobo_Internet.jpg\" alt=\"121219_Pasig_Lobo_Internet\" width=\"480\" height=\"389\" class=\"alignnone size-full wp-image-14901\" \/><\/p>\n<p><i>Hier stand ein entschuldigender Absatz \u00fcber mein Fangirltum gegen\u00fcber Autorin und Autor. Gestrichen weil zu peinlich. Kurzfassung: \\o\/<sup><a href=\"#footnote_1_14889\" id=\"identifier_1_14889\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Emoticon f&uuml;r Begeisterung\">1<\/a><\/sup><\/i><\/p>\n<p>Als ich erfuhr, dass Kathrin Passig und Sascha Lobo ein Buch \u00fcbers Internet schreiben, ging ich zun\u00e4chst reflexhaft davon aus, dass das Ergebnis die ultimative Apologie des Lebens im Web w\u00fcrde (dem ersten Kapitel entnahm ich dann, dass ich nicht die einzige war). Dieses Zun\u00e4chst dauerte allerdings nur wenige Momente, denn dann fiel mir ein, dass Kathrin Passig die personifizierte Stimme der Vernunft ist &#8211; und somit viel zu vern\u00fcnftig f\u00fcr einseitige Darstellungen. Und Sascha Lobo ist zu klug daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das Buch <i>Internet. Segen oder Fluch<\/i> viel mehr geworden, n\u00e4mlich eine h\u00f6chst unterhaltsame Ausf\u00fchrung \u00fcber den Umgang des Menschen mit technischen Neuerungen und \u00fcber die Mechanismen, die zu bestimmten Formen der optimistischen oder skeptischen Argumentation f\u00fchren. Ob Skeptiker oder Optimisten (das sind Passigs und Lobos Bezeichnungen f\u00fcr die beiden Perpektiven): &#8220;In der Diskussion steht oft Bauchgef\u00fchl gegen Bauchgef\u00fchl, und Argumente werden nur akzeptiert, wenn sie zu diesem Gef\u00fchl passen.&#8221; Dieser Beobachtungen gehen die beiden als erstes nach. Mit Erkenntnissen aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern erkl\u00e4ren sie, dass das ein grundmenschlicher Mechanismus ist. Und sie f\u00fchren auf, welche Argumentationsfehler das nach sich zieht.<\/p>\n<p>Dass die Diskussion ums Internet (Fluch oder Segen) nichts Besonderes ist, sondern Mustern folgt, hat Kathrin Passig ja schon durch ihren Aufsatz <a href=\"http:\/\/www.eurozine.com\/articles\/2009-12-01-passig-de.html\" target=\"_blank\">&#8220;Standardsituationen der Technologiekritik&#8221;<\/a> und ihren Vortrag <a href=\"http:\/\/youtu.be\/w4UQuXbl4G4\" target=\"_blank\">&#8220;Standardsituationen der Technologiebegeisterung&#8221;<\/a> belegt. Lobos und Passigs Buch schaut sich also nicht nur diese eine aktuelle neue Technik an, sondern geht weit zur\u00fcck in der Wissenschafts- und Technikgeschichte. Besprochen werden Reaktionen auf Innovationen wie den Tonfilm, den Buchdruck, die Eisenbahn &#8211; die jeweils zu ihrer Zeit ebenso leidenschaftlich kontrovers waren wie die Auseinandersetzungen heute. Passig und Lobo machen sich auch Gedanken \u00fcber die Wirkungsweise von Narrativen und Metaphern in der Argumentation, mit dem Ergebnis: Vorsicht! Denn neben der gew\u00fcnschten pointierten Parallele zur Vergleichssituation transportieren sie eine Menge Nebenparallelen und emotionale Ansprache, die unkontrolliert fortwirken.<\/p>\n<p>Diese ersten Meta-Kapitel enthalten auch Tipps f\u00fcr die eigene Argumentationshygiene: Im Idealfall ist sich ein Diskussionsteilnehmer im Klaren, warum er zu bestimmten Argumenten greift, und vermeidet klassiche <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_biases_in_judgment_and_decision_making\" target=\"_blank\">Erkenntis-<\/a> und <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_fallacies\" target=\"_blank\">Argumentationsfehler<\/a> (Passig und Lobo empfehlen die allw\u00f6chentliche Lekt\u00fcre beider verlinkten Listen).<\/p>\n<p>Den meisten Raum nimmt dann aber doch das Internet ein. Das Buch f\u00fchrt den aktuellen Stand zu Kernthemen der Diskussion auf, und zwar mit Argumenten aller Seiten. Es geht um Disruption, Beschleunigung, Informations\u00fcberflutung, Verl\u00e4sslichkeit von Informationen, Kollektive und Kollaborationen, Politik mit Hilfe des Internets, Regulierung, Datenschutz, menschliches Miteinander, Urheberrecht, Filter- und Empfehlungsalgorithmen. Einige Kapitel haben einen Anhang mit unbrauchbaren Argumenten (auch diese beider Seiten), die man sich sparen kann &#8220;um die Diskussion zu optimieren&#8221;. Herzerfrischend (und mir sehr nahe) spricht aus all diesem der unverbr\u00fcchliche Optimismus, dass Vernunft hilft. Selbst frage ich mich seit einiger Zeit, ob das nicht die blindeste und unvern\u00fcnftigste Hoffnung \u00fcberhaupt ist, komme aber einfach nicht von ihr los.<\/p>\n<p>Eine L\u00f6sung bietet das Buch folgerichtig nicht an, nur eben Runduminformation \u00fcber die Diskussion. Das aber ist sehr unterhaltsam geschrieben mit herrlichen Beispielen, wobei jede scheinbar noch so alberne Bl\u00f6delei einen argumentativen Kern hat. Meine Lieblingsbl\u00f6delei steckt in den Anmerkungen, dazu gleich. Denn die leserunfreundliche Form der Anmerkungen ist mein einer Kritikpunkt: Sie sind in einem Anhang zusammengefasst, zu dem ich jedesmal recht m\u00fchselig und Lesefluss-unterbrechend bl\u00e4ttern musste. Als Fu\u00dfnoten (ein paar davon gibt es zus\u00e4tzlich) w\u00e4ren die Anmerkungen im gedruckten Buch so komfortabel wie der anzutippende Querverweis des elektronischen Buchs gewesen. Meine Lieblingsanmerkung, die fast so kommunikativ ist wie das <i>footnoterphone<\/i> in Jasper Ffordes <i>The Well of Lost Plots<\/i>, liefert Hintergrund zur Netzsperrendebatte:<\/p>\n<blockquote><p>Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen hatte ein Gesetzesvorhaben mit dem Namen &#8220;Zugangserschwerungsgesetz&#8221; auf den Weg gebracht, das von ihr als Mittel f\u00fcr den Kampf gegen Kinderpornographie bezeichnet wurde. Kritiker dagegen waren \u00fcberzeugt, dass blablabla, das steht nun wirklich \u00fcberall.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gehen Sie hin und lesen Sie das Buch und verschenken Sie es. Im Umschlag klebt der Download-Code der E-Book-Version, die gibt es als kostenfreie Dreingabe. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/dd3210607de04c4a9cbad0ae6c01a584\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_14889\" class=\"footnote\">Emoticon f\u00fcr Begeisterung<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_14889\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier stand ein entschuldigender Absatz \u00fcber mein Fangirltum gegen\u00fcber Autorin und Autor. Gestrichen weil zu peinlich. 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